Efeu - Die Kulturrundschau

Gute Gefühle und schöne Stimmungen

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05.10.2021. Die SZ berauscht sich an den schwindelerregenden Blicken, die ihr das neue Museum Küppersmühle in Duisburg gewährt. Ein Fenster zur Welt eröffnet ihr dagegen Alexander Zelgins Theater der nüchternen Empathie auf dem Berliner FIND-Festival. Die taz stromert mit dem schwedischen Künstler Lars Cuzner durch das Steirische Spielfeld reicher Kinder. ZeitOnline feiert das Kino als physische Steigerung von Film. Und die NZZ bekommt einen letzten Brief von Roots-Musiker Geoff Muldaur.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2021 finden Sie hier

Architektur

Ein Hauch von London in Duisburg: Der Erwiterungsbau des Museums Küppersmühle. Foto: Herzog und de Meuron

In der SZ feiert Alexander Menden den neuen Erweiterungsbau des Museums Küppersmühle an der Ruhr, der nach etlichen Schwierigkeiten endlich eröffnet werden kann. Menden eröffnen sich in dem Silo-Umbau viele schwindelerregende Blicke, aber dass die Architekten Herzog und de Meuron dem Speicher keinen Kubus aufsetzen konnten: "Wo früher Getreide zur Weiterverarbeitung lagerte, gähnt nun ein stählerner, 45 Meter hoher, edel korrodierter Stahlschacht. Die sechs inneren Röhren wurden herausgenommen, der so entstandene Hohlraum bildet eine vertikale Verbindungslinie zwischen drei Ausstellungsgeschossen, horizontal vereinigt durch zwei anthrazitfarbene Stahlbrücken im ersten und zweiten Obergeschoss. Dieser Übergang vom Bestandsbau des Duisburger Museums Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM) zu seinem neuen Erweiterungsbau hätte spektakulärer kaum ausfallen können."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Museum Küppersmühle

Bühne

Alexander Zelgins Stück "Love" beim Find-Festival an der Schaubühne. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Ein großes Fenster zur Welt tat sich SZ-Kritiker Peter Laudenbach auf dem Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND) in Berlin auf. Geradezu umgehauen hat ihn das Stück "Love" des britischen Dramatikers Alexander Zeldin, das Laudenbach als "Theater der nüchternen Empathie" empfiehlt: "Die Szenerie könnte nicht trostloser sein: der Flur eines Übergangswohnheims des Sozialamts mit schäbiger Gemeinschaftsküche und einer einzigen Toilette für die acht Bewohner in ihren engen Zimmern. Eine vierköpfige Familie, ein Mann mit seiner alten Mutter, ein scheuer Syrer mit verkrüppeltem Bein, eine alleinstehende Frau, die nur lacht, wenn sie am Handy mit ihren Kindern spricht. Zeldin macht nicht mehr, als diesen Menschen dabei zuzusehen, wie sie Reste von Würde und Hoffnung zu bewahren versuchen. Vorsichtige Gesten der Annäherung wechseln mit Abgrenzung, weil man sich mit den anderen Abgerutschten nicht gemein machen will. Die Bitterkeit entlädt sich in hilflosen Wutausbrüchen nach Bittgängen zu den Ämtern."

Wie in einem Schaumbad fühlte sich taz-Kritikerin Katrin Ullman in Bonn Parks Stück "Die Räuber der Herzen" am Hamburger Schauspielhaus, das Schillers Klassiker mit Steven Soderberghs "Ocean's Eleven" kreuzt. Klar wird's ein bisschen langweilig, aber angenehm: "Völlig unbekümmert schreibt und inszeniert Bonn Park, der zum ersten Mal in Hamburg arbeitet, sein 'Räuber'-Stück nicht um der Handlung willen. Ihm geht es um gute Gefühle und schöne Stimmungen. Er will, wie er im Programmheft sagt, dieses wütende Schiller-Stück, 'dieses Reclam-Heft, in die Hand nehmen und es liebevoll streicheln'."

Besprochen werden Mozarts "Così fan tutte" an der Staatsoper Berlin ("So müde klang Mozart lange nicht mehr", winkt Helmut Mauró nach dieser "klamaukigen" Inszenierung in der SZ ab, Tsp, Blz, FAZ), Hanoch Levins "Krum" am Hamburger Thalia-Theater (SZ), Schillers "Wallenstein" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Sara Ostertags Bühnenfassung von Thomas Manns "Zauberberg" in St. Pölten (Standard) und Robert Hunger-Bühlers Soloabend mit Yasmina Rezas "Anne-Marie die Schönheit" in Freiburg (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Beim Steirischen Herbst in Graz hält sich taz-Kritikerin Sabine Weier an den schwedischen Künstler Lars Cuzner, der auf den Plätzen der Stadt in aufgesetztem amerikanischem Englisch um Investoren für sein Projekt "Good from far" werbe - ein Selbsthilfebuch, das nicht helfe: "In Cuzners in mehreren Teilen auf der Festivalwebseite ausgestrahlter Videoperformance fungiert das Buch als Chiffre für eine Kunst, die sich zwar revolutionär und systemkritisch gibt, meist aber im schönen Selbstbild verharrt. Denn tatsächlich entsteht sie selbst unter neoliberalen Produktionsbedingungen und steht im Abhängigkeitsverhältnis zu öffentlichen Geldern. Letzteres bringt Cuzner mit der Formel 'Schmusing with the politicians' auf eine griffige Formel. Und als er ÖVP-Landesrat Christopher Drexler, der in der Steiermark die Kultur verantwortet, beim Biertrinken antrifft, piekst er: Mit Steuergeld bezahle dieser rich kids, die in der Kunst doch sowieso nur machten, was sie wollen. Kunst als Spielfeld reicher Kinder, die sich in die Belanglosigkeit navigiert: Das ist freilich überspitzt. Aber beim ersten Gang durch die Stadt könnte sich ein solcher Eindruck durchaus ergeben."

Nur zwei bekannte Künstler konnte FR-Kritikerin Sandra Danicke auf der Liste der Documenta-TeilnehmerInnen finden, die das kuratierende Kollektiv Ruangrupa bekannt gegeben hat. Der Rest muss Entdeckung werden. Ein bisschen skeptisch macht das Danicke schon: "Kann es sein, dass es so viele tolle Künstlerinnen und Künstler gibt, die man bisher schlichtweg übersehen hat? Oder verliert sich die international beachtete Großausstellung in gut gemeinten Diskursen? Schließlich ist Kunst, so wie wir sie bisher verstanden haben, doch das Gegenteil von Kompromiss."

Weiteres: Die Zeit hat Tobias Timms Artikel über die Erweiterung des Kunsthaus Zürich online gestellt. Besprochen werden die große Jasper-Johns-Retrospektive in New York und Philadelphia (SZ, Welt) sowie die Pissarro-Schau "Das Atelier der Moderne" im Kunstmuseum Basel (NZZ).
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Archiv: Kunst

Film

"Die Lage sieht besser aus als befürchtet", schreibt Barbara Schweizerhof in einem großen Überblick auf ZeitOnline zur Situation der Kinos in nahezu post-pandemischen Zeiten: Die Festivals laufen wieder an, zumindest die nach 2G-Regeln bespielten Säle bieten wieder das gewohnte Bild, die allermeisten Kinos haben (zumindest bislang) überlebt und immerhin die Blockbuster machen zumindest den Umständen entsprechend Bilanz. Auch habe sich nach den Corona-Experimenten mit Blockbustern, die parallel zum Kinostart in den Stream gestellt werden, gezeigt: "Erst im Kino entfaltet ein Film seine volle Wirkung. Vom Kino als 'Veredelungsstrategie' für den einzelnen Film war und ist immer wieder die Rede, was eine fast zu abstrakte Weise ist, um auszudrücken, was das Kino mit einem Film macht: Erst im dunklen Raum vor ein paar Leuten - es muss gar kein großes Publikum sein - merkt man, spürt man, wie ein Film ankommt. Die Filmbranche erlebt es gerade auf den endlich wieder real stattfindenden herbstlichen Filmfestivals von Venedig bis Toronto. Ob und wie ein Film funktioniert, lässt sich nicht an reinen Zahlen ablesen, sondern an realen, physischen Reaktionen."

Außerdem: In epdFilm porträtiert Gerhard Midding die Schauspielerin Léa Seydoux, die im neuen Bond-Film (unsere Kritik) neben Daniel Craig die Hauptrolle spielt. Andreas Busche legt uns im Tagesspiegel die Retrospektive Abbas Kiarostami im Berliner Kino Arsenal ans Herz, die ab 14. Oktober auch im Netz auf La Cinetek zu sehen sein soll. Für die FR wirft Thomas Stillbauer einen Programm ins Frankfurter Kinderfilmfestival Lucas. In der Berliner Zeitung erinnert Anne Vorbringer an Blake Edwards "Frühstück bei Tiffanys", der vor 60 Jahren in die Kinos kam.

Besprochen werden die Apple-Serie "Foundation" nach der gleichnamigen Space-Opera von Isaac Asimow (Tages-Anzeiger) und die DVD von Kurt Hoffmanns 1948 entstandenem Film "Das verlorene Gesicht" (critic.de).
Archiv: Film
Stichwörter: Kinokrise

Literatur

Die taz fragt Autorinnen und Autoren, wie sie es damit halten, ihr soziales Umfeld für ihr Geschichten "auszuwerten". Den Hintergrund dazu bietet die Meldung, dass jüngst herauskam, wie deutlich sich Kristen Roupenian in ihrer Erfolgsstory "Cat Person" im Leben eines Bekannten bedient hatte. "Alles ist Material, denke ich, das Leben dem Schreiben ausgeliefert (und umgekehrt vielleicht genauso)", antwortet Lisa Krusche, wägt aber dennoch im einzelnen ab. Timon Karl Kaleyta gesteht, Freunde ungefragt zu literarischen Figuren verarbeitet zu haben, aber "ich habe die beiden in dieser Fiktion zu genau den Menschen gemacht, die sie in der Realität selbst gern sein würden. Das hat sie sicherlich gefreut. ... Meiner Meinung nach ist tatsächlich alles erlaubt, jedenfalls, sofern man akzeptiert beziehungsweise fest daran glaubt, dass 'die Kunst' ein eigenes System mit eigenen Gesetzen und eigener Logik ist." Raphaela Edelbauer bildet nur Personen des öffentlichen Lebens ab, auch Iris Hanika sieht ihr Umfeld als Tabu und Hengameh Yaghoobifarah nimmt es als Kompliment, dass Freunde sie ansprechen, ob sie als Inspirationsquelle gedient haben, was aber gar nicht den Tatsachen entsprach.

Im Tagesspiegel freut sich Gerrit Bartels über den großen Erfolg, der Hervé Le Telliers Roman "Die Anomalie" nach dem Prix Goncourt in Frankreich nun auch in Deutschland beschieden ist. In ihrer monatlichen SZ-Kolumne erzählt die amerikanische Schriftstellerin Kristen Roupenian davon, dass sich auch für 40-Jährige kaum etwas Besseres findet als ein Billie-Eilish-Konzert, um den Schmerz nach einer in die Brüche gegangenen Beziehung zu lindern.

Besprochen werden unter anderem Jonathan Franzens "Crossroads" (FR), Michael Köhlmeiers "Matou" (online nachgereicht von der FAZ), Sergej Lebedews "Das perfekte Gift" (SZ) und Stig Dagermans "Deutscher Herbst" (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Der Pelzmantel ist in freier Wildbahn immer seltener anzutreffen, stellt Jürg Zbinden in der NZZ fest: Die Kritik der Tierrechtsbewegung hat die Modeindustrie erreicht, diverse Unternehmen kündigen an, auf Pelz in Zukunft zu verzichten. Zeit für einen Nachruf auf das Versprechen von Luxus im Alltag: "Den Traum vom kostbaren Pelz träumten zahllose Frauen zwischen Hausarbeit, Kino und Besuch beim Friseur, wo sie auf der Leinwand oder in einer Illustrierten sehen konnten, wie hinreißend mondän Pelzmäntel an Filmstars wie Elizabeth Taylor, Doris Day ('Ein Hauch von Nerz') oder Romy Schneider wirkten. Und, wer weiß, vielleicht würde es ja schon nächstes Weihnachten auch bei ihnen klappen, wenn Herbert, Werner, Egon oder Paul . . . Wer sich einen Pelzmantel leisten konnte, erlag der Illusion, eine Dame zu sein. Nicht irgendeine, bitte schön, sondern eine von Welt."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Pelz

Musik

Zehn Jahre hat Geoff Muldaur an seiner von 40 Seiten Material begleiteten Doppel-LP "His Last Letter" gefeilt und das Warten hat sich gelohnt, freut sich Andreas Schäfler in der NZZ: Der Roots-Musiker, der einst Bob Dylan ein Vorbild war, legt hier sein Opus Magnum vor. In der langen Produktionszeit pendelte Muldaur "emsig zwischen den USA und Amsterdam, um mit den niederländischen Musikern Repertoire und Arrangements zu diskutieren, zu proben und weiter zu raffinieren. Wäre Muldaur damals länger in Butterfields lauter Bluesrock-Band geblieben, hätte er vielleicht seine Stimme ruiniert. Nun aber kann diese noch heute schmachten, wenn ein Liebeslied es erfordert. Aber der Sänger mutet sich auch die nackte Wehklage eines verzweifelten Blues zu. Muldaurs Tenor gehorcht den Songs mit Würde, nie werden die Vorbilder und Urheber bloß imitiert. Als Gitarrist nimmt er sich zurück, setzt da und dort geschmackvolle Tupfer oder lässt dezent das Schwirren eines Akkords stehen."

Freudig überrascht zeigt sich SZ-Jazzkolumnist Andrian Kreye von Native Souls Album "Teenage Dreams", das ihm das südafrikanische Genre Amapiano nahe bringt. Mit seiner Mischung aus Jazz-Ostinato, Deep House und Kraut-Elektronik ist es in den südafrikanischen Clubs überaus präsent. Die Musik des Duo ist "exemplarisch: Geschichtete Synkopen, strahlende Klangteppiche, ein Hauch von Jive und immer wieder Klaviermotive von grandioser Schlichtheit. Nicht ganz Jazz, nicht ganz House, aber wen kümmert's, wenn es so ganz anders klingt und einen in den Bann ziehen kann." Wir hören rein:



Außerdem: In der NZZ porträtiert Thomas Schacher den Geiger Roberto González-Monjas, der künftig das Musikkollegium Winterthur als Chefdirigent leiten wird. Max Nyffeler berichtet online nachgereicht in der FAZ vom Festival Settimane Musicali di Ascona. Für die NMZ wirft Thomas Taxus Beck einen Blick in die Welt der Kompositionspädagogik.

Besprochen werden das Frankfurter Gastspiel der Wiener Symphoniker unter Andrés Orozco-Estrada (FR), Anna Prohaskas Auftritt in Potsdam (Tagesspiegel), das neue Album von Boy Scout (FR) und Wikis Album "Half God" (Pitchfork). Vor allem New-York-Freunde kommen bei dem Video zur Single "Roof" auf ihre Kosten:

Archiv: Musik