Efeu - Die Kulturrundschau

Einmal Nazi mit alles

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29.05.2017. Nach einem schwachen Jahrgang gratulieren die Filmkritiker Ruben Östlunds Kunstbetriebssatire "The Square" und Diane Kruger zur Palme. Fassunglos reagieren die Feuilletons hingegen auf Terry Gilliams Nazi-Spektaktel "La damnation de Faust" an der Berliner Staatsoper. Skandal! ruft die SZ. Für das Festival Theater der Welt werben die Kuratoren nun persönlich am Telefon, berichtet die Welt. Die taz ist froh, dass bei aller Jubiläumseuphorie Luthers Schattenseiten in Wittenberg nicht vergessen werden.

Bühne

(Bild: Szene aus "La Damnation de Faust", © Matthias Baus)

Am Wochenende hatte Terry Gilliams bereits in London gezeigte Inszenierung von Hector Berlioz' Faust-Komposition "La damnation de Faust" an der Staatsoper im Schillertheater Premiere. Die Version des Monty-Python-Mitbegründers unter der musikalischen Leitung von Sir Simon Rattle stößt bei den Kritikern auf geteiltes Echo. In der SZ schreibt Julia Spinola: "Deportation, Viehwaggons, schließlich ein Höllenfeuer im Konzentrationslager, Leichenberge mit KZ-Opfern zu den verklärenden Klängen der christlichen Apotheose am Ende, dazu haufenweise ungebrochene, wenn auch vermutlich in kritischer Absicht dargestellte antisemitische Klischees wie das der Juden als Volksparasiten, wenn im Floh-Couplet ein Tallit-tragender Jude mit Hakennase aus dem Flohkostüm krabbelt - das alles macht diese Inszenierung schier unerträglich, ja zu einem Skandal."

taz-Kritiker Niklaus Hablützel ist ebenfalls fassungslos: "Gilliam hätte ebenso gut bei irgendeiner Frittenbude für Stammtischgeschichten 'einmal Nazi mit alles' bestellen können. Sie sind jetzt überall. Was immer Mephisto dem Faust vorzaubern muss, es sind Nazis mit Stechschritten, Rhönrädern, Braunhemden, Sturmgewehren und Juden. Die sind immer gut zu erkennen am Stern und daran, dass sie auf Koffern sitzend auf den Zug nach Auschwitz warten." Und im Tagesspiegel schimpft Ulrich Amling: "auf schnoddrige Weise verantwortungslos".

Die "Assoziationen funktionieren", findet hingegen Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Und FAZ-Kritiker Martin Wilkening schwärmt: "Die Vielschichtigkeit der Musik, ihren aufgesplitterten Klang und den immer wieder von Gegenkräften unterbrochenen Fluss, lässt Simon Rattle am Pult der Staatskapelle als bezwingendes Ganzes erleben, in dem der aufblühende Enthusiasmus und die feine Lyrik ebenso Raum finden wie die grotesken, aber niemals grobschlächtig gespielten Klangphantasien bei Fausts Höllenritt. Von makelloser Präsenz sind die Chöre."

Mit viel Krach ist die bisher größte und teuerste Ausgabe des Festivals Theater der Welt in Hamburg angekündigt worden. Wenn die Einnahmen dank Sponsoring und Spenden schon vorher abgeklärt sind, ist Publikumsinteresse Nebensache, meint Welt-Kritiker Stefan Grund nach den ersten enttäuschenden Aufführungen: "Das Festivalprogramm, geschrieben im möglichst politisch korrekten, leider völlig unverständlichen Avantgarde-künstlerjargon, ist denn auch eher verwirrend als erhellend. Wegen des schleppenden Vorverkaufs bieten die vier Kuratoren eine tägliche Telefonsprechstunde von 11 bis 12 Uhr an. Das ist ein weiteres unrühmliches Novum. Die Intendanten erklären potenziellen Besuchern persönlich, worum es sich eigentlich bei den Aufführungen im Einzelnen handelt. So peinlich war noch kein Theaterfestival." In der SZ ärgert sich Till Briegleb über die Als "Deutschland-", "Europa-" und "Weltpremieren" gepriesenen Stücke.

Weiteres: Nicht besonders wehmütig schaut FAZ-Kritiker Andreas Rossmann auf Anselm Webers knapp siebenjährige Intendanz am Schauspielhaus Bochum zurück.

Besprochen werden: Miroslav Srnkas und Tom Holloways Oper "South Pole" am Staatstheater Darmstadt (FAZ), die bei den Wiener Festwochen aufgeführte Oper "Les Robote ne connaissent pas le Blues" von Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter (Standard), Kornél Mundruczós Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), das beim Festival Theater der Welt gezeigte vom chinesischen Paper Tiger Theater Studio gezeigte Eröffnungsstück "500 Meters" (nachtkritik), Oliver Bukowskis Requiem "Letzte Menschen" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik) und das 20. internationale figuren.theater.festival. in Erlangen, Fürth, Nürnberg und Schwabach (nachtkritik).
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Film


Kunstbetriebssatire: Ruben Östlunds "The Square"

Nicht müde wurden die Kritiker, den schwachen Wettbewerb in  Cannes zu geißeln, Rüdiger Suchsland sieht darin auf Artechock  eine gewisse Miesepetrigkeit. Die Goldene Palme für den besten Film geht jedenfalls an Ruben Östlunds Kunstbetriebssatire "The Square", Diane Kruger wird als beste Schauspielerin für ihre Leistung in Fatih Akins "Aus dem Nichts" gewürdigt - hier alle Preisträger im Überblick. Andreas Busche gratuliert der Jury im Tagesspiegel zu ihren Entscheidungen. Denn: "Viele Filme begnügten sich mit gut gemachter Unterhaltung oder waren sich ihrer gesellschaftlichen Positionen in der filmischen Umsetzung zu selbstgewiss. ... Umso erfreulicher, dass die Jury um Pedro Almodóvar in diesem Jahr Filme auszeichnete, die über eine gewisse moralische Fallhöhe verfügten." Und Östlunds Film spieße den hohlen Kunstmarkt "mit seinem sardonischen Pessimismus sehr exakt" auf.

Zufrieden mit dieser Entscheidung ist auch Dominik Kamalzadeh vom Standard. Ähnlich wie für Susanne Ostwald in der NZZ kristallisierten sich auch für ihn in diesem Festivaljahrgang "die Suche nach der Empathie und nach den Grenzen der Toleranz" als bestimmendes Thema heraus. Dazu passend lässt sich im Gewinnerfilm "eine Versuchsanordnung beobachten, in der ethisches Handeln an den Grenzen zwischen Leben und Kunst versagt." Insgesamt mangelte es dem Festival in diesem Jahr allerdings an "persönlich gehaltenem Autorenkino", lautet Kamalzadehs abschließender Befund.

Frédéric Jaeger von critic.de ist unterdessen sehr ungehalten, weil der Film "so offensichtlich in seinen Aggressionen ist. Einem linken und einem bürgerlichen Publikum will er damit zeigen, welche Grenzen ihres Denkens er sieht. Diese Grenzen werden allerdings nicht nur von Klischees her gedacht, sondern auch von falschen Alternativen: totale Toleranz oder gar keine Toleranz."

Besprochen wird außerdem Terrence Malicks "Song to Song" (taz, unsere Kritik hier).
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Literatur

Im Tagesspiegel stellt Gregor Dotzauer Richard Kellys Online-Verlag Metambesen vor.

Besprochen werden Michael Naumanns Autobiografie (Tagesspiegel), Naomi Woods "Als Hemingway mich liebte" (Tagesspiegel), ein Büchlein von Dietmar Dath über Superhelden (Tagesspiegel), J. L. Carrs "Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten" (ZeitOnline), Henriette Vásárhelyis "Seit ich fort bin" (NZZ), Lizzie Dorons "Sweet Occupation" (NZZ) und Peter Rühmkorfs "Des Reiches genialste Schandschnauze - Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sandra Kerschbaumer über Christian Adolf Overbecks "An den May":

"Komm. Lieber May, und mache
Die Bäume wieder grün,
Und laß mir an dem Bache
..."
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Stichwörter: Superhelden

Musik

Elektronische Musik und Klassik wachsen zusammen. Das zeigt sich Arne Löffel von der FR unter anderem auch in jüngsen Akquisen der Deutschen Grammophon, wo vor kurzem das neue Album "Endless" der beiden DJs Tale of Us erschienen ist. Solche Annäherungen habe es in den letzten Jahren zwar schon mehrfach zu beobachten gegeben, doch sei diese Zusammenarbeit insofern "bemerkenswert, (...) weil sie einen eigenen Subkosmos schaffen. Sie haben ein vielschichtiges Album produziert, dessen Heimat nicht unbedingt ein Klassik-Label hätte sein müssen, sondern das auch jedem intelligenten Elektronik-Label gut zu Gesicht gestanden hätte. 'Endless' arbeitet mit kristallklaren, zum Teil klirrenden synthetischen Sounds, mit ausschweifenden Piano-Melodien und weiten Streicher-Flächen. In seiner skulpturalen Architektur erinnert es stark an Alben von The Future Sound of London, The Orb oder Soma." Hier eine Hörprobe:



Weiteres: Der BR erinnert in einem Feature an die Samy-Brüder, die in den 60ern Schwabing zu Deutschlands Popzentrum machten. Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Christian Thomas (Berliner Zeitung) und Thomas Steinfeld (SZ) schreiben zum Tod des Rockmusikers Gregg Allman. Jan Kedves (SZ) und Philipp Krohn (FAZ) gratulieren Irmin Schmidt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Jane Weavers "Modern Kosmology" (Spex), ein Konzert von Depeche Mode (SZ) und ein Münchner Konzert von Aerosmith und Foreigner (SZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Edo Reents über Waylon Jennings' "The Chokin' Kind":


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Architektur

Maik Novotny stellt im Standard das junge Architekten-Team Kollektiv Assemble vor, dem das Wiener Architekturzentrum aktuell eine Ausstellung widmet: "So konventionell, dass sie in heutigen durchdigitalisierten Zeiten dann doch fast radikal wirkt, ist die Vorliebe von Assemble für das handfeste Arbeiten mit dem Material. Die Ergebnisse dieses Do-it-yourself sind in ihrer Eleganz und Präzision weit entfernt vom harmlosen Bastellook. Die vielfarbigen Fliesen, mit denen das Yardhouse, ein Werkstattgebäude im vorigen Assemble-Domizil im Londoner Osten, verkleidet wurde, wurden gar zum Instagram-Pilgerstätte, auch wenn die Architekten das heute noch selbst verblüfft."
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Stichwörter: Eleganz, Assemble, Instagram

Kunst

(Bild: Yury Kharchenko, Reichsbischof Ludwig Müller, 2016
Grafit und Sprayfarbe auf Leinwand
)

taz-Kritiker Timo Lehmann berichtet sehr angetan von der Ausstellung "Luther und die Avantgarde", die auch der allgegenwärtigen Jubiläumseuphorie etwas entgegensetzt: "Der junge jüdische Maler Yury Kharchenko beschäftigte sich mit seiner Familiengeschichte, die bis zu seinem mutmaßlichen Verwandten Herschel Grynszpan zurückführt, der im November 1938 in Paris einen deutschen Diplomaten erschoss und dessen Tat die Nationalsozialisten propagandistisch für die Reichskristallnacht nutzten. Die Judenfeindlichkeit Luthers wird vom Künstler aufgegriffen und in seinen Gemälden mit Hakenkreuzen, Lutherbildern und Grynszpan-Porträts vermischt."

"Geglückt" findet Annette Steinis in der NZZ das junge Kunstfestival Jaou in Tunis, das unter dem Motto "Nation migrante" auch knapp sieben Jahre nach der Revolution herrschende Probleme wie Jugendarbeitslosigkeit, Gewaltbereitschaft und Entwicklungsstillstand aufgreift: "So zeigt die Laser-Installation der Künstlergruppe Design Lab im Dar Kheireddine lebensgroße Figuren, die in Spinnennetzen gefangen und trotzdem in ständiger Bewegung sind. Dazu tönt Meeresrauschen und Schiffsgetute. Alle Kunstwerke erzählen eine Geschichte von Menschen in Bewegung, mal mit, mal ohne Ziel."

Wie Malerei im digitalen Zeitalter funktioniert, erfährt SZ-Kritikerin Catrin Lorch im Münchner Museum Brandhorst, wo derzeit Arbeiten der in New York lebenden Künstlerin Kerstin Brätsch gezeigt werden. Allein Brätschs grelle auf riesige Papierbögen gemalte Selbstporträts "verstören", meint Lorch,"schon weil sie den Blick des Betrachters erwidern, man aber der Künstlerin nicht in die Augen schauen kann. Die ganze Sache erinnert an Art Brut, die Kunst der Autodidakten und Geisteskranken, oder an die Aura-Bilder der frühen Fotografie-Geschichte, als man in Séancen Lichtblitze als Geister auf Filmplatten bannte. Vor allem aber fehlt der 'Psychic'-Serie der anarchische Humor, der solche Selbstversuche und Aktionen sonst kennzeichnet. Denn auch Kerstin Brätsch, das ist sichtbar, geht es, wie den Generationen vor ihr, beim Selbstporträt ums Ganze, allein, sie hat das 'Ich' aufgegeben."

Besprochen wird die im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee gezeigte Doppelschau "Die Revolution ist tot", die Einflüsse der russischen Revolutionskunst bis in die Gegenwart verfolgt. (FAZ)
Archiv: Kunst