Efeu - Die Kulturrundschau

Unter der Treppe eines Nonnenklosters

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13.02.2018. Die taz erkundet im Sprengel Museum die bildhauerische Fotografie Rineke Dijkstras. Außerdem freut sie sich an der unbekümmerten Freude mittelalterlicher Literatur an fluiden Geschlechterbildern. Die SZ verbeugt sich vor dem Heldentenor Andreas Schager. Die NZZ bewundert, wie sich die New York Public Library in ein soziales Netzwerk verwandelt hat. Der Standard sorgt sich um Lawrence Weiners Mahnmal am alten Flakturm im Esterhazypark. In der Welt empfiehlt der französische Kritikerpapst Serge Toubiana der Berlinale einen Leiter mit Leidenschaft für alle Kinos, keinen Funktionär

Kunst


Rineke Dijkstra: Odessa, Ukraine, August 7, 1993
Courtesy Marian Goodman Gallery, Paris and Galerie Max Hetzler, Berlin. Kurt Lehmann: Hirtenjunge 1936 - 1954 Bronze, Sprengel Museum Hannover Foto: Herling / Hering / Werner, Sprengel Museum Hannover © Stiftung Kurt Lehmann, Staufen

taz
-Kritiker Jan Zier feiert die Ausstellung "Figuren" der preisgekrönten Fotografin Rineke Dijkstra im Sprengel Museum Hannover und entdeckt dabei das Skuplturale ihrer Arbeiten, das Bildhauerische: "Alles in Rineke Dijkstras 'Beach Portraits' ist sorgsam auskomponiert und doch soll es immer 'einen Moment der Unbefangenheit geben', wie sie in einem Interview einmal sagte. Gleichwohl wissen die Jugendlichen sehr wohl, wie sie wirken, wirken wollen und was sie darstellen. Sie befinden sich allesamt in einer Phase des Umbruchs, das spürt man sofort, und ihre Emotionen sind noch sichtbarer, ihre Selbstbild ist noch nicht so verkopft und kontrolliert, wie das später der Fall sein wird."

Im Standard zeigt sich auch Anne Katrin Feßler verhalten  abgestoßen von Jeff Koons Idee, in Paris einen riesigen Plastiktulpenstrauß als Mahnmal für die Pariser Anschläge zu vermarkten. Sie möchte aber auch darauf hinweisen, dass in Wien gerade Lawrence Weiners Mahnmal am alten Flakturm im Esterhazypark zu verschwinden droht. "Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht) / Smashed to pieces (in the still of the night)" prangt in riesigen Lettern von dem Gebäude. Das Haus des Meeres hat den Bunker gekauft und will eine Glasfassade über die Mauer ziehen: "'Bevor sie es zerstörten, nannten sie es noch berühmt', so Weiner mit resignierendem Zynismus vor wenigen Tagen in einer E-Mail an seinen Galeristen Hubert Winter."

Besprochen werden die César-Ausstellung im Centre Pompidou in Paris (Welt), die Rubens-Schau im Frankfurter Städel (Tagesspiegel), eine Ausstellung der Fotografin Sigrid Neubert im Museum für Fotografie in Berlin (SZ)
Archiv: Kunst

Literatur

Matthias Kreienbrink staunt in der taz über die Geschlechterbilder in mittelalterlichen Romanen, die deutlich fluider ausfallen und eine unbekümmertere Spielfreude an den Tag legen, als heutige Vorstellungen es für möglich halten würden. Unter anderem ist Kreienbrink auch auf diese amüsante Passage gestoßen: "Ein Ritter hatte sich von seinem Geschlecht getrennt, nachdem die Geliebte ihm sexuelle Maßlosigkeit vorwarf. Er verendet darauf, der Penis überlebt jedoch unter der Treppe eines Nonnenklosters. Die Nonnen - nach Jahren der sexuellen Entsagung - entdecken ihn, als er durch das Kloster läuft. ... Die Nonnen veranstalten ein Turnier, um zu bestimmen, wer zweisame Stunden mit dem Penis verbringen darf."

Bei den Anwürfen gegen ihren Vater wegen des "avenidas"-Gedichts handelt es sich um einen "schäbigen" Angriff, sagt Nora Gomringer im Interview für die Berliner Zeitung gegenüber Joachim Frank. Das Gedicht sei "instrumentalisiert" worden. "Gedichte gehören in den öffentlichen Raum, sie gehören an die Wände. ... Heute ist auf Fassaden und Riesenplakaten im öffentlichen Raum alles Mögliche zu sehen, wodurch Frauen sich belästigt fühlen könnten." Und in diesem "Kontext einer durch und durch sexualisierten Bildwelt kommt ein Autor daher, stellt Straßen und Blumen und Frauen nebeneinander - und dadurch fühlen Frauen sich so angegriffen, dass sie gleichsam in die Schützengräben springen."

Im Interview mit Thomas David von der NZZ befindet der irische Schriftsteller John Banville mit bemerkenswerter Überheblichkeit, dass nicht alle Meinungen in der Öffentlichkeit Platz haben sollten. Die wirklich wichtigen Standpunkte gingen ja von einer aus Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen bestehenden Elite aus: "Eines der Probleme unserer Zeit ist, dass die Demokratie wirklich in der Gesellschaft angekommen ist, dass heute jeder eine Stimme hat. Das erinnert mich an Dostojewskis 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch', wo es über den Kellerlochmenschen heißt, dass er wohl fähig ist, 'vierzig Jahre lang stumm in seinem Kellerloch auszuharren, kommt er aber ans Licht, dann geht es mit ihm durch, dann redet er, redet, redet, redet...'. Und so weit sind wir heute: Jeder glaubt, eine Meinung zu haben, die die Welt unbedingt hören müsse."

Weitere Artikel: In der NZZ begrüßt Andrea Köhler den vorbildlichen Wandel, mit dem die New York Public Library die Digitalisierung gemeistert hat: Sie sei zu einem wahren "Social Network" geworden, mit erweitertem Zugang zu Büchern und digitalisierten Beständen. Über die NYPL erscheint jetzt der neue Film "Ex Libris" vom großen Dokumentarfilmer Frederick Wiseman. Die Welt hat Felix Zwinzschers Chat mit Clemens J. Setz' Chatbot online nachgereicht. Außerdem hat sich Andreas Tobler für den Tages-Anzeiger mit dem Autor über dessen neues Buch unterhalten, das dieser als von einer Suchmaschine collagierten Interviewband konzipiert hat. Paul Jandl würdigt Adalbert Stifter in der NZZ als "Dichter der Saison", schließlich war dessen "Leben ewige Fasnacht, Fasching, Kehraus." Auf ZeitOnline führt Sabine Horst durch die Welt der "Boys Love"-Manga, die sich mit ihren homoerotischen Darstellungen von Männern allerdings an ein weibliches Lesepublikum richten. In der taz berichtet Annabelle Hirsch aus dem verschneiten Paris. Detlef Kuhlbrodt beschreibt in der taz eine Berliner Szene. In der FAZ gratuliert Jochen Hieber Jan Siebelink zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Esther Kinskys "Hain" (Tagesspiegel), Nell Zinks "Nikotin" (Zeit), Jón Kalman Stefánssons "Etwas von der Größe des Universums" (NZZ), Helen Macdonalds Falke" (Tell), Jaroslav Kalfařs Debüt "Eine kurze Geschichte der tschechischen Raumfahrt" (taz), der von Anna-Lisa Dieter und Silvia Tiedtke herausgegebene Band "Radikales Denken. Zur Aktualität Susan Sontags" (Freitag), Wilhelm Genazinos "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" (FR), Judith W. Taschlers "David" (Standard), Fouad Larouis "Im aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt" (Tagesspiegel), die von Tanja Küddlelsmann und Jukka-Pekka Pajunen übersetzte, finnisch-deutsche Gedichtsammlung "Mehr als Pullover borgen" (SZ) und Navid Kermanis "Entlang den Gräben" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Serge Toubiana, lange Zeit Leiter der Cahiers du Cinéma und der Cinématheque Francaise hat im Welt-Interview mit Hanns-Georg Rodek gute Ratschläge für die Kommission, die einen neuen Berlinale-Leiter finden soll: Die Leute "sollten einen neuen Leiter mit Leidenschaft fürs Kino aussuchen. Für alle Kinos, Mehrzahl. Selbst für YouTube und Netflix. Keinen Funktionär. Einen mit Passion."

Momentan allerdings steht die Berlinale in der Kritik, Kim Ki-Duks Film "Human, Space, Time and Human" im Panorama zu zeigen, obwohl dem Festival bekannt ist, dass eine Schauspielerin dem Regisseur vorwirft, sich 2013 bei Dreharbeiten gewalttätig verhalten zu haben. Den Film zu zeigen, sei "eine bewusste kuratorische Entscheidung" gewesen, zitiert Christiane Peitz im Tagesspiegel die neue Panorama-Leiterin Paz Lázaro: Der gezeigte Film sei in Lázaros Worten eine "'Allegorie auf die Bestie Mensch'", die in 'teils drastischen Bildern Gewalt von Männern gegen Frauen und Männer zum Thema hat'."

Dass Ridley Scott die für "Alles Geld der Welt" bereits abgedrehten Szenen mit Kevin Spacey nach Missbrauchsvorwürfen in die Tonne getreten und kurzerhand durch neugedrehte Szenen mit Christopher Plummer ersetzt hat, nimmt Sven von Reden dem Regisseur angesichts des nun fertigen Produkts nicht übel: "Der 89-jährige Plummer wirkt in der Rolle des knorrigen 81-jährigen Multimilliardärs J. Paul Getty so perfekt besetzt, dass es schwerfällt, sich den wesentlich jüngeren Spacey in dieser Rolle vorzustellen", schreibt er im Standard. Den Lösegeld-Thriller erzähle der Regisseur im übrigen "mit einem Drive, den die meisten halb so alten Regisseure nicht erreichen würden."

Weitere Artikel: Nachdem bekannt wurde, dass die "Game of Thrones"-Macher damit beauftragt wurden, dem Disney-Konzern eine neue "Star Wars"-Trilogie zu zimmern, wähnt sich Dirk Peitz von ZeitOnline endgültig im Hitzetod des Fortsetzungswahns angekommen. Im Standard schreibt Dominik Kamalzadeh über eine Mario Monicelli gewidmete Retrospektive im Filmmuseum Österreich.

Besprochen werden Miguel Alexandres romantische Komödie "Arthur & Claire", in der Josef Hader eigentlich sterben will (Standard) und neue Sat1- und RTL-Serien, denen es laut Michael Hanfeld in der FAZ "in beachtlicher Weise an Produktionsqualität und Zielgruppenkenntnis" mangelt.
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Archiv: Film

Bühne



"Tristan und Isolde" an der Deutschen Staatsoper. Foto: Gordon Welters

Große Premiere an der Berliner Staatsoper: Daniel Barenboim dirigierte Wagners todestrunkenes Liebesdrama "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov. Ein bisschen altmodisch das Ganze, meint Reinhard Brembeck in der SZ, aber umgehauen hat ihn Andreas Schager als Tristan: "Schager ist kein Schönsänger mit betörendem Stimmglanz. Aber selbst der immer wieder zu Klangdetonationen und Leidenschaftsausbrüchen neigende Dirigent Daniel Barenboim kann mit seiner Staatskapelle diesen Mann nicht übertönen. Immer strahlt Schagers Stimme durchs Orchester, die Kraft will und will ihm nicht ausgehen ... Er kann alles singend gestalten, was einem Menschen an Gefühlen gegeben ist: Zweifel und Jubel, Kleinlichkeit, Hass und Erotik, Sehnen und Misstrauen, Ungerechtigkeit und Großherzigkeit. Vor allem aber die ganz große, die bedingungslose Liebe."

Großartig findet Julia Spinola in der NZZ dagegen Tcherniakovs Deutung, der "der Mär von der Liebesgeschichte jedenfalls nicht auf den Leim" geht: "Wie ein Psychoanalytiker legt er in seiner Berliner Neuinszenierung die Beziehungsmechanismen bloß, die Tristan und Isolde zum Verhängnis werden, und führt sie im letzten Aufzug überraschend auf ihren Kern, auf unverarbeitete Kindheitstraumata, zurück." In der taz schreibt Nikolaus Hablützel zu der Aufführung.


Yael Ronens "Gutmenschen". © www.lupispuma.com / Volkstheater

Erfrischend findet Wolfgang Kralicek in der SZ den "unverblümt offensiven Gestus", mit dem Yael Ronens Stück "Gutmenschen" im Wiener Volkstheater den Iraker Yousif Ahmad vor der Abschiebung retten will. Im Standard sieht Ronald Pohl die eigene Gesinnung, auch des Ensembles schon auf die Probe gestellt. Auch Welt-Kritikerin Eva Biringer amüsiert sich bestens, meint aber: "Wenn man Yael Ronen und ihrem  Ensemble  eines  vorwerfen  kann, ist es der fehlende Ernst ihrem eigentlichen Thema gegenüber."

Besprochen wird Ulrich Rasches Bühnenversion von Ágota Kristófs Antikriegsroman "Das große Heft" in Dresden (FAZ, taz).
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Musik

Großen Spaß hat SZ-Kritiker Jonathan Fischer an der Band KOKOKO! aus Kinshasa, die mit "verzerrten Noise-Rock-Rhythmen" und "handgemachtem Techno auf Müll-Instrumenten" nicht nur "an die No-Wave- und Post-Punk-Energie" aus dem 70s New York erinnern, sondern auch den Eindruck entstehen lassen, "als hätten die frühe Grace Jones oder die Talking Heads nach einer durchkoksten Nacht beschlossen, auf dem Inventar einer Autowerkstatt zu jammen." Das wollen wir uns nicht entgehen lassen:



Weitere Artikel: Für Electronic Beats spricht Daniel Melfi mit Gudrun Gut und Frank Wiedemann über deren "Symphony Of Now"-Projekt, das am 14. Februar an noch zu nennender Stelle in Berlin aufgeführt werden soll. In der taz stellt Julia Lorenz die Band Dream Wife vor, deren Debütalbum man hier hören kann. Besprochen wird der dritte Teil der großen Compilation "Deutsche Elektronische Musik" mit allerlei bekanntem und entlegenem Krautrock (The Quietus).
Archiv: Musik