Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kartoffeln, die schmecken immer

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2018. #MeToo erreicht jetzt doch noch die Berlinale, ist Standard und Neuer Osnabrücker Zeitung zu entnehmen. taz und Nachtkritik lernen von She She Pop oratorischer "Fabel von der Entmietung" ins richtige Summen miteinzustimmen.  Die NZZ erzählt, wie indigniert Paris auf den gigantischen Tulpenstrauß reagiert, den ihm Jeff Koons überreichen will. Die Jungle World grübelt über den Trend zur Antiästhetik. Und Jaroslav Rudiš erklärt, wo man zu Hause ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2018 finden Sie hier

Kunst


Johanna Diehl: "Halych", aus der Serie 'Ukraine', 2013. Foto: Galerie Thomas Salis

Beeindruckt berichtet Anne Katrin Feßler im Standard von den Fotografie der in Berlin lebenden Künstlerin Johanna Diehl, die auf ihren Bildern der Frage nachgeht, wie sich Geschichte und Macht in Architektur einschreiben. Zu sehen sind ihre Arbeiten aus Zypern, Italien und der Ukraine gerade in der Galerie Thomas Salis in Salzburg: "Auf ihrer Reise zu den alten Synagogen der Ukraine fand Diehl unter Gewölben und hohen Bogenfenstern nicht nur Basketballkörbe und quietschbunte Turnböden, die auf ihren Fotografien fast schon wie geometrisch abstrakte Bilder wirken, sondern auch in diesen Kulissen grotesk Wirkendes wie einen Greißler."

Tulips © Jeff Koons
Wie viel Empörung ein gigantischer Plastik-Tulpenstrauß in der Pariser Kunstszene erregen kann, staunt Claudia Mäder in der NZZ. Als Geste der Kondolenz für die Opfer der Pariser Terroranschläge 2015, beauftragte die amerikanische Botschafterin den Künstler Jeff Koons mit der Anfertigung der Skulptur, die der französischen Hauptstadt als Schenkung überreicht werden soll. Die Pariser aber können die Tulpen nicht riechen: "Die Tulpenskulptur verströme nämlich den Charme von Plastic, Plastic kommt von Erdöl, Erdöl ist der Stoff, der die amerikanische Politik antreibt, die amerikanische Politik hat den Terror mitverursacht - und diesem soll man nun zum Gedenken an seine Opfer ein Zeichen setzen? Unverschämt finden das viele, genauso wie den Umstand, dass Koons sein 'Geschenk' nicht selber berappt, sondern von steuerbegünstigten französischen Mäzenen finanzieren lässt."

Auch Kia Vahland feiert in der SZ die große Rubens-Schau im Frankfurter Städel, von dem man lernen könne, Synthesen zu finden, wo bisher nur Gegensätze waren: "Diese Historien! Diese kräftigen Helden, rundlichen Göttinnen, sterbenden Raubtiere! Rubens' Dramatik, sein Schwanken zwischen hochjauchzendem Glück und existenzieller Gefährdung schienen nicht zu passen in das zweckrationalisierte Dasein, das der Spätkapitalismus verlangt."

Besprochen werden außerdem die Rebecca-Horn-Ausstellung "Hauchkörper als Lebenszyklus" im Lehmbruck Museum Duisburg (SZ) und die Ausstellung "Drive, drove, driven" in der Kommunalen Galerie Berlin (taz).
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Film

In einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung hat Berlinale-Intendant Dieter Kosslick am Wochenende mit Blick auf die #MeToo-Debatten eingeräumt, "in diesem Jahr Arbeiten von Leuten nicht im Programm zu haben, weil sie für ein Fehlverhalten zwar nicht verurteilt worden sind, es aber zumindest zugegeben haben." Namen nennen will er aber nicht. Die Berlinale tue "in jedem Fall gut daran, solchen Leuten nicht eigens ein Forum auf dem roten Teppich zu bieten", applaudiert Tim Caspar Boehme online bei der taz. "Eigenartig ist nur, dass dieser Schritt nicht gleich bei der offiziellen Präsentation des Festivals erwähnt wurde." Der Standard meldet unterdessen per APA, dass eine namentlich ungenannte südkoreanische Schauspielerin die Berlinale der "Scheinheiligkeit" beschuldigt: Der Regisseur Kim Ki-Duk habe sie bei Dreharbeiten 2013 misshandelt, dennoch zeige das Festival dessen neuen Film.

Für Frédéric Jaeger ist die Berlinale zu saft- und kraftlos, zu unübersichtlich, zu unkonzentriert geworden. In der Berliner Zeitung unterbreitet er einen Vorschlag, wie es vielleicht besser laufen könnte: "Es ist schnell und populistisch gesagt, dass viele verfügbare Tickets darauf schließen lassen, dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist. Aber warum zeigt das Festival dann nicht die besten Filme, sondern lieber die neuesten?"

"Dies ist ein melancholischer, ein manchmal morbider Film. Eine deutsche Melancholie, mit einem Schuss Selbstinszenierung", schreibt Fritz Göttler in der SZ über den essayistischen Dokumentarfilm "Romy - Porträt eines Gesichts", den Hans-Jürgen Syberberg 1967 über Romy Schneider gedreht und der jetzt im Director's Cut auf DVD vorliegt. "Syberberg erforscht das Gesicht von Romy Schneider, in starken Nahaufnahmen, unerbittlich, aber diskret, diese Schönheit, diese Müdigkeit, dieses Schwanken zwischen dem Resoluten und trauriger Unsicherheit." Hier kommentiert der Regisseur seinen damals für den BR entstandenen Film, aus dem auch einige Ausschnitte zu sehen sind:



Weitere Artikel: Christina Bylow porträtiert für die Berliner Zeitung Regisseur Tom Tykwer, der in diesem Jahr der Berlinale-Jury als Präsident vorsteht. Im Tagesspiegel erinnern sich Filmschaffende an die Zusammenarbeit mit Wieland Speck, der in diesem Jahr die Leitung der Berlinale-Sektion Panorama nach 24 Jahren abgibt.

Besprochen werden Errol Morris' auf Netflix gezeigte Mini-Serie "Wormwood" (Freitag) und Ridley Scotts "Alles Geld der Welt" (Tagesspiegel).
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Literatur

In der FAZ widmet sich der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet wird, ganz und gar der (Kriegs-)Geschichte der Kartoffel: "Ähnlich wie die menschliche Dummheit oder der Humor kennen auch die Kartoffeln keine Grenzen. Als Böhme weiß ich, dass die Bierqualität leider sehr unterschiedlich sein kann; doch die Kartoffeln, die schmecken immer. Und dort, wo man Kartoffeln zubereitet, da ist man zu Hause."

Welt
-Autor Thomas Schmid erklärt in einem schönen kleinen Essay, was konkrete Poesie überhaupt ist und warum Eugen Gomringers Gedicht, das an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin nun übermalt werden soll, alles andere als sexistisch ist: "Es stellt Verbindungen her, die in der Schwebe, die vorläufig bleiben. Das Gedicht lässt eine eigene Welt entstehen. Und es ist keineswegs so, dass dem Bewunderer am Ende alles zu Diensten ist. Der Bewunderer ist nicht die Hauptperson. Er steht abseits. Obwohl er durch die Bezeichnung, die er trägt, der einzige Aktive zu sein scheint, ist er nur das Beiwerk zu den drei substantivischen Hauptakteuren des Gedichts: den Straßen, den Blumen, den Frauen."

Weiteres: Im Freitag ärgert sich Teresa Malt darüber, dass die Schriftstellerin J.K. Rowling immer noch weitgehend aufs Frau-Sein reduziert wird, während die literarische Würdigung ausbleibt. Die Welt reicht Philipp Haibachs Bericht von seinem Treffen mit Schriftsteller Andreas Maier, der in seinem autobiografischen Romanzyklus "Ortsumgehung" mittlerweile beim Band 6 angekommen ist, online nach. Besprochen werden Esther Kinskys "Hain" (SZ), die E-Book-Compilation "Die Stadt der Anderen" (Berliner Zeitung) und eine deutsche Ausgabe des Comics "Black Panther" zum Kinostart des ersten Leinwandabenteuers des afrikanischen Superhelden (Tagesspiegel).

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Design

Im Jungle-World-Essay umkreist Hugo Sand Modetrends wie "Normcore", "Gorpcore" und "Menocore", die sich allesamt durch einen Verzicht auf Extravaganz auszeichnen. Dass manche Feuilletons darin etwas Emanzipatives erkannt haben wollen, stimmt Sand skeptisch: "Allen diesen Einschätzungen ist, nebst anderer streitbarer Annahmen, ein Verkennen des tatsächlichen Charakters von Mode und Trends gemein: Mode ist ihrem Wesen nach vergänglich und schnelllebig, die Hoffnung auf einen Ausbruch daraus mithilfe eines Trends ist entsprechend lächerlich. ...  Die vorgestellten Stile versprechen so auch nichts mehr, außer nichts zu versprechen. Gefragt sind das Zurschaustellen von Gleichgültigkeit und Indifferenz gegenüber Trends und Normen; es geht um einen Kult der Natürlichkeit, der verdeckt, dass Mode per se Kultur ist. Stolze Antiästhetik will ganz authentisch gar nichts mehr darstellen als jemanden, der nichts darstellen will."

Fürs ZeitMagazin porträtiert Carolin Würfel das Plus-Size-Model Barbie Ferreira.
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Normcore

Bühne


"Diese Geschichte kennen wir! Gleich wird die Wohnung verkauft und sie muss raus! Korrekt?" - She She Pops "Oratorium im Berliner HAU. Foto: Benjamin Krieg

Interessant, dass der Chor wieder ins moderne Theater zurückkehrt, bemerkt Eva Behrend in der taz zu She She Pops Gentrifizierungsdrama "Oratorium" im Berliner HAU2: "Im Zentrum des nun anhebenden Weihespiels steht eine brechtelnde 'Fabel von der Entmietung', wie sie die Berliner Autorin Annett Gröschner erzählt haben könnte: 'Die Schriftstellerin' wohnt seit Jahrzehnten in einem Prenzlauer-Berg-Altbau zur Miete und muss eines Tages den eigenen Wohnraum zur Besichtigung durch potenzielle Käufer, darunter ausgerechnet ein ehemaliger Praktikant, freigeben. Das Gentrifizierungsdrama verliert zwar trotz formal ironischer Leitplanken nicht an individueller Tragik, kriegt aber an keiner Stelle die Schlagkraft eines Schlüsselereignisses, das das System infrage stellt. Denn She She Pop interessieren sich lieber für die spaltenden Emotionen, die sich auf beiden Seiten einstellen: ohnmächtige Wut und Neid bei den Mieter*innen, bestenfalls schlechtes Gewissen oder zynische Empathie bei den Eigentümer*innen."

In der Nachtkritik freut sich Sophie Siesselhorst über die kollektive Andacht, in der She She Pop den auffordernden Charakter sehr ernst nehmen: "Welches Summen Ihr am liebsten mitsummt, müsst Ihr einzeln entscheiden, wenn Ihr mündig sein wollt!"

Weiteres: Joseph Hanimann berichtet in der SZ von neuen Theaterinszenierungen in Paris.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Kleists "Amphitryon" am Schauspiel Frankfurt (die laut FR-Kritikerin Judith von Sternburg "aus dem berühmtesten "Ach" der Weltliteratur" ein "Och" macht, ein "Ach, naja", Nachtkritik, FAZ), John von Düffels Adaption von Shakespeares Tragödien über den Verfall der Römischen Republik am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), die deutsche Erstaufführung von Rufus Wainwrights Oper "Prima Donna" in Augsburg (FAZ), Massenets "Werther in Straßburg (FAZ), Nikolaus Brass' Vertonung von Jon Fosses Stück "Sommertag" an der Staatsoper Berlin (Berliner Zeitung), Michael Sturmingers Insznierung von Oscar Wildes "Bunbury" am Stadttheater Klagenfurt (Standard) und Naoko Tanakas Performance "Still Lives" in den Sophiensälen (taz).
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Musik

In der taz erinnert Julian Weber an den Popjournalisten Martin Büsser, der 2010 an Krebs gestorben ist und heute 50 Jahre alt geworden wäre. Aus diesem Anlass erscheint heute eine Sammlung seiner Texte. Aufs Schwadronieren gab Büsser nichts, erklärt Weber: "Er erkannte Aspekte in der Popmusik, die von anderen geflissentlich übersehen wurden. 'Postpubertäre Zerrissenheit, die Selbstzweifel narzisstisch nach außen trägt', stellte er 1996 an den Mitsing-Songs von Tocotronic in dem Text 'Die Take That fürs Indiezimmer' fest. Fragen nach Race, Class und Gender wurden immer in seinen Texten beantwortet." Bei Intro, taz und Jungle World finden sich noch einige von Büssers Texten in den Online-Archiven. Der Journalist Marco Maurer bietet sein 2011 für den BR entstandenes Feature über Büsser als mp3-Download an.

Apropos Tocotronic. Deren neues (hier und hier besprochenes) Album "Die Unenendlichkeit" wurde ja bislang vor allem im Hinblick auf die autobiografischen Aspekte der Texte besprochen, merkt Wolfgang Schneider in der FAZ an. Doch die musikalischen Qualitäten seien bislang zu wenig gewürdigt worden. So staunt Schneider über die ersten drei Stücke des Albums: "Ein treibender Dubsound schafft Atmosphäre und wird dann im Chorus mit düsteren Akkordgewittern und später mit kreischender Leadgitarre überwölbt. ... Das hat etwas Kathedralenhaftes.." Darauf "folgt ein subtiles Stück Art-Rock, eine Beschwörung von Kindheitsängsten. ... Wie geradezu altmeisterlich ist dieses Lied gebaut! Mit raffinierten Verschiebungen zwischen Moll und Dur, und wenn nach einem gekonnt verknautschten Gitarrensolo die Tonart von H nach Fis wechselt, entsteht ein unter die Haut gehender Pathosmoment."

Der isländische Komponist Johánn Johánnson ist überraschend im Alter von 48 Jahren gestorben. Einem größeren Publikum bekannt wurde er vor allem für seine Soundtracks für einige Filme des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve, etwa "Sicario" und "Arrival". "Er war einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen Klassik und Filmmusik", würdigt Jan Kedves den Verstorbenen in der SZ. Andreas Busche erklärt im Tagesspiegel: "Jóhannsson kombinierte orchestrale und elektronische Kompositionen, er verfremdete Stimmen und akustische Instrumente zu vielschichtigen Klangtexturen und benutzte tiefe Frequenzen, um seinen Scores eine räumliche Struktur zu geben." Hier ein Stück aus dem Soundtrack zu "Arrival":



Weitere Artikel: Alexander Menden hat sich für die SZ informiert, wie sich nach dem Brexit die Lage für das in London sitzende Jugendorchester der Europäischen Union darstellen könnte.

Besprochen werden ein Auftritt von Dream Wife (FR), ein Konzert von Lydia Lunchs Band Medusa's Bed (Skug), das neue Album von No Age (Jungle World) und die aus Buch, CDs und BluRays bestehende "John Adams Edition" der Berliner Philharmoniker (FAZ).
Archiv: Musik