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Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses "Kopf ab!"-Geschrei

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2017. In der Zeit erzählt der Jazzmusiker Tyshawn Sorey, was seine Kunst mit Meditation zu tun hat. Die nachtkritik stellt drei Inszenierungen vor, die sich mit dem Rechtspopulismus dort auseinandersetzen, wo es weh tut. In der Berliner Zeitung wundert sich Matthias Lilienthal über die Wiederauferstehung des Ensemble-Theaters als Anti-Globalisierungs-Revoluzzer. In der NZZ denkt Orhan Pamuk über Erinnerungen nach. So einfallsreich war die German Angst noch nie, jubelt die Berliner Zeitung über Baran bo Odars erste deutsche Netflix-Serie "Dark".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2017 finden Sie hier

Film


German Angst in den 80ern: Szene aus "Dark" (Bild: Netflix)

Nena, Raider und die Angst vor Tschernobyls Folgen - es sind schon sehr spezifisch deutsche Achtziger, vor deren Kulisse Regisseur Baran bo Odar in "Dark", der ersten deutschen Netflix-Serie überhaupt, eine sehr unheimliche Geschichte über Kindsmord und Zeitreisen erzählt, verrät uns Carolin Ströbele auf ZeitOnline. Rundum gelungen findet sie das bildopulente, an die Erfolgsserie "Stranger Things" erinnernde Resultat allerdings nicht: Der Plot wolle zuviel des Guten, "auch auf der Bildebene leidet 'Dark' an Überfrachtung. Die Serie will auf Teufel komm raus gut aussehen und erschlägt den Zuschauer mit Totalen, Luftaufnahmen und detailversessenem Referenzwahn, alles ist fast schon unnatürlich gestochen scharf. Die einsame Kreuzung mit der schwankenden Ampel, das highschoolartige örtliche Gymnasium, das düstere Waldhotel: Zusammengenommen ist das einfach ein bisschen viel german 'Twin Peaks'."

Davon lässt sich Torsten Wahl die gute Laune allerdings nicht verderben: "Wie einfallsreich 'Dark' die 'German Angst', Albert Einstein und Nena in die mystisch-mysteriöse Zeitreiserei einbindet, das spricht nicht nur die Fans des Genres an", schreibt er in der Berliner Zeitung. "Zugleich wirkt die Serie spezifisch deutsch, setzt sich von amerikanischen Vorbildern ab - und könnte genau deshalb auch Fans im Ausland finden."


Szene aus "120 BPM" von Robin Campillo

Mit "120 BPM" ist Robin Campillo ein "herausragender Film über die Aids-Bewegung im Paris der frühen neunziger Jahre" gelungen, schreibt Lukas Stern in der Berliner Zeitung. Darin werde "sichtbar, was (...) zur Zeit der Präsidentschaft François Mitterrands noch verschleppt, stigmatisiert und tabuisiert wurde. Zu keiner Zeit entwirft '120 BPM' ein idealisiertes und verklärtes Protestbild - dieser Film schert sich nicht um Triumphe und emotionale Durchbrüche, nicht ums warme Bühnenlicht, nicht um Nostalgie und Elegie." Weitere Besprechungen auf Artechock, ZeitOnline und in der Welt.

Eine ganze Reihe Filmemacher - darunter Dominik Graf und Andreas Dresen - sind ziemlich sauer, dass ihre Petition zur Kosslick-Nachfolge im Spiegel in ein Kosslick-Bashing umgemünzt wurde, erfährt Katja Nicodemus, die sich für die Zeit mit einigen der Unterzeichnern und mit Kosslick unterhalten hat. "Genau das nervt mich an der deutschen Filmbranche", sagt ihr Dominik Graf, "dieses 'Kopf ab!'-Geschrei, dieser Mangel an direkter Auseinandersetzung, an Differenzierung - und stattdessen wird dann immer hintenrum draufgehauen. Wir wollten mit der Petition nach vorne blicken, ohne nach ­hinten zu treten." Dieter Kosslick selbst will von einer Verschlankung des aufgeblähten Festivals nichts wissen. Aber eine geteilte Leitung könnte er sich gut vorstellen: "Ich habe das vor sechs Jahren erstmals im Aufsichtsrat der Berlinale vorgeschlagen. Aber nicht als Doppelspitze, sondern als klare Teilung in eine völlig unabhängig arbeitende künstlerische Leitung und eine Management- und Geschäftsführungsfunktion. Das ist angesichts der Größe der Berlinale eine absolute Notwendigkeit, und alle anderen Festivals machen es ja ebenso."

Die wichtigsten Beiträge zur aktuellen Diskussion um das Festival bildet der der Perlentaucher komfortabel unter dem Stichwort "Berlinale-Debatte" ab.

Weitere Artikel: Dunja Bialas denkt auf Artechock darüber nach, dass laut einer aktuellen Studie im vergangenen Jahr die Zahl der verkauften Kino-Tickets insgesamt zwar um 13 Prozent gesunken ist, im Segment der Programmkinos aber lediglich um 1,6 Prozent, während die Zahl der Leinwände in diesem Bereich sogar gestiegen ist. Im Tagesspiegel schreibt Gunda Bartels über die Filme von Eberhard Fechner, den die Berliner Akademie der Künste mit einer Filmreihe würdigt. David Steinitz (SZ), Daniel Kothenschulte (FR) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren Ridley Scott zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Eric Rohmers filmtheoretische Schriften "Zelluloid und Marmor" (Filmgazette), Kaouther Ben Hanias "La Belle et la Meute" (NZZ), die Komödie "Girls Trip" mit Jada Pinkett-Smith (Tagesspiegel), Martin Koolhovens Neo-Western "Brimstone" (taz), Marcelo Caetanos auf DVD veröffentlichter Film "Body Electric" (taz) und der neue Pixar-Animationsfilm "Coco" (NZZ).
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Musik

Seit seinem Aufenthalt als Artist in Residence beim Jazzfest Berlin ist Tyshawn Sorey der gefeierte König der Feuilletons. Eine schöne Idee hatte nun Ulrich Stock von der Zeit: Der hat vor dem für seine Improvisationen gefeierten Musiker einfach ein Aufnahmegerät aufgestellt und ihn zum spontanen Improvisieren aufgefordert. "Im Grunde ist jede Aufführung von mir eine Form von Meditation", sagt er. "Man ist sich dessen, was geschieht, so gewahr, man ist ganz woanders, man weiß manchmal gar nicht, ob man mit dem, was man tut, die Idee der Meditation zerstört. Wir denken immer, Meditation müsse etwas Ruhiges, Stilles sein. Aber das ist eben nur eine Form von Meditation. Man ist so aktiv, macht all diese Klänge, und zur selben Zeit nimmt man alles um sich herum so stark wahr. Man ist im Fluss und einfach da. Alle meine Aufführungen sind so, egal um welche Art von Musik es sich handelt."

Weiteres: Auf ZeitOnline denkt Heike-Melba Fendel über das Arbeitsethos von Helene Fischer nach. Besprochen werden Gidon Kremers Konzert bei Wien Modern (Standard), Michael Volles Konzert in Frankfurt (FR), ein Konzert des Robert Glasper Trios (Tagesspiegel), ein neues U2-Album (Tagesspiegel), Björks "Utopia" (SZ), ein Konzert von Daniil Trifonov in Frankfurt (FR, FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter regressiver Retro-Rock von den Cherry Dolls (ZeitOnline).


Archiv: Musik

Kunst

Im Standard porträtiert Anne Katrin Fessler die Bildhauerin Toni Schmale, die heute in Wien mit dem Otto-Mauer-Preis ausgezeichnet wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er Jahre" aus der Sammlung Verbund im ZKM Karlsruhe (taz), eine Ausstellung mit NS-Fotografien, die die von den Nazis so geschätzte "nordische Rasse" propagierte, in der Stiftung Topografie des Terrors (taz), die Ausstellung "Parapolitik. Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (NZZ) und die Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie (FAZ).
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Literatur

Ein Proustianer ist Orhan Pamuk nicht - zumindest nicht durch und durch, erklärt der Nobelpreisträger im NZZ-Gespräch gegenüber Carmen Eller. Erinnerung spiele zwar auch in seinem Romanen eine unübersehbare Rolle und schließlich wurde er "erzogen in den Überbleibseln des verlorenen Osmanischen Reichs. Sich im Hinblick auf eine bestimmte Gesellschaft zu erinnern, ist für mich ebenfalls wichtig. Aber der Unterschied zwischen Proust und mir ist folgender: Für Prousts Protagonisten war die Erinnerung etwas Unfreiwilliges, Unwillkürliches. Der Mann, der seine Madeleine genoss, wollte sich an nichts erinnern, sondern nur etwas essen. Doch die Erinnerung kam einfach hoch. Mein Kemal dagegen sammelt in 'Das Museum der Unschuld' alle möglichen Dinge, nur um sich an diese eine Frau zu erinnern." Dazu passend porträtiert Katja Baigger in der NZZ Stefan Zweifel, der gerade die Ur-Version von Prousts "Recherche" ins Deutsche übertragen hat.

Andreas Rötzer ist für seine Arbeit bei Matthes & Seitz als Verleger des Jahres ausgezeichnet worden - sehr zur Freude von Ekkehard Knörer, der Rötzer in der taz als "immer ruhenden Pol im immer geschäftigen Literaturbetrieb" beschreibt. Die intellektuelle Tradition des Verlags setzt Rötzer im, doch "zugleich macht er zuvor undenkbare Sachen - etwa die erfolgreichste Reihe, die 'Naturkunden' heißt. Darin erscheinen Bände über Krähen und Wölfe und Kröten und Pilze und Federn, Bücher, die immer intelligent und immer gut lesbar am rechten Fleck zwischen Literatur und Wissenschaft stehen. ... Daneben ist viel Platz, verblüffend viel." Hier finden Sie unsere Rezensionsnotizen zu den Veröffentlichungen des Hauses.

Weiteres: Für die FR begibt sich Christian Thomas auf die Fährte des Wolfs in der Literatur. Enis Maci schreibt im Logbuch Suhrkamp über Impressionen in Brighton. Judith von Sternburg berichtet in der FR von einem Besuch des irakisch-kurdischen Schriftstellers Bachtyar Ali im Frankfurter Literaturhaus. Die FAZ dokumentiert Dirk van Gunsterens Lobesrede auf T.C. Boyle, der mit dem Jonathan-Swift-Preis für Satire und Humor ausgezeichnet worden ist.

Besprochen werden unter anderem eine Gesamtausgabe von Juan Díaz Canales' und Juanjo Guarnidos Noir-Comics (taz), Zurab Karumidzes "Dagny oder ein Fest der Liebe" (SZ) und Luo Yings "Erinnerungen an die Kulturrrevolution" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne


Szene aus "Das Prinzip Jago" in Essen. Foto © Birgit Hupfeld

Cornelia Fiedler bespricht in der nachtkritik drei Inszenierungen, die die "die kuschelig linke Komfortzone" verlassen und sich dort mit der Rechten auseinandersetzen, wo es weh tut. Ein Beispiel: "Vorgeblich aus Versehen wird in 'Das Prinzip Jago' die rechte Lokalpolitikerin Petra Bolz für eine 'besorgte Anwohnerin' gehalten und am Rande der Demo interviewt. 'Seit heute morgen sind hier, offenbar gut koordiniert, Menschenmassen aufmarschiert. Das ist der Beginn eines Bürgerkriegs', lautet ihr erster Satz. Damit sind die Frames gesetzt: Die Rede von den 'Massen' evoziert ein Gefühl des Eingeengtseins; 'gut koordiniert' unterstellt eine geheime Macht hinter den Kulissen; und 'Bürgerkrieg' spricht für sich. Danach ist keine unaufgeregte, faktenbasierte Berichterstattung mehr möglich. Die 1West-Redaktion ist gefangen in dem von der AfD-Frau abgesteckten Interpretationsrahmen. Auch um die Lügen der Politikerin richtigzustellen, muss die Reporterin die betreffenden Frames wieder aufrufen."

Ebenfalls in der nachtkritik plädiert Thomas Rothschild für ein geschichtsbewusstes - nicht: veraltetes - Theater: "Theater als Museum, das soll hier heißen: ein Theater, das sich der Tradition seiner eigenen Formensprache bewusst ist und sie - im Modus der Rekonstruktion - anschaulich macht."

Im Interview mit der Berliner Zeitung denkt Matthias Lilienthal, derzeit Intendant an den Münchner Kammerspielen, über Diversität am Theater und den Streit Ensemble-Theater vs. Event- oder Performance-Theater nach: "In den vergangenen drei Jahren ist dabei ein merkwürdiger Paradigmenwechsel passiert: Zuvor war klar, dass die Freie Szene das linke und innovative Theater ist und das Stadttheater das etwas angestaubte konservative. Und jetzt wird das Ensemble zum Widerstand gegen die Globalisierung erhoben und die Freien Gruppen werden als Vertreter der Eventkultur und des Neoliberalismus hingestellt. Solche Gegenüberstellungen halte ich für abgrundtief falsch: Es gibt neoliberale Stadttheater und politische Freie Gruppen, wie auch umgekehrt."

Besprochen werden Signas Performanceinstallation "Das halbe Leid" in Hamburg (Standard) und vier Choreografien des Nederlands Dans Theater im Haus der Berliner Festspiele (Tagesspiegel),
Archiv: Bühne