Efeu - Die Kulturrundschau

Zum Rand der Unerträglichkeit

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06.10.2021. Welt und Tagesspiegel erliegen der animalischen Zärtlichkeit von Julia Ducournaus in Cannes prämiertem Horrorfilm "Titane". FAZ und FR lernen im Frankfurter Städel von Rembrandt, wie man sich selbst vermarktet und trotzdem ein integrer Künstler bleibt. Der Observer wünscht dem Turner-Preis eine baldige Implosion. Die SZ setzt ihrer Hoffnungen auf die wilden Frauen des Theater. Die Literaturkritik fiebert dem morgen verliehenen Nobelpreis entgegen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 finden Sie hier

Film

Die Zärtlichkeit des Stahls: Julia Ducournaus "Titane"

Die Aufregung um Julia Ducournaus "Titane" war in Cannes gleich zweimal groß: Erst schockierte dieser, allen Kritiken nach zu urteilen, brutal-zärtliche, queere Körperhorror-Film schon im Kontext des sonst eher auf gediegenes Arthouse-Kino abonnierten Wettbewerbs, und dann geht der Film auch noch als Sieger hervor und bescherte (nach Jane Campion 1992 für "Das Piano") erst zum zweiten Mal in der Festivalgeschichte einer Frau die Goldene Palme. Jetzt kommt der Film in die Kinos und zeigt unter anderem eine Frau, die mit einem Auto Sex hat und dann Motoröl als Muttermilch abgibt, wie wir von Mateja Meded in der Welt erfahren. "Irgendwann driftet diese Horrorgeschichte in eine ganz eigene Sphäre, in der nichts paternalistisch oder psychologisch erklärt wird, wo diese gewisse Distanz zur Realität uns oft Dinge erkunden lässt, die in unserer Gesellschaft sonst eigentlich tabu sind. Die Idee für den Film stammt aus einem Traum, den Ducournau jahrelang immer wieder hatte. Darin war sie schwanger, brachte aber kein Baby zur Welt, sondern Teile eines Automotors."

In Ducournaus Filmen ist das "zwischenmenschliche Begehren Ausdruck einer körperlichen Entfremdung", erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel. Die Autorenfilmerin "arbeitet zwar mit den Affekten des Horrorkinos, hinter der blutigen Oberfläche lauert jedoch eine animalische Zärtlichkeit. ... Die rohen Emotionen und die zärtliche Brutalität in Ducournaus Geschichte sollen niemanden abschrecken, sondern als Ausdruck schonungsloser Ehrlichkeit verstanden werden." Im ZeitOnline-Gespräch mit Jens Balzer nennt die Filmemacherin "Gilles Deleuze, Claude Lévi-Strauss, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir" als ihre "wichtigsten Inspirationen."

Besprochen werden der von einem Regiekollektiv erstellte Porträtfilm "Ein jüdisches Leben" über Marko Feingold (Presse), Václav Marhouls Weltkriegskunstfilm "The Painted Bird" (Freitag), die Netflix-Serie "Die Professorin" (Freitag) und eine Netflix-Doku übre Michael Schumacher (Jungle World).
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Kunst

Kein Schönling, sondern ein kreischendes Balg: Rembrandts "Ganymed in den Fängen des Adlers", 1635. Bild: Städel Museum Frankfurt 

Das Frankfurter Städel wartet mit einer großen Rembrandt-Ausstellung auf. Zwei Jahre nach den großen Feierlichkeiten zum 350. Todestag kann FAZ-Kritiker Stefan Trinks der Schau dennoch Neues und Interessantes abgewinnen, denn sie beleuchtet die frühen Jahre, in denen sich Rembrandt zur Marke machte, machen musste: Zu jener Zeit waren die nördlichen Niederlande nicht nur der wichtigste Handelsumschlagplatz in Europa, sondern auch der größte Kunstmarkt der Welt, wie Trinks ausführt: "Im Schnitt siebzigtausend Bilder jährlich wurden in dem überschaubaren Land in Bildmanufakturen hergestellt und weltweit - natürlich auch an die eigenen märchenhaft reichen west- und ostindischen Kolonialherren - verkauft. Um unter diesem gigantischen Angebot aufzufallen, das in den Verkaufsgalerien der Zeit teils in acht Reihen dicht an dicht übereinanderhing und - wie ein besonders interessantes Bild der Ausstellung zeigt - auch direkt neben dem Ausgang des Amsterdamer Börsengebäudes an euphorisierte Broker verkauft wurde, mussten Künstler Besonderes leisten. Was Rembrandt dabei von heutigen Krawallbrüdern des Brandings wie Jeff Koons oder Damian Hirst unterscheidet, ist in erster Linie die Liebe." Auch in der FR erkennt Sandra Danicke, dass nicht allein die Malkünste Rembrandt auszeichneten, sondern sein Erfindungsreichtum. Außerdem sei ihm die höfische Etikette schnurz gewesen.

Nicht nur die Documenta 15 unter der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa setzt aufs Kollektiv (unser Resümee), auch der Turner Prize hat nur aktivistische Kollektive in die engere Auswahl genommen. Damit führt sich der Preis ad absurdum, findet Laura Cummings im Observer: "Ein Kollektiv über das andere zu stellen, würde dem eigenen Geist widersprechen, dem ganzen Ethos der diesjährigen Auswahl. Es kann keinen Gewinner geben, da nichts - weder Werk noch Medium, Prinzip oder gesellschaftlicher Nutzen - verglichen werden kann. Nach der langen und abschreckenden Geschichte des Turner-Preises, seinen absurden Absonderlichkeiten und krassen Interessenkonflikten täte es gut, den Preis endlich implodieren zu sehen."

Weiteres: In der SZ schreibt Achim Hochdörfer, Direktor des Museum Brandhorst, zu Cy Twomblys "Lepanto"-Zyklus. In der taz geißelt Rudolph Walther einmal mehr die Rolle des Waffenhändlers Emil Bührle in der Schweizer Kultur.

Besprochen werden Ines Doujaks Ausstellung "Geistervölker" in der Kunsthalle Wien (die Katharina Rustler im Standard zeigt, wie politisch und ästhetisch zugleich Kunst sein kann), Mario Pelitis Schau "Hypervenezia" im Palazzo Grassi, die Venedig als menschenleere Geisterstadt zeigt (Welt) und die Jubiläumsschau zum dreißigjährigen Bestehen der Galerie Helle Coppi (BlZ.
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Literatur

Morgen wird der Literaturnobelpreis bekannt gegeben. Um die in den letzten Jahren skandalumwitterte Schwedische Akademie ist zuletzt wieder Ruhe eingekehrt, stellt Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Die dort nun greifenden neuen Mechanismen dürften den Preis wohl "noch weltläufiger, globaler" machen und damit "noch mehr Überraschungen parat halten." Die Favoriten bei den Wettbüros sind derweil dieselben wie eh und je, doch "neu in dieser ewigen Phalanx ist die französische Autorin Annie Ernaux und der Rumäne Mircea Cartarescu, der am Dienstag urplötzlich Murakami von Platz eins mit den niedrigsten Quoten verdrängt hat. Wie so oft dürften die Genannten enttäuscht werden." Miryam Schellbach glaubt in ihrem SZ-Rückblick auf die Skandale und sonderbarsten Entscheidungen in den letzten Jahren, "dass das Nobelpreiskomitee auch in diesem Jahr die Kontroverse meidet." Aber vielleicht wird es ja auch Ngũgĩ wa Thiong'o: "Seine Romane, die er auf Kikuyu schreibt, sind vielfach übersetzt, der Autor lehrt an amerikanischen Eliteuniversitäten und gilt auch wegen seiner antikolonialen Essays als der vielleicht politischste unter den Kandidaten."

Außerdem: Tobias Schwartz erinnert im Tagesspiegel an Georg Hermann, der vor 150 Jahren geboren wurde. Besprochen werden unter anderem Douglas Stuarts "Shuggie Bain" (taz), Helmut Böttigers "Die Jahre der wahren Empfindung. Die 70er - eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur" (Zeit), Ferdinand Schmalz' "Mein Lieblingstier heißt Winter" (ZeitOnline), Bodo Kirchhoffs "Bericht zur Lage des Glücks" (FR), Georges-Arthur Goldschmidts "Der versperrte Weg" (SZ), das von Agathe Novak-Lechevalier herausgegebene Buch über Michel Houellebecq (Welt) und Dževad Karahasans Essaysammlung "Tagebuch der Übersiedlung" (FAZ).
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Bühne

Wilde Frauen: Medea (Sarah Sandeh) und Akama (Sina Kießling). Foto: Thorsten Wulff / Staatstheater Karlsruhe 

SZ-Kritiker richtet hohe Erwartungen an die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann, die an neuen Leitungsstrukturen für die Bühnen arbeitet und am Staatstheater gerade Christa Wolfs "Medea" inszeniert hat - als Gefangene eines Systems: "Sie, Medea, kennt die Geheimnisse der Städte, egal ob Kolchis oder Korinth, sie kennt die Abgründe deren Herrscher, die ihre Macht auf der Ermordung der eigenen Kinder bauten. In dieser Medea gerinnen Jahrtausende eines Mythos, und nun sitzt Sarah Sandeh da, die diese Medea mit rauer Emotionalität, mit Liebe und Stolz füllt, Glutofen einer selbstbewussten Frau: 'Ich bin keine junge Frau mehr, aber wild noch immer, das sagen die Korinther, für die ist eine Frau wild, wenn sie auf ihrem Kopf besteht.'"

Besprochen werden Demis Volpis Tanzdrama "Geschlossene Spiele" in Düsseldorf (SZ) und Barrie Koskys Inszenierung von Brechts/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Komischen Oper (die Niklaus Hablützel in der taz vor allem musikalisch wunderbar findet).
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Architektur

Das Berliner ICC darf nicht abgerissen werden, es steht jetzt unter Denkmalschutz und jeder Abriss schadet dem Klima, also lernt FAZ-Kritiker Niklas Maak lieber gleich seine "konvulsivische Schönheit" eines Weltraumbahnhofs zu schätzen und freut sich, dass die Berliner Festspiele das Gebäude unter dem Titel "The Sun Machine Is Coming Down" zehn Tage lang von der Kunst bespielen lassen: "Der erste Eindruck: Das ICC sieht noch außerirdischer aus als damals, als es vollgerümpelt war mit bundesrepublikanischer Kongresstristesse, mit Stehtischen und hässlichen Tablettenherstellerständen und der ganzen Berliner Momper-Diepgen-Gemütlichkeit und so etwas von seinem utopischen Glanz einbüßte. Jetzt, leer, im Halblicht der noch funktionierenden Neonröhren, wirkt es so schön und fremd wie ein gerade vom Meeresgrund gehobenes Schiff, durch dessen Inneres Geräusche und Bilder aus fernen Zeiten und Zukünften wehen."
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Musik

Vollkommen umgehauen kommt FAZ-Kritiker Gerald Felber aus der Uraufführung von Christfried Schmidts (bereits 1968 komponierter) zweiter Sinfonie aus der Dresdner Philharmonie gestolpert: Gleich zu Beginn "ringen und quälen sich die Klänge, knirschend oder eruptiv aufbrüllend, wie unter Bleigewichten und zäh lastenden Magmamassen erstickt: brutale Ballungen schwarzer Energie, Bilder einer in sich selbst verbissenen und verklammerten, zum Rand der Unerträglichkeit hin potenzierten Verzweiflung. Was so beginnt, ist das fiebrige, freiheitssüchtige und in seiner Gewaltsamkeit jedes konventionelle Maß verlassende Zeit-Nacherleben eines Mittdreißigers im Jahre 1968" unter den Eindrücken des Mordes an Martin Luther King und der Niederschlagung des Prager Frühlings.

In der Welt kann Elmar Krekeler Roberto Blancos jüngst an den Wiener Bürgermeister gerichtete Forderung, Ludwig van Beethoven zu exhumieren, um anhand eines Gentests zu überprüfen, ob der Komponist nun schwarz gewesen ist oder nicht, nur aus vollem Herzen unterstützen: Denn "der Versuch, aufgrund eher windiger und ahistorischer Vermutungen, Beethovens afrikanische Wurzeln zu behaupten, geht einem nämlich schon seit ein paar Jahren gehörig auf die Nerven."

Außerdem: Pitchfork feiert sein 25-jähriges Bestehen, indem es die 200 Künstler auflistet, die das einflussreiche US-Magazin am meisten geprägt haben. In der SZ porträtiert Joachim Hentschel den Jazztrompeter Theo Croker, dessen Instrument mitunter so "klingt, als käme sie mit Warp-Faktor zwölf aus irgendeiner anderen Dimension herübergeschallert." Das hören wir uns genauer an:



Besprochen werden Tirzahs Album "Colourgrad" (Zeit, mehr dazu hier), eine dem Sänger, Schauspieler und Schriftsteller Noël Coward gewidmete Ausstellung in der Guildhall Art Gallery in London (NZZ), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Porches, den SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert bereits wegen seines Autotune-Einsatzes vom "kosmischen Supreme Court der Künste" ins Fegefeuer abgeurteilt sieht, und Mriam Gendrons neues Album "Ma délire - Songs of love, lost & found" (Pitchfork). Wir hören rein:

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