Efeu - Die Kulturrundschau

Die Tauben auf dem Campus füttern

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16.06.2018. Die NZZ taumelt - beseelt von der Manifesta - im Konfettiregen durch Palermo. Das Böse im amerikanischen Kino gewinnt wieder an Kraft, stellt der Standard mit Blick auf Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" fest. Die Berliner Zeitung huldigt der ruppigen Poesie Valie Exports. Zum Bloomsday sucht die SZ den gelehrten und hinreißend schrulligen Joyce-Herausgeber John Kidd. Und große Trauer herrscht in allen Feuilletons um den großen Entzauberer Dieter Wellershoff.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2018 finden Sie hier

Kunst

Matilde Cassani: Tutto, 2018

Wer Palermo nicht liebt, hat ein Herz aus Stein, stellt Annegret Erhard in der NZZ erst einmal klar, bevor sie sich auf den Parcours durch die nomadische Manifesta begibt, die in diesem Jahr in Sizilien gastiert: "Herzstück Palermos ist die Kreuzung Quattro Canti, Endpunkt der alljährlichen Santa-Rosalia-Prozession. An jede der vier Barockfassaden hat Matilde Cassani farbenfrohe Banner mit heiteren Heiligendarstellungen befestigt. Ein Feuerwerk aus farbigen Papierschnipseln ergießt sich zu bestimmten Zeiten auf die Köpfe der Flaneure und ahmt mit Witz ein religiöses Brauchtum nach. Im danebenliegenden, fast verrotteten Palazzo Costantino zeigt der Architekt und Fotograf Roberto Collovà seine Bestandsaufnahme der mit Ruinenschutt aus den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs aufgeschütteten Küste südlich von Palermo. Diesem erbarmungswürdigen Szenario der Unbehaustheit und der Vernachlässigung, dieser komplett ignorierten geschundenen Natur stellt er mit seinen Zeichnungen die Vision einer Heilung gegenüber: wenn Abfall, Schutt, Steine zu Sand geworden sind."

Gar nicht oft genug kann man die Arbeiten Valie Exports empfehlen. Ingeborg Ruthe rät dringend, sich im Neuen Berliner Kunstverein die "ruppige Poesie" der feministischen Künstlerin zu Gemüte zu führen, und erinnert: "Man hat sie angegriffen, wegen Obszönität, weil sie ihren Körper in Aktionen einsetzte. Sie war zu radikal für ihre Zeit. Der österreichische Staat entzog ihr 1970 sogar das Sorgerecht für ihre Tochter. Aber so kann's halt auch kommen: Im Jahr 2010 verlieh man ihr das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich."

Weiteres: Der Guardian berichtet von einem großen und offenbar veheerenden Feuer in Glasgows School of Arts. Wirklich zauberhaft findet Andreas Platthaus in der FAZ Ausstellung "Museum of Untold Stories" im Japanischen Palais in Dresden. Olga Kronsteiner berichtet im Standard von der Art Basel, auf der unter anderem propagiert wird, dass sich das Geschäft zunehmend von den Galerien auf die Messe verlegt. Daghild Bartels berichtet in der NZZ von Design Miami.

Bühne

Die Volksbühne macht als Theater nur Sinn, wenn sie in der Stadt vergaftet bleibt, findet Theatermann Thomas Martin in der Berliner Zeitung, und bitte mit der typischen Berliner Michung: "Hochintellektualismus, Trivialkultur, Stadtproll und Lokalpatriotismus, Größenwahn und immer wieder Überforderung: Was der Alltag so zu bieten hat, übersetzt in Kunst. Die Volksbühne war der Lackmustest für die gesellschaftliche Situation Berlins. Die leere Hülle ist das immer noch. Jetzt braucht sie einen Spielplan, ein Ensemble, Inhalt. Sie braucht eine operationsfähige künstlerische Leitung, die sich mit den Traditionslinien auseinandersetzt und einen Kommentar zur Gegenwart bietet. Dieser Kommentar kann ohne Bezugnahme auf die Protestkultur von unten nicht relevant sein."

Weiteres: Ziemlich nüchtern bilanziert Helmut Ploebst im Standard die Wiener Festwochen, es dominierten Lauwarmes und Unausgegorenes. Exzellent jedoch fand er die Performance "La Plaza" von El Conde de Torrefiel, "die reichlich Ironie über den traurigen Zustand des europäischen Kulturliberalismus fließen ließ". In der NZZ freut sich Marco Frei, dass sich der Palazzetto Bru Zane in Paris  so ausführlich Charles Gounod widmete und etwa auch seine Oper "La Nonne sanglante" ins Programm gehoben hat, die sich an Matthew Lewis' Skandal-Schauerroman "The Monk" von 1796 anlehnt. FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hat dort den "Faust" in der Originalversion gehört.

Besprochen werden David Dawsons Tanzstück "Tristan und Isolde" in Amsterdam (FAZ) und Stücke des Tiroler Theaterfestival (Standard).

Film

Toni Collette in "Hereditary"
Ziemlich toll findet Dominik Kamalzadeh im Standard Ari Asters Debüt, den Horrorfilm "Hereditary", der schon in den USA die Augen zahlreicher Genrefans zum Glänzen gebracht hat. Der zum Subgenre des Familienhorrorfilms zählende Film verlangt insbesondere der Hauptdarstellerin Toni Collette in seinem klaustrophobischen Setting einiges ab: "Man fühlt sich an die Familienturbulenzen in Filmen von John Cassavetes erinnert, wobei Ari Aster auch gegenläufige Genrezutaten einstreut. ... Die Kamera von Pawel Pogorzelski bezieht eher aus der Weite, aus einer gewissen Gleichgültigkeit des Blicks ihre Kraft. Egal, ob man den Film politisch verstehen will oder nicht, das Böse hat im US-Horror wieder neue Kraft. Wie schon in anderen neueren Produktionen wie 'It Follows' oder zuletzt 'A Quiet Place' werden die Räume enger. Der Rückzug des Lebens misslingt."

Besprochen werden außerdem Wim Wenders' Papst-Doku (FAZ) und die Verfilmung von Julian Barnes' Roman "Vom Ende einer Geschichte" (Tagesspiegel),
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Literatur

Die Literaturkritik trauert um Dieter Wellershoff. Sein Werk gehört mit zu den wichtigsten der alten Bundesrepublik - gerade weil es zum üblichen Auftreten altbundesrepublikanischer Schriftsteller so quer steht, schreibt Dirk Knipphals im taz-Nachruf. "Tod, Überleben, Gelingen, Scheitern, das alles behält in den Büchern Dieter Wellershoffs etwas Zufälliges, wobei den vulkanischen Glutkern seines Schreibens ausmacht, dass die Lebensentwürfe seiner Figuren stets von innen her bedroht sind, seien sie Projektemacher, die in die Falle ihrer eigenen Fantasien gehen, oder auch Liebende, die sich in ihre eigenen Projektionen verstricken."

In der FR erklärt Frank Olbert Wellerhoffs Schreiben aus dessen Kriegserfahrungen heraus: "Die Illusionslosigkeit des jungen Mannes, der ernüchterte Blick auf eine Wirklichkeit, die aller Versprechen und Lügen entkleidet vor ihm liegt - diese Perspektive des Zweiflers, Kritikers und Skeptikers ist es, aus der heraus das gesamte Werk dieses großen Entzauberers erzählt ist." Nach Auffassung von Marc Reichwein in der Welt "kann Deutschland dankbar sein, Zeitzeugen wie Wellershoff zu haben, die denkbar offen und ungefärbt über die Zeitgeschichte, die Schuld des Zweiten Weltkrieges und die Entwurzelung in der unmittelbaren Nachkriegszeit Auskunft gegeben haben." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, ZeitOnline, FAZ und SZ.

Zum heutigen Bloomsday erinnert Willi Winkler in der SZ an die Entstehung nicht nur von James Joyce' kryptischem Meisterwerk, sondern auch der "Joyce-Industrie", die sich seitdem damit beschäftigt, das Werk zu durchleuchten und ausgefuchste Philologie zu betreiben. Auch auf den mysteriösen Fall von John Kidd kommt Winkler dabei zu sprechen: Der gelehrte Autodidakt hatte eine als gültig erachtete Ausgabe vom Thron gestoßen, "die Bostoner Universität hatte ihm Fördermittel und ein ganzes Institut zur Verfügung gestellt, ein Verlag wartete geduldig auf die neue, die bessere, die zuverlässige, die Ausgabe von Kidds letzter Hand, aber der Mann war zu beschäftigt, er musste die Tauben auf dem Campus füttern und sich um verletzte Tiere kümmern." Die New York Times hat ihn mittlerweile ausfindig gemacht und erzählt in dieser Reportage davon. Außerdem bringt Lothar Müller in der SZ nochmal Hintergründe zur aufwändigen Revision von Hans Wollschläger, die nach einem Veto von Gabriele Gordon jetzt nur in einer wenige Exemplare umfassenden Sonderausgabe jenseits des Handels erscheinen darf.

Weiteres: Schriftsteller Hans Maarten van den Brink erinnert sich in der NZZ an eine prägende Autopanne aus seiner Kindheit. tazler Martin Reichert speist vorzüglich in Triest und kommt im Zuge auch auf die Rolle zu sprechen, die die Stadt in der Literaturgeschichte einnimmt, brachten "deren permanente Identitätskrise" doch unter anderem Italo Svevo, Umberto Saba und Scipio Slataper hervor. Für Deutschlandfunk Kultur hat sich Dorothea Westphal zu einem großen Gespräch mit Margriet de Moor getroffen. Die FAZ dokumentiert Daniel Kehlmanns Dankesrede zur Verleihung des Hölderlin-Preises (hier als PDF). Außerdem bringt die Literarische Welt Auszüge aus Hans Falladas Briefen an seine Familie, die heute im Aufbau Verlag erscheinen.

Besprochen werden Siri Hustvedts Langessay "Die Illusion der Gewissheit" (taz, Welt), Teju Coles "Blinder Fleck" (Welt), Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Homers "Ilias" (FR), "Pik Bube" von Joyce Carol Oates, die heute ihren 90. Geburtstag begeht (Tagesspiegel), Hideo Yokoyamas Krimi "64" (taz), Jürgen Teipels "Unsere unbekannte Familie" (FR), Jan Böttchers "Das Kaff" (taz), die Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (Welt, SZ), die ebenfalls in Marbach gezeigte Ausstellung "Beckett in Deutschland" (FR), Marcel Prousts erstmals gesammelt auf Deutsch vorliegende Gedichte (FAZ). Außerdem gibt es eine neue Ausgabe des CrimeMag - hier der Überblick über alle Rezensionen und Essays. Unter anderem bespricht Perlentaucher-Kritikerin Kartin Doerksen Riad Sattoufs Comic "Esthers Tagebücher 2: Mein Leben als Elfjährige".

Musik

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg ist gestorben. Groß war sein Repertoire nicht, aber was seinen Weg darin hinein fand, wurde mit Leidenschaft aufgenommen, schreibt Stefan Schickhaus im FR-Nachruf: "Da durfte dann Mozart auch süßlich werden, Bach pathetisch und das Verdi-Requiem zu einem geradezu brutalen Kampf." Und Ulrich Amling schreibt im Tagesspiegel: "Weder auf dem Podium noch im Leben ergab sich Guttenberg widerstandslos der Harmonie."

Weitere Artikel: "Zombiehaft" findet SZ-Kritiker Jan Kedves eine Aufnahme, die die alten Gesangsspuren der Beach Boys mit einer Einspielung des Royal Philharmonic Orchestra verbindet. In der NZZ erinnert sich Angela Schader daran, wie der Kassettenrekorder 1968 als Vorläufer heutiger Smartphones in die Kinderstuben kam.

Besprochen werden ein Konzert von Lenny Kravitz (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Bon Voyage" von Melody's Echo Chamber, dessen Psychopop Jan Freitag von ZeitOnline "mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt." Auch wir nehmen Luft:

Stichwörter: Guttenberg, Enoch Zu