Efeu - Die Kulturrundschau

Der Kuss ist eben der Kuss

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25.04.2018. Der Guardian erlebt, wie Rodin im British Museum von griechischen Göttinnen deklassiert wird. Die SZ geißelt anlässlich der Hamburger Ausstellung "Mobile Welten" Kuratoren-Klimbim und schamanistisches Kulturerspüren. Außerdem diskutiert sie den Feminismus im Pop. Die NZZ stellt auf der Mailänder Möbelmesse fest, dass Luxus einfach nicht nachhaltig sein kann. Der Freitag erinnert an Versuche in der alten Bundesrepublik, einen literarischen Schutzwall gegen Anna Seghers zu errichten. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2018 finden Sie hier

Kunst


Figuren L und M der Göttinnen in durchscheinendem Gewand vom Ostgiebel des Parthenon 438-432 vor Christus. Auguste Rodin (1840-1917), Der Kuss, nach 1898. © British Museum / Musée Rodin.

Überragend, berauschend, erhaben - Guardian-Kritiker Jonathan Jones kommt überwältigt aus einer Schau des British Museum, die Auguste Rodins Skulpturen neben die Werke der griechischen Antike stellt: "Das Wunder erlebt man, sobald man die Ausstellung betritt und Rodins 'Kuss' gegenüber steht, der sich ein Podest mit zwei Göttinnen teilt, die vor zweieinhalbtausend Jahren gemeißelt wurden. Der Kuss ist eben der Kuss, eines der sinnlichsten und faszinierendsten Meisterwerke der Moderne, eine explosive erotische Povokation der freien Liebe, die Paris 1882 erschütterte. Er ist eine der bekanntesten, geliebtesten Skulpturen der Welt. Und die griechischen Göttinnen fegen ihn weg."

In der SZ hat Till Briegleb nur Spott übrig für die Ausstellung "Mobile Welten" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, mit der Kurator Roger Buergel dem Haus den Eurozentrismus austreiben will. Briegleb erkennt auf die "Konfusion des Kurzschlusses", wenn Porzellankitsch mit ägyptischen Motiven die gleiche Bedeutung bekomme wie altägyptische Grabbeigaben: "Von solch pseudoschamanistischem Kulturerspüren ist dieses Konzept der 'Mobilen Welten' durchdrungen. Mit dieser Plünderung der Zeichen werden nicht nur bewährte Kriterien der Wissensvermittlung zugunsten von Desorientierung ausgelöscht. Die Strategie ist auch typisch für selbstverliebtes westliches Kuratoren-Klimbim. Noch mehr Eurozentrismus geht nicht."

Weiteres: Auf Hyperallergic meldet Benjamin Sutton das Ende der von Peta angestrengten Gerichtsschlacht um das Affen-Selfie. Ein kalifornisches Berufungsgericht entschied zugunsten des Kamerainhabers und Fotografen David Slater, da das Makakenweibchen Naruto "wie alle Tiere, da sie keine Menschen sind, nicht unter die Statuten des Urheberrechts fallen". Auf Hyperallergic beschreibt auch Clarie Voon, wie Ai Weiwei sein Selfie mit Alice Weidel rechtfertigt. In der Berliner Zeitung blickt Petra Kohse aufeine Studie zur prekären Situation Berliner Künstler, wobei die der Künstlerinnen natürlich noch ein bisschen prekärer ist.

Literatur

Konstantin Ulmer erinnert im Freitag an die Kontroversen rund um die westdeutsche Veröffentlichung von Anna Seghers' ursprünglich im Exil in Mexiko enstandenen Roman "Das siebte Kreuz" im Jahr 1962, die zu einer "Grundsatzdebatte" führte, nachdem in der Presse der Luchterhand-Verlag angefleht wurde, das Buch der DDR-Autorin nicht zu veröffentlichen. In der Zeit drang damals Marcel Reich-Ranicki "zur zentralen Frage der Debatte, bei der es letztlich um das literarische Leben Westdeutschlands gehe: 'Wann ist ein DDR-Schriftsteller noch, wann nicht mehr publikationswürdig für die Bundesrepublik?' Reich-Ranicki ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ein Literarischer Schutzwall gegen die DDR, so der Titel des Textes, ganz und gar nicht in seinem Interesse war."

Weitere Artikel: In der taz freut sich Dirk Knipphals auf das African Book Festival in Berlin. Martin Oehlen plaudert für die FR mit Bestseller-Autor Frank Schätzing, dessen neuen Roman "Die Tyrannei des Schmetterlings" in der FAZ besprochen wird. Außerdem war Oehlen für die FR in der Villa Hammerschmidt bei einem Gedenkabend zu Ehren Heinrich Bölls. Sabine Scholz geht im Tagesspiegel dem anhaltenden Erfolg von Sui Ishidas Mangareihe "Tokyo Ghoul" nach.

Besprochen werden Lola Shoneyins "Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi" (taz), das postum veröffentlichte Fragment "Nicht zur Veröffentlichung bestimmt" der Suhrkamp-Lektorin Elisabeth Borchers (Zeit), der von Hendrikje Schauer und Marcel Lepper herausgegebene Band "Titelpaare - Ein philosophisches und literarisches Wörterbuch" (SZ), Garry Dishers Polizeiroman "Leiser Tod" (Tagesspiegel), Melinda Nadj Abonjis "Schildkrötensoldat" (Tagesspiegel), Annemarie Selinkos Exilroman "Heute heiratet mein Mann" (FR), Giovanni Rossis "Cecilia - Anarchie und freie Liebe" (taz), Adrian McKintys "Dirty Cops" (Standard) und Christoph Jehlickas Debüt "Das Lied vom Ende" (FAZ).

Film

In Berlin wurde Elfriede Jelineks 1980 geschriebenes, jedoch nie verfilmtes Drehbuch "Eine Partie Dame" der Öffentlichkeit präsentiert - eine erotisch aufgeladene Ost-West-Agentengeschichte, die mit Serge Gainsbourg und Tilda Swinton prominent besetzt werden sollte. Der Stoff ist "Spannend erzählt", meint Irene Bazinger in der FAZ dazu. Dass das Buch nicht verfilmt wurde, lag laut Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen auch daran, dass das Drehbuch "für seine Zeit eben zu ungewöhnlich war, vom Sujet und von der Machart her völlig anders als der bundesdeutsche Autorenfilm jener Jahre, düsterer, cooler, unkonventioneller, viel amerikanischer - etwa im Stil der Independentfilme eines John Cassavetes." Beim Verbrecher Verlag ist das Drehbuch jetzt in Printform erschienen.


Großer Körper: Joaquin Phoenix in Lynne Ramsays "A Beautiful Day"

Wenn in Lynne Ramsays "A Beautiful Day" Joaguin Phoenix einen traumatisierten Auftragskiller spielt, "ist es ein seltsamer Genuss, ihm dabei zuzuschauen, wie er sich vollbärtig in seinem viel zu groß gewordenen Körper windet, voller Unbehagen und rasender Schwermut", schreibt Felix Zwinzscher in der Welt, der ansonsten mit der "existenziellen Schwere", die der Film fortlaufend markiert, allerdings recht wenig anzufangen weiß. In der FAZ zeigt sich Bert Rebhandl ebenfalls ratlos: "Eigentlich tut Phoenix nicht viel mehr, als seinen aufgepumpten Körper zu präsentieren." Ander als ihre Kollegen sieht es Beatrice Behn von Kino-Zeit: Als "geniales Experiment", dass die "Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung nachempfindet", entwickelt der Film beträchtliche Wucht.

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Leiterin Christine Dollhofer über das Crossing-Europe-Filmfestival in Linz, aus dessen Programm der Standard vier Empfehlungen ausgesucht hat. In Berlin hat Filmproduzent Nico Hofmann sein neues Buch präsentiert, berichtet Tobias Rüther in der FAZ.

Besprochen werden Eugene Jareckis Elvis-Doku "The King" (SZ), Eibe Maleen Krebs' "Draußen in meinem Kopf" mit Samuel Koch in der Hauptrolle (ZeitOnline) und eine Netflix-Doku über Kodachrome (FAZ).
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Musik

Wäre es nicht interessant, Musik und Kunst in Zukunft zuallererst wieder als Werke der Ästhetik in den Blick zu nehmen, "statt sie umgehend als affirmativen Ausdruck eines Problems zu betrachten", fragt sich Jan Kedves in der SZ anlässlich der (britischen) Veröffentlichung des von Rhian E. Jones und Eli Davies herausgegebenen Bands "Under My Thumb", der sich auf nüchterne Betrachungen sexistischer Popsongs einlässt und dabei die Frauen, die sie mögen, in den Mittelpunkt rückt: Schließlich "könnte des einen Sexismus-Vorwurf des anderen Emanzipationsversprechen sein", schließt Kedves etwa aus einer Auseinandersetzung mit Sir Mix A Lots "Baby Got Back". In den Beiträgen des Bandes "kommt das intersektionale Denken zum Tragen, wie es im jüngeren Feminismus geprobt wird. Ein Denken, das bemüht ist, die Scheuklappen des westlichen, weißen, bürgerlich geprägten Feminismus abzulegen und Faktoren wie Ethnie, Klasse und Religion mit zu reflektieren. Im Fall von 'Under My Thumb' ist es zudem ein Denken, das der Kunst nie die Verantwortung für den real existierenden Sexismus und die anhaltende gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen in die Schuhe schiebt."

Dazu passend: Jens-Christian Rabe freut sich in der SZ-Popkolumne, dass Drakes Single "Nice For What" die Spitze der US-Charts anführt. Schließlich handelt es sich dabei wohl um "den ersten feministischen Mainstream-Hit eines männlichen Superstars des notorisch misogynen Hip-Hop. ... Wer hätte das gedacht! Vielleicht wird ja eines Tages doch wirklich noch alles gut."



Weitere Artikel: Muhamad Abdi porträtiert im Tagesspiegel die Oud-Spielerin Youmna Saba.Für die Spex berichtet Niklas Fuchs vom Rewire-Festival in Den Haag.In Venedig hat das Palazzetto Bru Zane unbekanntere Arbeiten des Komponisten Charles Gounod vorgestellt, berichtet Jan Brachmann in der FAZ. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzpianisten Bob Dorough, dessen Stück "'Tis Autum" gut zu diesem herbstlichen Frühlingsmorgen passt:



Besprochen werden Christina Vantzous "No. 4" (The Quietus), das Holger-Czukay-Boxset "Cinema" (The Quietus), das gemeinsame Album von Heinz Sauer und Uwe Oberg (FR) und ein Auftritt der Sängerin Youn Sun Nah (FR).

Bühne

Besprochen werden Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chenier" an der Wiener Staatsoper mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros (die laut Ljubiša Tošić im Standard das Zeug zum großen Abend hat), Jürgen Flimms Abschiedsinszenierung von Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" an der Berliner Staatsoper (NMZ), Michael Thalheimers Inszenierung von Tennessee Williams' Südstaaten-Drama "Endstation Sehnsucht" am Berliner Ensemble (SZ, taz), Edgar Hilsenraths Holocaust-Groteske "Der Nazi und der Friseur" auf der Berliner Vaganten-Bühne (Berliner Zeitung).
Stichwörter: Berliner Ensemble

Design


Vor Keramikkacheln kommen Porzellanvasen einfach viel besser zur Geltung. Foto: Hermès.

Obwohl sich alle namhaften Designer die Nachhaltigkeit ans Revers heften, kann NZZ-Kritikerin Antje Stahl auf der Mailänder Möbelmesse kaum echte Bemühungen darum entdecken. Veganes Design aus Israel, Trashplast, Vasen aus Plasticmüll gab es durchaus zu sehen, aber nur in den Kellern einer zerfallenen Fabrik: "Besonders dort, in den Ruinen einer Panettone-Fabrik, wurde einem der eklatante Abstand zwischen Design-Industrie und Design-Diskurs wieder einmal bewusst: Für die Welt da draußen lassen 1841 Aussteller Möbel aus 33 Ländern einfliegen und in noch viel mehr produzieren, um sie auf großspurigen Ständen in einem der fünf Ausstellungsbereiche des Salone zu präsentieren... Hermès etwa importierte 150.000 Keramikplatten aus Marokko, um für ein paar Tage ein buntes Interior in seinem Museum für teures Porzellangeschirr, Lederetuis und Cashmeredecken vorführen zu können. So schön diese Produkte sind, so sehr provoziert diese Inszenierung Fragen nach den heutigen Maßstäben des guten Geschmacks."