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Efeu - Die Kulturrundschau

Sonne, Zitrusfrüchte und Vergnügen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2020. Die FAZ probiert den nussbaumfarbenen Maßanzug des neuen Berliner Flughafens an und findet: sitzt perfekt. Mit Dario Calmese durfte der erste schwarze Fotograf nach über hundert Jahren das Vanity-Fair-Cover schießen, verkündet die taz und blickt auf den Rassismus in der Modeindustrie. Die Musikkritiker lauschen dem Schweigen dicker Käuze, wenn Taylor Swift mit Bon Iver im Wald singt. In der FR beklagt Thomas Oberender den "kolonialen Gestus" der Wessis im Osten. In der Welt erzählt Lauren Groff, wie schlecht Corona dem hedonistischen Florida bekommt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2020 finden Sie hier

Architektur

Falk Jaeger kann es in der FAZ kaum glauben, aber Berlins neuer Flughafen ist zumindest architektonisch eine "perfekt konzipierte, perfekt konstruierte Maschine", meint er. Die Architekten von gmp schneiderten einen "seriösen Maßanzug" und machten den Bau zum "charakteristischen Tor zu Brandenburg und Berlin", deshalb verweise die Architektur "mit ihren Pfeilerarkaden und der gläsernen Halle auf den Klassizismus in Potsdam und Berlin, auf die Museumsinsel und auf die Neue Nationalgalerie; Lenné, Schinkel und Mies van der Rohe sind die geistigen Väter des Ensembles." Auch das Innere des Terminals erscheint Jaeger geordnet: "Es gibt ein ausgeklügeltes Rastersystem, dem alle Bauglieder gehorchen. (…) Dieses sicht- und spürbare System sorgt für optische Beruhigung, erleichtert intuitives Erfassen der Räumlichkeiten und Orientierung. Zurückhaltend elegantes Design prägt die Atmosphäre, alles ist in gedeckten (manche sagen: langweiligen) Farben gehalten: Wände weiß oder in Nussbaum, Einbauten in Nussbaum, Tragwerk stahlgrau, Böden aus Muschelkalk, Jura oder Granit."

Die von Rem Koolhaas kuratierte Schau "Countryside, the Future" im New Yorker Guggenheim Museum betrachtet die neue Ästhetik, die auf dem Land entsteht. (Unser Resümee) Sabine von Fischer hat in der NZZ mit Koolhaas und Jacques Herzog über die politische Vernachlässigung des ländlichen Raums gesprochen. Herzog warnt: "Riesige Industrieanlagen, die sich in ehemals unberührten Landschaften ausbreiten, machen uns Angst, vor allem wenn sie ohne die Anwesenheit von Menschen zu funktionieren scheinen. Noch beängstigender sind die fehlende Regulierung solcher Unternehmen durch die Regierungen und die Frage des Landbesitzes. Wir haben die Kontrolle verloren, nicht als Architekten, sondern als Gesellschaft insgesamt. Wem gehört das Land? In den Städten sind wir daran gewöhnt, dass Grundstücke im Besitz von Privatpersonen, Familien, Unternehmen oder der Regierung sind. Außerhalb der Städte sind die Eigentumsverhältnisse jedoch weit weniger transparent - oft ist der Boden in den Händen riesiger Immobilientreuhandgesellschaften und sogar fremder Staaten."

Weiteres: Im Guardian rauft sich Oliver Wainwright die Haare über die Pläne der britischen Regierung, ehemalige Büros, Geschäfte und Lagerhäuser in Wohnungen umzuwandeln und so neue "Slums" zu schaffen.
Archiv: Architektur

Kunst

Erstmals seit der Gründung im Jahr 1913 machte mit Dario Calmese ein schwarzer Fotograf das Cover-Foto für die Vanity Fair, auch die amerikanische Vogue ließ mit Tyler Mitchell vor zwei Jahren erstmalig einen schwarzen Fotografen das Coverfoto schießen, weiß Verena Harzer in der taz: "Die Glamourwelt der großen Modemagazine blieb lange Zeit ein closed shop für Afroamerikaner. Beverly Johnson war das erste schwarze Model, das 1974 auf dem Cover eines großen Modemagazins erschien, dem der Vogue. Nur ihr britischer Ableger war damals früher dran. British Vogue hatte bereits 1966 mit Donyale Luna ein schwarzes Model auf dem Cover. Nase und Mund allerdings hinter der Hand versteckt - um sie weniger schwarz aussehen zu lassen, vermutet das Magazin The Cut. Johnson schreibt im Guardian Anfang dieses Jahres, wie allein sie sich damals gefühlt habe. Ihre Bitte, schwarze Fotografen, Make-up-Künstler oder Hairstylisten einzustellen, sei brüsk zurückgewiesen worden. 'Rassismus nicht anzusprechen war damals und ist immer noch der Preis, den man für die Aufnahme in die Modeindustrie bezahlen musste', schrieb sie."

Die beste moderne Kunst wurde immer in Krisenzeiten geschaffen, hält Jonathan Jones im Guardian nach einem Besuch in der wiedereröffneten Tate Modern fest. Schaudernd betrachtet er etwa Andy Warhols Siebdruck-Serie Pink Race Riot (Red Race Riot) von 1963: "Sie zeigen, wie die Polizei von Alabama Hunde auf Bürgerrechts-Demonstranten hetzt. Warhol zeigt schwarze Demonstranten, die wiederholt von Hunden gebissen werden. Auf wessen Seite steht er? Warum hat er diese Polizeibrutalität einen 'Rassenaufstand' genannt? Doch dann bemerkt man die verstörten Gesichter der Beobachter und die fast dämonische Haltung der Polizisten. Seine Objektivität macht dies zu einem bewegenden und wahren Gemälde der amerikanischen Geschichte."

Weiteres: Im Tagesspiegel feiert Bernhard Schulz das hundertjährige Bestehen der Kunstsammlungen Chemnitz. Im taz-Interview mit Tilman Baumgärtel spricht der Künstler Timm Ulrichs über sein Werk, den Kunstmarkt und die aktuelle Ausstellung "Ich, Gott und die Welt" im Haus am Lützowplatz. Besprochen wird die Ausstellung "Peter Paul Rubens und der Barock im Norden" im Paderborner Diözesanmuseum (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Die US-Schriftstellerin Lauren Groff berichtet in der Literarischen Welt, wie sie aus Florida nach New Hampshire floh - nicht etwa wegen des Corona-Lockdowns, sondern gerade davor, dass der US-Bundesstaat den Lockdown lockerte. Im Norden beobachteten sie und ihre Mann dann "mit wachsender Verzweiflung, wie die Infektionszahlen in Florida in die Höhe schossen. ... Florida ist auf einem unbeschwerten Hedonismus gegründet, ein Ort, von Anfang an dazu gedacht, den Hunger von Menschen zu stillen, die von anderswo kommen und sich nach Sonne, Zitrusfrüchten und Vergnügen sehnen. An hedonistischen Orten aber ist der Libertarismus stark, es herrscht das Gefühl vor, dass die Wünsche des Einzelnen die Bedürfnisse der Vielen überwiegen."

Weitere Artikel: Die NZZ bringt Auszüge aus Aurelia Wylezynskas im besetzen Warschau des Jahres 1939 entstandenem (und an dieser Stelle von Martin Sander näher kommentiertem) Tagebuch. In einem großen Essay für die "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline umkreist die Schriftstellerin Rebecca Maria Salentin Fragen nach ihrer Identität zwischen jüdischen und christlichen Wurzeln. Lutz Herden erinnert im Freitag an Thomas Mann Entscheidungsfindung im Jahr 1935, ob er ins Exil gehen soll oder nicht. Im Literaturfeature für Dlf Kultur wirft Johannes Kaiser einen Blick in die Welt der neuseeländischen Literatur. Der Autor Reto Hänny erinnert in der NZZ an den rätoromanischen Schriftsteller Cla Biert, der vor 100 Jahren geboren wurde. Im Literarischen Leben der FAZ feiert Jochen Hieber die Frankfurter Ausgabe der "Sämtlichen Werke" Hölderlins.

Besprochen werden unter anderem Uli Oesterles Comic "Vatermilch" (taz), Meena Kandasamys "Schläge" (taz), Tobias Schwartz' "Vogelpark" (Tagesspiegel), zwei neue Bücher von Dave Eggers (taz), Bernhard Schlinks Erzählband "Abschiedsfarben" (Tagesspiegel), Alphonse Karrs "Reise um meinen Garten" (Literarische Welt), der von Katharina Raabe und Frank Wegner herausgegebene Band "Warum lesen" (SZ) und Sujata Bhatts Lyrikband "Die Stinkrose" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Die Diversitätspolitik der Filmförderung gehe fehl, meint Rüdiger Suchsland in seiner "Cinema Moralia"-Kolumne bei Artechock: Das ästhetische Feld Kino werde hier zum sozialen umgemodelt, doch "wenn wir sagen: Kino ist ein politischer Raum, dann ist gemeint, dass das Kino eine Arena ist. Eine Arena, in der gestritten wird, nicht etwa eine Arena, die irgendetwas repräsentiert, was angeblich von der Gesellschaft akzeptiert und ausgehandelt wurde - nein, es ist selbst der Ort dieses Aushandelns."

Die Social-Media-Kontroverse um die "Schwarze Füß'"-Szene aus dem ersten Otto-Film (mehr dazu hier und dort) geht auch nach Michael Wurmitzers im Standard dargelegter Ansicht fehl. Der Witz gehe gerade nicht auf Kosten der Schwarzen Figur, sondern auf Kosten der Situation als solcher: "Der Film reflektiert den dargestellten und für seine Witze missbrauchten Rassismus. ... Dass den Machern Rassismus als Problem bewusst ist, zeigt sich auch eine Szene später, in der Otto in einer Motorradbar gefragt wird, wie ein Eskimo pinkle. Als der Rocker daraufhin Eiswürfel fallen lässt und Otto losprustet, erntet er Schelte, der Witz sei "rassistisch'. Die Szene ist also differenziert zu sehen und trotzdem aus der Zeit gefallen. So kann man nicht mehr mit Rassismus umgehen, der Diskurs ist weiter, ernster."

Weitere Artikel: Dunja Bialas (Artechock) und Sofia Glasl (Filmdienst) sprechen mit der Filmemacherin Uisenma Borchu über deren Film "Schwarze Milch" (unsere Kritik). Ohne das große Hollywoodkino, dessen Tentpole-Filme gerade einer nach dem anderen weiter verschoben und verschoben werden, sieht die Zukunft für die deutschen Kinomacher ziemlich trübe aus, schreibt Tobias Kniebe in der SZ.

Besprochen werden Roberto Minvervinis Dokumentarfilm "What You Gonna Do When The World's on Fire?" (Artechock, Zeit, mehr dazu bereits hier) und das Sportlerdrama "Out of Play" mit Ben Affleck (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Bühne

Im FR-Interview mit Markus Decker spricht Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele ostdeutscher Herkunft, über ostdeutsche Selbstermächtigung, die AfD und den "kolonialen Gestus der westdeutsch dominierten Politik und Medien": "Wichtige Bausteine kommen in der Erzählung der gesamtdeutschen Vereinigungsgeschichte nicht vor, und diese Puzzle-Teile müssen wir mit Farbe bedrucken und einfügen. Dazu gehört auch die Behandlung der ehemaligen DDR als eine Art Entwicklungsland. Die Entwicklungshelfer waren Westdeutsche mit ihrer 'Buschzulage' für den Einsatz im Osten. Diese Normalsicht unterschlägt, dass die Ostdeutschen sich mit ihrer Revolution von ihrer Diktatur selbst befreit haben, es eine breite demokratische Mobilisierung gab, mit eigenen Vorstellungen von einer anderen Zukunft. Die sind mit dem Beitritt zur Bundesrepublik größtenteils im Nichts verlaufen."

Weiteres: In seinen Strukturen ist das Theater eine der "letzten autokratischen, patriarchalischen, spätfeudalistischen Bastionen", schreibt Christine Dössel in der SZ mit Blick auf die Kritik am Führungsstil Peter Spuhlers, dem Generalintendanten am Badischen Staatstheater, dem Kontrollzwang, Misstrauen und cholerische Ausfälle vorgeworfen werden. Im Freitag berichtet Björn Hayer, wie das von Rimini Protokoll geplante Backstage-Theater an der Kurzarbeit scheiterte.

Besprochen wird die virtuelle Ausstellung "Kolonialismus und Figurentheater. Die Fäden entwirren" des Lübecker Figurentheatermuseums (taz) und die Ausstellung "Das große Welttheater" zum hundertjährigen Bestehen der Salzburger Festspiele im Salzburg-Museum (Standard) und Jens Schmidls Shakespeare-Inszenierung "Sturm" im Globe Berlin (Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne

Musik



Am Donnerstag überraschend angekündigt, am Freitagmorgen schon veröffentlicht: Taylor Swift hat den Corona-Lockdown für die Produktion eines neuen Albums genutzt. Ein gemütliches Werbe-Album für Strickjacken (siehe Video oben) sei "Folklore" geworden, meint Juliane Liebert in der SZ: "Mit an Bord sind Bon Iver und die Brüder von The National. Das hört man auch. Es pluckert so vor sich hin. Ab und zu schaut mal eine Geige vorbei, schließlich sind wir im Wald. Swifts Wald klingt zwar nahbar und warm, aber so edel, dass sich ein etwas zu dicker Kauz mit zerzaustem Gefieder in diesem Wald vermutlich nicht trauen würde zu rufen." (siehe Video unten)

Auch Tagesspiegel-Kritiker Jochen Overbeck hat den Eindruck "einer gewissen Waldhüttenhaftigkeit" und sieht nach Smiths zwischenzeitigen Großpop-Eskapaden hier eine Rückkehr zu den alten Countrytagen der Musikerin vorliegen. Nadja Dilger mag das Gefühlig-Intime dieses Albums eigentlich ganz gern, schreibt sie in der Berliner Zeitung - nur etwas schade, dass Swift auf Instagram sich zwar politisch positioniert, aber "auf dem Album beim Persönlichen bleibt." Völlig hingerissen sind die FAZ-Kritikerinnen Julia Anton und Johanna Dürrholz: "Aus der Queen of Break-Up-Songs ist längst die Königin der Lovesongs geworden. Und gibt es etwas Schöneres und Herzzerreißenderes als ein Liebeslied, das gut ausgeht?"



Auf der Seite Drei der SZ erinnert Andrian Kreye daran, wie ein 16-Jähriger namens Danny Scher 1968 Thelonious Monk für ein Konzert (dessen Aufnahme demnächst veröffentlicht wird) nach Palo Alto holte - und zwar gegen alle Widerstände, wie Scher im Skype-Interview verrät: "Als ich in East Palo Alto Plakate aufhängte, um unser Schulkonzert mit Monk anzukündigen, hielt mich die Polizei auf und sagte, ich solle bloß nach Hause verschwinden." Doch dann "'saßen all diese schwarzen und weißen Kids zusammen, und für einen Nachmittag gab es keine Spannungen, keine Probleme', sagt Scher. 'Man hört das auf der Aufnahme ganz am Anfang. Das war kein höflicher Applaus.' Das war die Entladung im Jubel."

Weiteres: Christian Schachinger blickt (wie kürzlich auch Eamonn Forde auf The Quietus) im Standard zurück auf 25 Jahre MP3. Peter Uehling wirft für die Berliner Zeitung einen Blick in die Berliner Klassikszene, die sich auf Lockerungen für den Herbst einstellt. Cecilia Bartoli gratuliert in der FAZ dem Musikkritiker Jürgen Kesting zum 80. Geburtstag. Sean Kitching schreibt für The Quietus einen großen Nachruf auf den Cardiacs-Frontmann Tim Smith. Wir hören uns nochmal das schöne Stück "Foundling" an:



Besprochen werden neue Alben von Howling (Berliner Zeitung) und Jessy Lanza (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik