Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Muff, Pelz und Stilettos

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30.12.2017. Der Musiker Christopher von Deylen dreht im Iran am Jubelknöpfchen, lesen wir in der FR. Chinesischstämmige Koreaner möchten auch gern mal die Rolle des Filmhelden spielen, erzählt die NZZ. Die taz staunt über den Literaturkritiker Thomas Gottschalk und begutachtet das von identitärem Tribalismus gezeichnete Superkunstjahr 2017. Und der Perlentaucher wünscht allen Lesern einen guten Rutsch!
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2017 finden Sie hier

Literatur

In der taz blickt Literaturredakteur Dirk Knipphals auf ein Sabbatical zurück, in dem er nicht nur der Arbeit im Büro, sondern auch dem Lesen fernblieb: Im Exil erreicht haben ihn dann doch Sven Regener, Fatma Aydemir und Daniel Kehlmann mit ihren neuen Romanen, sondern vor allem und überraschenderweise Thomas Gottschalk im "Literarischen Quartett": "Klar, dachte man, Gottschalk, wird er sich halt durchwitzeln. Denkste. Erst legt Thomas Gottschalk eine akkurate Inhaltsangabe von Peter Handkes neuem Roman 'Die Obstdiebin' hin, dann findet er die von nun an klassische Replik aller Handke-Leser. Auf die Beschwerde von Christine Westermann, in dem Buch passiere gar nichts, sagt er: 'Aber mit mir ist beim Lesen etwas passiert.' Dieser Satz bringt tatsächlich meterweise Handke-Besprechungen auf den Punkt." Hier steht die Folge online.

Weitere Artikel: Zum Jahresbeschluss fragt die SZ zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter etwa Thomas Lehr, Deborah Feldmann und Clemens J. Setz, nach ihrem liebsten letzten Satz in der Literatur. Lothar Müller schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann. Deutschlandfunk Kultur bringt eine "Lange Nacht" über den Schriftsteller Jurek Becker. Die Literarische Welt bringt mit "Der Maler" eine bislang unbekannte Erzählung von Hans Fallada. Die FAZ dokumentiert Andreas Rossmanns bereits vor einem Jahr gehaltene Laudatio auf den Verleger Ludger Claßen, mit der sich der FAZ-Korrespondent in den Ruhestand verabschiedet. Carsten Hueck hat für die NZZ den polnischen Dichter Adam Zagajewski in Krakau besucht.

Besprochen werden unter anderem Christoph Türckes "Umsonst leiden. Der Schlüssel zu Hiob" (NZZ), Michael Bienerts "Döblins Berlin" (online nachgereicht von der Welt), Canales' und Pellejeros Fortsetzung von Hugo Pratts Abenteuercomic "Corto-Maltese" (Tagesspiegel) und Nadia Murads "Ich bin Eure Stimme" (FR).
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Architektur

Die Plaza des Rockefeller Center in New York soll umgebaut werden: edler und lichter soll sie werden, mehr auf die Schaufenster ausgerichtet. In der NZZ trauert Sarah Pines schon mal um einen geliebten, romantisch unordentlichen Platz, auf dem man noch Eislaufen kann: "Über mir dräut der fast 30 Meter hohe Baum mit pieksig aussehenden Nadeln und mehr Flimmer als Tanne daran, 50 000 LED-Lichter in Regenbogenfarben, ganz oben prangt der silbrige Riesenstern aus Swarovski-Kristallen - es ist der größte öffentliche Weihnachtsbaum der USA an New York Citys symbolträchtigstem Ort. Die Kulisse ist so elegant wie die Bühnen des Sonnenkönigs, und ich stelle mir kurz vor, statt Krumpelschal und rotkalten Händen ein 5th-Avenue-Ensemble aus Muff, Pelz und Stilettos zu tragen. ... Die Plaza, wie sie die Welt kennt, wirkt schwulstig und operettenhaft aufgeworfen, unordentlich. Genau so, wie man sie mag."
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Musik

Im Interview mit der FR erzählt der Musiker Christopher von Deylen, wie er mit seinem Projekt "Schiller" als erster westlicher Act seit 39 Jahren in Teheran auftrat. "Hürden" hatte es nicht gegeben, Kompromisse habe er nicht eingehen müssen - was auch daran liegt, dass die meisten seiner Stücke instrumental sind - und getanzt wurde bei seinem Konzert auch nicht: Dafür gab es "ohrenbetäubenden minutenlangen Jubel. ... Es war spannend zu sehen, wie das Publikum auf musikalische Akzente reagiert, die mir bisher vielleicht selbst gar nicht so aufgefallen sind. Auf einmal stelle ich fest: Wenn ich an diesem Synthesizer den Filter etwas mehr aufdrehe, dann steigert das die Jubelquote. Das ist natürlich eine große Verlockung: Man dreht an einem Knopf und der Saal tobt. Beim fünften Konzert bin ich wieder etwas vorsichtiger geworden. Ich wollte das Publikum nicht in die Verlegenheit bringen, sich unnötig stark bremsen zu müssen, oder aus dem dort vorgesehenen Rahmen zu fallen." Hier ein kleiner Eindruck:



Außerdem: Der deutsche Indiepop kultivierte 2017 ein neues Unwohlsein, meint Jens Balzer in seinem Jahresrückblick für den Rolling Stone. Ganz generell ist Indie-Rock im Wandel begriffen, bemerkt Jillian Mapes auf Pitchfork.
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Stichwörter: Iran, Deutsche Popmusik

Film

In Südkorea werden Filmschurken gerne mit China-Koreanern besetzt. Dagegen wehrt sich jetzt die rund 600.000 Menschen umfassende Minderheit, berichtet Hoo Nam Seelmann in der NZZ: "Als brutal und rücksichtslos werden sie porträtiert, vor allem als Typen, die für Geld alles tun. Beliebt ist ihre Rolle als gedungene Mörder und Zuhälter. ... Damit hat sich aber in Korea die Gestalt des Bösewichts gewandelt. Lange waren es die Japaner, die als besonders grausame Kolonialherren galten. Dann waren es die Yakuza und die koreanische Variante davon, die Chopok heisst. Nach dem Koreakrieg waren die Nordkoreaner als Kommunisten die Bösen. Aber aus der heutigen fiktionalen Welt Koreas haben sich die Nordkoreaner abgemeldet, obgleich gut 30.000 Nordkoreaner im Süden leben."

Außerdem: Vom Kinojahr 2017 bleiben taz-Kritiker Tim Caspar Boehme insbesondere die Gesichter der Schauspieler Meinhard Neumann (in Valeska Grisebachs "Western") und Laura Dern (von Kelly Reichardts "Certain Women" über David Lynchs "Twin Peaks" bis zum neuen "Star Wars"-Film) in Erinnerung. Für die Welt plaudert Silvia Bizio mit Ridley Scott über dessen Entscheidung, Kevin Spaceys Part in "Alles Geld der Welt" nach Abschluss der Dreharbeiten durch nachgedrehte Szenen mit Christopher Plummer zu ersetzen. Hanns-Georg Rodek schreibt in der FAZ zum Tod des Filmproduzenten Wolf C. Hartwig, den heute zwar kaum einer mehr kennt, der mit seinen "Schulmädchen-Report"-Filmen aber erfolgsmäßig selbt Produzenten wie Bernd Eichinger blass aussehen lässt. In der SZ werfen die Filmkritiker des Blattes einen Blick in die Zukunft, wie sie sich Science-Fiction-Filme ausmalen.

Besprochen wird die Serie "Godless" (FR).
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Bühne

Astrid Herbold nimmt für den Tagesspiegel Einblick in das frisch digitalisierte Archiv des Schauspieldirektors August Wilhelm Iffland, der um 1880 die Berliner Theaterbühnen modernisierte. Eins fällt ihr dabei vor allem auf: "Von beleidigter Publikumsschelte jedenfalls fehlt in den Korrespondenzen jede Spur." Mal mehr (Katrin Bettina Müller in der taz), mal weniger freundlich (Ulrich Seidler in der FR) resümerien die Theaterkritiker die erste halbe Nach-Castorf-Spielzeit an der Volksbühne.
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Kunst

Das Superkunstjahr 2017 war vor allem eins: ein superschlechtes Jahr für die Kunst, meint Brigitte Werneburg in der taz. Und am schlimmsten waren nicht die Sündenfälle Documenta, Biennale in Venedig oder der Louvre-Ableger in Abu Dhabi: "Ausgerechnet die KünstlerInnen selbst, in denen man doch die eigentlichen, und letzten Sachwalter künstlerischen Anliegens vermuten würde, forderten die Vernichtung oder Abhängung moralisch anstößiger Kunstwerke und den Ausschluss eben solcher KünstlerInnen aus dem Diskurs. ... Im neuen Jahr steht die Berlin-Biennale an, und die schönste Überraschung wäre es, wenn die Kunst mit ihren Fragen nach dem Werkprozess, nach ihrem Material und ihrer Form nach vorne rückte. Es steht freilich zu befürchten, dass identitärer Tribalismus und ebensolche Moral erst recht das Kunstjahr 2018 definieren."

Für Nicola Kuhn, die das Kunstjahr für den Tagesspiegel resümiert, ist wichtigste Erkenntnis, dass sich die Sparten Kunst, Theater, Film immer mehr ineinander auflösen. Hingewiesen sei auch noch mal auf Wolfgang Ullrichs Resümee des Superkunstjahres im Perlentaucher.

Weitere Artikel: In der Welt resümiert Berthold Seewald einen Vortrag von Jürgen Kloosterhuis, ehemaliger Direktor des Geheimen Staatsarchivs der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, über eine wiederentdeckte Gouache Adolph von Menzels, die Friedrich den Großen nach der Niederlage bei Kolin 1757 zeigt. Tal Sterngast schickt der taz den zweiten Teil seiner Serie "Alte Meister" über ein Diptychon von Jean Fouquet. Und im Interview mit der SZ beschreibt der Kunstexperte Hubertus Butin die dreisten Methoden der Fälscher von Gerhard-Richter-Kunstwerken.

Besprochen werden die Ausstellung "Josef Albers in Mexiko" im Guggenheim Museum New York (FAZ) sowie Hito Steyerls Essayband "Duty Free Art" (taz).
Archiv: Kunst