Efeu - Die Kulturrundschau

Tanzen statt Theorie! Feiern statt Formeln!

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11.12.2014. Bernard Arnault oder François Pinault sind keine Medici, beharrt in der FAZ der Kunsthistoriker Matthias Müller. Die Filmkritiker können Nuri Bilge Ceylans "Winterschlaf" nur mit Literatur vergleichen: Dostojewski, Tschechow, Shakespeare und Voltaire fallen ihnen ein. In Volltext beschreibt Felix Philipp Ingold Dostojewski als frühen Dichter des Absurden. Die SZ besucht in Paris Schwarze in Käfigen. Und alle trauern um Ralph Giordano.

Literatur

Trauer um Ralph Giordano: taz-Autor Jan Feddersen kritisiert in seinem Nachruf zwar Giordanos späte Stellungnahmen zum Islam, aber "dabei hatte er in einem Punkt vollkommen recht, nämlich damit, dass das Jüdische nicht nur bei vielen Deutschen verhasst war und ist, sondern auch bei Muslimen. Ging es aber um Antisemitismus, verfiel Giordano nicht in einen Klageton, sondern einen - bis ins hohe Alter - verständlichen Ton jugendlicher Frische. Er wollte sich eben nichts bieten lassen; das war ein Mann, der in jedem Kampf immer lieber in Vorhand ging."

Die Jüdische Allgemeine feiert Giordano als ihren "dienstältesten Kollegen". Engagiert wurde er 1948 vom Günder der Zeitung mit dem schönen Namen Karl Marx: "Ralph Giordano arbeitete als Reporter und Kommentator, ab 1958 war er Berichterstatter der beginnenden NS-Prozesse vor deutschen Schwurgerichten. Auch nach 1966, als mit dem Tod von Karl Marx die traditionsreiche Zeitung in die Herausgeberschaft des Zentralrats überging, blieb er ihr treu. Die Jüdische Allgemeine habe alle Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte widergespiegelt, "die ermutigenden und die entmutigenden" notierte er einmal." Nachrufe schreiben außerdem Marko Martin (Welt), Joachim Frank (FR), Hannes Schwenger (Tagesspiegel), Christian Böhme (Tagesspiegel), Willi Winkler (SZ) und Andreas Rossmann (FAZ).

Bei Volltext, online gestellt von der Lyrikzeitung, beschreibt Felix Philipp Ingold in einem sehr schönen Essay Dostojewskij als frühen russischen Dichter des Absurden: "In den Versen "Auf einen bayerischen Obersten" - so lautet der merkwürdige Titel - reimt er in exakter Metrik die folgende Strophe zusammen:
Ich fliege, fliege rückwärts weiter,
Ich will nach hinten fallen, ja … ach!
Mal ist es dunkel und mal heiter:
Wenn heute Matt, so morgen Schach.

Das ist eine kleine versifizierte Lebenslehre, die jenseits von Gut und Böse - in einer gleichsam verkehrten Welt - nur noch auf den Zufall, den ständigen Wandel, die absurde Normalität verweist. Es ist aber auch eine verkappte Polemik gegen jede Art von "schöner Literatur", die formstreng, harmonisch, belehrend oder wenigstens anrührend sein will: Unsinnspoesie..."

Weitere Artikel: Die Zeit hat das Interview mit Nobelpreisträger Patrick Modiano online gestellt, der in der vorletzten Ausgabe im Gespräch mit Iris Radisch um das verlorene Paris des 20. Jahrhunderts trauerte. Fritz J. Raddatz spricht in der Basler Zeitung über die große alte Zeit des Feuilletons und seine Rolle dabei. Georg Trakl inspiriert die Gegenwartslyrik, berichtet Beate Tröger im Freitag nach Durchsicht aktueller Neuveröffentlichungen. Im Freitag erinnert sich Michael Saur an seine Zeit als Lehrling in Deutschlands erster Hugendubel-Filiale, die demnächst schließen wird.

Besprochen werden Herta Müllers Gesprächsband "Mein Vaterland war ein Apfelkern" (NZZ), Osamu Tezukas epischer Comic über Buddhas Lebensgeschichte (Tagesspiegel), James Freys "Endgame" (Berliner Zeitung), Joachim Sartorius" "Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert" (Freitag), Heinz Budes "Gesellschaft der Angst" (FR), Heinz Burdas "Notizen zur digitalen Revolution" (SZ) und Joachim Whaleys umfangreiche Studie "Das Heilige Römische Reich deutscher Nation und seine Territorien" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst


Nanni Balestrini, Oltre la Poesia, Museion Bozen

Nanni Balestrini ist Dichter, Künstler und Filmemacher. 2012 hat er seinen 2400 Stunden langen Film "Tristanoil" auf der documenta gezeigt. Derzeit ist ihm eine Ausstellung in Bozen gewidmet. Alle seine Arbeiten folgen der Poetik der Collage, erklärt er im Gespräch mit FaustKultur: "Seit mehr als einem Jahrhundert haben sich die Grenzen zwischen den Künsten aufgelöst und gerade die Kreuzungen und Vermischungen haben viele der bedeutendsten Werke hervorgebracht. Der Gedanke der Spezialisierung auf eine Form ist überholt; künstlerische Verfahrensweisen können alle Formen einbeziehen. "Tristanoil" ist nicht ein Film in dem Sinn, wie ihn Fellini und andere ihn gemacht haben; es handelt sich vielmehr um die Übertragung kombinatorischer Prozesse auf bewegte Bilder."

Sind Multimillionäre wie Bernard Arnault oder François Pinault, die beträchtliche Summen in den Aufbau von Kunstsammlungen und Museen stecken, mit den klassischen Medici vergleichbar? Nein, meint der Kunsthistoriker Matthias Müller im Gespräch mit Julia Voss für die FAZ. Die heutigen Sammler kauften vor allem, um ihrem Ansehen zu nutzen: "Einen übergeordneten staatlichen, kultur- und bildungspolitischen Kontext, wie er für die Zeit der Medici charakteristisch war, vermag ich hingegen nicht zu erkennen."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel informiert Christiane Meixner, wo die Neue Nationalgalerie für die Zeit ihrer Schließung ihre Exponate parkt. Evelyn Finger stellt in der Zeit die Moskauer Fotografin Oksana Yushko vor, die russisch-ukrainische Paare porträtiert.

Besprochen werden eine Ausstellung von Monique Jacots Fotografien im Verborgenen Museum in Berlin (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über John Constable im Victoria & Albert Museum in London, dem es Gina Thomas in der FAZ dankt, damit die Perspektive auf den heute vor allem von Keksdosen her bekannten Maler neu auszurichten.
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Film

Die Erfahrung von Nuri Bilge Ceylans über dreistündigem Film "Winterschlaf" lässt sich eigentlich nur mit Lektüre von Dostojewski und Tschechow vergleichen, meint Barbara Schweizerhof in der taz. Dass es dabei um viel alltägliches Nebenbei geht, macht den Film dennoch nicht langweilig: "Ceylan versteht es, seinen Schauspielern jenen Raum zur Entfaltung zu geben, in dem Nuancen in aller Ambivalenz zu ihrem Recht kommen. Sie erzeugen den erwähnten quasiliterarischen Sog, der hineinzieht in diese Welt der Kleinigkeiten und kleinlichen Gefühle, die so banal wie universal sind." Michael Kienzl von critic.de genießt "die Freiheit des Films" und auch Verena Lueken von der FAZ betont den literarischen Appeal des Films: Sie ergänzt die bereits genannten Großmeister noch um Shakespeare und Voltaire. In der SZ bejubelt Susan Vahabzadeh den Film als "Opus Magnum".

Selbst Hollywood erstarrt angesichts der digitalen Revolution, erkennt Hanns-Georg Rodek in Jason Reitmans Film "#Zeitgeist": ""#Zeitgeist" ist ein Film für all jene Eltern, an denen ein latentes Unbehagen nagt ob der unerforschlichen digitalen Wege, die ihre Kinder beschreiten. Daran ist nichts auszusetzen, nur sendet Reitmans Film ein Signal extremer Hilflosigkeit. Das wird spätestens klar, als Chris" Eltern von ihrem letzten großartigen Sex erzählen, der am 11. September 2001 stattgefunden habe, dem Tag der Anschläge auf die Twin Towers. 9/11 wird im amerikanischen Film rapide zu der Krücke, die der Holocaust im deutschen Kino darstellt: Wenn ein Autor nicht mehr recht weiter weiß, streut er eines der beiden Ereignisse ein und glaubt, damit sei alles hinreichend motiviert."


Blofelds geheime Raketenbasis im Bauch eines japanischen Vulkans. Eine Entwurf von Ken Adam zum James-Bond-Film "Man lebt nur zweimal" (1967). Foto: Deutsche Kinemathek

Mit Ken Adam würdigt das Filmmuseum in Berlin einen der Meister des Set-Designs, der mit seinen Arbeiten in den James-Bond-Filmen und für Stanley Kubricks "Dr. Strangelove" weltberühmt wurde. Von dessen Bildwelten lässt sich Georg Seeßlen in der Zeit gerne aus dem Gleichgewicht bringen: Hier gibt es "keine ewigen Gewissheiten. Boden und Decken sind keine stabilen Bildbegrenzungen, oft werden die Decken weit heruntergezogen, und der Boden erhält geschwungene oder gestufte Brüche. Kurzum: Räume und Objekte bei Ken Adam, suggestiv genug, verschaffen dem Blick keinerlei Ordnungen, sondern ziehen ihn in den Sog unendlicher Widerspiegelungen." Im Tagesspiegel freut sich Andreas Conrad, dass das Kuratorenteam die Arbeiten nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert präsentiert. Für die Berliner Zeitung hat sich Thomas Klein die Ausstellung angesehen.

Weitere Artikel: Das Berliner Kino Arsenal zeigt eine Filmreihe mit klassischen Hollywood-Musicals, freut sich Helmut Merker in der taz. In der SZ spricht Alexander Menden mit Susanne Bier über deren neuen Film "Serena".

Besprochen werden Abderrahmane Sissakos "Timbuktu" (Perlentaucher, taz, Freitag, critic.de), Joanna Hoggs "Exhibition" (Perlentaucher, critic.de), Tom Lass" deutscher Indiefilm "Kaptn Oskar" (critic.de), Jeremy Saulniers "Blue Ruin" (critic.de), Raya Martins "La última película" (Freitag), Adriana Altaras Dokumentarfilm "Titos Brille" (Tagesspiegel), Peter Greenaways auf DVD veröffentlichter "Goltzious & The Pelican Company" (taz) und Tali Bardes Jugendfilm "For No Eyes Only" (Freitag).
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Archiv: Film

Musik

In der Welt amüsiert sich Airen über eine Berliner Konferenz "namhafter Poptheoretiker, Kulturwissenschaftler, Forscher, Produzenten und Journalisten", die unter dem Motto "Techno Studies: Ästhetik und Geschichtsschreibung Elektronischer Tanzmusik" das Phänomen Techno analysieren wollten: "Tanzen statt Theorie! Feiern statt Formeln!" Für den Tagesspiegel hat Philipp Grefer die Toten Hosen bei ihrer Tour durch Myanmar begleitet.

Besprochen werden "A Better Tomorrow" von Wu-Tang Clan (The Quietus), das neue Album der Foo Fighters (The Quietus), Leonhard Cohens "Live in Dublin" (Pitchfork), das neue Album von Bryan Ferry (hier "klingt selbst Langeweile nach Gediegenheit", meint Arno Frank auf ZeitOnline), Philipp Oehmkes Buch über die Toten Hosen (Tagesspiegel), ein Auftritt von Anne Sofie von Otter (FR), Ariel Pinks neues Album "Pom Pom" (SZ) und Johann Hinrich Clausses "Geschichte der Kirchenmusik" (SZ).
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Bühne



Brett Baileys als Installation vermarktetes Stück "Exhibit B" hält Paris in Atem, erfahren wir von Joseph Hanimann in der SZ: Anti-rassistische Initiativen lassen aus Protest mitunter Scheiben zu Bruch gehen, gespielt wird unter Polizeischutz. Hintergrund: Das Stück, das sich kritisch mit der Kolonialgeschichte befasst, stellt Schwarze in Käfigen aus und bekräftige damit laut den Aktivisten rassistische Blickstrukturen der Kolonialherren. Völlig falsch findet Hanimann den Vorwurf zwar nicht, doch fordert er ästhetisches Differenzierungsvermögen: "Die Darstellung gerät zur eigenen Bloßstellung, Gegenstand der "Exhibition" ist nicht das Gezeigte, sondern das Schauen: wir." Schwierig findet er jedoch, dass manche Tableaus lediglich "Betroffenheitspathos" bedienen.

Besprochen werden Xavier Le Roys Choreografie "Sans Titre (2014)" im Théâtre de la Cité in Paris (NZZ), Katja Brunners Stück "Von den Beinen zu kurz" beim Festival Dramaturgia Europa y América in Buenos Aires (NZZ) und der von Ursula Voss herausgegebene Band "Gert Voss auf der Bühne" (SZ).
Archiv: Bühne