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Efeu - Die Kulturrundschau

Caesars Baumeister irrte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2019. Als große Analytiker des Alltags feiert die Nachtkritik das Aktionstheater Ensemble und fordert eine Österreicher-Quote in den deutschen Feuilletons. In der taz folgt der Afrikanist Ronald Radano den Spuren afrikanischer Musik ins Berlin des frühen 20. Jahrhundert.  In der Welt hält Hans Kollhoff die Debatte um rechte Räume für totalen Quatsch.  Olivier Assayas' neuer Film "Zwischen den Zeilen" löst recht konträre Reaktionen aus: Die FAZ sieht die Idee des Kinos neu belebt, die taz fühlt sich totgequatscht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2019 finden Sie hier

Film

Quatschen in der Juste-Milieu-Blase: Olivier Assayas "Zwischen den Zeilen"


Reichlich genervt kommt Ekkehard Knörer aus Olivier Assayas' neuem Film "Zwischen den Zeilen", von dessen Literaturbetriebsblasenwelt, in der alle natürlich auch mitunter nicht immer gesellschaftlich als legitim anerkannten Sex haben, sich der taz-Kritiker aufs Unsubtilste totgequatscht fühlt: "Das ist das Setting: superbürgerlich, irgendwas mit Medien und Literatur, zur Not Politik, alle gebildet, alle schrecklich fern von anderen Realitäten, alle in einer justemilieu-natürlich-eher-linken Luxus-Diskurs-Blase gefangen, in der es selbstverständlich scheint, große Wohnungen in Paris und daneben Landhäuser zu besitzen, den neuesten Klatsch mit dem Schwadronieren über Medienumbrüche zu verbinden und 'Das weiße Band' für einen bedeutenden Film zu halten." Die Folge? "Ein Wörterbuch der verfilmten Gemeinplätze".

FAZ-Kritiker Andreas Kilb hingegen schwebt auf Wolke 7 aus dem Saal und fühlt sich von diesem Film vielleicht auch ein kleines bisschen erkannt: "Bei Olivier Assayas liegt das Glück des Zuschauers im Schauen selbst: in dem Gefühl, in jeder Einstellung, jeder Szene in einem Film von heute zu sitzen, in einer Gegenwart, die unserer eigenen bis in die Haarspitzen gleicht. ... Solange Filme wie 'Zwischen den Zeilen' möglich sind, hat die Idee des Kinos noch eine Chance."

Weitere Artikel: Immer mehr Serien befassen sich, zur Freude von ZeitMagazin-Autor Matthias Kalle, mit dem Leben von Teenagern: Diese Serien "sind gerade das Interessanteste, was Streamingdienste anbieten."

Besprochen werden Lee Chang-dongs südkoreanischer Thriller "Burning" (für SZ-Kritiker David Steinitz einer der besten Filme des Jahres), Claire Denis' "High Life" (Jungle World, mehr dazu hier), die Ausstellung "Digital Revolution" im Filmmuseum in Frankfurt (FR) und die Vox-Serie "Das Wichtigste im Leben" mit Jürgen Vogel (Welt, NZZ).
Archiv: Film

Bühne

"Die gelähmte Zivilgesellschaft". Foto: Apollonia Bitzan/Bregenzer Frühling

Warum bitte, fragt Thomas Rothschild in der Nachtkritik begeistert und empört zugleich vom Bregenzer Frühling, sind Martin Gruber und sein Aktionstheater in Deutschland nicht bekannt wie René Pollesch, She She Pop oder Rimini Protokoll? Weil er in Österreich spielt, meint Rothschild und fordert prompt eine Österreicher-Quote in der Rezeption, "die über das Burgtheater hinaus geht": "Die Elemente, mit denen das Aktionstheater Ensemble arbeitet, kann man allesamt auch anderswo auffinden: frontal deklamierte Texte, Montage anstelle von Kontinuität, Verwischung der Grenzen zwischen Rolle und Darsteller*in, Vermeidung von naturalistischer Mimesis und Identifikationsangeboten, choreographierte Arrangements. Einzigartig sind beim Aktionstheater Ensemble die Kombination dieser Elemente und ein untrügliches Gespür für Timing und Rhythmus. Martin Gruber und sein wechselndes Ensemble sind keine 'Experten des Alltags', sondern Analytiker des Alltags und zugleich dezidierte Experten der Kunst. Ihre zugleich sehr unterschiedlichen und stilistisch verwandten Produktionen - im Schnitt zwei pro Jahr - erweisen sich als extrem sinnlich, also entschieden theaterspezifisch."

NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico schickt ihre Eindrücke von den Wiener Festwochen, bei denen Isabelle Huppert die Gesellschaft bestens von den politischen Missgeschicken ablenkte: "Die Festwochen sind der schönste Beweis, dass nur das Leben mit Theater ein Leben ist, das sich lohnt. Zumindest gilt das an der Donau. Als an den Festwochen von 1964 Karl Kraus' Untergangsszenario uraufgeführt werden sollte, spielte die Politik allerdings eine wichtige Rolle: Sie verbot das Stück, da es österreichische Generäle beim Plündern zeigt und einen Militärgeistlichen eine Mörser-Detonation mit 'Bumsti!' kommentieren lässt. 'Bumsti!' sagt man jetzt an den diesjährigen Wiener Festwochen."

Weiteres: Hingerissen berichtet Helmut Ploebst im Standard von Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie zu Bachs Brandenburgischen Konzerten bei den Festwochen (mehr im Efeu vom Montag). In der Berliner Zeitung freut sich Doris Meierhenrich, dass wenigstens René Pollesch ein bisschen Stimmung in die Deutschen Autorentage kam, mit seinem nicht mehr ganz taufrischem Stück "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis". Der Standard nimmt die Favoriten für die Leitung des Wiener Volkstheaters unter die Lupe. Besprochen wird Pınar Karabuluts Inszenierung von Katja Brunners Stück "Die Hand ist ein einsamer Jäger" in der Bolksbühne (der Anja Fastabend in der SZ Biss und viel Ironie attestiert).
Archiv: Bühne

Architektur

Im Welt-Interview mit Rainer Haubrich verteidigt Hans Kollhoff recht selbstbewusst seinen Walter-Benjamin-Platz, dem die Zeitschrift Arch+ in ihrer Ausgabe zu "rechten Räumen" ein antisemtisches Ezra-Pound-Zitat vorwarf. "Soll man sich wirklich auf diesen Quatsch einlassen? Ich spüre sehr genau, wenn ich einen Raum betrete, ob ich mich dort wohlfühle oder nicht. Darum geht es doch. Vor allem muss der Raum sich erst einmal als ein öffentlicher, als ein Freiraum zeigen. Kennen Sie einen solchen öffentlichen städtischen Raum, der in Deutschland seit dem Ende des Krieges entstanden ist? Ich nicht. Es gibt aber reihenweise Bücher über Stadträume unserer Zeit, da suchen Sie den Walter-Benjamin-Platz vergebens, dagegen finden Sie linke, rechte, schräge, krumme, zerknautschte und was sonst noch für Räume mit den entsprechenden Gebrauchsanweisungen."
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Archiv: Architektur

Kunst

Leonardos "Vitruvmann", um 1490. Foto: Archivio fotografico G.A.VE. Su)
Die Accademia in Venedig zeigt ihre Schätze zu Leonardo da Vinci, vor allem sein berühmtes auf Vitruv zurückgehende Modell des Menschen. Mit dem nackten Mann in Kreis und Quadrat wies Leonardo nach, wie Kia Vahland in der SZ erklärt, dass sich Caesars Baumeister irrte und der Bauchnabel nicht der Mittelpunkt des Menschen ist: "Der Mensch ist das Maß der Dinge, Zirkel und Lineal sind es nicht. Leonardos Experiment gibt den Humanisten recht und straft alle Normierungsfantasien Lügen."

"Hysterisch" findet Hannah Bethke in der FAZ die Absage der Leipziger Jahresausstellung, nach Kontroversen um den mit der AfD sympathsierenden Maler Axel Krause (siehe unser gestriges Efeu).

Besprochen werden Michael Rakowitz' Schau gescheiterter Utopien in der Whitechapel Gallery in London (die Guardian-Kritiker Adrian Searle als "schrecklich unterhaltsam" feiert), die bereits ausgiebig behandelte Ai-Weiwei-Retrospektive in der Kunstsammlung NRW (Tsp), die Schau "Straying from the Line" mit feministischer Kunst der letzten hundert Jahren im Schinkel Pavillon in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Ein spannendes taz-Gespräch hat Julian Weber mit dem Musikwissenschaftler und Afrikanistik-Professor Ronald Radano geführt: Radano hat in Berlin liegende phonographische Aufnahmen von Afikaexpeditionen aus dem frühen 20. Jahrhundert durchgehört und ausgewertet, die einige musikhistorische Rückschlüsse nahelegen. Zumindest werfen sie Fragen auf: "Was folgt aus unserem Musikverständnis, wenn die Idee von 'afrikanischer Musik' schon Anfang des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Bewusstsein in Berlin verankert war? Mein Gespür sagt mir, dass alte Kategorisierungen von Musik dadurch über den Haufen geworfen werden und es somit zu einem neuen Wettbewerb zwischen Black Music und der Ernsten Musik kommt. Dieser Wettstreit ist grundlegend für eine Modernisierung von Musik. Es gibt im Fach Musikwissenschaft, aber auch im Feuilleton die Tendenz, zwischen den unterschiedlichen Musikformen Demarkationslinien zu ziehen, obwohl alles mit allem zu tun hat. Ich bin der Ansicht, dass die Feldaufnahmen aus Afrika das Potenzial haben, mit den Werken etwa eines Gustav Mahler oder eines Max Reger zu sprechen."

Weitere Artikel: Das angekündigte Ende von iTunes weckt in Gerrit Bartels vom Tagesspiegel nicht gerade nostalgische Trauer: "Die Zukunft heißt streamen und sharen. Wer will in fluiden Zeiten wie diesen mit mehr Ballast als nötig um die Welt ziehen?" Thomas Schacher berichtet in der NZZ vom Brahmsfestival des Musikkollegiums Winterthur. Stefan Grund plaudert in der Welt mit dem Musical-Komponisten John Kander. Im Standard spricht Ljubiša Tošić mit dem Klavierbegleiter Helmut Deutsch über dessen Buch "Gesang auf Händen tragen". Katharina Höftmann hat sich für die Welt in Tel Aviv mit dem Duo A-WA getroffen.

Besprochen werden Isabelle Fausts Bach-Konzertzyklus (NZZ), das Berliner Konzert von The Good, the Bad & the Queen (taz), ein Konzert der Berliner Symphoniker zu Ehren von Siegfried Wagner (Tagesspiegel), ein Konzert der Camerata variabile mit Rudolf Lutz (NZZ), die Wiener Ausstellung "Neue Wiener Lieder - Poesie, Provokation, Pop" (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Pixx (SZ). Eine Hörprobe:

Archiv: Musik

Literatur

Das Prag, wie es Richard Swartz in "Austern in Prag" beschreibt, gibt es heute nicht mehr, erklärt der Schriftsteller im Freitag-Gespräch: Als er 1968 in der Stadt war, "konnte ich über die Karlsbrücke gehen und war der Einzige. Wenn ich später zurückging, war ich wieder der Einzige auf der Brücke. Prag ist heute eine pastellfarben restaurierte, kulissenhafte Stadt. Vollgestopft mit Touristen und Zugereisten. Das ist in Ordnung, aber nicht mein Prag. ... Man kann sich Prag wohl nicht ohne Franz Kafka vorstellen. Nicht ohne die große tschechische Musik, die deutsche Literatur. Es war der Inbegriff von Multikulturalität." Und Kafka, "dieser diskrete, scheue, eher misanthropische Mensch muss heute für Tourismus werben. Tragikomisch."

Weitere Artikel: Schriftsteller Martin R. Dean widmet sich in der Gottfried-Keller-Reihe der NZZ dem von wenig Glück gesegneten Liebesleben des Schweizer Schriftstellers. In der FAZ gratuliert Jochen Hieber Bestseller-Autor Ken Follett zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Jonathan Franzens Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" (taz), Alina Bronskys "Der Zopf meiner Großmutter" (SZ), Martin R. Deans "Warum wir zusammen sind" (Standard), Ulrich Woelks "Der Sommer meiner Mutter" (Zeit) und Hermann Hesses Briefe aus den Jahren 1933 bis 1939 (FAZ).
Archiv: Literatur