Efeu - Die Kulturrundschau

Imaginäre Zeitlichkeit

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13.02.2016. Auf der Berlinale erlebte die SZ mit Jeff Nichols den paranoiden bösen Bruder von Steven Spielberg. Überhaupt nicht witzig finden Freitag und Zeit online die Naziserie "Familie Braun". Die NZZ gerät in einen Dialog mit der Fliege auf dem Knie des Kardinals Bendinello Sauli. Die Welt porträtiert den Klarinettisten Martin Fröst als Derwisch. Will Düsseldorf etwa Metropole werden, fragt naserümpfend die FAZ.

Film


Spielbergs paranoider böser Bruder? Szene aus Jeff Nichols' "Midnight Special".

Mit Jeff Nichols' "Midnight Special" gönnt sich der Berlinalewettbewerb einen waschechten Science-Fiction-Film um einen geheimnisvollen Jungen mit besonderen Fähigkeiten, der von seinem Vater vor religiösen Extremisten in Sicherheit gebracht wird. Auf den ziemlich begeisterten SZ-Kritiker David Steinitz wirkt der Film so, "als hätte hier der paranoide böse Bruder von Spielberg im Regiestuhl gesessen." Für Barbara Schweizerhof (taz) mangelt es dem biblisch angehauchtem Film unterdessen am "geerdeten Geheimnis". Andreas Kilb von der FAZ ist schlicht gelangweilt: "Der Film kann im Gesicht des Knaben gar nicht so viel Licht machen, wie er durch seinen eigenen Fortgang immer wieder verliert". Im Perlentaucher ist Lukas Foerster dagegen nicht unempfänglich für Nichols Versuch, "die Spielberg'sche Lust am Fantastischen in ein anderes, nicht direkt realistischeres, aber doch ernsthafteres Register zu übertragen".


Kühler Realismus: "Hedi" im Wettbewerb.

Mit dem tunesischen Film "Hedi" von Mohamed Ben Attia eröffnet der Berlinale-Wettbewerb seinen Fokus aufs engagierte Weltkino. Perlentaucherin Thekla Dannenberg begegnet der Geschichte eines jungen Mannes, der sich von einer tyrannischen Mutter zu emanzipieren beginnt, mit Wohlwollen: "Den Bildern der Einengung setzte Ben Attia immer wieder Bilder der Weite und der Offenheit entgegen, mal verlockend wie das Meer, mal beängstigend wie die Salzwüste. 'Hedi' ist ein kluger und sympathischer Film, die Brüder Dardenne haben ihn erkennbar koproduziert. In einem an ihrem Vorbild geschulten kühlen Realismus erzählt er die Geschichte einer Verweigerung, die zur Selbstermächtigung wird." Dem Film gelinge es "über weite Strecken ... sein Drama von innen heraus zu erzählen", meint Dominik Kamalzadeh in der taz. Daniel Kothenschulte winkt in seiner Zusammenfassung des zweiten Festivaltages in der FR eher ab: "Ein belangloser, aber gefälliger Beitrag."

Denis Côtés Wettbewerbfilms "Boris sans Béatrice" wird kaum besprochen. Vielleicht aus gutem Grund, wenn man Tagesspiegel-Kritikerin Kerstin Decker glauben darf: "Es ist eine Prüfung der optischen Leidensfähigkeit, dem zuzuschauen".

Weitere Artikel: Dunja Bialas berichtet auf Artechock von einer Diskussionsveranstaltung über die mangelnde Präsenz des deutschen Kinos im Festivalbetrieb (hier unser Bericht von Thekla Dannenberg). Im Tagesspiegel bringt Andreas Conrad Hintergründe zu Fritz Langs "Der müde Tod", den die Berlinale in neuer Restaurierung zeigt. Birgit Rieger führt im Tagesspiegel durch das Programm des Forum Expanded. Jörg Becker schreibt in der NZZ über die Retrospektive der Berlinale, die dem Filmjahr 1966 in Ost- und Westdeutschland gewidmet ist. Und im Freitag stellen Christoph Draxtra, Silvia Szymanski und Thomas Groh drei BRD-Filme von Adrian Hoven, Hans Billian und Alfred Vohrer aus dem Jahr 1966 vor, die es ihrer Ansicht nach zu Unrecht nicht in die Berlinale-Retrospektive geschafft haben.

Im einzelnen besprochen werden der Eröffungsfilm "Hail Caesar" von den Coen-Brüdern (critic.de, unsere Kritik hier), Philipp Scheffners "Havarie" (Welt), der im Forum gezeigte Essayfilm "Homo Sapiens" von Nikolaus Geyrhalter (taz), die im Panorama gezeigten Filme "Jonathan" von Piotr J. Lewandowski (Tagesspiegel), "Goat" mit James Franco (Kino-Zeit), "Auf einmal" von Aslı Özge (Tagesspiegel, Kino-Zeit), sowie die beiden israelischen Filme "Nakom" und "Sand Storm" (Perlentaucher).

Mehr zur Berlinale im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog. Die Cargo-Kritiker schreiben fließig SMS vom Festival. Oder ein schnelles "Daumen hoch" oder "Daumen runter" gefällig? Dann ab zum großen Kritikerspiegel von critic.de.

Weitere Themen

"Familie Braun" ist eine lustige Web-Serie des ZDF über die WG zweier Nazis, von denen sich einer als der Vater eines schwarzen, unehelich gezeugten Töchterleins entpuppt. Das kommt bei den meisten Kritikern nicht so gut an: Sarah Khan vom Freitag etwa findet es "schon merkwürdig, wenn sich junge Filmemacher in Zeiten des NSU-Prozesses weigern, sich die 'Existenzform Neonazi' realistisch vorzustellen, um ihren Humor daran zu schärfen." Diese "tumbe Verballhornung von Rechtsradikalismus" zielt für Heike Kunert (ZeitOnline) "meilenweit am Ziel vorbei." In der Welt staunt dagegen Henryk M. Broder: "So viel Mut zur Grenzüberschreitung muss einen Grund haben. Entweder laufen dem ZDF die Zuschauer weg, die sich von Florian Silbereisen nicht unterhalten und von Claus Kleber bevormundet fühlen, oder irgendjemand im Haus hat tatsächlich begriffen, dass die 'Nazis' Pappkameraden sind, über die gelacht werden darf. Was freilich eine nicht ganz neue Erkenntnis ist."

FAZ-Fernsehkritikerin Nina Rehfeld ist der neuen, von Mick Jagger und Martin Scorsese auf den Weg gebrachten HBO-Serie "Vinyl" bereits nach der zweiten Episode "verfallen": "Weil sie ein so phantastisch buntes und exzessives Bild vom New York der frühen siebziger Jahre zeichnet und ihre Zuschauer mitten in ein brodelndes Musikbusiness schickt, unter strahlende Stars, zerquälte Künstler und machtbewusste Strippenzieher hinter den Kulissen." Im Guardian war Brian Moylan eher enttäuscht: "Unlike 'Mad Men' or 'City on Fire', 'Vinyl' doesn't give us a reason to revisit and re-evaluate the past. It just marinates in its perceived greatness, hoping that it will somehow infuse itself into the present and make it relevant." SZ-Kritiker Andrian Kreye ging es nicht viel besser: "Wer weiß, vielleicht nimmt Vinyl ja noch die Fahrt auf, die dem Thema entspricht, werden die Charaktere sympathisch und die Frauen dreidimensional. Vielleicht bleibt es aber auch nur eine Fetischparade für ältere Herren (es wird sogar zu jeder der zehn Folgen ein eigenes Soundtrack-Album erscheinen)."

Weiteres: Johannes Binotto stellt in der NZZ eine Reihe mit Hotelfilmen im Zürcher Filmpodium vor.
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Bühne

"Luc. Niemals 'der Bondy', seltsamerweise", erinnert sich bei einer Gedenkveranstaltung für Luc Bondy in Wien die Schauspielerin Dörte Lyssewski. "Nicht wie 'der Grüber', 'der Stein', 'der Chéreau', wie er selbst sie nannte, die Weggefährten, vor denen er Respekt hatte, die er bewunderte. Sprech- und das Musiktheater haben ihm viel zu verdanken. Die Erfahrung von Leichtigkeit. Kunst, wie sie sein kann: nicht ist, sondern sein kann, gelebt werden kann, zusammen mit anderen."

Besprochen werden Antonio Latellas Adaption von Jonathan Littells Mammut-Roman "Die Wohlgesinnten" am Theater Basel (NZZ) und "Reichstheaterkammer", eine Recherche des 3. Jahrgangs der Otto Falckenberg Schule zur Geschichte der Münchner Kammerspiele zwischen 1933 und 45 unter der Regie von Malte Jelden (nachtkritik).
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Literatur

Mit allergrößtem Vergnügen hat Marc Reichwein für die Literarische Welt Jörg Magenaus "konzise Mischung aus Anekdoten und Kontexten" in seinem Buch über die Reise der Gruppe 47 nach "Princeton 66" gelesen: "Der damals 23-jährige Handke war und bleibt der Star von Princeton. Schon die Art und Weise, wie ihn die Tagungskollegen 'das Mädchen' nennen und wie ihm noch Magenau die 'Statur eines Kleiderbügels' bescheinigt, machen ihn als man of the match identifizierbar. Handke spielte nicht regelkonform, als er statt zu einer konkreten Textkritik (wie es in der Gruppe 47 üblich war) zu einer wohlvorbereiteten Wutrede ansetzte, die den hier anwesenden Schriftstellern, der vermeintlichen Elite der deutschen Gegenwartsliteratur, totale 'Beschreibungsimpotenz' und den Kritikern 'läppische' Kriterien vorwarf."

Weitere Artikel: Zum 100. Geburtstag Giorgio Bassanis begibt sich Gisela Trahms für die Literarische Welt auf Spurensuche in Ferrara. Britta Heidmann unterhält sich in der Welt mit Karen Duve über deren neuen Katastrophenroman "Macht". In der FAZ berichtet Sandra Kegel über einen vom Goethe Institut in Mumbai ausgerichteten Übersetzerworkshop für Dichter.

Besprochen werden u.a. die Romane "Matisse" und "Der Perser" von Alexander Ilitschewski (NZZ), ein Erzählband von Jaroslav Hašek mit dem umwerfenden Titel "Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán" (NZZ), die abenteuerliche Ryan Gattis' "In den Straßen die Wut" über die L.A. Riots (taz) und Norbert Gstreins "In der freien Welt" (SZ).

Mehr über Literatur im Netz in unserem Metablog Lit21.
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Architektur

In der FAZ nimmt Andreas Rossmann die für Düsseldorf geplanten, weitreichenden Modernisierungen des Stadtbilds in näheren Augenschein. Zufrieden ist er freilich nicht: "Etikettenschwindel. Vielleicht ist das ja der durchgreifende Impuls hinter dem ganzen Projekt: Düsseldorf will sich zur Metropole aufplustern und verpasst seinem großstädtischen Boulevard einen Appendix: 'Krönung der Kö' heißt das auf Maklerdeutsch. Wo eine Stadtreparatur anstand - die Königsallee sollte die Verbindung zum Hofgarten wieder aufnehmen -, wurde ein Konsumtempel plaziert..."
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Stichwörter: Düsseldorf

Kunst


Sebastiano del Piombo: "Kardinal Bendinello Sauli mit drei Begleitern", 1516, National Gallery Washington

Ganz wunderbar zu lesen ist, was die Kunsthistorikerin Claudia Bertling Biaggini aus der Fliege macht, die der Maler Sebastiano del Piombo auf den weißen Rock des Kardinals Bendinello Sauli gesetzt hat. Die Fliege, schreibt sie in der NZZ, lädt uns ein, uns innerlich an dem Gespräch Saulis mit seinen Begleitern zu beteiligen: "Den samtenen Stuhl mag der Kardinal gleich verlassen - das Zögern seiner Person hält uns jedoch in Bann. Die Glocke, ein akustisches Signal, ist präsent, jederzeit greifbar und erhöht die Wachsamkeit. Das kaum lesbare, geknickte Schildchen vorn zeigt die Grenze alles Sprachlichen im Bild an. Hier wird indes durch die Beschaffenheit des Blattes selbst, seine Form und Farbigkeit, eine Botschaft erzeugt, die eine Blickreaktion auslöst: Das Auge gleitet von hier aus zurück zum ähnlich gestalteten monochromen Rock des Kardinals, auf die kleine Fliege. Die Komposition geht von diesem kleinen Detail aus, einem fest ins Blickzentrum verankerten Körper, der eine Art Bewegungsfluss des Sehens initiiert - und eine imaginäre Zeitlichkeit."

Weiteres: Roman Bucheli schreibt in der NZZ den letzten Teil seiner Dada-Serie.

Besprochen werden die Ausstellung "Omoshirogara - Japans Weg in die Moderne" im Zürcher Jacobs-Museum (NZZ), die Ausstellung "Prière de toucher - Der Tastsinn der Kunst" im Basler Museum Jean Tinguely (NZZ), eine große Hieronymus-Bosch-Schau in 's-Hertogenbosch (FAZ) und Martin Mittelmeiers Buch "DADA - Eine Jahrhundertgeschichte" (FAZ).
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Musik

In der Welt porträtiert Manuel Brug den Klarinettisten Martin Fröst als den besten weltweit und begnadeten Entertainer. Gerade hat er seine erste Cross-Over-CD veröffentlicht: "Eine Art Gang nicht nur zu den Klarinettenmüttern, sondern zu den Ursprüngen der Musik, als ziemlich multikulturelles Ein-Mann-Gesamtkunstwerk aus Musik, Talk und Tanz, Licht und Klangeffekten. Bei der gleich zweimal gespielten Live-Premiere im jugendstiligen Stockholmer Konzerthaus, wo auch die Nobelpreise verliehen werden, tobte der ausverkaufte Saal. Zu erleben war nämlich ein spillerig blonder Klarinettensolist als intelligenter, nicht nur Charlie Chaplin nonchalant zitierender Entertainer, clever, klug, charmant und sehr, sehr gut wie auch gewitzt auf seinem Instrument."

Hier bekommt man einen kleinen Eindruck:



In der SZ staunt Jens-Christian Rabe darüber, dass Kanye West sein neues Albums bei der Präsentation vor 20 000 Zuschauern im Madison Square Garden von einem Laptop aus vorgespielt hat: "Das hat es noch nicht gegeben." In der Welt ist Felix Zwinzscher total erschlagen von Wests Größenwahn. Für die taz spricht Julian Weber mit Jochen Distelmeyer über dessen (im Tagesspiegel besprochenes) Coveralbum "Songs from the Bottom".

Weiteres: Michael Stallknecht berichtet in der NZZ von den Händel-Festspielen in Karlsruhe, die vom Dirigenten George Petrou und seinem Originalklang-Ensemble Armonia Atenea geprägt waren. Besprochen werden neue Jazzveröffentlichungen (The Quietus) und ein Deichkind-Konzert (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Martin Fröst, Kanye West