Peter Handke

Die Obstdiebin - oder - Einfache Fahrt ins Landesinnere

Roman
Cover: Die Obstdiebin - oder - Einfache Fahrt ins Landesinnere
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783518427576
Gebunden, 559 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Als das "Letzte Epos" (mit großem "L") hat Peter Handke seinen neuen Roman bezeichnet. Mit der Niederschrift begann er am 1. August 2016: "Diese Geschichte hat begonnen seinerzeit an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras wie eh und je zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird." Dieser Stich wird, wie der Autor am 2. August festhält, zum "Zeichen". "Ein gutes oder ein schlechtes? Weder als gutes noch als ein schlechtes, gar böses - einfach als ein Zeichen. Der Stich jetzt gab das Zeichen, aufzubrechen. Zeit, daß du dich auf den Weg machst. Reiß dich los von Garten und Gegend. Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen." Die Reise führt aus der Niemandsbucht, Umwegen folgend, sie suchend, in das Landesinnere, wo die Obstdiebin, "einfache Fahrt", keine Rückfahrt, bleiben wird, oder auch nicht?. Am 30. November 2016, dem letzten Tag der Niederschrift des Epos, resumiert Peter Handke die ungeheuerlichen und bisher nie gekannten Gefahren auf ihrem Weg dorthin: "Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2017

Jan Wiele hat einen Verdacht: Was, wenn Peter Handkes Bücher ein fortgeschriebenes Epos darstellen, das sich von einem Band zum anderen seitenweise springend lesen lässt? Wiederkehrende Motive, Gestalten und Ideen jedenfalls entdeckt er im neuen Buch allerhand, auch wenn der Erzähler, der einer jungen, etwas märchenhaften Frau durch die Pariser Vororte bis in die Picardie folgt, ihm älter geworden zu sein scheint und doch relativ viel Wirklichkeit des Jahres 2016 ins Buch schwappt, der Terror etwa. Bis zum Thema der Familie, wohin die Lektüre den Rezensenten führt, schlägt Handke Haken wie Wolfram von Eschenbach, so Wiele, wechselt Wut mit Humor und entspinnt sich sogar eine Liebesgeschichte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.11.2017

Rezensent Ijoma Mangold legt Peter Handkes "Obstdiebin" als Lektüre für lange Herbstwochenenden ans Herz. Denn im prosaischen Alltag erscheint ihm dieser "Eskapismus als höchstes Menschenrecht" verteidigende Roman doch mitunter zu "grotesk". Mit der nötigen Ruhe aber hat sich der Kritiker gern mit Handkes menschenfeindlichem, aber kommunikationswilligem Erzähler auf einen meditativen, geradezu erhebenden Streifzug durch die Picardie begeben, um Grillenzirpen und Eulenruf zu lauschen oder die Obstdiebin zu suchen. Dass Handke gewohntermaßen auf Handlung, Figurenpsychologie, Konflikt und Spannung pfeift, stört den Rezensenten angesichts der Poesie dieser Erzählung nicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.11.2017

Paul Jandl entdeckt den Widerspruch zwischen Poesie und Praxis in Peter Handkes neuem Roman. Das Ausufernde des Textes geht ihm nur etwas an die Nerven, wenn die Aversionen des Erzählers und das "Sepia des Altmodischen" allzu sehr wuchern. Davon abgesehen aber folgt er der heiligmäßigen Heldin gern durch die Landschaft der Picardie, erkennt Bezüge zum Parzival und zu den Beatles und sieht die Suchbewegung vom Mythischen ins Private sich wendend. Nicht beim heiligen Gral landet die Obstdiebin am Ende, sondern bei ihrem "heiligen Clan", erklärt Jandl.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.11.2017

Rezensent Lothar Müller hat sich gern mit Peter Handkes "Obstdiebin" auf den Weg gemacht, um "Lesefrüchte" zu pflücken. Ohnehin schätzt der Kritiker Handkes Erzählungen für die Kunst der "Augenblicke und Schrecksekunden".  Davon gibt es im neuen Text allerhand, meint er. Mit dem Finger auf der Landkarte die Stationen von Handkes Heldin abschreitend zwischen Chaville und Picardie erlebt Müller Abenteuer und kommt in Berührung mit dem Mythos noch an den profansten Plätzen, am Spielplatz vor dem Bahnhof, im Supermarkt. Nicht der Gehalt der Erzählung (der Weg der Heldin zu einer Familienfeier) ist für den Rezensenten das Entscheidende, sondern der Satzbau, der laut Müller den Rhythmus des Voranschreitens imitiert. Wie der Autor damit den Kurzsatzstil auf die Plätze verweist und weiter gegen den Bildverlust anschreibt, findet Müller nach wie vor lesenswert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.11.2017

Zwar nicht direkt, dafür indirekt umso direkter erklärt Rezensent Dirk Pilz seine Hochachtung für Peter Handke und sein neues Epos, indem er sich in seiner poetisch tönenden Rezension Handkes herrlich "himmelhebende" Sprache anzuverwandeln scheint, und das ganz mehrdeutig, denn um Verwandlung geht es dem gestandenen Autor unter anderem und einmal mehr in der Geschichte seines Ich-Erzählers, der sich schon zu Anfang ohne Umschweife als Autoren-Ich offenbart und sich zu späterem Zeitpunkt mit einer zweiten Figur, einer "idealischen" und selbstkritisch witzigen, zusammentut, als Ehepaar, als Geschwisterpaar, als zwei in eines verwandeln sie sich ineinander und auseinander, recht verwirrend für den Leser der Rezension, sich "verirren" bedeutet aber schließlich bei Handke die Verwandlung und das Verirren bedeutet erleben, also leben, lesen wir. Es ist jedoch die Art, wie Verwandlung hier thematisiert wird, die Pilz besonders interessiert, denn sie unterscheidet sich von früheren Arbeiten Handkes. Zunehmend erscheint das sich Verwandeln und das Schreiben selbst als eine Hinauf- und Hinaus-Bewegung aus der Welt, als "Weltflucht", ein Begriff, der für den Rezensenten jedoch, wir ahnen es, in diesem Fall nicht unbedingt negativ besetzt ist.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.11.2017

Richard Kämmerlings geht mit Peter Handke auf Obstklau und erahnt, dass der Autor mit seinem Text um eine Wanderin auf "Gralssuche" (die laut Kämmerlings ganz profan auf einer Familienfeier mit Catering endet) womöglich zweierlei im Sinn hat: erstens das Verschwinden des Erzählers zugunsten einer Art "Facebook ohne Technik", wo die Leser zugleich auch Schreiber sind und der Ursprung der Geschichte mythisch ist. Und zweitens eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vaterrolle, mit Schuld und Versagen womöglich. Faszinierend erscheint dem Rezensenten, wie Handke das Existenzielle, Autobiografische im "Quellcode" seiner Texte versteckt. Wunderlich und wunderbar, so Kämmerlings.
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