Efeu - Die Kulturrundschau

Korrespondenz zwischen Ich und Welt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2021. In FAZ und Freitag erklärt Edouard Louis, weshalb ihn die Franzosen hassen und wie er eine Armee linker Kämpfer erschaffen will. Im Tagesspiegel erzählt Julia Ducournau, warum sie das Monströse zurück in die Gesellschaft bringen will. Sie sei gewarnt worden, dass ihr neuer Roman gecancelt würde, verrät Irene Dische der Zeit: Sie hat über eine Transperson geschrieben, ohne selbst eine zu sein. Der Guardian porträtiert die Duftkünstlerin Anicka Yi, die mit Gerüchen, Vagina-Bakterien und Spucke gegen den schmierigen männlichen Blick kämpft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 finden Sie hier

Film

Wer braucht da noch Dialoge? Szene aus Julia Ducournaus "Titane"

So beeindruckt sind die Filmkritiker von Julia Ducournaus (heute noch zusätzlich bei uns von Lukas Foerster und in der FR von Daniel Kothenschulte besprochenen) queerem Körperhorrorfilm und Cannes-Gewinner "Titane" (unser Resümee), dass sie dringend Redebedarf verspüren: Alle sprechen mit der Filmemacherin. Den Begriff "Monster" findet sie positiv, verrät sie dem Tagesspiegel, weil Monster "der Normativität unser Gesellschaft trotzen. Aber mehr noch blicken Monster uns direkt in die Augen. ... Wir versuchen ständig, das Monströse aus unserer Mitte auszuschließen, als wäre es kein Teil von uns. Aber dieses 'Andere' hilft, uns selbst zu erkennen. Im Französischen stammt das Wort 'monstre' von dem Verb 'montrer' - zeigen. Monster sind ein Synonym für die Außenseiter unserer Gesellschaft: Menschen, auf die mit dem Finger gezeigt wird. Wir sollten lernen, diese Außenseiterposition in eine Stärke zu verwandeln."

In der taz spricht sie darüber, warum sie mit Dialogen äußerst sparsam umgeht: "Ich denke in Bildern. Wenn ich eine Szene entwickle, spielt sie sich in meinem Kopf ab, ich sehe und höre alles sehr genau. Wenn ich sie nicht vor mir sehe, schreibe ich sie nicht auf. Und wenn ich am Ende eine Szene habe, die vollkommen ist, warum sollte ich dann noch einen Dialog draufkleben? Eine Tanzszene etwa drückt für mich nonverbal viel mehr aus, damit kann man emotional tiefer gehen als durch das gesprochene Wort. Manchmal lässt es sich freilich nicht vermeiden. Mir war bewusst, dass ich an einer Stelle des Films den Satz 'Ich liebe dich' verwenden muss. Aber meine Güte, hat mich das Überwindung gekostet!" Weitere große Gespräche gibt es in der SZ, in der Welt und beim Dlf Kultur.

Weitere Artikel: Für ZeitOnline spricht Wenke Husmann mit der Schauspielerin Liv Lisa Fries über ihre Rollen in Stefan Ruzowitzkys (im Tagesspiegel besprochenen) Historienthriller "Hinterland". Fritz Göttler wirft für die SZ einen Blick ins Programm des Münchner Underdox-Festivals.

Besprochen werden Ralf und Saskia Walters "Der Siebzehnte" (Perlentaucher), Uberto Pasolinis Vater-Sohn-Drama "Nowhere Special" (taz, FR), Sobo Swobodniks "Klassenkampf" (Freitag), Nana Neuls Komödie "Töchter" mit Joseph Bierbichler (Tagesspiegel), die autobiografische NDR-Hörspielserie "Anton & Pepe" des Filmemachers Axel Ranisch (FAZ), die Netflix-Miniserie "Maid" (Presse), Valerie Blankenbyls Dokumentarfilm "The Bubble" über Luxus-Seniorenheime in den USA (Standard), Dietrich Brüggemanns Komödie "Nö" (Zeit) und eine DVD-Edition von Kurt Hoffmanns "Das verlorene Gesicht" aus dem Jahr 1948 (taz).
Archiv: Film

Bühne

Bild: Edouard Louis. Wer hat meinen Vater umgebracht? Schaubühne Berlin. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Edouard Louis' Texte werden auf deutschen Bühnen rauf und runter gespielt, aktuell rezitiert Louis den Monolog aus "Wer hat meinen Vater umgebracht" an der Berliner Schaubühne. Aber weshalb ist Louis im Ausland so beliebt und in Frankreich so "verhasst", fragt Kevin Hanschke in der FAZ den Autor: "Um ihn selbst gehe es ihm dabei nicht, sagt Louis, vielmehr wolle er dadurch seinen Eltern eine Stimme geben. Denn: 'Die politische Aussage ist wichtiger als persönliche Befindlichkeiten.' Seine Stimme hebt sich. Wiederholt benutzt er den Begriff der 'dominierenden Klasse', darunter verstehe er die Schichten, die über jene Druck ausüben, die nicht Teil ihrer Gemeinschaft sind. 'Macron redet andauernd über arme Menschen. Sie müssen sich mehr anstrengen, mehr arbeiten, mehr kämpfen.' Es gibt seiner Meinung nach in der französischen Öffentlichkeit eine regelrechte 'Obsession' , arme Menschen im öffentlichen Diskurs zu diskreditieren und ihnen die politische Meinungsfähigkeit abzusprechen."

Die Regierung Macron "zerstört" die Armen, ergänzt Edouard Louis im Freitag-Gespräch mit Christine Käppeler: "Ich will linke Denker erschaffen, ich will linke Kämpfer erschaffen, eine Crowd, die es noch nicht gibt."

Außerdem: Eine "seiner besten Inszenierungen" nennt Martin Krumbholz in der SZ Armin Petras' Adaption von Eugen Ruges Roman "Metropol" am Schauspiel Köln: Wie Armin Petras mit einem wunderbaren Ensemble die Ängste und Hoffnungen einer Handvoll Deutscher, gefangen in der Falle einer zerrinnenden Illusion, anschaulich werden lässt, ist unbedingt sehenswert."
Besprochen wird Katja Lehmanns Inszenierung des zweiten Teils von Virginie Despentes "Vernon Subutex" am Frankfurter Stalburg Theater (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

In ihrem neuen Roman "Die militante Madonna" widmet sich Irene Dische dem Chevalier d'Éon, einer Transperson im 18. Jahrhundert. Sie sei deshalb vorgewarnt worden, dass ihr Roman gecancelt würde, da sie über eine Transgender-Person geschrieben haben, ohne selbst eine zu sein, erzählt Dische im Zeit-Gespräch mit Ronald Düker, in dem sie auch deutlich Stellung zur Gender-Debatte bezieht: "Die Gender-Debatte erscheint mir leider vor allem als ein Eingrenzungsprojekt. Da geht es doch nicht um Befreiung. Es geht um den Zwang zur Identität. In Amerika pocht man in Vorstellungsrunden häufig darauf, dass nicht nur das Gender, sondern auch die sexuelle Orientierung offengelegt wird, und zwar in einem dafür genau vorgestanzten Definitionsraster. Das ist ein Malen nach Zahlen, das Gegenteil alles Fluiden. Indiskret und impertinent, dieser ständige Selbstauskunftszwang: Ich möchte nicht immerzu bekennen müssen, wer ich bin und wie ich begehre. Und ich möchte es auch von anderen nicht wissen. Außerdem ist mir in meinem langen Leben noch wirklich niemand begegnet, bei dem die Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Anteilen nicht fließend gewesen wären."

Der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier erinnert in der NZZ an den Schriftsteller Golo Mann, mit dem er persönlich befreundet war. Der in der Literatur über die Manns meist obligatorisch erwähnte Hass auf seinen Vater Thomas sei Kolportage, sagt Maier: "Gewiss, die politischen Irrungen und Wirrungen des Vaters (auch des Onkels Heinrich) konnte Golo Mann kritisch schildern und kommentieren." Doch "dann fügte er meist eine entwaffnende Entschuldigung hinzu, der man schwer widersprechen konnte. 'Im Werk meines Vaters, zum Beispiel in den Josefs-Romanen', meinte er, 'gibt es Stellen, die Dante nahe kommen. Von einem Autor dieser Größe kann man nicht auch noch verlangen, dass er über Politik Bescheid weiß und treffend urteilt!' So habe ich es mehrfach lapidar aus seinem Mund gehört."

Besprochen werden unter anderem Dave Eggers' "Every" (SZ), Gerd Rühles "Ein alter Mann wird älter" (FR), ein Porträtfilm über den Schriftsteller Walter Kaufmann (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier), Alexander Goldsteins "Aspekte einer geistigen Ehe" (NZZ), Hannes Richerts Comic "Die Party ist vorbei" (Intellectures) und Isaac Bashevis Singers "Der Scharlatan" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Kunst

Bild: Anicka Yi: You Can Call Me F. Kitchen Gallery New York.

Im Guardian porträtiert Stuart Jeffries die in Korea geborene Duftkünstlerin Anicka Yi, die in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern demnächst ihr größtes Projekt enthüllen wird. Yi schafft Kunst aus Gerüchen, Ameisen, Bakterien und Spucke: "Die Betonung des Geruchs ist Teil von Yis feministischer Kritik am visuellen Fokus der patriarchalen Kunstwelt", so Jeffries. "Unsere Sinne, so argumentiert sie, sind durch kulturelle Werte konditioniert. 'Wir assoziieren Gerüche mit dem Weiblichen. Wir assoziieren das Unsichtbare mit dem Weiblichen. Wir assoziieren das Sehen und die Beherrschung und das Wissen mit dem Männlichen.' Wie wäre es, fragte sich Yi 2015, wenn die Kunst, anstatt den schmierigen männlichen Blick durch Bilder und Skulpturen nackter Frauen zu befriedigen, die, wie sie es nannte, 'patriarchalische Angst' vor dem Geruch von Frauen erforschen würde? Zu diesem Zweck bat sie 100 Freundinnen und Kolleginnen um Abstrichproben. Einige machten Abstriche von ihrem Mund, andere von ihrer Vagina. Mit diesen Proben züchtete Yi Bakterien in Petrischalen, analysierte dann die Duftmoleküle der gesammelten Bakterien, übersetzte die Daten in eine Formel und stellte eine Chemikalie her - ähnlich wie bei der Herstellung kommerzieller Parfüms. Anschließend setzte sie die Ergebnisse in einer Ausstellung mit dem Titel 'You Can Call Me F' in der Kitchen Gallery in New York in die Luft frei. Ein Duftzerstäuber ließ das Aroma durch den Raum wehen, in dem die Bakterienproben in Petrischalen lebten und wuchsen."

Mirjam Varadinis, Kuratorin für Gegenwartskunst am Kunsthaus Zürich, will, dass Kunst Debatten anstößt, ihre Schwerpunkte sind Kolonialismus, die Genderfrage und der Klimanotstand, weiß Angelika Affenrath-Kirchrath in der NZZ und stellt nach einem Besuch des Hause fest: Es gelingt. Etwa im Werk "Remember the Future", in dem Kader Attia, französischer Künstler algerischer Herkunft, den Ersten Weltkrieg zum Thema macht: "Mit bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gesichtern von Soldaten, die er gemeinsam mit senegalesischen Kunsthandwerkern nach Fotodokumenten in dreidimensionale, expressive Holzskulpturen transformierte, vergegenwärtigte er die Schrecken des Ersten Weltkriegs. In Attias Skulptur 'Janus', mit ihrem kantigen Kopf, der auf einem stelenartig langen Hals balanciert, finden das versehrte Gesicht eines Deutschen und das eines afrikanischen Soldaten aus den französischen Kolonien zusammen. Sie erinnern an die nie nachlassenden Spannungen und die nie aufhörende Gewalt unter den Menschen, die auch die über den Heimplatz eilenden Passanten unmittelbar angehen."

Außerdem: In der FAZ steht Benjamin Paul überwältigt vor Cy Twomblys zwölfteiligem Lepanto-Zyklus in der Münchner Sammlung Brandhorst. In der taz bespricht Julian Weber das "Debrist Manifesto" des britischen Künstlers Scott King, der zum Berliner Festival "The Sun Machine Is Coming Cown" kommt. Für den Tagesspiegel blickt Rolf Brockschmit im Berliner Bode-Museum in Olafur Eliassons 55 Kilo schweren und 75cm hohen Glasfolianten "A View Becomes A Window". In der Berliner Zeitung gratuliert Ingeborg Ruthe der Berliner Mitte-Galerie Helle Coppi zum 30jährigen Bestehen. In der SZ freut sich Till Briegleb über die Rückkehr des Brunnens der Künstlerin Nicole Eisenman nach Münster: Im Rahmen der "Skulptur Projekte" wurden Eisenmanns Brunnenfiguren Opfer von Vandalismus.

Besprochen werden das Wiener Festival Memento Mori zum Thema Sterben, Tod und Trauer (Standard) und die Ausstellung "La Collection Morozov. Icônes de l'art moderne" in der Pariser Fondation Louis Vuitton (SZ).
Archiv: Kunst

Architektur

450 Millionen Euro und schätzungsweise sechs Jahre veranschlagt die Stadt München für die Sanierung des Gasteigs - und macht mit der Isarphilharmonie, der Interimsstätte, die diesen Freitag öffnet, vor, dass es auch anders geht, freut sich Michael Stallknecht in der Zeit: Ganze drei Jahre hat man für den Bau seit Planungsbeginn gebraucht, gerade mal vierzig Millionen Euro hat er gekostet, siebzig die gesamte Anlage, die sich betont cool - und damit recht unmünchnerisch - HP8 nennt, nach ihrer Postadresse in der Hans-Preißinger-Straße 8. Das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat bewusst auf den provisorischen Charakter gesetzt. Fast unscheinbar verbirgt sich die Fassade des Konzertsaals - grau wie gegenüber das Heizkraftwerk - hinter einer ehemaligen Transformatorenhalle der Stadtwerke, die als Foyer dient."

Dem Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses wurde vorgeworfen, er sei zu groß und zu langweilig. "Architektur darf nie zu wichtig werden, beispielsweise nie in Konkurrenz zur Kunst treten", verteidigt sich David Chipperfield im NZZ-Gespräch mit Sabine von Fischer und ergänzt: "Museen gewinnen (…) immer mehr an Bedeutung, und Künstler wenden sich verstärkt auch wesentlichen Themen der Gegenwart zu; das Museum wird so immer mehr zum Ort der gesellschaftlichen Diskussion. Wie bei der Tate wollten wir einen großen, offenen Raum ins Zentrum der Erweiterung stellen, der die Orientierung im Haus ermöglicht und zwischen der Welt der Öffentlichkeit und der Welt der Institution vermittelt."
Archiv: Architektur

Musik

Die neue Mozart-Aufnahme des melancholiesüchtigen Pianisten Víkingur Ólafsson ist insbesondere auch aus klanglicher Perspektive bemerkenswert, erklärt Michael Stallknecht in der SZ: Das Spiel klingt ganze nahe, dank eines Kniffs des Toningenieurs Christopher Tarnow: Er "hat den Klang vor allem direkt im Flügelkorpus abgenommen, ein in der Klassik ziemlich unübliches Verfahren. ... Dabei werden nicht nur andere Frequenzen hörbar als im Konzertsaal, sondern auch das sonst ausgeblendete Nebengeräusch der Dämpfer. Dem Hörer verschafft es den Eindruck, mit dem Pianisten und der Musik allein zu sein, allein gelassen zu werden, was das melancholische Moment deutlich verstärkt. Vielleicht ist es diese Einsamkeit, die mangelnde Korrespondenz zwischen Ich und Welt, die in der hochvernetzten, aber das Individuum zugleich immer stärker überfordernden Gegenwart den zeitgenössischen Zug von Ólafssons Platten ausmacht." Wir hören rein:



Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Altistin Dina König, die ihre Karriere an den Nagel gehängt hat, um in Basel Tram zu fahren. Sie erklärt das mit ihrem Frust im Betrieb: "Viele Projekte muss man singen, damit es finanziell funktioniert, auch mit Leuten, von denen man miserabel behandelt wird, ohne Respekt. Oder mit einer unterirdischen Bezahlung. Das verdient kein Musiker. ... Man merkt, vor allem beim Singen, wie fragil das ist. Ich habe mir mal irgendwas eingefangen, ich war drei Wochen nicht fähig zu singen: dreieinhalb Tausend Euro, oder mehr - tschüss."

Weiteres: Außerdem schreibt Brown in VAN über seinen langen Hader mit Bruckner, von dem ihn schließlich die Berliner Philharmoniker kuriert haben. Im Standard begibt sich Karl Fluch auf die Spuren der anonym agierenden britischen Band Sault, auf die sich bereits im Juli 2020 unsere Aufmerksamkeit legte. Antje Rößler berichtet in der NMZ vom Alte-Musik-Festival "Güldener Herbst" in Meiningen. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Rockmusiker John Mellencamp zum 70. Geburtstag. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker diesmal Nancy Dalberg.



Besprochen werden Kent Naganos Memoir "10 Lessons of my Life" (NZZ), eine HR-Doku zur Geschichte des Deutschraps (taz), James Blakes Album "Friends That Break Your Heart" (Tagesspiegel) und das neue Boys-Noize-Album "+/-" (ZeitOnline).
Archiv: Musik