Efeu - Die Kulturrundschau

Der Ton geht immer ums Eck

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10.12.2014. Die NZZ bewundert Künstlerinnen in München um 1900. Im Standard erklärt der Dramatiker Ewald Palmetshofer, warum er sein neues Stück "die unverheiratete" in Jamben geschrieben hat. Bei den Rencontres Trans Musicales wird mehr getwittert als Musik gehört, notiert die taz. Wenig amüsiert haben sich die Filmkritiker mit dem letzten Hobbitfilm: Alles nur Ehrenkäse und Liebesfett, murrt die FAZ.

Kunst


Maria Marc, Nächtlicher Mummenschanz um 1911, © Privatbesitz, Kochel

Einen "faszinierenden Überblick" über das künstlerische Schaffen von Frauen um 1900 bietet die Ausstellung "Ab nach München!" im Stadtmuseum München, verspricht in der NZZ Karin Leydecker. Es war eine Zeit, in der Frauen noch gegen zahllose Ressentiments kämpfen mussten und nur unter den abenteuerlichsten Bedingungen arbeiten konnten: "Da ist die Geschichte der aus Krakau stammenden, kubistisch-abstrakt arbeitenden Malerin Zofia Stryjénska (1891-1976). Sie immatrikulierte sich unter dem Namen ihres Bruders und studierte als Mann verkleidet an der für Frauen verbotenen Münchner Akademie, bis der Schwindel nach einem Jahr aufflog. Oder Auguste Mährlein (1880-1929), deren genial gezeichnete Wunderwelten im schwäbischen Pastorenhaushalt erstickten. Und schliesslich die hochsensible Bildhauerin Ilse Conrat (1880-1942): Die Nationalsozialisten zwangen die jüdische Künstlerin zur Vernichtung ihrer expressiv-abstrahierten Skulpturen, am Tag vor ihrer Deportation beging sie Selbstmord."

Besprochen werden eine Werkschau von Lee Mingwei im Mori Art Museum in Tokio (FR), die Ausstellung "Deutschland 1945: Die letzten Kriegsmonate" in der Topografie des Terrors in Berlin (taz) und die Ausstellung "Fette Beute - Reichtum zeigen" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (FAZ).
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Bühne

Der Dramatiker Ewald Palmetshofer erklärt im Interview mit dem Standard, warum er sein neues Stück "die unverheiratete" - es geht um eine Frau, die kurz vor Kriegsende einen Wehrmachtssoldaten denunziert, der daraufhin hingerichtet wird - in Jamben geschrieben hat. Grund war das Aktenmaterial: "Ich wusste nicht, dass die österreichische Protokollpraxis in diesen Jahren anders war als bei den Entnazifizierungsprozessen, die man aus Deutschland kennt. Dort herrschte die amerikanische Ordnung. Das bedeutet, dass in direkter Rede protokolliert wurde. In Österreich wurde indirekt protokolliert, gleichsam paraphrasierend. ... Diese eigenartige Sprachlichkeit des Materials zwingt die unterschiedlichen Sprecher in ein einheitliches Sprachkorsett. Man hat keine O-Töne. Der Ton geht immer ums Eck."


"Exporting War" von Hans-Werner Kroesinger. Foto: © david baltzer/bildbuehne.de

Ziemlich informativ fand Simone Kaempf (taz) Hans-Werner Kroesingers am Berliner Hebbel am Ufer inszeniertes Stück "Exporting War", das uns auf eine Waffenmesse in Abu Dhabi mitnimmt. Es ist Bestandteil des Festivals "Waffenlounge", in dem sich das Theater mit der Militärindustrie und Krieg auseinandersetzt: "Zutage tritt die glatte Sprache einer Branche, die in das Geschäft mit dem Krieg verstrickt ist, aber von Schäden und Opfern ablenkt, indem sie mit den Errungenschaften und Vorteilen argumentiert."

Weitere Artikel: Sehr wehmütig kommt Katrin Bettina Müller (taz) von der Jubiläumsrevue zum hundertjährigen Bestehen der Volksbühne nach Hause: "Was mal widerspenstiges Potenzial hatte, ist erstarrt." In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf die Schauspielerin Ruth Glöss.

Besprochen werden ein von Daniel Barenboim dirigierter "Fidelio" in Mailand (SZ), Alice Buddebergs kompakte Inszenierung der Shakespeare"schen Königsdramen am Theater Bonn (SZ) und die Premiere der Opernfassung von "Brokeback Mountain" in Aachen (FAZ).
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Film

"Die Schlacht der fünf Heere", Peter Jacksons dritter und letzter Teil seiner "Hobbit"-Verfilmung, ist vor allem ein großes Schlachtengemälde, erfahren wir von Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Das ist zwar durchaus mitreißend, aber auch ein bisschen schade, meint er: Denn was hier für Unterhaltung sorgt, entspringt nicht Tolkiens Fantasie, "sondern verdankt sich dem Ausmalen von Leerstellen, die das Buch lässt, weil sich Action nun einmal schlechter erzählen als zeigen lässt. Einerseits treuherziges Illustrieren, andererseits weitgehendes Desinteresse, statt schematischer Nebenhandlungen die Substanz des Buches selbst zur dramatischen Wirkung zu bringen - das ist der Zwiespalt, in dem sich Jacksons überlange Verfilmung des "Hobbits" befindet." Auch Jörg Wunder vom Tagesspiegel beklagt ein "erzählerisches Vakuum". Dietmar Dath spricht in der FAZ von "absurdem Plot-Gepolter um allerlei Stammesfehden, Magie, Wortbruch, Ehrenkäse und Liebesfett". Der Standard immerhin fand viel Gemetzel und viel Komik.

Besprochen werden außerdem Nuri Bilge Ceylans "Winterschlaf", der "eine unbarmherzige Reflexion über das Verhältnis zwischen Idealen und der wissentlicher Behinderung ihrer Umsetzung" darstellt, meint Anke Westphal in der Berliner Zeitung, und Douglas Wolfspergers Film "Wiedersehen mit Brundibar" (Welt).
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Literatur

Für die FAZ ist Sandra Kegel zur italienischen Buchmesse Più Libri der unabhängigen Verlage gefahren. Dort beobachtet sie nicht nur eine voller Sorgen auf das deutsch-italienische Verhältnis blickende Branche, sondern auch deren "Versuch, mit viel Phantasie und wenig Geld Nischen zu besetzen und mit auffällig gestalteten Büchern neugierig zu machen auf neue Formen des Erzählens."

Außerdem: Julia Grass war für die Berliner Zeitung dabei, als Lena Dunham in Berlin ihr Buch "Not that Kind of Girl" vorstellte.

Besprochen werden Jane Austens neu übersetzter Roman "Stolz und Vorurteil" (NZZ), die Tagebücher des polnischen Theaterautors Slawomir Mrozek von 1962-1969 (NZZ), Bruce Holberts Krimi "Einsame Tiere" (Welt), Franz Tumlers "Hier in Berlin, wo ich wohne" (Berliner Zeitung), Jonathan Franzens "Kraus-Projekt" (Freitag), Martin Breits Biografie über den Schriftsteller P. G. Wodehouse (Tagesspiegel), Christopher Lauers und Sascha Lobos "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei" (SZ) und Jurij Wynntschuks "Im Schatten der Mohnblüte" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Architektur

Der neue Wiener Hauptbahnhof ist ein Desaster, eine Shoppingmall mit Haltestelle, bedauert Stephan Templ in der NZZ: "Die definitive Gestaltung des Bahnhofs hat größtenteils ein Ingenieurbüro besorgt. Das Planungsteam Hotz, Hoffmann, Wimmer konnte bei den Ausführungsdetails nicht mehr mitreden und hatte nur noch städtebauliche Fragen zu lösen. Der Reisende spürt dieses Defizit. Er gleitet nicht im Walzertakt zum Zug. Von der 500 Meter entfernten, nur von einer einzigen Linie bedienten U-Bahnstation muss er sein Gepäck schleppen. Keine Förderbänder erleichtern den Weg, denn sie würden die Passagiere von den Läden fernhalten."
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Musik

Für die taz berichtet Julian Weber vom Rencontres Trans Musicales in Rennes, wo die Musik - mitunter gibt es "punkigen R & B" und mit Kate Tempest "die Zukunft des britischen HipHop" - mitunter allerdings "nur Teilzeitbeschäftigung [darstellt]. ... Viele Leute hängen vor "Le Twitter Wall" auf Sofas und Kissen ab und verfolgen lieber den Twitterverkehr. In den Konzerthallen selbst werden keine Getränke ausgeschenkt, sodass in den Schenken manchmal mehr los ist als vor der Bühne."

Die Kritiker von Pitchfork geben ihre 20 Lieblingsvideos des Jahres bekannt. Hierzulande schaut man allerdings in die Röhre, denn ein beträchtlicher Teil davon ist in Deutschland fast schon wie selbstverständlich nicht abrufbar. Dazu passend ein Statement von René Walter auf Nerdcore, dem es deshalb bis hierhin steht: "Musik ist allgegenwärtig und besser als je zuvor. Aber ich verschwende meine Arbeitszeit nicht mehr an Copyright-Bullshit für Promomaterial. Jedes Musikvideo-Posting in der Vergangenheit hat mich circa 2 Stunden gekostet und mittlerweile ist es nur noch Frust."

Weitere Artikel: Michael Pilz verabschiedet in der Welt den Grafen von Unheilig, der mit "Gipfelstürmer" sein letztes Album veröffentlicht haben will. Und Uwe Schmitt stellt die japanische Band One OK Rock vor, die gerade auf Europatournee ist. Hörprobe?




Besprochen werden neue Alben von John Scofield (Zeit) und das Weihnachtsalbum von Erdmöbel (FAZ).
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