Efeu - Die Kulturrundschau

Abgegessener Hummer mit Fliege

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27.05.2017. Ein wenig ratlos blicken die Kritiker auf den Wettbewerb von Cannes zurück. Fatih Akins lose an die NSU-Morde angelehnter Trauer- und Rache-Film "Aus dem Nichts" gibt ihnen immerhin nochmal Gelegenheit zu einer kontroversen Diskussion. In der SZ erklärt Karl Ove Knausgård die Bedeutung seines Namens für sein Schreiben. Tell erklärt die Rolle des Lesers bei Knausgård. NZZ und Tages-Anzeiger verschaffen sich in der Fondation Beyeler einen Überblick über das Werk und die Essgewohnheiten von Wolfgang Tillmans.

Film



Das Filmfestival in Cannes liegt in den letzten Zügen - am Sonntagabend werden die Gewinner bekanntgegeben. Bei den Kritikern herrscht unterdessen sichtlich Ratlosigkeit, was die Favoritendebatte betrifft: Prognosen sind angesichts eines qualitativ als diffus eingeschäzten Wettbewerbs Mangelware. Zum Glück lief da mit Fatih Akins "Aus dem Nichts" zum Ende noch ein deutscher Beitrag im Wettbewerb, den das deutsche Feuilleton nicht zuletzt auch wegen seines Themas leidenschaftlich diskutieren kann: Lose an die NSU-Morde angelehnt, geht es hier um eine von Diane Kruger gespielte Frau, deren kurdischer Ehemann ermordet wurde - der folgende Gerichtsprozess mündet jedoch in einen Freispruch, Kruger geht auf Rachefeldzug.

Daniel Kothenschulte hält den Film in der Berliner Zeitung für ziemlich unglaubwürdig: Der für den dramaturgischen Effekt nötige Freispruch wirke "selbst bei größtem Misstrauen in die deutsche Justiz kaum vorstellbar". Bedauerlich findet es Andreas Busche im Tagesspiegel, wie wenig konkreten Bezug der Film auf die NSU-Morde nimmt: Damit gehe "eine gesellschaftliche Dimension verloren, die nicht zuletzt ja auch vom Versagen der Behörden und einem strukturellen Rassismus Zeugnis ablegt. ...  Weil es in 'Aus dem Nichts' keinen Behördenskandal gibt, muss bei Akin alles auf ein Versagen der Justiz hinauslaufen." Akin mache stattdessen allerdings "den Schmerz und das Leid der Opfer und deren Hinterbliebenen ahn- und spürbar", gibt Joachim Kurz in einer ziemlich begeisterten Kritik auf kino-zeit.de zu bedenken. Lukas Stern von critic.de fällt unterdessen aus allen Wolken angesichts dessen, mit welcher Fernsehkrimiartigkeit Akin sich hier schon zufrieden gibt. Immerhin sei der Film zunächst einmal "ein sehr guter Trauerfilm", schreibt Tobias Kniebe in der SZ, für den der letzte Akt allerdings ebenfalls arge Plausibilitätsmängel aufweist: Akin wolle offenbar "große, tragische Gefühle aufrufen, ohne die Implikationen ganz ernst zu nehmen." Kruegers Vendetta sei zudem auf angenehm unangenehme Weise verstörend geraten, erklärt Verena Lueken in der FAZ. Susanne Ostwald von der NZZ könnte sich unterdessen sogar eine Goldene Palme für den Film vorstellen.

Immerhin recht solide fand Perlentaucher Lutz Meier den Film in seinem Festivalfazit. Und in einem Jahrgang voller Klischees und Nebenwerke mache dies Akins Film tatsächlich schon zu einem Wettbewerbsfavoriten: In diesem Jahr kratzten die Festivalmacher "zusammen, was von der alten Autorenfilmwelt noch übrig ist, anstatt eine neue zu eröffnen. Das x-te routiniert abgedreht Künstler-Biopic, dieses Mal 'Rodin' von Jacques Doillon, löste allgemein Stirnrunzeln aus. Und dann verließen sich die Chefs von Cannes darauf, dass Festival-Dauergäste wie Naomi Kawase, Hong Sangsoo, Noah Baumbach und andere in ihren zweit- oder drittbesten Filmen noch irgendwie anständige Programmfüller liefern. ... Wenn man in den letzten Tagen Verantwortliche der Berlinale in Cannes traf, gaben sich diese alle Mühe eine Regung von Schadenfreude zu unterdrücken."

Weiteres von der Croisette: Tim Caspar Boehme von der taz begibt sich mit François Ozons "L'amant double" in den Gynäkologenstuhl. Wenke Husmann von ZeitOnline hat Alejandro González Iñárritus Virtual-Reality-Film "Carne y Arena" gesehen.

Weiteres: Kersten Augustin ist die die Lust an Serien gründlich vergangen, bekennt er in der taz. Matthias Dell schreibt im Freitag zum Tod des DEFA-Regisseurs Roland Gräf.

Besprochen werden Andres Veiels Dokumentarfilm "Beuys" (Standard, hier dazu auch ein Perlentaucher-Essay), Cate Shortlands Thriller "Berlin Syndrome" (Tagesspiegel, FAZ), der neue Piratenfilm mit Johnny Depp (Standard, unsere Kritik hier), Thilo Wydras Biografie über Ingrid Bergman (FAZ) und der Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life" (The Quietus).
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Literatur

Im großen SZ-Interview mit Alex Rühle hält Karl Ove Knausgård Rückschau auf sein mit "Kämpfen" nun auch auf Deutsch - realiter jedoch bereits 2011 - abgeschlossenes autobiografisches Romanprojekt "Min Kamp". Allzu viel substanziell Neues kommt dabei zwar nicht zutage, aber immerhin fällt eine schöne Anekdote zum Nachnamen des Schriftstellers ab: "Die Eltern meines Vaters hießen Petersson. Das war ihnen nicht gut genug, also haben sie sich umbenannt in Knausgård. Mein Vater hat dann, als er sich scheiden ließ von meiner Mutter, seinen Namen geändert. Meine Mutter ebenfalls. Und auf seinem Grabstein hat sich am Ende der Steinmetz verschrieben. So waren mein Bruder und ich für mehrere Jahre die beiden einzigen Menschen auf der Welt, die diesen Namen noch trugen. ... Als plötzlich der verschwundene Name meine Vaters auf dem Papier stand, mitten in dieser Geschichte, war das der Durchbruch, danach ging es mit dem Schreiben, das war fast magisch, welche Kraft der konkrete Name in einem Text haben kann. Das ist mein Vater! Nicht nur eine fiktive Figur."

Andrea Pollmeier berichtet in der FR von Knausgårds Frankfurter Lesung. Und Frank Heibert, erklärtermaßen kein Knausgårdianer,  unterzieht "Kämpfen" dem berüchtigten Page-99-Test von Tell. Eine Stilkritik: Bei diesem Autor fehlt "nicht nur eine erkennbare stilistische Gestalt, sondern auch die Haltung dazu; es wird lediglich registriert, gleichgültig und unbeteiligt, also in einer planmäßigen Nicht-Haltung. ... Bei Knausgård wird der Leser eingeladen, die Lücken durch Vertrautes, Menschlich-Allzumenschliches zu füllen. Das ist im Effekt raffiniert, denn es holt jeden Leser dort ab, wo er oder sie steht. Zugespitzt gesagt, schreibt Knausgård also für jeden Leser exakt so gut, wie dieser Leser selbst beim Lesen 'schreiben' kann; der Autor liefert lediglich die Plattform dafür."

Für die taz besucht Ulrich Gutmair den Schrifsteller Aras Ören, den er als "ersten deutschen Autor, der auf Türkisch schreibt", würdigt. Vor allem aber sei der seit den 70ern in Deutschland lebende und publizierende Autor "der Dichter, der die Metamorphosen derer beschrieben hat, die sich nach ihrer Ankunft in Deutschland unweigerlich verändern mussten. Dadurch hat er schneller als alle anderen verstanden, dass die Neuankömmlinge auch dieses Deutschland verändern würden."

Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ befasst sich Tilman Spreckelsen ausführlich mit dem georgischen Versroman "Der Ritter im Tigerfell" von Schota Rustaweli, der etwa zeitgleich zu Wolfram von Eschenbachs "Parzival" entstand und mit diesem Werk zahlreiche inhaltliche Parallelen teilt. Doch wo Eschenbach hierzulande längst in den Archiven schlummert, durchdringt das georgische Pendant die Kultur des Landes aufs Allgegenwärtigste. So heißt etwa der Flughafen von Tiflis "nach dem mittelalterlichen Autor - auf den Gedanken, den neuen Berliner Flughafen nach Wolfram von Eschenbach oder dem Nibelungenlied zu benennen, käme in Deutschland vermutlich niemand. Die Bilder von Rustaweli und der damaligen georgischen Königin Tamar zieren die Geldscheine des Landes - und der Autor ist dabei doppelt so viel wert wie die Herrscherin."

Weiteres: Die bildende Kunst interessiert sich für Literatur nur dann, wenn sie sie monumental in Szene setzen kann, schreibt Swantje Karich bedrück in der Welt angesichts des Pantheons, den Marta Minujín derzeit für die Documenta in Kassel errichtet. Für die Literarische Welt unterhält sich Wieland Freund mit Rachel Kushner anlässlich deren Romans "Telex aus Cuba" über ihr Interesse an der Geschichte linker Bewegungen. Marco Stahlhut berichtet für die FAZ vom Literaturfestival im indonesischen Makassar, wo sich entgegen der zunehmenden Machtausübung islamistischer Kräfte für einige Tage gelingt, einen "entspannten Raum für eine Diskussionskultur herzustellen", die einen "Gegenentwurf zur allgemeinen Stimmung im Land" darstellt. In der FAZ gratuliert Kerstin Holm dem russischen Schriftsteller Andrej Bitow zum 80. Geburtstag. Nachrufe auf den Schriftsteller Denis Johnson schreiben Wieland Freund (Welt), Tobias Sedlmaier (NZZ), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Christoph Schröder (ZeitOnline) und Christoph Fellmann (SZ).

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers "Jetzt" (FR), Joachim Lottmanns "Alles Lüge" (Tagesspiegel), Dave Eggers' "Bis an die Grenze" (taz), Annette Mingels "Was alles war" (FR), Michael Schindhelms Volksbühnenroman "Letzter Vorhang" (NZZ), Noëmi Lerchs "Grit" (NZZ), Lawrence Osbornes "Denen man vergibt" (NZZ), Johannes Willms' Biografie "Mirabeau oder Die Morgenröte der Revolution" (NZZ), Florjan Lipuš' "Der Zögling Tjaž" (NZZ), Karine Tuils "Die Zeit der Ruhelosen" (Tagesspiegel) und Olga Slawnikowas "2017" (online nachgereicht von der FAZ).
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Bühne


Szene aus "Demokratie in Amerika" (Foto: Guido Mencari)

Mit großen Worten war Romeo Castelluccis "Demokratie in Amerika" nach Alexis de Tocqueville bei den Wiener Festwochen angekündigt worden. Das Ergebnis lässt Simon Strauss in der FAZ fassungslos zurück: "Was war das nur? Die nicht enden wollende Schulstunde eines durchgedrehten Vertretungslehrers, der den behandelten Stoff nicht kennt und seine Unkenntnis durch besonderen Aplomb wettmachen will? Ein Idiotentest für das Publikum nach dem Motto: Wer den Fehler nicht erkennt, kriegt seinen Führerschein nie wieder? Oder eben doch einfach ein klarer Fall von Missbrauch: Sprache, Buchtitel, Geschichtsdaten, Motive der Landschaftsmalerei und Folklore werden hier auf primitivste Weise vereinnahmt und verharmlost."

Weiteres: Die Nachtkritik berichtet vom 3. Internationalen Bürgerbühnenfestival in Freiburg. Die Presse meldet, dass der Schauspieler Rainer Frieb, langjähriges Ensemblemitglied des Wiener Volkstheaters, gestorben ist. Die taz berichtet vom Auftakt des Festivals "Theater der Welt" in Hamburg.

Besprochen werden Aribert Reimanns Oper "Medea" in der Komischen Oper (NZZ), Herbert Fritschs komische Oper "Valentin" am Schauspielhaus in Hamburg (taz), die von Enrique Gasa Valga choreografierte Ballettoper "Orphée et Euridice" von Christoph Willibald Gluck im Tiroler Landestheater (Standard), Bernhard Mottls Inzenierung von George Taboris Farce "Mein Kampf" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und die Barock-Oper "Hipermestra" des Monteverdi-Schülers Francesco Cavalli beim Opernfestival in Glyndebourne (FAZ).
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Archiv: Bühne

Musik

In der taz würdigt Julian Weber das vor 50 Jahren erschienene Album "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band", das als erstes Konzeptalbum der Popgeschichte gilt und mit dem sich die Beatles endgültig als Künstler emanzipierten. Tobias Richtsteig porträtiert im Tagesspiegel den Jazzgitarristen Kalle Kalima. In Berlin finden immer mehr Konzerte in Kirchen statt, berichtet Jens Uthoff in der taz.

Besprochen werden ein Konzert des Pianisten Francesco Piemontesi (Tagesspiegel), Alice Coltranes Album "World Sprituality Classics 1" (The Quietus), ein Konzert von Iosonouncane (taz), John Mayers "The Search for Everything" (FAZ), ein Konzert von Helmut Jasbar (Standard), ein Auftritt von Peaches (FR) und ein Konzert von Agnes Obel mit Band (FR).

Und Popmusik bliebt weiterhin ein Retro-Spektakel: Jetzt hat Giorgio Moroder den Provo-Klassiker "Der Mussolini" von DAF remixt. Und so hört sich das an (via):

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Kunst


"Still Home" (1996) und "Astro crusto" (2012) von Wolfgang Tillmans

Mit Wolfgang Tillmans stellt die Fondation Beyeler erstmals in ihrer zwanzigjährigen Geschichte das Werk eines Fotografen aus, berichtet Daniele Muscionico in der NZZ. In der großen Schau werden dabei interessante Bezüge in Tillmans' Werk sichtbar: "Neunzehn Jahre lang war das Stillleben 'Still Home' (1996) nicht mehr öffentlich zu sehen. Jetzt liest es sich in Basel als wissender Vorbote von 'Astro crusto' (2012) mindestens so genussfrisch wie der abgegessene Hummer mit Fliege. 'Freischwimmer'-Arbeiten sind die repetitiven Duftnoten. Farbschlieren, entstanden in der Dunkelkamera ohne Kamera. Form und Farbe als Zufallsprodukt. Die Lesart ist offen wie der offene Horizont. Man hat dem Künstler oft genug Beliebigkeit vorgeworfen. Wer dreißig Jahre seiner Arbeit überblickt, sieht Parallelen und Suchbewegungen. Wolfgang Tillmans ist ein Magier, ein Illusionist, der spielerisch sinnliche Verweise kreiert."

"Überhaupt, lernen wir in dieser Schau, isst der Mann gerne Früchte", erklärt Paulina Szczesniak im Tages-Anzeiger: "Granatäpfel finden sich zuhauf, außerdem Aprikosen und Himbeeren (auf einem Teller am Boden, daneben ein Springerstiefel und eine verwaschene Socke). Alles, was saftet, färbt und, einmal angebissen, eine richtige Sauerei anrichtet, denkt man."

Weiteres: Der Standard berichtet von Plagiatsvorwürfen gegen Jeff Koons' aufblasbare Monumentalstatue "Seated Ballerina" in New York.

Besprochen werden "Proof of Life", die Abschiedsausstellung von Direktor Peter Friese in der Bremer Weserburg (taz), eine Schau mit Stichen von Maria Sibylla Merian im Berliner Kupferstichkabinett (Tagesspiegel), eine Ausstellung mit den "Grotesken" Emil Noldes im Museum Wiesbaden (FR) und Damien Hirsts zweiteilige Schau "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" in Venedig (Standard).
Archiv: Kunst