Efeu - Die Kulturrundschau

Dunkel gerahmte Tristesse

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21.04.2015. Die neuen Folgen von Mad Men, Game of Thrones oder House of Cards? Nicht hier! Jetzt gehts den Umgehern von Geoblockaden an den Kragen, meldet Heise. Seit wann ist die Volksbühne ein heiliger Tempel der Hochkultur, fragt die SZ genervt vom Berliner Theaterkrieg. Außerdem hätte sie gern mal ein Schwimmbad oder eine Bibliothek im Bahnhof, nicht immer nur noch eine Filiale von H&M. Die Berliner Zeitung lässt sich von Michael Beutlers Moby Dick verschlucken.

Film


Kennt seine Gattin nur flüchtig: Don Draper in "Mad Men". Bild: Justina Mintz/AMC.


In den USA lief am Wochenende die dritte Episode der letzten "Mad Men"-Staffel, die mal wieder alle Erwartungen des Publikums zur Seite wischt, schreibt Matt Zoller Seitz auf Vulture: "Mad Men heads into its final stretch seeming not terribly interested in giving the audience what it wants. This shouldn"t be a huge shock - this is, after all, a show that ended its fourth season by having the hero marry a secretary he barely knew." Bleiben noch vier weitere Folgen bis der moderne Klassiker unter den Gegenwartsserien abgeschlossen sein wird.

Nicht, dass wir dies hier sehen dürften, oder eine neue Folge irgendeiner anderen vielgelobten amerikanischen Serie. Globalisierung wird zwar gern von den Verkäufern in Anspruch genommen, die Kunden sollen sich dagegen schön lokal abzocken lassen. Laut Heise geht HBO jetzt gegen Zuschauer vor, die die Geoblockaden umgehen, um so "den Zugriff auf exklusive Inhalte wie die TV-Serie "Game of Thrones" außerhalb der USA unterbinden. Mehrere Nutzer, die Proxy- oder VPN-Dienste verwendet haben, um die geoblockierte und bislang nur für Apple-Geräte verfügbare HBO-Now-App zu verwenden, haben inzwischen eine E-Mail erhalten: HBO sei der Versuch aufgefallen, aus Ländern außerhalb der USA auf den Videostreaming-Dienst zuzugreifen - dies sei durch die Geschäftsbedingungen untersagt. Entsprechend werde der Account zum 21. April deaktiviert, betont der Sender, falls der Nutzer sich nicht telefonisch meldet."

Weitere Artikel: Carolin Weidner berichtet in der taz vom Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund (siehe dazu auch unsere gestrige Kulturrundschau). Für ZeitOnline rekapituliert Dirk Peitz die zweite Episode der neuen Staffel von "Game of Thrones". Ulrich Lössl (Berliner Zeitung) plaudert mit Christoph Waltz, der ab Donnerstag in Tim Burtons neuem Film "Big Eyes" zu sehen ist.

In der NZZ erinnert Tim Slagman an Anthony Quinn, der heute Hundertsten hat. Hier lebt er noch mal: als weinseliger Bürgermeister Italo Bombolini, der im Zweiten Weltkrieg zusammen mit Anna Magnani den Wein seines Dorfes vor Hardy Krüger retten will:



Besprochen werden Alex Garlands Science-Fiction-Film "Ex Machina" (ZeitOnline, Filmlöwin) und der den Kritiken nach zu urteilen offenbar sehr sehenswerte Fernsehthriller "Dengler (FR, FAZ, hier in der Mediathek).
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Bühne

In einem offenen Brief an Tim Renner (hier bei Nachtkritik) machen sich die drei Intendanten Joachim Lux, Ulrich Khuon und Martin Kušej für Frank Castorf und dessen Volksbühne stark: Sie fürchten eine Abwicklung der Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater und das obendrein an der öffentlichen Debatte vorbei: "Der Vorgang ist kulturpolitisch besonders erschütternd, weil die Volksbühne kein maroder Sauhaufen ist. Im Gegenteil: Sie ist eines der besten Theater Deutschlands und steht national wie international hervorragend da. Es gibt also - außer für einen neuen Kulturstaatssekretär - gar keinen Handlungsbedarf."

Diese Untergangsrhetorik hält Christine Dössel von der SZ zwar für übertrieben, doch zeige sich darin, "in welcher Defensive sich die Bühnen inzwischen sehen und wie groß - und an Beispielen belegbar - die Abbau-Ängste sind." Sie wünscht sich ein klares Bekenntnis zum deutschen Theater.

Für mehr Gelassenheit und weniger Lust am Weltuntergang plädiert unterdessen Dössels SZ-Kollege Jörg Häntzschel, der die ganze Aufregung für wenig nachvollziehbar hält: Vielleicht sucht der von Renner hofierte Chris Dercon nach dem Kunstbetrieb ja gerade die Marktferne des deutschen Theaters statt die Volksbühne dem Kulturkommerz zuzuführen? "Besonders merkwürdig an der Debatte ist aber, wie gerade die Volksbühne nun zur "Kirche" (Castorf), zum Tempel einer Hochkultur stilisiert wird, die zu Staub zerfällt, sobald Unbefugte die Tore öffnen. Und wie die deutschen Intendanten für ihr Theater reklamieren, es habe sich bislang allein auf die hehre Kunst konzentriert. Dabei veranstalten sie seit Jahrzehnten selbst "Events" und "Projekte", interdisziplinäre Kongresse, Mitmachaktionen und "Interventionen im Stadtraum"." Was insbesondere für die Volksbühne gilt.

In der FR freut sich Ulrich Seidler, dass die von ihm einst eingeforderte öffentliche Debatte nun endlich in vollem Schwange sei, und hält Tim Renner noch einmal vor, dass dieser überhaupt nicht begriffen habe, was er da mit der Volksbühne eigentlich vor sich hat: "Die derzeitige Volksbühne hat die kühnsten Vorschwebungen von Tim Renner schon längst in konkrete Fantasien verwandelt und spielend verwirklicht, verworfen oder überboten. Selbst die Zerstörung ist hier längst künstlerische Praxis. Nicht einmal hierbei ist also Hilfe nötig. Das Danach kommt früh genug." In der Welt belegt Matthias Heine die ganze "Debatte" mit dem Wort "Zickenkrieg".

Weiteres: Astrid Kaminski ist für die taz nach Israel zu den Proben für das Tanzstück "Lullaby for Bach" gereist, das die Kibbutz Contemporary Dance Company Ende April in Wolfsburg zeigt. Im Interview mit der Welt erklärt Jeffrey Tate, Chef der Hamburger Symphoniker, sein Projekt, am Dienstagabend on- und offline öffentlich Benjamin Brittens Folk-Suite "A Time There Was" einzustudieren - einfach um zu zeigen, wie so etwas abläuft.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Eugène Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine" am Burgtheater Wien (NZZ), Barrie Koskys Inszenierung von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" an der Komischen Oper Berlin (Tagesspiegel, taz, FAZ), Sebastian Hartmanns Stuttgarter Bühnenadaption von Clemens Meyers Roman "Im Stein" (taz), Dave St-Pierres lose Macbeth verarbeitende Choreografie am Schauspiel Frankfurt ("In der Optik einer Schwarzen Messe werden manche bewegten Bilder zelebriert", schreibt Sylvia Staude in der FR) und Reto Fingers von Barbara Bürk am Schauspielhaus Bochum inszenierter "Hans im Glück" (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

In ganz Europa gönnen sich die großen Städte neue Bahnhöfe - von Shopping Malls, denen jede Ahnung eines öffentlichen Raums ausgetrieben wurde, lassen sich diese allerdings kaum mehr unterscheiden, klagt SZ-Autorin Laura Weissmüller, die vor allem im so prächtigen wie einladenden Hauptbahnhof von Rotterdam eine Alternative sieht. Eine Debatte hält sie für längst überfällig. Denn: "Shopping-Ödnis im Herzen unserer Städte gibt es schließlich schon genug. Warum also nicht nach neuen Nutzungsmöglichkeiten fragen statt den privaten Optimierern tatenlos zuzusehen? Was zum Beispiel spricht dagegen, ein Museum oder eine Bibliothek an einen Bahnhof anzuschließen und nicht immer nur dieselben Glastürme für Versicherungen, Hotels und Banken? Warum kein Schwimmbad im Zwischengeschoss? Utopie? Wieso eigentlich?"
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Literatur

Auch Hans-Peter Kunisch von ZeitOnline war vom kapitalismuskritischen Berliner Symposium "Richtige Literatur im Falschen", das zahlreiche Autoren und Wissenschaftler zur politischen Bestandsaufnahme zusammenbrachte, eher nur halb überzeugt: Die angekündigten Namen stellten zwar einiges in Aussicht, doch "das große Interesse an der spezifischen Struktur des heutigen Kapitalismus und der Frage, was die Literatur damit anfangen könnte, wurde oft enttäuscht. "Bernsteinhaft" kursierte bald als vornehmes Adjektiv für tief verstaubte, langwierige literatursoziologische Eingangsreferate." Mehr dazu in unserer gestrigen Kulturrundschau.

Außerdem: Der Tagesspiegel bringt Viktor Martinowitschs Berlin-Tagebuch, das dieser beim Besuch des Literarischen Colloquiums geführt hat. Woran erkennt man ein Gedicht? In der NZZ macht Jochen Jung 31 Vorschläge: "Gedichte gefallen vor allem sich selbst. Sie sind kleine selbstverliebte Individualisten auf der Suche nach Bettgenossen."

Besprochen werden unter anderem Hilary Mantels Erinnerungen (NZZ), Katharina Geisers "Vierfleck oder Das Glück" (SZ) und die Autobiografie von John Cleese (FAZ).
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Musik

Für den Tagesspiegel unterhält sich Nana Heymann mit der Sängerin Balbina. Die FAZ bringt Eleonore Bünings gekürzte Laudatio auf Markus Hinterhäuser, der mit dem Heidelberger Musikpreis ausgezeichnet wurde. Viel Freude hatte außerdem Marcus J. Moore (Pitchfork) am experimentell-verpopptem Space-Jazz, den The Breathing Effect auf ihrem neuen Album "Mars Is a Very Bad Place For Love" spielen. Eine Hörprobe:



Besprochen werden das neue Album von Ron Sexsmith (FAZ), eine Aufführung von Mahlers zweiter Sinfonie beim Frankfurter Museumskonzert (FR) und das neue Album von Blur (Berliner Zeitung).
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Kunst


Michael Beutler: Moby Dick, 2015, Ansicht Ausstellungsaufbau Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin | © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns

Sehr beeindruckt lässt sich Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) von der Atmosphäre von Michael Beutlers großer, sich ständig im Wandel begriffener "Moby Dick"-Installation im Hamburger Bahnhof in Berlin gefangen nehmen: Hier fühle man sich tatsächlich wie vom großen Wal verschluckt. "Die Raumwahrnehmung (...) - wer die bisherige Halle mit Kunst aller Couleur erlebte - ist plötzlich eine andere. Innen und Außen, Oben und Unten sind auf einmal keine klar getrennten Wahrnehmungskriterien mehr. ... Das Handgemachte, Improvisierte, Unfertige wird zum Mittel der Bewusstseinserweiterung. Weitab aller Nostalgie."

Ganz großartig findet Kia Vahland (SZ) die Gesamtschau der Fotografien von Anders Petersen, die derzeit im Münchner Stadtmuseum zu sehen sind: Die Bilder sind "oft erst abstoßend, dann entwaffnend in der Direktheit, mit der Petersen seine Figuren zeichnet ... Gravitätisch kommt die dunkel gerahmte Tristesse daher."
Archiv: Kunst