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Efeu - Die Kulturrundschau

Flach aufs Gesicht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2019. In der New York Times hält Martin Scorsese den Ärger der Marvel-Fans aus und erklärt den Franchise-Film zum Totengräber des Kinos. Die taz besingt das britische Theaterkollektiv Forced Entertainment. Die FAZ berichtet von der Moskau Biennale, auf der Geld und Grobheit den Ton angeben. Zeit Online erklärt der Modewelt, dass Diversität mehr ist als nur ein Trend. Und Elfriede Jelinek springt Peter Handke zur Seite: Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als einzige in die andre.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2019 finden Sie hier

Bühne

Forced Entertainment beim Spielart-Festival in München. Foto: Hugo Glendinning

In der taz feiert Sabine Leucht das britische Theaterkollektiv Forced Entertainment, das beim Münchner Spielart-Festival sein Stück "Speak Bitterness" zeigte, als die Helden des postdramatischen Theaters, die in ihren unhierarchischen Performances höchste Virtuosität mit minutiöser Planung verbinden: "Über die Lust seines Kollektivs auf die performative Langstrecke hat Tim Etchells, als sie 2016 mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet wurden, gegenüber dem Guardian Auskunft gegeben: 'Du wirst blöder, langsamer; du verlierst die Selbstkontrolle. Und gleichzeitig wirst du offener für verschiedene Energien und Impulse … Und es entsteht eine besondere Art der Verletzlichkeit. Leute sehen dir dabei zu, wie du richtig brillante Momente hast. Und sie sehen auch, wie du flach aufs Gesicht fällst.' Diese Verletzlichkeit, die permanente Möglichkeit des Scheiterns, ja die Feier desselben machen Forced Entertainment aus." Und nicht zu vergessen das wunderbare Englisch!

Als besten Halloween -Trash lässt sich auch Peter Laudenbach in der SZ Yael Ronen schrille Inszenierung "Rewitching Europe" gefallen, in dem Greta Thunberg am Marterpfahl aus die Vereinten Nationen beschwört: "Die ganze Inszenierung lässt sich als Racheakt für die ermordeten Frauen lesen, Dissidentinnen des Patriarchats, mit deren Foltertod, so suggeriert es das Stück, nicht nur die männliche Vorherrschaft gesichert, sondern auch jede Menge magisches, spezifisch weibliches Wissen ausgemerzt wurde. Dagegen hilft dann nur die Beschwörung einer Rückkehr der Hexen, eben das im Stücktitel angedrohte oder ersehnte 'Rewitching' Europas." Das Feuer, frohlockt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung, ergibt sich ganz von selbst bei dieser Empowerment-Show.

Weiteres: Der Dramaturg Stefan Bläske schickt der Nachtkritik einen Brief vom Theaterfestival in Wuzhen, wo allerdings eher die Tradition als die Emanzipation zelebriert werde: "Offeneres Denken, offenere Formate finden sich auf den kleinen Bühnen." In der FR schreibt Peter Iden zum Tod des Regisseurs Johannes Schaaf.

Besprochen werden György Ligetis "Le Grand Macabre" an der Dresdner Semperoper unter der Regie von Calixto Bieito und mit Dirigent Omer Meir Wellber am Pult (als sehr hintersinnig lobt SZ-Kritiker Helmut Mauró die Inszenierung), Händels Oratorium "Belshazzar" an der Oper Zürich (NZZ), Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in Frankfurt (grandios findet FR-Kritikerin Judith von Sternburg die Musik, "triumphal" FAZ-Kritiker Jan Brachmann die Sopranistin Anja Kampe, NMZ), Wagners "Lohengrin in der Salzburger Felsenreitschule (Standard) und Penelope Skinners "Linda" in Düsseldorf (Nachtkritik, FAZ).
Archiv: Bühne

Film

Sind Marvelfilme Kino im cinephilen Sinn? Nein, sagte Martin Scorsese kürzlich in einem Interview und erntete dafür einen veritablen Shitstorm von Marvel-Fans und Marvel-Regisseuren. In der New York Times bekräftigt er seine Position jetzt: Die ewige Wiederkehr des Immergleichen in den Marvel-Superheldenfilmen sei meilenweit von dem entfernt, was ihn und seine Weggefährten einst am Kino reizte: Charakterentwicklungen und neue Ausdrucksweisen. Und: "An vielen Orten in diesem Land und auf der ganzen Welt sind Franchise-Filme heutzutage die primäre Wahl, wenn man etwas auf einer großen Leinwand sehen will. Es ist eine riskante Zeit, wenn man Filme vorführen will, und es gibt weniger unabhängige Kinos denn je. Die Gleichung hat sich in ihr Gegenteil verkehrt: Streaming ist jetzt das primäre Distributionssystem. Und doch kenne ich keinen einzigen Filmemacher, der seine Filme nicht für die große Leinwand drehen will ... Es ist die Frage nach der Henne und dem Ei. Setzt man den Leuten nur eine einzige Sache vor und verkauft man ihnen immer wieder nur diese eine Sache, dann werden sie von dieser einen Sache natürlich mehr haben wollen."



Fabian Tietke berichtet in der taz vom Festival DOK.Leipzig, wo sich vor allem die kurzen Filme von ihrer Glanzseite zeigten, "während vor allem die vom Fernsehen koproduzierten Anderhalbstünder zunehmend durchformatiert wirken." Sehr beeindruckend war allerdings Ute Adamczewskis mit dem Preis des deutschen Wettbewerbs ausgezeichneter Film "Zustand und Gelände", der "Bilder aus dem Sachsen der Gegenwart mit einem Audiokommentar verdichtet, in dem die Regisseurin schriftliche Zeugnisse aus der Verfolgung Andersdenkender in der Frühzeit des Nationalsozialismus liest. ... Die Kombination der Alltagsbilder und der Zeugnisse der Gewalt im Audiokommentar zeichnen eine schleichende Brutalisierung nach. Die Reise durch das Bundesland wird zu einer Spurensuche, die die Allgegenwart nationalsozialistischer Gewalt sichtbar macht." Der oben eingebundene Trailer vermittelt einen ersten Eindruck. Im Freitag erinnert Jutta Voigt an den Festivaljahrgang im Wendeherbst '89.
Archiv: Film

Literatur

Das Nachrichtenportal news.at zitiert Elfriede Jelinek zur Handke-Kontroverse: Der Schriftsteller habe "den Nobelpreis zehnmal verdient. Man müsste sonst einem antisemitischen Ungeheuer wie Céline jeden literarischen Rang absprechen, und er ist doch zweifellos einer der Bedeutendsten. ... Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als einzige in die andre, das ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, auch wenn ihnen dabei noch so viele entgegenkommen, die keineswegs entgegenkommend zu ihnen sind. Das muss man dann halt aushalten."

Paul Jandl von der NZZ findet sich mit der Handke-Debatte der letzten Wochen in der "Ambivalenzfalle" wieder. "Wir sitzen so tief in der Falle, dass schon diese Formel wie eine Verharmlosung wirken kann. In welcher Rolle hat Handke seine Jugoslawienbücher geschrieben und unsägliche Dinge in die Mikrofone gesagt? Darf ein Rest an Ambivalenz bleiben? ... Natürlich, die Literatur selbst lebt von der Mehrdeutigkeit. Für sie ist das Ambivalente kein lästiges Nebenprodukt auf dem Weg zur Erkenntnis. Voller Absicht vervielfacht sie den Sinn mit den Mitteln der Sprache. Die Literatur ist mehrdeutig, um die Komplexität der Erfahrungen, die wir mit uns selbst, mit den anderen und der Welt machen, auch nur einigermaßen abzubilden." Was den Betroffenen und Überlebenden der Massaker, zu denen Handke eine ambivalente Haltung empfiehlt, allerdings wenig Trost spenden dürfte.

Der Prix Goncourt geht in diesem Jahr an den Autor Jean-Paul Dubois für seinen Roman "Tous les hommes n'habitent pas le monde de la même façon" (Nicht alle Menschen bewohnen die Welt auf gleiche Weise), wie unter anderem die FAZ meldet. In Libération zeigt sich Claire Devarrieux mäßig begeistert. Offenbar hat sich Dubois mit nur sechs zu vier Stimmen gegen Amélie Nothomb durchgesetzt: "Aber man darf sich nicht beklagen, dass der Pries an Dubois' zweiundzwanzigsten Buch geht, denn der Roman ist bewegend."

Weiteres: Die Literaturwissenschaftlerin und Romanautorin Elif Batuman liest für die New York Times noch einmal Edith Whartons "Zeit der Unschuld". "Maigrets Körpergefühl ist der verlässliche Seismograf für den Status der Ermittlungen", hält Andreas Bernard in der Zeit nach der erneuten Lektüre von Georges Simenons gerade in einer neuen Edition erscheinenden Maigret-Krimis fest. Im Freitag berichtet die Essayistin Irmtraud Gutschke von ihrer Reise nach Russland. Paul Jandl (NZZ), Mathias Schnitzler (Berliner Zeitung) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schriftsteller Ernst Augustin. Der Standard meldet, dass der Österreichische Buchpreis an den Schriftsteller Norbert Gstrein geht. Die Agenturen melden, dass der Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan unter Auflagen aus der türkischen Haft entlassen wurde.

Besprochen werden unter anderem Yevgenia Belorusets' "Glückliche Fälle" (NZZ), Philipp Tinglers "Rate, wer zum Essen bleibt" (NZZ), Michael Donkors Debütroman "Halt" (SZ) und Martin Michael Driessens Erzählungsband "An den Flüssen" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Kunst

Es gibt noch relevante Kunst in Russland, versichert Kerstin Holm, das Österreichische Kulturforum in Moskau zeigt sie oder das Privatmuseum "Art4" des Galeristen Marat Guelman. Aber nicht die gerade eröffnete, mit immensen Summen gesponsorte Moskau Biennale: "Ein gutes Dutzend ausländischer Teilnehmer der vorigen Biennale sowie etliche russische Mitarbeiter erklärten in einem offenen Brief, dass sie vereinbarte Vergütungen nicht erhalten hätten und von der Chefin der Biennale, Julia Musykantskaja, unerträglich grob behandelt worden seien. Musykantskaja, die die jetzige Kunstschau mit 1,2 Millionen Euro vom Kulturministerium und ungenannten Sponsorenbudgets organisiert hat, wies die Vorwürfe zurück und drohte gerichtliche Schritte an. Was vom Biennale-Kurator, dem Bühnenkünstler Dmitri Tschernjakow versammelt wurde, ist freilich eher ein Schaulaufen gestandener Klassiker von Valie Export bis Neo Rauch, wobei der Löwenanteil der westlichen Werke der Wiener Albertina entstammt. Dazu kommt ein kräftiger Schuss Orientglamour, verkörpert durch Leyla Aliyeva, Tochter des Präsidenten von Aserbaidschan, die sich als Künstlerin feiern ließ."

Besprochen werden eine Ausstellung über die Bildhauerin Emy Roeder im Georg Kolbe Museum (Tsp) Trevor Paglens Schau "From Apple to Anomaly" im Barbican Centre (SZ) und noch einmal die die von Karl Ove Knausgard kuratierte Edvard-Munch-Ausstellung im Düsseldorfer K20 (Standard, mehr hier).
Archiv: Kunst

Design


Der Zukunft zugewandt: Pierre Cardin in Düsseldorf (Archives Pierre Cardin)

Pierre Cardin hat mehr zu bieten als Lidl-Unterhosen, schreibt Donna Schons in der taz nach dem Besuch der Cardin-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast (mehr dazu bereits hier): "Mit exorbitanten Formen, raffinierten Aussparungen und markanten Farben schuf Cardin, der seine Karriere als Bühnen- und Filmschneider begann, Dramatik ohne die leiseste Spur von Ornament." Er "entwarf für die Zukunft - und für die Jugend. Obwohl er bei Christian Dior lernte, verschwendete er keinen Gedanken daran, die eleganten Damen der Rive Droite als Kundinnen zu gewinnen. und gab unumwunden zu, dass seine Entwürfe an Frauen über 30 lächerlich aussähen. Er versah seine Kleider mit der Zielscheibe der Mods und schuf für die Blumenkinder Overalls, deren Brust statt eines Superhelden-Emblems ovale Cut-outs zierten."

Der "Black is back"-Schwerpunkt der Modezeitschrift Elle ist gründlich nach hinten losgegangen: Ist die Einbeziehung schwarzer Menschen etwa nur ein Trend? Darin zeige sich "ein Problem der Modewelt, das in Wahrheit branchenübergreifend ist: die Implementierung von Diversität als Trend", ärgert sich Alisha Mendgen im ZeitMagazin auf. "Ein Plus-Size-Model hier, ein schwarzes Model da, eins mit Gehbehinderung dazwischen - so ist es immer wieder bei den Fashion Weeks im September zu beobachten. Die Modewelt möchte auf der Welle der politischen Korrektheit mitschwimmen. Dabei verliert sie eins aus den Augen: dass die Einbeziehung von schwarzen Menschen kein Trend, sondern eine Kompensation von jahrhundertelanger Ungerechtigkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist. Es ist eine Frage der Gleichberechtigung." Im Dlf Kultur erklärte Robin Droemer, "warum Schwarzsein kein Modetrend ist."

Außerdem in der taz: Tania Martini denkt über die neu ausgerufene Modefarbe Braun nach und Brigitte Werneburg bespricht Julia Burdes Buch "Die Begradigung der Taillenkontur in der Männermode".
Archiv: Design

Musik

Der Jazz häutet sich derzeit, schreibt Tobi Müller in seinem Rückblick auf das Jazzfest Berlin für die Berliner Zeitung: Jazz wird jünger, experimenteller, politisch sensibler - und kollektiver: "Das waren die besten Momente des Jazzfestes: Wenn die Musik von Begegnungen erzählte und das Genie sich im Sozialen entfalten musste, nicht in der Virtuosität des Einzelnen. Dieser Schwerpunkt auf Kollektive kehrte mehrmals wieder. Das KIM Kollektiv, das den oberen Stock der Festspiele installativ bespielte, trägt den Fokus schon im Namen. Die zwei Late Night Labs ließen gleich mehrere Ensembles miteinander reagieren. ... Die Einzelstimme im Jazz ist nicht tot, aber sie beherrscht nicht mehr."

Weiteres: Tagesspiegel-Kritiker Fabian Wolff beobachtet ein Comeback der Countrymusik. In der FAZ spricht Elena Witzeck mit Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray über Sexismus im Deutschrap, worüber sie gerade auch ein Buch veröffentlicht hat. Jan Kedves porträtiert in der SZ die queere Popmusikerin King Princess. Ein aktuelles Video:



Besprochen werden Earl Sweatshirts "Feet of Clay" (Pitchfork), Patti Smiths Auftritt im Pierre-Boulez-Saal (Tagesspiegel) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter "Travellin' Thru: 1967-69", die 15. Ausgabe aus Bob Dylans Bootleg-Serie (SZ).
Archiv: Musik