Efeu - Die Kulturrundschau

Wie unbekannt das Leben ist

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2021. Die taz feiert mit dem Centre Pompidou in Metz die Kulturgeschichte des Aufblasbaren. Die SZ lässt sich von Anne Nguyens "Underdogs" beim Tanz im August K.O. schlagen. Außerdem gratuliert sie dem Filmplakat-Gestater Joseph Caroff zum Hundertsten. Critic.de berichtet in "ergriffener Verdatterung" vom Festival "Il Cinema Ritrovato" in Bologna. Und der Guardian erkennt in einer "Tokio"-Ausstellung in Oxford: Mondgestalten und Feuerwerke leuchten im Holzschnitt explosiver als in der Fotografie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2021 finden Sie hier

Kunst

Keine Tokio ohne Kirschblüte: Aida Makotos "Uguisudani-zu", 1990. Bild: Ashmolean Museum

Hin und weg ist
Laura Cumming im Observer von der Schau "Tokio" im Ashmolean Museum in Oxford, die japanische Kunst vom Holzschnitt übers Aquarell bis zur hyperrealistischen Straßenfotografie von Mika Ninagawa zusammenfügt: "Doch die Drucke übertreffen fast immer die fotografischen Wahrheiten. Es gibt sogar einen gezielten Vergleich in der Schwarzweiß-Aufnahme einer modernen Prostituierten, die unter dem vergrößerten Holzschnitt einer Kurtisane sitzt. Nur das blasse Gesicht auf dem Holzschnitt vermittelt die absolute Isolation der Frauen - eine Mondgestalt, die in der äußeren Dunkelheit umherschwebt. Dieses Abbild der Welt ist so einzigartig, dass jeder Druck in dieser Ausstellung den Betrachter stärker in die Szene hineinzieht und man versucht herauszufinden, wie der Grafiker all diese Sonnenschirme ohne Wiederholung nummeriert hat, wie die Schneeflocken auf den Dächern Tokios zu schmelzen scheinen, wie das ferne Feuerwerk sich für das Auge so viel explosiver liest, als man es von drei scharlachroten Spiralen auf papierweißem Grund erwarten könnte."

Besprochen werden Lois-Weinberger-Ausstellung "Basics" im Wiener Belvedere (SZ) und die Schau "Verschwundene Landschaften" der 86-jährigen Düsseldorfer Fotografin und Weltreisenden Ursula Schulz-Dornburg im Aedes Architekturforum in Berlin (SZ).
Archiv: Kunst

Design

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Centre Pompidou-Metz (@centrepompidoumetz_)

Im Centre-Pompidou-Ableger in Metz widmet sich die Ausstellung "Aerodream" (allerdings nur noch bis nächste Woche) der Aufbruchstimmung, die mit der Erfindung von Plastik und anderen polymeren Werkstoffen einher ging. Erst die Ölkrise in den Siebzigern ließ da buchstäblich die Luft raus, lernt man, denn es geht in dieser Ausstellung insbesondere um "die Kulturgeschichte des Aufblasbaren in der Industriegesellschaft" und das "Phänomen der pneumatischen Strukturen als dem angesagten Zukunftsmedium", schreibt Renata Stih in der taz. "Design war von eminenter Bedeutung für den neuen Lebensstil und der Blow Chair, der bunte, transparente, aufblasbare Sessel von Lomazzi, D'Urbino und De Pas (1967) war das erste industriell hergestellte Möbel dieser Art. Er passte auch in kleine Wohnungen - die Luft konnte einfach abgelassen, das Objekt leicht verstaut werden. Auch in Werbung und Film wurde dieser neue Lebensstil propagiert."
Archiv: Design

Bühne

Anne Ngueyens "Underdog" beim Tanz im August. Foto: Patrick Berger

Bisher ist alles gut gegangen beim Festival Tanz im August, freut sich Dorion Weickmann in der SZ, bemerkt aber auch, dass unter freiem Himmel andere Regeln gelten als im Theaterhaus: "Das Freiluftlabor funktioniert wie ein Lackmustest: Ästhetische Luftigkeit vaporisiert dort blitzschnell, streng durchkomponierte Choreografien gewinnen dagegen an Attraktivität und Substanz. In diesem Sinn erwies sich Anne Nguyens 'Underdogs' in der lauschigen Freilichtbühne Weißensee als Auftakt nach Maß ... 2005 aus den Martial Arts in den Tanz eingewandert, zählt Nguyen zur Avantgarde des Fachs. Ihre ebenso sinnlichen wie sensitiven Inszenierungen berauschen das Publikum bis zum kollektiven Knock-out."
Anzeige
Archiv: Bühne

Literatur

In der Dante-Reihe der FAZ erklärt Ann-Cathrin Harders wie aus der Hetäre Thais eine Romanfigur wurde. Lothar Müller schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Kurt Wölfel.

Besprochen werden unter anderem Yassin Musharbashs "Russische Botschaften" (taz), James Baldwins "Ein anderes Land" (NZZ), Georg Kleins "Bruder aller Bilder" (online nachgereicht von der Welt), Anne Boyers "Die Unsterblichen" (Jungle World), Blai Bonets "Das Meer" (SZ) und Hervé Le Telliers in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnter Roman "Die Anomalie" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Le Tellier, Herve

Film

Ein Traum in Cinemascope und Ferraniacolor: "L'Impero del Sole" von 1955

Das critic.de-Team berichtet in Notizen von seinen schönsten Fundstücken beim filmhistorischen "Cinema Ritrovato"-Festival in Bologna. "Der eine Film, für den allein schon die Reise nach Italien sich gelohnt hätte", schreibt etwa Rainer Knepperges, "war der unvorstellbar schöne 'L'impero del Sole' (1955) von Enrico Gras und Mario Craveri. Was der Reisefilm quer durch Peru in Cinemascope und Ferraniacolor zu bewirken vermag, ist ergriffene Verdatterung. Wie wenig man weiß; wie grandios, wie grausam, wie unbekannt das Leben ist."

Versperrte Aussichtslosigkeit: Joe Caroffs "West Side Story"-Plakat

Gerhard Matzig gratuliert in der SZ dem Grafikdesigner Joe Caroff zum hundertsten Geburtstag. Caroff zeichnete nicht nur für zahlreiche Ikonen der Filmplakatkunst verantwortlich, sondern entwarf einst auch das 007-Logo, das ihm gerade mal magere 300 Dollar eingebracht hat. "Er ist der kongeniale Schöpfer von Bildwelten, die die Moderne geprägt haben", schreibt Matzig. "Jede gute Grafik ist wie jeder gute Film und jedes gute Buch eben auch ein Motor des Sinnlichen und ein Treibriemen der Emotionen."

Weitere Artikel: Katrin Hillgruber spricht für den Tagesspiegel mit der polnischen Filmemacherin Małgorzata Szumowska über deren neue, auch auf ZeitOnline besprochene Satire "Der Masseur". Andrey Arnold spricht für die Presse mit dem Regisseur Pietro Marcello über seine Jack-London-Verfilmung "Martin Eden". In Paris hat das Georges-Méliès-Museum wiedereröffnet, berichtet Marc Zitzmann in einem online nachgereichten FAZ-Artikel. Andrea Diener amüsiert sich in der FAZ mit nestflix.fun, einem Portal, das allen fiktiven Filmen und Serien, die in echten Filmen und Serien Erwähnung finden, ein Zuhause bietet.

Besprochen werden Emerald Fennells "Promising Young Women" mit Carey Mulligan (Tagesspiegel) und Ferdinando Cito Filomarinos auf Netflix gezeigter Thriller "Beckett" (taz).
Archiv: Film

Musik

Daniel Gerhardt beißt die Zähne zusammen und schmeißt sich für ZeitOnline in die neuen Alben von Mark Forster, Clueso und Co, die zwar vorgeben deutsche Popmusik zu spielen. Allerdings entpuppt sich diese doch sehr rasch als camouflierter Schlager: Zu hören gibt es "Popsongs, an denen die Erfindung der Popmusik auf paradoxe Weise vorbeigegangen ist. Fernweh, Heimweh, Kernfamilie, Sentimentalität und Ewigkeit: All das gab es genauso keusch und genügsam schon im Schlager der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre. ... Häufig wird die deutsche Popmusik deshalb als unpolitisch bezeichnet, aber eigentlich ist sie eher unpoppig. Fixiert auf einen Erfahrungshorizont zwischen 'wird schon' und 'weiter so', geprägt von einer Bocklosigkeit auf Gegenwart, die man sonst nur aus dem Mittelalter-Metal kennt oder dem Wahlkampf von Armin Laschet."

80 Jahre Riccardo Muti, nahezu durchgehend 50 Jahre Präsenz bei den Salzburger Festspielen: Mit Beethovens "Missa Solemnis" - ein Werk, vor dem er bis dahin "zu große Ehrfurcht" hatte - und gemeinsam mit dem Wiener Staatsopernchor und den Wiener Philharmonikern feierte der Dirigent nun dieses Doppeljubiläum. Die Solisten waren allesamt hervorragend, schreibt Michael Stallknecht in der SZ, doch "Mutis Blick auf Beethoven bleibt enttäuschend schematisch, klanglich undifferenziert, im Zusammenspiel des Ensembles oft auch schlicht unpräzise". Sehr zufrieden war dagegen FAZ-Kritikerin Lotte Thaler: "Für die Vermittlung von Extremen ist Muti ein Meister, so, wie wir es auch aus seinen Aufführungen von Verdis 'Requiem' kennen: Monumentalität, wo es kompositorisch gewollt ist, und höchste Verinnerlichung lösen einander im dichten Wechsel ab. Dazu die kantable Auflichtung in kontrapunktischen Verschlingungen, wobei Sopran und Tenor belcantistischen Glanz verströmten." Einen Mitschnitt des Abends gibt es übrigens auf Arte.

Weitere Artikel: Kirsten Liese berichtet im Tagesspiegel vom Davos Festival. Besprochen werden Prince' posthumes, aber bereits 2011 aufgenommenes Album "Welcome 2 America" ("Was zu Hölle? Warum hielt er das zurück", fragt sich ein völlig verblüffter Alexis Petridis im Freitag), ein Salzburger Chopin-Abend von Maurizio Pollini (Standard), das neue Album der Killers (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein Album von GA-20 mit Coverversionen des Blueshelden Hound Dog Taylor ("ein Akt der Liebe", schreibt SZ-Popkolumnist Max Fellmann). Wir hören rein:

Archiv: Musik