Efeu - Die Kulturrundschau

Die Realität ist dagegen

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17.08.2021. Überwältigt sind SZ und Standard von Wut und Verzweiflung in Luigi Nonos Politoper "Intolleranza 1960" - und von der Schönheit, ergänzt die Welt, wir sind ja schließlich in Salzburg. Die NZZ erzählt, wie das Victoria and Albert Museum die Londoner Bezirke Hackney, Newham und Tower Hamlets aufmöbeln will. In der SZ erzählt der Schriftsteller Matthias Jügler von einem IM mit quälenden Schuldgefühlen. Der Freitag fordert angesichts der Klimakrise mehr utopische Literatur.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2021 finden Sie hier

Bühne

Sean Panikkar in Luigi Nonos "Intolleranza 1960". Foto: Maarten Vanden Abeele / SF

In Salzburg hatte Luigi Nonos große Politoper "Intolleranza 1960" Premiere, Regie führte Jan Lauwers, Ingo Metzmacher dirigierte. "Das alle Opernkonventionen sprengende Werk handelt von einem Migranten, der als Bergbauarbeiter die Rückkehr in seine Heimat ersehnt. Auf seinem Weg zurück erleidet er seine Passionsgeschichte zwischen Folter und Konzentrationslager - aber erfährt auch eine politische Erweckung: Aus dem Opfer wird ein Freiheitskämpfer", erklärt Ljubiša Tošić im Standard. In der SZ ist Egbert Tholl überwältigt: "Wen das nicht ergreift, der hat kein Herz. Und auch kein Hirn. Luigi Nonos 'Intolleranza 1960' wird bei den Salzburger Festspielen zu einem Schrei aus hundert Kehlen, zu einer Explosion der Wut, Entrüstung und Verzweiflung. Äußerster Lärm und bitterste Süße künden von dem, was der Mensch sein könnte, was er aber selten ist. Die achtzig Minuten dieser 'szenischen Aktion' erzählen von Folter, Flucht, Ausbeutung und Gewalt, von Unterdrückung und vom Kampf gegen all dies. Ist die Aufführung zu Ende, haben die Taliban Kabul überrollt. Nono endet mit dem von Brecht entlehnten Gedanken, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer sei. Die Realität ist dagegen."

Gefesselt von der Produktion, ihren grausamen Wahrheiten und ihrer grandiosen Musik zeigt sich auch Marco Frei in der NZZ: "Gleichzeitig bleibt alles unter der Leitung Metzmachers klar und differenziert gestaltet. Davon profitiert nicht zuletzt der Gesang der Solisten. Mit Sean Panikkar in der Rolle des Emigranten und der schlicht überragenden Sängerdarstellerin Sarah Maria Sun als dessen Gefährtin agiert ein starkes Duo. Wie zudem Musa Ngqungwana dem Gefolterten seine Würde lässt, mit feinem Lyrismus, das ist von erschütternder Schönheit." In der Welt ist Manuel Brug hingerissen von der Schönheit der Klanggewitter, die Nonos Musik entfaltet, bemerkt aber auch, dass Salzburg selbst das revolutionärste Stück ins Ästhetische zwingt: "Blockhafte Chöre, harsche Schlaggewitter, sirrend auseinanderfahrende Streicherflächen scheinen auf einmal seraphisch makellos, flirrend anspielungsreich auf die Musik früher Jahrhunderte zu verweisen."

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" zur Eröffnung der Ruhrtriennale (SZ), Olga Neuwirths Musikstück "Bählamms Fest" nach Leonora Carrington bei der Ruhrtriennale (Nachtkritik), Martin Kušej Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" in Salzburg (die Martin Lhotzky in der FAZ als "einfallsarm" schilt) Morton Feldmans Oper "Neither" in Salzburg (FR, FAZ), die szenische Collage "Occupy Future" des inklusiven Berliner Thikwa-Theaters (taz).
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Literatur

Was es angesichts der am Horizont abzeichnenden Klimakrise jetzt bräuchte, wäre eine utopische Literatur, die Alternativen und Wege aus der Krise aufweist, schreibt Florian Schmid im Freitag. Generalzuständig für solche Entwürfe wäre die Science-Fiction. Doch "während der fortschreitende Klimakollaps in Form von Überschwemmungen und gigantischen Bränden die Nachrichten beherrscht, arbeitet die SF heute vor allem die dystopische Gegenwart ab, in der die Klimakatastrophe zwar besungen wird, aber keine utopischen Gegenentwürfe formuliert werden. ... In den 1970ern war das anders. In Folge der 68er-Bewegung bekamen Utopien einen Schub, auch in Sachen Ökologie." Dass sich zumindest im englischsprachigen Raum mit Solarpunk seit einer Weile eine entsprechende SF-Bewegung formiert, hat Schmidt offenbar übersehen - hier ein guter Überblick mit weiterführenden Links.

Zunächst eher mulmig wurde es Matthias Jügler, als nach seinem Roman "Die Verlassenen" über eine Kindheit in der Vorwende-DDR der frühere Stasi-IM Hartmut Rosinger sich mit Klärungsbedarf an ihn wandte. Getroffen hat er sich dennoch mit ihm, erzählt der Schriftsteller in der SZ, und ist auf einen gestoßen, der keine offene Rechnungen begleichen wollte: "In den späten Siebzigerjahren verliert Rosinger den Glauben an das System DDR. In der Gemeinde liest er Bücher, die er offiziell nicht lesen darf. Er liest von den Moskauer Schauprozessen in den Dreißigern, von Stalins Terror - und spätestens diese Lektüre, sagt Rosinger, habe sein Gedankengebäude einstürzen lassen. Er fängt selbst an zu schreiben und sich ironisch-sarkastisch mit der Lebenswirklichkeit in der DDR zu befassen. Dennoch geht er weiter zu den konspirativen Treffen mit seinem Stasioffizier. Nach der Wende liest er in seinen Akten, dass er MfS-intern längst als unsicherer Kandidat galt. Das Blatt hatte sich gewendet, Rosinger wurde selbst observiert. ... Es gebe ein Thema, das gehe ihm nicht aus dem Kopf. Er sagt: 'Die Schuld ist da, immer da, und kommt immer mal wieder vor, wie geht man damit um?'"

Außerdem: Die FAZ hat Jürg Altweggs Porträt des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt aus der Wochenendausgabe online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Der falsche Gruß" (Tagesspiegel), der von Alina Lisitzkaja herausgegebene Band "Stimmen der Hoffnung" mit Texten aus Belarus (taz), Lutz Seilers Gedichtband "schrift für blinde riesen" (SZ), Fridolin Schleys "Die Verteidigung" (online nachgereicht von der FAS), Stefan Hornbachs "Den Hund überleben" (Tagesspiegel) und Anne Sterns "Meine Freundin Lotte" (FAZ).
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Architektur

Der Entwurf zum V&A East. Rendering: ODonnell + Tuomey

Mit der Tate Modern in der South Bank hat es London schon einmal geschafft, einen heruntergekommenen Bezirk aufzupeppen, jetzt versucht die Stadt es im Osten der Stadt, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: In Stratford, wo auch schon die Olympiabauten errichtet wurden, wird das Victoria and Albert Museum zwei neue Gebäude errichten, das V&A East Museum des Dubliner Büros O'Donnell + Tuomey und das V&A East Storehouse des New Yorker Büros Diller Scofifio + Renfro. Auch das London College of Fashion, die BBC und das Tanztheater Sadler's Wells planen Präsenzen: "Umschlossen wird das Areal von Hackney, Newham und Tower Hamlets, drei der ärmsten Bezirke Londons. Nicht weit davon entfernt kam es im Sommer 2011 zu schwerwiegenden sozialen Unruhen: kein Touristenziel also. Das änderte sich, als die britische Metropole 2005 den Zuschlag für die Ausrichtung der Sommerspiele erhielt - mit einem deutlich auf Städtebau und Architektur sowie Nachhaltigkeit ausgerichteten Projekt. Das Erste, was einem heute auffällt, sind die üppigen Dimensionen der bereits auf dem Areal entstandenen Bauten. Viele Hochhäuser, die für neuen Wohnraum sorgen, sind teils noch im Bau, teils schon bezogen worden. Irgendwo dazwischen ragt Anish Kapoors Archelormittal Orbit auf - ein Kunstwerk, das so scheußlich ist wie sein Name."
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Film

Moira Macdonald hat für die Seattle Times Scarecrow Video besucht, die letzte noch verbliebene, mittlerweile in den Status der Gemeinnützigkeit übergegangene Videothek in Seattle, die mit 140.000 leihbaren Medien deutlich mehr Filme im Angebot hat als Netflix, Amazon und Hulu zusammen und nun daran arbeitet, diesen Fundus via Postversand zugänglich zu machen. Harry Nutt (FR) und Andrea Diener (FAZ) gratulieren Fritz Wepper zum 80. Geburtstag - bekannt wurde er als Harry Klein in "Der Kommissar" und in "Derrick".

Besprochen werden Bartlett Shers HBO-Film "Oslo" über die Verhandlungen zwischen Israel und der PLO im Jahr 1993 (ZeitOnline), die vom ZDF online gestellte Agentenserie "Hamilton" (FAZ, Welt) und die Actionkomödie "Free Guy" (SZ).
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Stichwörter: Videotheken, Netflix

Kunst

Kraftvolles Fischschuppen-Krakelee von Meister Mao Weijie. Foto: Franca Wohlt / Museum Fünf Kontinente
In der FAZ preist Christoph Schmälzle erstaunlich kenntnisreich die jadegleichen Porzellane aus Longquan, die das Münchner Museum Fünf Kontinente in der Ausstellung "Seladon im Augenmerk" zeigt: "Bis heute haben diese Stücke, deren dick liegende Glasuren überraschende Effekte ermöglichen, nichts von ihrer Faszination und ihrem Anregungspotential verloren. Selbst der Laie staunt über Farbnuancen wie 'Blau des Himmels nach dem Regen' oder 'Essigpflaumengrün' und die malerischen Krakelees."

Besprochen wird Allan Sekulas Fotoband "Art Isn't Fair" (taz).
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Musik

Dean Blunt zählt für JungleWorld-Kritikerin Larissa Kunert "zu den interessantesten Musikern der Gegenwart". Davon zeuge auch sein neues, allerdings eher skizzenhaftes Album "Black Metal 2" (auf dem es die gleichnamige, im Norwegen der frühen 90ern entstandene und mit Okkultem aller Art hantierende Spielart des Heavy Metal an keiner Stelle zu hören gibt). Mit seinen gesellschaftspolitischen Untertönen zeichne es sich aus durch "eine Tragik, die im Diesseits wurzelt, aber nur im Jenseits aufgelöst werden kann." Dazu ist Blunts "Sample-Liste lang und enthält mit Pink Floyd, Sade oder Fleetwood Mac Anleihen bei den unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen. ... "Irgendwo zwischen Rap, Trip Hop, Hypnagogic Pop, Psychedelic Rock und Folk entwickelt er Sounds, die bereits vertraute Elemente enthalten, aber doch immer wieder von Verletzlichkeit und Wagnis statt von bequemer Selbstgefälligkeit und Stillstand zeugen." Wir hören rein:



Besprochen werden Evgeny Kissins Auftritt in Salzburg (Standard, online nachgereicht von der FAZ), die Ausstellung "Bone Music" in der Berliner Villa Heike mit auf Röntgenaufnahmen gepressten, illegalen Schallplattenkopien aus der Sowjetunion (taz), das neue Album von Yola (Standard), das Konzert des Orquestra del Lyceum de la Habana im Rahmen von Young Euro Classic (Tagesspiegel), das gemeinsame Album "Bo Jackson" von Boldy James und The Alchemist (Pitchfork) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Wagner-Aufnahme von Hans Werner Henze (SZ).
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