Efeu - Die Kulturrundschau

Zum Mitsingen und Mitklatschen

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18.06.2018. In Berlin tagte der große Kongress zur Zukunft der Volksbühne, und die Kritiker erleben wie selten Theater als Wunscherfüllungsmaschinerie. In der NZZ erklärt Teju Cole, wie ein Netzwerk aussieht, das nicht Cyber ist. In der Zeit ruft Tina Uebel: Die politische Korrektheit ist aus dem Ruder gelaufen. Der Standard versucht, sich nicht beim Blick auf Lena Henkes Bilder ertappen zu lassen. FAZ und taz ärgern sich über die Entscheidung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Farid Bang und Kollegah einzustellen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2018 finden Sie hier

Bühne

Zwei Tage lang wurde auf einem Kongress in Berlin über die Zukunft der Berliner Volksbühne diskutiert. "Die Bühne wird dabei zur
Projektionsfläche für sämtliche Wünsche nach einer besseren, also mindestens gendergerechten, postkolonialistischen, gentrifizierungsresistenten und basisdemokratischen Gesellschaft", ächzt Peter Laudenbach in der SZ. Viele wollen viel zu vieles, meint FAZ-Kritiker Simon Strauss, für die Bühne und sich selbst: "Denn wer auch immer gerade über die Volksbühne spricht, will damit meist etwas ganz Grundsätzliches sagen, meint den wiederaufflammenden Ost-West-Konflikt, die fehlgeleitete Berliner Stadtentwicklung, das Auseinanderdriften von alter, sozialkritischer und neuer, moralpolitischer Linken. Der Mythos der Castorf-Ära lastet dabei wie ein Alb auf jedem Gespräch, auch und gerade wenn es die Zukunft der Volksbühne berühren will." Interessant, wer nicht gekommen ist, zählt Udo Badelt im Tagesspiegel:  Frank Castorf, Carl Hegemann, René Pollesch, Herbert Fritsch, Martin Wuttke, Sophie Rois oder Milan Peschel: "Alle nicht da." In der Welt fürchtet Christian Meier, dass es aus der verfahrenen Situation keine Sieger hervorgehen werden. In der Berliner Zeitung zitiert Petra Kohse Kultursenator Klaus Lederer, dem vor der Größe seiner Aufgabe bang zu werden scheint: Wenn er eine Entscheidung getroffen haben wird, werde die Frage nicht sein, "ob wir scheitern, sondern wie wir scheitern".

Weiteres: Uwe Mattheis bilanziert in der taz die Wiener Festwochen. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel zum zweihundertsten  Geburtstag des französischen Komponisten Charles Gounod.

Besprochen werden Peter Konwitschnys Debüt mit mit "Der tapfere Soldat" am Staatstheater am Gärtnerplatz (SZ), Karin Henkels Inszenierung von Sergej Prokofjews "Der Spieler" an der Flämischen Oper in Gent (FAZ), Barrie Koskys schrill-groteske Inszenierung von Schostakowitschs "Die Nase" an der Komischen Oper (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Maryam Zarees Stück "Kluge Gefühle" am Berliner Hebbel am Ufer (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Für die NZZ hat sich Angela Schader zum Gespräch mit Teju Cole getroffen, dessen neues Buch "Blinder Fleck" - eine Collage aus Text und Fotos - dieser Tage auch auf Deutsch erscheint. Der Schriftsteller und Essayist verspricht uns darin einiges: "Die Idee, dass eine Geschichte durch eine Art assoziativer Digression erzählt werden kann, hatte ich in 'Open City' bis zu einem gewissen Grad entwickelt, aber in 'Blinder Fleck' habe ich etwas Radikaleres daraus gemacht - als hätte ich den Roman in Stücke geschnitten und zwei Drittel davon weggeworfen.  ... Es ist ein Netzwerk, ohne Cyber zu sein."

In der Jungle World spricht Philipp Idel ausführlich mit Hannes Bajohr über dessen Projekt einer tatsächlich digitalen Literatur, das man vielleicht als eine Art digitalen Materialismus beschreiben könnte. Unter anderem geht es in dem großen, sehr anregenden Gespräch um das gemeinsam mit Gregor Weichbrodt konzipierte Buch "Glaube Liebe Hoffnung", das ausschließlich Facebook-Kommentare empörter Pegidisten nicht nur archiviert, sondern auch nach den Satzanfängen "ich glaube", "ich liebe" und "ich hoffe" kompiliert: "Gregor schrieb ein Skript, das die Kommentare zweimal am Tag in einer immer weiter anwachsenden Datei speicherte. Am Ende waren das dann etwa 80 MB reiner Text. Dieser Korpus war so groß, dass er schon zur empirischen Analyse taugt, und in der Tat gibt es inzwischen einige soziolinguistische Studien zu Pegida, die auf Gregors Korpus beruhen. Der Nutzen hier ist offensichtlich. Aber wissenschaftliche Analyse ist nur eine Möglichkeit, sich solchen Textmengen zu nähern. Man kann 'Glaube Liebe Hoffnung' als literarische Aufbereitung eines Forschungsergebnisses verstehen, das darin bestand, die Verteidiger des christlichen Abendlandes mit den christlichen Tugenden zu konfrontieren. Auch das ist eine Form von Realismus, der digital ermöglicht worden ist und eine digitale Wirklichkeit darstellt." Auf der Website von Weichbrodts und Bajohrs Textkollektiv 0x0a kann man das Buch als pdf herunterladen.

Das mit der "politischen Korrektheit" sei aus dem Ruder gelaufen, meint Schriftstellerin und Reisereporterin Tina Uebel in der Zeit: Autoren zensieren sich, Verleger nehmen Abstand von Büchern, von denen sie meinen, dass sie mit Gegenwind zu rechnen haben, Reportagen werden nicht veröffentlicht, weil das darin gezeichnete Bild einer fremden Kultur nicht positiv genug sei: "Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte. ... Wer eine Idee hat, wie sich andere Kulturen verstehen und lieben lassen, wenn man von ihnen nur ein Zerrbild haben darf, dass unseren kulturellen Präferenzen entspricht, möge es uns mitteilen."

Apropos politische Korrektheit: Penguin Random House UK hat auf seiner Webseite angekündigt, eine größere Vielfalt im Hinblick auf "Ethnie, Gender, Sexualität, sozialer Mobilität und Behinderung" bei seinen Autoren erreichen zu wollen. Daraufhin fragte Autorin Lionel Shriver im Spectator erbost, ob Penguin Bücher verkaufen wolle oder Moral. Hanif Kureishi interpretierte ihre Reaktion im Guardian hämisch als Zähneklappern der "master race". Gestern nun erinnerte Kenan Malik im Observer daran, dass Vielfalt nicht zwangsläufig zu mehr Gleichheit führt: "Kritik an Vielfalt wird meist als konservatives Projekt gesehen. Aber wie [der afroamerikanische Aktivist Adolph] Reed (oder, im britischen Kontext, der verstorbene A Sivanandan) zeigen, gibt es auch eine radikale Tradition, die dem Diversity-Ansatz skeptisch gegenübersteht, weil er an die Stelle eines sinnvollen Kampfes für Gleichheit tritt." Vielleicht würde ja eine größere Diversität im Management-Team von PRH ganz automatisch zu mehr Vielfalt bei den Autoren führen?

Weitere Artikel: In der taz würdigt Eva Behrendt in einem ganzseitigen Porträt den Journalisten Robin Detje als Übersetzer von unter anderem Joshua Cohens Roman "Buch der Zahlen". Deutschlandfunk Kultur erinnert mit einem Feature von Helmut Böttiger an die "neue Subjektivität" der deutschen Literatur in den Siebzigern. Besprochen werden Connie Palmens Essayband "Die Sünde der Frau" (SZ), Joyce Carol Oates' "Der Mann ohne Schatten" (FR), Linn Ullmanns Roman "Die Unruhigen" über ihre Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann (FR), Brit Bennetts "Die Mütter" (ZeitOnline) und neue Hörbücher, darunter Jan Wagners Hörspiel "Gold.Revue" (FAZ).

In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Ralph Dutli über Joachim Du Bellays "Glücklich, wer wie Odysseus":

"GLÜCKLICH, wer wie Odysseus eine schöne Reise
Machte oder der Mann, der einst das Vlies errang
..."
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Kunst

Lena Henke: The other object, 2018. Galerie Emanuel Layr, Wien.
Beißend, poetisch, unverschämt findet Christa Benzer im Standard die Arbeiten der jungen feministischen Künstlerin Lena Henke, die in der Wiener Galerie Emanuel Layr gezeigt werdenzum Beispiel ihr Selbstporträt "The other object" angelehnt an Tomi Ungerer: "Ihre Scham wird nicht von einem Mann bewohnt, sondern von einer Postkarte, die den New Yorker Freedom Tower zeigt, bedeckt. Beim Hinschauen will man sich allerdings nicht ertappen lassen. Dabei lädt das mit Referenzen gespickte Bild genau dazu ein: Als hätte sie den Slogan 'Fuck you, you fuckin' fuck' auf ihrem T-Shirt verinnerlicht, fixiert sie den Betrachter. Ausgerüstet mit einem Smartphone spiegelt sie den voyeuristischen Blick auf ihren Körper unmittelbar zurück."

Seltsam: Während wir darauf bestehen, den garantiert nicht importierten Bio-Apfel zu verspeisen, gibt es in deutschen Museen einen Hang zum globalen Einheitsbrei, konstatiert Hans-Joachim Müller in der Welt. "Wenn man von Rio aus über die 13 km lange Brücke auf die andere Seite der Bay nach Niterói fährt und sich in Oscar Niemeyers berühmten Museums-UFO wie in einer Raumstation vorkommt, dann geht es dort drinnen auf wundersame Weise provinziell zu. Alle 'contemporary art' besteht unvermischt aus 'brasilian art'. Ist das Hybris? Schmalspur-Perspektive? Kranke Heimat-Sehnsucht? Ranküne störrischer Weltvergessenheit? Vielleicht muss man die untadelige Hello-World-Erweckungsmode doch einmal daran erinnern, dass die Kunst immer ihren Ort hatte und auf ihren Ort angewiesen war."

Weitere Artikel: In der FAZ hält Niklas Maak die von Gabi Ngcobo geleitete Berlin Biennale für eine der besten überhaupt. Feinsinnig und filigran, Wild und anarchisch werde hier die Weltkarte auseinanderfaltet, dass ganz neue elten entstehen: "Von einer trocken-kunstfernen 'Dekolonialisierungsschau' kann keine Rede sein." Hannes Stein feiert die urbanen Visionen des fantastischen kongolesischen Künstlers Bodys Isek Kingelez, denen das New Yorker Moma in der hochgelobten Ausstellung "City Dreams" huldigt.

Besprochen werden die Ausstellung "Abscondita" in Bassano del Grappa, in der das Museo Civico die Bilder seiner Sammlung nur von der Rückseite zeigt (SZ), die Eröffnungsausstellung der neuen Mannheimer Kunsthalle mit Jeff Wall und Anselm Kiefer (Welt), die Kabinettschau "Die Farbe von Jade und Ewigkeit" mit grünen Keramiken im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt (FR).
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Film

Besprochen werden die zweite Staffel der Amazon-Serie "Goliath" (FAZ) und ein Bildband mit Stanley Kubricks Fotografien (SZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Kubrick, Stanley

Architektur

Ganz richtig findet Till Briegleb in der SZ die "Politischen Grundpositionen zu Stadt, Land und Architektur", mit denen sich rund fünftausend deutsche Architekten sich zu einer gesellschaftspolitischen Verantwortung bekennen und etwa die Sanierung über den Neubau stellen wollen. Aber Briegleb sieht auch die Schwachstelle des Manifests: "Die Gegner sind in diesem Fall ihre eigenen Bauherren. Und das ist ein Dilemma. Denn wie will man ernsthaft Bodenspekulation anprangern und die verlöschende Vielfalt in den Städten, den Verlust von Heimat beklagen und die mangelnde Werthaltigkeit von Neubauten, die galoppierende Verdrängung von Normalverdienern aus den Stadtzentren kritisieren und eine nachhaltige Baukultur fordern, wenn man es nicht in Zusammenhang stellt mit der renditefixierten Investorenkultur?"
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Musik

Für "kurzsichtig" hält tazlerin Julia Lorenz die Entscheidung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Farid Bang und Kollegah einzustellen: Die beiden Rapper "arbeiten sich in brutaler Rhetorik an Marginalisierten, an Frauen und Homosexuellen, Jüdinnen und Juden ab. Solche Verwünschungen mit dem Verweis auf Kunstfreiheit zu schützen, nur weil sie jemand in Form von strunzlangweiligen und wenig revolutionären Songs in die Welt blökt, ist ein fatales Signal." Michael Hanfeld stimmt in der FAZ zu: "Für die Bedeutung und Tragweite der Texte von Kollegah und Farid Bang hat Campino ein besseres Gespür als die Staatsanwaltschaft", denn "die Judenvernichtung bei jeder Gelegenheit für einen vermeintlich coolen Gag oder eine lässige Zeile (...) heranzuziehen, also für etwas ganz Normales oder sogar Witziges zu halten, das ist Verharmlosung pur. Das ist Antisemitismus zum Mitsingen und Mitklatschen."

In der Jungle World führt Robert Henschel durch die vitale Londoner Jazzszene, die sich insbesondere um die Aktivitäten des Labelbetreibers und Radio-DJs Gilles Peterson und des Musikers Shabaka Hutchings gruppiert, "derzeit das wohl prominenteste Gesicht der Szene". Sein Jazz "lässt sich vielleicht auch als eine Art musikalischer Sprache verstehen, die ein Projekt vorantreibt, das der kenianische Schriftsteller Ngūgī wa Thiong'o einst 'Decolonizing the Mind' nannte. Dann wäre dieser Jazz auch der emanzipatorische Versuch, eine Musik zu entwickeln, die Bewusstsein schafft für Ungerechtigkeiten." Hier ein Video seiner Band The Comet is Coming:



Weitere Artikel: Das traditionelle Verständnis von Popkultur ist derweil in fortgeschrittener Erosion begriffen, lautet Ueli Bernays' Fazit nach der Lektüre von Georg Seeßlens Buch "Is this End?". Katja Schwemmers plaudert in der Berliner Zeitung mit Ringo Starr, dessen Berliner Konzert Johannes von Weizsäcker besucht hat. Michael Ernst schreibt in der NMZ einen Nachruf auf den Dirigenten Gennadi Roschdestwenski. Auf Pitchfork erinnert Mychal Denzel Smith an Curtis Mayfields Soundtrack zu "Super Fly" aus dem Jahr 1972.

Besprochen werden der Auftakt der Abschiedswoche von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel), das lange verloren geglaubte, jetzt aber wiederentdeckte John-Coltrane-Album "Both Directions at One" ("Im Olymp des Jazz sitzt alles", schreibt Thomas Lindemann in der FAS), das neue Album von Zeal & Ardor (Pitchfork), das neue Album von Mouse on Mars (FR), eine Vinyl-Neuauflage des Soundtracks zu "Die Reifeprüfung" von Simon & Garfunkel (Pitchfork), Colin Stetsons Soundtrack zum Horrorfilm "Hereditary" (Pitchfork) und das neue Album von Beyoncé und Jay-Z, die darin laut SZ-Kritiker Jakob Biazza die Verhältnisse der Geschlechter durchwürfeln und neu verhandeln. Hier das neue, im Louvre gedrehte Video:

Archiv: Musik