Efeu - Die Kulturrundschau

Unersättliche Blicke auf milliardenfache Ich-Belege

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30.10.2015. Margarete Stokowski und David Berger streiten über die Buchhändleraktion gegen Akif Pirinçci. Colin Pantall lässt sich von Ai Weiwei gern zum Fotografieren im Museum auffordern. Die NZZ begutachtet das Verhältnis von Kunst und Jazz. Die SZ begutachtet das Verhältnis von Kunst und Selfies. Die Jungle World feiert die lebendige Maschinenmusik der Krautrocker "Harmonia". Der Freitag kritisiert das alte Denken von Wanda.

Literatur

Die Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski verteidigt die Aktion von Amazon, Randomhouse und unabhängiger Buchhändler gegen den Autor Akif Pirinçci, der sich auf einer Pegida-Kundgebung extrem rassistisch geäußert hatte: "Die Bücher von Pirinçci sind eben gerade nicht zensiert worden. Wären sie zensiert worden, müssten nicht lauter einzelne Händler jetzt verkünden, ob sie Pirinçcis Bücher noch verkaufen oder nicht - denn Zensur bedeutet politische Kontrolle, nicht wirtschaftliche Kontrolle durch einzelne Akteure, so marktbeherrschend sie sein mögen." Auch Christian Bommarius meint in der FR:
"Akif Pirinçci verdient kein Mitleid. Wer freie Meinungsäußerung mit Hassrede verwechselt, darf sich nicht wundern, wenn kein Verlag bereit ist, sich ihm als Komplize zur Verfügung zu stellen.

Stokowski antwortet auf einen offenen Brief des Schwulenaktivisten David Berger in Telepolis, der die konzertierte Aktion der Buchhändler scharf kritisiert hatte: "Es ist schlicht ein Rückfall in die voraufklärerische Barbarei von Bücherindex und Zensur. Im Namen der Verteidigung der politischen Korrektheit, stößt man - überheblich lächelnd und sich dabei auch noch lobwürdig glaubend - der Freiheit ein Messer in den Rücken. Dieser Rückfall wiegt umso mehr, als er von Buchhändlern kommt." Buchreport.de berichtet, dass sich auch Thor Kunkel in der rechtspopulistischen Postille Junge Freiheit empört äußerte.

Weitere Artikel: Für die Zeit-Reihe über die wichtigsten Bücher des 21. Jahrhunderts spricht Susanne Meyer mit der Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan, deren Roman "Look At Me" rückblickend wie eine Prognose des Anschlags vom 11. September wirkt. Schriftsteller Andreas Maier berichtet im Logbuch Suhrkamp weiter aus seinem "Jahr ohne Udo Jürgens".

Besprochen werden Helene Hanffs "Die Herzogin der Bloomsbury Street" (taz) und neue Bücher über Martin Luther von Heiner Geißler und Reinhard Schwarz (SZ).
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Film

Hat der deutsche Autorenfilm im Zuge von Oberhausen das deutsche Genrehandwerk zu Grabe getragen? Lag im Genrekino der fünfziger bis siebziger Jahre vielleicht sogar das bessere BRD-Kino? Diese populäre Einschätzung wurde auch bei der Cologne Conference wieder formuliert, was Michael André auf critic.de allerdings nicht unwidersprochen stehenlassen will: "Wenn man eine chronische Schieflage im deutschen Film beklagt, dann hat das mit mangelnder Risikobereitschaft und Interesse von privater Seite zu tun. Deutschland ist und bleibt - bis auf Widerruf - das Land der Autos und der Kühlschränke."

Wenn Sie heute in Wien sind, hat Florian Widegger auf Facebook einen erstklassigen Tipp für Sie: Nochmal zu sehen ist dort heute bei der Viennale Klaus Wybornys "Das Licht der Welt", eine "Liebeserklärung an das Kino als Ort, an dem Menschen vor einer Leinwand sitzen und einen Film ansehen".

Besprochen werden Tom Sommerlattes Komödie "Im Sommer wohnt er unten" (Filmgazette, Tagesspiegel), Gábor Reiszs "Aus unerfindlichen Gründen" (Filmgazette), Ömer Faruk Soraks "8 Sekunden" (FR), Jean-Jacques Annauds "Der letzte Wolf" (FR, Welt, unsere Kritik hier), Justin Kurzels neue "Macbeth"-Verfilmung (Artechock), eine neue Textsammlung von Wim Wenders (Filmgazette) und Malgorzata Szumowskas bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären geehrter "Body", den FAZ-Filmkritiker Bert Rebhandls als "klug komponierten, durchdachten, exzellent gespielten Film" würdigt.

Und warum heute nicht einfach mal den Rückwärtsgang einlegen? Ein amüsantes Video auf Vimeo - gefunden beim Filmblogger Peter Noster:

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Bühne

Besprochen werden die laut Sandra Luzina vom Tagesspiegel triumphale Berliner Bühnenrückkehr des Nederlands Dans Theater im Haus der Berliner Festspiele und ein "Fidelio in Stuttgart (Welt).
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Stichwörter: Fidelio

Musik

Trotz reger Unterstützung durch Brian Eno blieb das von einem niedersächsischen Bauernhof aus betriebene Krautrock-Projekt Harmonia seinerzeit legendär erfolglos, heute allerdings ist es aus dem Kanon der Popmusik nicht wegzudenken. Ganz besonders freut sich Niklas Dommaschk daher in der Jungle World, dass eine neue LP-Box das Gesamtschaffen der Band von Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother anbietet. Sie klingt heute noch "profan und entrückt", so der Kritiker, "unmittelbar eingängig und direkt zu sein und zugleich undurchschaubar, vielschichtig und aus der Summe der Teile nicht erklärbar. ... Hier wird weder der Mensch-Maschine gehuldigt noch pastorale Naturlyrik getupft, aber die paradoxe Verbindung aus beidem versucht, wohlwissend, dass es eigentlich nicht geht." Auch die Website zu der luxuriösen Gesamtausgabe ist sehr schön geraten.

Im Freitag artikuliert Jörg Augsburg seine Abscheu vor dem Erfolg, den Austropop-Export Wanda und dessen Ästhetik rund um Schweiß, echte Jungs und echte Mädels derzeit insbesondere unter Studenten hat: Hier "können Jungmänner unfassbar schlecht aussehende Klamotten tragen, sie dürfen nach Schweiß stinken, dämliche Sachen über Frauen sagen und quasi aus Versehen die neue Vorzeige-(weil vorzeigbare)-Antifeministin Ronja von Rönne im Video platzieren. Es ist dieselbe Kulturgrundierung, die man sonst bei den Martensteins, Matusseks und Nuhrs findet, als Feuilleton getarntes Ressentiment, ein Aufstand alter Männer und alten Denkens. Wanda machen diesen Ungeist in die Popkultur hinein anschlussfähig, gerade auch bei Leuten, die sich selbst keineswegs als konservativ und reaktionär empfinden."

Weitere Artikel: Fat Freddy's Drop heißt die erfolgreichste Band Neuseelands, erfahren wir von Knut Henkel in der NZZ, die so gut Musik macht wie sie kocht. In der Welt porträtiert Max Dax Lambchop-Sänger Kurt Wagner. Philipp Weichenrieder schreibt in der taz über den unter dem Namen Floating Points bekannten DJ und Produzenten Sam Shepherd, dessen "kontingenter Umgang mit der Dancefloor-Historie auf die Wurzeln von Jazz" verweise (hier dessen neues Album "Elaenia" im Stream und dort dessen Spex-Besprechung). Für die taz porträtiert Tim Caspar Boehme die Pianistin Satoko Fujii. Hanspeter Künzler porträtiert in der NZZ die Zürcher Rockmusikerin Evelinn Trouble. Für Das Filter hat sich Jan-Peter Wulf mit Produzent Harold Faltermeyer über das vor 25 Jahren unter seiner Beteiligung entstandene Album "Behaviour" der Pet Shop Boys unterhalten. In der Berliner Zeitung plaudert Katja Schwemmers mit Alice Cooper. Für die FAZ resümiert Max Nyffeler die Münchner musica viva, die es in diesem Jahr gestattete, dass "Humorpotential" Karlheinz Stockhausens zu erkennen: "Stockhausen, ein dröger Reihentöneabzähler? Gründlicher als an diesen fünf Konzerttagen kann das Klischee nicht widerlegt werden."

Besprochen werden das Album "1000 Days" von Wand (taz), die drei von verschiedenen Dirigenten geleiteten "Alpensinfonie"-Konzerte der Berliner Philharmoniker ("Ein berauschendes, synästhetisches Erlebnis", jubelt Frederik Hanssen im Tagesspiegel), das Debütalbum der "Ausnahmesängerin" Seinabo Sey (Tagesspiegel) und ein Konzert von Funny van Dannen (Tagesspiegel).
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Kunst

Dieses Exponat fand Colin Pantall in der Ai Weiwei-Ausstellung in der Londoner Royal Academy:



In der Ausstellung mit diesem Zeichen thematisiert Ai Weiwei auch seinen Gefängnisaufenthalt unter permamenter Überwachung von Polizeibeamten, die sogar in seiner Zelle blieben, wenn er schlief. Pantall schreibt dazu: "Man wird ermutigt zu fotografieren, soziale Medien zu nutzen, Twitter, Facebook oder Snapchat. Denn für Ai Weiwei liegt da der Unterschied (sowohl in der Vergangenheit als auch jetzt). Und so bringt diese Ausstellung so viele andere Ausstellungshäuser in Verlegenheit. Fotos nicht erlaubt? Ehrlich? Wovor genau haben sie Angst?"

140 Kunstwerke, die sich mit Jazz befassen, kann man derzeit im Kunstmuseum Stuttgart betrachten. Und Musik dazu hören, verspricht Christoph Wagner in der NZZ. Es beginnt mit Adolf Loos, der 1927 ein Haus für Josephine Baker entwarf, der Bauhauskapelle und vom Jazz inspirierten Gemälden von Matisse, Beckmann und Dix. "Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten sich die Formen allmählich auf. Die Malerei wurde abstrakter, während sich die Jazzmusiker von Melodie, Harmonik und Swing-Rhythmen lösten - auf dem Weg von Bebop zu Free Jazz. Der freie Jazz war geprägt von Spontanität und Impulsivität und konnte leicht als musikalisches Gegenstück von Jackson Pollocks Tropfbildern erscheinen. Nicht zufällig zierte das Cover von Ornette Colemans epochemachendem Album 'Freejazz' ein Gemälde von Pollock." (Bild: Frank Stella, Hyena Stomp 1962, Tate Gallery)

Zwei Ausstellungen zum Thema "Selfie" sind der SZ heute eine ganze Seite wert: Eine historische Perspektive spannt die Ausstellung "Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie" auf, für die Kia Vahland das Kunstmuseum Karlsruhe besucht hat. Zu sehen gibt es dort einen "Parcours der Eitelkeiten", denn "an Kündern der eigenen Großartigkeit mangelte es der Kulturgeschichte nie." Schade nur, dass es nirgends eine Erläuterung gibt: "Statt Hintergründe zu erforschen, Zusammenhänge zu erahnen, sollen die Betrachter durch die Jahrhunderte flanieren, als wäre es immer so gewesen wie heute." (Bild: John Byrne, John Patrick Byrne, Selbstporträt in geblümter Jacke, 1971-73, Scottish National Porträit Gallery © The Artist, Bridgeman Art Library)

Vahlands SZ-Kollege Bernd Graff war unterdessen im Düsseldorfer NRW-Forum, wo sich die Ausstellung "EgoUpdate" dem Internetphänomen nähert. Dass diese mehr "mehr Fragen zum digitalen Ich" aufwerfe, findet er ganz "gut so. Denn während die Welt anscheinend in Exhibitionisten und Voyeure zerfällt, in der unersättliche Blicke auf milliardenfache Ich-Belege treffen, wird doch diese eine Instanz immer fragwürdiger: Kann ein derart überinszeniertes Ich noch 'ich' zu sich sagen?" (Bild: Arvida Byström: Instagram Sculptures © Arvida Byström)

Besprochen werden eine der vier Ausstellungen zur Eröffnung des neuen Museums der Kulturen in Mailand (taz), eine Kollwitz-Ausstellung im National Art Museum of China in Peking (FAZ) und die Ausstellung "Sturm-Frauen: Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932" in der Schirn in Frankfurt, die Julia Voss in der FAZ für enorm verdienstvoll hält: Denn "ihr Ergebnis heißt nicht nur: Seht her, diese Künstlerinnen gab es auch! Es lautet: Die Moderne wäre ohne diese Frauen nicht möglich gewesen."
Archiv: Kunst