Efeu - Die Kulturrundschau

Dramatisch willkommene Krisen

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25.11.2021. In der NZZ berichtet der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu vom spurlosen Verschwinden jener Reporter, die in Wuhan recherchierten. Im VAN-Gespräch vermisst der Pianist Rudolf Buchbinder indes die großen Charaktere in der Klassik: Am Ende kommt immer Christoph Thielemann. Die Filmkritiker vermissen derweil Aretha Franklin in Liesl Tommys Biopic über die Künstlerin. Die Welt ärgert sich, dass der "Nussknacker" am Berliner Staatsballett gecancelt wurde. Und die SZ lernt von Louise Brown, was ein guter Tod ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2021 finden Sie hier

Literatur

Das Coronavirus ist weder eine Biowaffe, noch vom Menschen gemacht, lautet Liao Yiwus Fazit nach seinen langen Recherchen, die er demnächst in Form seines Dokumentarromans "Wuhan" vorlegt. Die NZZ hat mit dem chinesischen Dissidenten ein Gespräch geführt, in dem er unter anderem von dem chinesischen Reporter Li Zehua erzählt, der versucht hatte, auf eigene Faust in Wuhan zu recherchieren. Er "hatte seine Stelle beim staatlichen Fernsehsender CCTV als Moderator gekündet, um nach Wuhan zu fahren. Im Gegensatz zu anderen Journalisten hatte er eine gute Ausrüstung, ein Auto, er war sehr professionell. Ich sagte mir, diesem jungen Mann musst du folgen. Zwei Wochen später verschwand er. Zuletzt streamte er noch eine wilde Verfolgungsjagd durch Polizisten live. Als ich begann, über Li zu schreiben, verschwand ein anderer, dann ein dritter, ein vierter Reporter. Mein Roman wurde zu einer Geschichte über vermisste Personen."

Louise Brown war einst Journalistin, jetzt ist sie Trauerrednerin - eine Erfahrung, über die sie gerade auch ein Buch veröffentlicht hat. Für die SZ hat Alex Rühle unter anderem darüber gesprochen, was ein guter Tod ist. "Ein guter Tod wäre ein Tod ohne zu viel Reue. Keiner kann sich all seine Träume erfüllen; entscheidend ist, ob man das am Ende zu sehr bereut. Ein guter Tod wäre außerdem ein Tod, bei dem ich nicht zu viel leiden müsste. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich habe Angst vor qualvollem Leiden. Und ein guter Tod wäre für mich auch, wenn meine Liebsten bei mir wären. Ich habe erlebt, wie das umgekehrt war. Das war kein schöner Tod für meine Mutter. Und es war im Nachhinein auch für mich nicht schön, dass ich nicht bei ihr war."

Außerdem: Im Tsp macht Gerrit Bartels Lust auf die Neuerscheinungen im Dezember - unter anderem erscheint "Das verlorene Paradies" des diesjährigen Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah. In der Welt erinnert Richard Kämmerlings an Adolfo Bioy Casares' "Morels Erfindung", der sich darin schon 1940 Unsterblichkeit durch Virtualisierung ausdachte.

Besprochen werden unter anderem Édouard Louis' "Die Freiheit einer Frau" (NZZ), Alois Prinz' "Das Leben der Simone de Beauvoir" (FR), das AmazonPrime-Special der Instagram-Dichterin Rupi Kaur (54books), Gaito Gasdanows "Schwarze Schwäne" mit ausgewählten Erzählungen (NZZ), Edgar Selges "Hast du uns endlich gefunden" (Standard), Liza Codys Krimi "Milch oder Blut" (TA), Michaela Karls Biografie über die Tänzerin Isadora Duncan (FAZ), Florian Illies' "Liebe in Zeiten des Hasses" (Standard), Ulrich van Loyens Studie "Der Pate und sein Schatten" über das Verhältnis zwischen Mafia und Literatur (SZ) und Christoph Peters' "Tage in Tokio" (FAZ).
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Film

Erfolg trotz Krisen und "Dämonen": Jennifer Hudson als Aretha Franklin in "Respect"

Das Biopic "Respect" über Aretha Franklin stößt auf nicht allzu viel Liebe. Den Titel hat "die Regisseurin Liesl Tommy wohl etwas zu wörtlich genommen", meint Daniel Kothenschulte in der FR. "Das schier endlose Abhaken von Lebensstationen kann man nur als Bärendienst an Franklin betrachten. Selbstgefällig arbeitet sich die Genre-Maschine an einer Ausnahmekünstlerin ab und unterwirft ihre Individualität einem unerbittlichen Räderwerk. ... Da wundert es nicht, dass ihre ernsten psychischen Probleme, von der Familie als 'Dämonen' verharmlost, das Drama nicht vertiefen dürfen. Vielmehr instrumentalisiert das Drehbuch die 'bösen Geister' ihrer bipolaren Störung für dramatisch willkommene Krisen. Über allem steht ein anderer Geist, der des amerikanischen Erfolgstraums."

Viel Respekt hat taz-Kritikerin Jenni Zylka zwar den gesanglichen Leistungen der Hauptdarstellerin Jennifer Hudson, die selbst ins Mikro singt. Hinsichtlich seiner politischen Absichten ist der Film ihrer Ansicht nach aber eher gescheitert: Der Film ist "vorsichtig und harmlos. Gerade in den Szenen, die Franklins direkte Rassismus-Erfahrungen illustrieren - beispielsweise ein weißer Labelchef, der sie beim Vornamen nennt - hält sich Hudson als Franklin zurück, lässt die Regisseurin andere agieren." Dies mache "die Filmfigur Franklin langweiliger, als die echte vermutlich war" und zudem scheitere Filme noch "an der Darstellung von Franklins fatalen Beziehungen, die oft von Gewalt und Obsession geprägt waren - ihre Bilder und Szenenideen wirken eher pathetisch als kaputt, lassen das slicke Musicalbühnenbild mit seiner oft eingebauten Konventionalität erahnen."

Weitere Artikel: Stefanie Lohaus kritisiert in der "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline die oft reißerische Darstellung sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Fernsehen.  Für die NZZ porträtiert Andreas Scheiner die Schauspielerin Jessica Chastain. Harry Nutt schreibt in der FR einen Nachruf auf den Schauspieler und "Lindenstraße"-Gastronom Kostas Papanastasiou. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod der Schauspielerin Marie Versini.

Besprochen werden das US-Debüt "The Unforgivable" der "Systemsprenger"-Regisseurin Nora Fingscheidt , bei dem sich SZ-Kritiker Tobias Kniebe allerdings die Frage stellt, ob Fingscheidt wohl "überstimmt und entmachtet" wurde, Jane Campions "Power of the Dog" (Perlentaucher, NZZ, mehr dazu hier und dort), Hans Steinbichlers "Hannes" (Perlentaucher), Halle Berrys auf Netflix gezeigtes Regiedebüt "Bruised" (taz), Matthew Heinemans Dokumentarfilm "The First Wave" über die Coronakrise in New York im März 2020 (online nachgereicht von der FAZ), Didier Eribons Arte-Doku "Rückkehr nach Reims" (FR), Lin-Manuel Mirandas Netflix-Musical "tick, tick... Boom" (Spiegel), Éric Besnards "À la carte!" (Freitag, SZ), Corinna Belz' und Enrique Sánchez Lanschs Dokumentarfilm "In den Uffizien" (FR), Oliver Stones Doku "JFK Revisited" (online nachgereicht von der FAZ) sowie Byron Howards und Jared Bushs Disney-Animationsfilm "Encanto" (SZ),
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Kunst

Marwa Arsanios, Who is afraid of ideology? Part II (Still), 2019

"Klug" komponiert scheint Hanno Rauterberg in der Zeit die Ausstellung "Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken", die in der Kunsthalle Münster, im LWL-Museum und im Westfälischen Kunstverein gezeigt wird und "positiven Verzicht" fordert. Aber warum muss man dafür nur in die Ferne blicken?, fragt Rauterberg: "Nach Japan, wo die Landwirtschaft noch mit Umsicht und viel Ehrfurcht betrieben werde. Nach Kanada, wo eine junge Frau namens Zukunft (das bedeutet tokata in der Sprache der Standing Rock Sioux in North Dakota) ihr Land gegen die Interessen der Erdölindustrie verteidigt. Oder nach Nordsyrien, ins Dorf Jinwar, wo sich Frauen und Mädchen zu einem Kollektiv zusammenfinden; das Begleitbüchlein der Ausstellung spricht von 'Ökofeminismus'. Mal sieht man Kinder mit Schafen, dann sieht man Kinder, die rote Bete ernten, und immer soll - von Dokumentarfilmen eingefangen - eine bessere Welt aufleuchten. Seltsam, denn die Postwachstumsgesellschaft hat ja auch hierzulande ihre Anhänger, die mit lokalen Währungen zahlen, schonenden Ackerbau betreiben, den Strom selbst erzeugen und also die Zähmbarkeit des kapitalistischen Systems nicht für unmöglich halten."
 
Auch jenen, die dieses Jahr die große Dürer-Ausstellung "Dürer war hier" im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum gesehen haben, empfiehlt Andreas Platthaus in der FAZ einen Abstecher nach London in die Ausstellung "Dürer's Journey" in der National Gallery - und in die Kunsthandlung Agnews, wo derzeit Dürers "The Virgin and Child with a Flower on a Grassy Bench" zu sehen ist. Im Standard geht Olga Kronsteiner der Provenienz der Studie nach.

Besprochen wird die Ausstellung "Carl Blechen. Das Einfachste und daher Schwerste" in der Berliner Liebermann Villa am Wannsee (FR).
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Bühne

Tschaikowskys "Nussknacker" wird am Berliner Staatsballett nicht mehr gezeigt, ärgert sich Manuel Brug in der Welt: Schuld sei wieder mal Christiane Theobald, kommissarische Ballettdirektorin und "die angeblichen, von der farbigen französischen Tänzerin Chloé Lopes Gomes erhobenen Rassismusvorwürfe. Nachdem sie wie zehn andere fristgerecht gekündigt worden war, weil die unter Waltz vergrößerte Truppe wieder verkleinert wurde, behauptete sie, sie hätte sich für 'Schwanensee' weiß schminken müssen, ihr seien weiße Schleier verweigert und sie sei aufgrund ihrer Hautfarbe diskreditiert worden. Gezielt ging Lopes Gomes vor allem gegen eine Ballettmeisterin vor. Christiane Theobald aber gab in der Öffentlichkeit die Nichtwissende, kroch zu Kreuze, gelobte Besserung und - mahnte die betroffene Ballettmeisterin, ohne sie wirklich angehört oder nachgeforscht zu haben, gleich mehrmals ab. Vor dem Bühnenschiedsgericht einigte man sich im April 2021 auf ein Jahr Weiterbeschäftigung plus 16.000 Euro Abfindung für Lopes Gomez. Jetzt macht Theobald den ganz großen Kotau vor dem Zeitgeist und setzt den 2013 für 1,5 Millionen Euro produzierten 'Nussknacker' ab. Dabei müsste sie wissen, wie bedeutend der Exotismus nicht nur als Kunstströmung, sondern auch als Annäherung an fremde Kulturen war."

Im großen Zeit-Interview mit Peter Kümmel und Volker Weidermann spricht Angela Winkler über ihre Vorbereitung auf die Rolle der Mutter in Christian Krachts "Eurotrash", das derzeit an der Berliner Schaubühne gezeigt wird und die Erinnerung an die eigene Mutter. Die Managerin Kristina Hammer wird neue Präsidentin der Salzburger Festspiele, meldet der Standard. Besprochen wird Christopher Wheeldons "Cinderella"-Inszenierung am Bayerischen Staatsballett (SZ).
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Musik

Der Pianist Rudolf Buchbinder vermisst die großen Charaktere in der Klassik, sagt er im VAN-Gespräch. Er beobachtet eine breite "Nivellierung" im Betrieb, diese sei "das gefährlichste auf der ganzen Welt. Durch diese Nivellierung gibt es keine Persönlichkeiten mehr. In jeder Sparte gibt es einen Mangel an Persönlichkeiten. Wo sind die Dirigenten? Alle Orchester jammern, dass es keine Dirigenten gibt. Alle suchen einen Dirigenten. Entweder die alten Fossile - Zubin Mehta, Riccardo Muti, Mariss Jansons - und wer kommt dann? OK, Christian Thielemann. Das ist eine erschreckende Entwicklung in der Musik. ... Das Gedankenbild ist momentan 'Ja nicht auffallen'. Mit der Masse mitschwimmen. Das ist ganz falsch. Man muss seine eigene Meinung bezüglich der Mode, bezüglich des Lebens, in jeder Beziehung haben. Nicht das machen, was alle machen. Das ist die Tendenz heute."

Weitere Artikel: Im VAN-Gespräch blickt Kevin John Edusei auf seine nun zu Ende gehende Zeit als Chefdirigent der Münchner Symphoniker zurück. Angela Merkel ist nicht nur eine Klassik-Kennerin, sondern war als Bundeskanzlerin auch deren Schutzherrin, seufzt in der FAZ Franz Welser-Möst, der Chefdirigent des Cleveland Orchestra. Adele versteht Musikstreaming nicht, seufzt Amira Ben Saoud im Standard, nachdem die Musikerin Spotify davon überzeugen konnte, den Shufflemodus bei Alben zu verstecken. Paula Kallendrusch hat für die FAZ die "Masterclass Campus Dirigieren" besucht. Nadine Lange porträtiert im Tsp die Schweizer Popmusikerin Priya Ragu. Für VAN hört sich Arno Lücker durch zahlreiche Heine-Interpretationen. Außerdem erinnert er in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen an die Ragtime-Komponistin May Aufderheide.

Besprochen werden eine CD-Box mit von Mariss Jansons dirigierten Aufnahmen der BR-Symphoniker (SZ), das neue Album von Hackedepicciotto ("Keine Schönheit ohne Gefahr", schreibt Christian Schachinger im Standard) und das neue Album "The News" des Andrew Cyrille Quartets (FR). Wir hören rein:

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