Efeu - Die Kulturrundschau

Lächeln ein Klassen-Indikator

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2014. Die FAZ erstickt in der Kuscheligkeit von David Böschs Münchner Inszenierung des "Peer Gynt", die SZ schnurrt vor Wonne. Niemand vermisst Anna Netrebko in Hans Neuenfels' "Manon Lescaut". In Bayreuth wurde Jonathan Meeses "Parsifal" aus Kostengründen gestrichen, die Kritiker sind empört: Schließlich entstand ganz Bayreuth auf Pump. Die NZZ begutachtet in Hamburg den Lifestyle von Millionären und sie besucht Krimiautoren in Italien.

Bühne


Andrea Wenzl und Shenja Lacher (Bild: Residenztheater München)

Reichlich puderzuckrig muss es in David Böschs am Münchner Residenztheater aufgeführter Ibsen-Inszenierung "Peer Gynt" zugegangen sein. Gerhard Stadelmaier warnt in der FAZ jedenfalls schon mal Diabetiker vor dem Besuch: "Was hier in aller Herzigkeit an den Tag gelegt wird, ist von einer überwältigen wollenden Kuscheligkeit", schreibt er und wartet insgeheim doch darauf, "dass das Drama, also die Weltdurchrasung, das Groß-Egoistische, Ausbeuterische, Mörderische endlich losgehe. Doch das Drama kommt hier nicht. Dafür: die Phantasmen eines liebenswürdigen Ego-Hinterwäldlers."

Ein bisschen anders liest sich das in der Nachtkritik. Tim Slagman berichtet, dass das Stück "mit allen audiovisuellen Elementen eines postmodernen Meta-Spektakels auf das Publikum eindrischt". Für bis heute plausibel an diesem Stück hält er "die traurige Dialektik von Geldscheffelei und Sinnsuche" und die "erhoffte Selbsterkenntnis und Selbstentfremdung durch Gier". Egbert Tholl von der SZ wiederum summt und brummt vor Genuss: Er freut sich wie ein Schneekönig über diese Inszenierung. Oder zumindest "wie ein Kind, das zu Weihnachten ein prächtiges Märchenbuch geschenkt bekommt. Bösch grübelt nicht, stellt nicht die vielfältigen philosophischen Aspekte aus, er erzählt einfach."


"Manon Lescaut" in München

Dass Anna Netrebko Hans Neuenfels" Münchner Puccini-Inszenierung "Manon Lescaut" kurz vor der Premiere abhanden gekommen ist, stellt in Eleonore Bünings Augen und Ohren keinen einen Verlust dar, wurde doch mit der lettischen Sopranistin Kristine Opolais auch kurzfristig ein mehr als würdiger Ersatz gefunden, versichert sie in der FAZ: "Anfangs ist ihre Stimme süß und leicht, weiß und unschuldig. Später sonor, in der Verzweiflung geht sie ins Schreien über, in gutturalen Sprechgesang. ... Wenn sie, in ihrem Todeskampf, um Küsse ächzt, um Berührung, Wärme, Leben bettelt, mit einem Pianissimo, das jeder Sängerin letzte Kräfte abverlangt. Dann ist ein bitterer, scharfer Realismus in der Musik erreicht, der den Atem verschlägt."

In der SZ staunt Reinhard J. Brembeck, dass dieser Neuenfels-Abend so "unspektakulär und ohne billige Provokationen" vonstatten ging, und attestiert "ein ungewöhnlich feines Bühnenspiel". In der Welt fragt sich Manuel Brug leicht verdutzt, warum Netrebko geflohen ist vor dieser "ziemlich altväterlich braven, freilich klaren, im Seziertischneonlicht ausgestellten Untersuchung über den ewigen Antagonismus von Geld und Liebe. Der für Anna Netrebko vielleicht gar keiner war, wie der düpierte Hans Neuenfels mutmaßte."

Auf die Mitteilung aus Bayreuth, man habe sich von Jonathan Meese als Regisseur für den "Parsifal" im Jahr 2016 aus Kostengründen getrennt, wollen weder der geschasste Künstler - wie hier der FAZ unter Rückgriff auf den Spiegel zu entnehmen ist - noch die Kommentatoren im Feuilleton viel geben. Den Verweis auf die knappe Kasse findet Ulrich Amling im Tagesspiegel jedenfalls ziemlich zum Prusten: "Kunst abzublasen, weil sie die Bilanzen gefährden könnte, ist ein Bayreuth völlig fremder Gedanke - hier, wo das Festspielhaus auf wüsten Pump entstand und später zur Stätte von heillosem Kultuspomp wurde. ... Das klingt so kleinkrämerisch wie klammheimlich erleichtert." Helmut Mauró spekuliert in der SZ, ob man in Bayreuth wohl Meeses Hang zu Geschmacklosigkeiten fürchte, was er allerdings sehr traurig fände, denn in Bayreuth pflege man auch in avantgardistischeren Inszenierungen nur noch "Skandale des routinierten Geschmacks. Die Skandale des Denkens beginnen aber erst jenseits des Schmeckens, eigentlich erst jenseits des Schreckens, des Vorstellbaren." In der Welt findet Manuel Brug es dagegen völlig okay, dass Meese vor die Tür gesetzt wurde: Bayreuth ist schließlich nicht der Kunstmarkt.

Besprochen werden Armin Petras" Inszenierung von Wilhelm Raabes "Pfisters Mühle" am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik), Mussorgskys unvollendeter Oper "Chowanschtschina" in Antwerpen (NZZ), zweimal Benjamin Britten an der Deutschen Oper und der Staatsoper in Berlin (Berliner Zeitung, taz), Brit Bartkowiaks Inszenierung von Nino Haratischwilis "Land der ersten Dinge" am Deutschen Theater Berlin (taz), Peter Pleyers in den Berliner Sophiensälen aufgeführte Choreografie-Serie "Visible Undercurrent" (taz), ein "Peter Pan" am Schauspiel Frankfurt (FR), Nurkan Erpulats Inszenierung von Joe Ortons "Entertaining Mr Sloane" am Maxim Gorki Theater in Berlin (Tagesspiegel, mehr) und Stephanie Mohrs Inszenierung von Imre Kertészs Roman "Liquidation" (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst


Tina Barney: "Father and Sons", 1996, aus der Serie "The Europeans", 1994-2004. © Tina Barney / Courtesy Janet Borden, Inc., NYC. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

"Klug bedacht und gut gemacht" findet Joachim Güntner in der NZZ die Hamburger Ausstellung "Fette Beute. Reichtum zeigen" im Hamburger Kunstgewerbemuseum über den Lifestyle von Millionären. Gerlernt hat er dabei zum Beispiel, dass feine Leute nicht lächeln: "Zur feinen Gesellschaft, das geht auch aus der zwiespältigen Faszination von Barneys Kollegin Lisette Model hervor, gehört die "stiff upper lip". Reiche lächeln auf Fotos nicht, denn anders als die Armen haben sie defensiven Optimismus nicht nötig. Man kann in Hamburg sehr schön sehen, dass Lächeln ein Klassen-Indikator ist: Je seltener es auftritt, desto höher ist der Rang des Betreffenden."

Im FAZ-Blog unterhält sich Patrick Bahners mit Neo Rauch über El Greco. Nach anfänglicher Skepsis wurde der Künstler von dessen Bildern dann fast wie vom Schlag getroffen: Sie "fuhren in mich ein durch ein weit geöffnetes Scheunentor und führten ihre nahrhafte Substanz mit. Es sind die kleinen Krustationen, die die Bilder aufweisen, die Schwerpunkte, die sie ausbilden, in Form winziger Gesichtchen, die oft daumennagelgroß sind, die aber so ein Bild mit Energie versorgen, als Herzknotenpunkte des Bildsystems abstrahlend in den entferntesten Winkel der Leinwand."

Für die Berliner Zeitung hat sich Ingeborg Ruthe mit Norbert Bisky getroffen, dessen Rostocker Gesamtschau am Samstag eröffnet wurde. Auch dessen Bilder hat sie sich nochmals angesehen und darin "Metaphern der grausamen Fleisches-Lust-Angst und der enthemmten Ressourcen-Verschwendung in der modernen Welt [erblickt]. Auch in anderen Bildern, die ums Jahr 2005 herum entstanden, wird unablässig geschlungen, gesaugt, zerfleischt, zerstückelt, gelöffelt. Der Mutige lacht, der Feigling wird wohl Vegetarier."

Erst spät wurde die libanesische Schriftstellerin Etel Adnan auch im Westen als (derzeit in Salzburg ausgestellte) Malerin entdeckt, obwohl sie früher malte als schrieb, erfahren wir in Annabelle Hirschs Porträt der Künstlerin in der FAZ. Beim Besuch in Paris erfährt sie von ihr auch, wie diese es mit den Künsten hält: "In die Literatur fließt ihr politischer Geist ein, in der Malerei geht es vor allem um ihre Liebe zur Welt." (Bild: Etel Adnan, Landschaft 2, 2014, © Galerie Claude Lemand, Paris)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Bernhard Schulz über das Faszinosum Mona Lisa. Sabine Weier berichtet in der taz von der Paris Photo. Die Zeit bringt eine Strecke mit Tierfotografien von Elliot Ross.

Besprochen werden zwei Ausstellungen über das untergegangene West-Berlin im Bröhan-Museum und im Ephraim-Palais (Welt) und die Baselitz-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst (die Cornelius Tittel in der Welt vehement gegen ihre Kritiker verteidigt)
Archiv: Kunst

Architektur

In der FAZ gratuliert Niklas Maak Rem Koolhaas zum 70. Geburtstag.
Anzeige
Archiv: Architektur
Stichwörter: Rem Koolhaas

Musik

Farin Urlaub plaudert im Interview mit der Welt über das neue Album der Ärzte und seine schwierige Kindheit: "Als Kind war ich eine ganz große Katastrophe, schwer verhaltensgestört. Heute hätte man bei mir ADHS diagnostiziert, damals hieß die Diagnose: Zappelphilipp. Ich hatte einen eigenen Tisch in der Schule, damit die Lehrerin mich bändigen konnte. Dann kam die Pubertät, und alles steigerte sich noch."

In der Berliner Zeitung meldet ein enthusiastischer Andreas Busche eine erfolgreiche "Raumzeitkrümmung", die sich beim Hiphop-Konzert von Shabazz Palaces in Berlin zugetragen habe: Das Publikum "verwandelte sich bald in eine ekstatisch wogende Masse, von Butlers nasalem, versponnen-entrücktem Wortfluss in den höheren Bewusstseinszustand eines ganzheitlichen Glücksgefühls befördert."

Weitere Artikel: Michelle Ziegler berichtet in der NZZ von den Tagen für Neue Musik in Zürich. Moritz von Uslar (Zeit) frühstückt mit Rocko Schamoni.

Besprochen werden Konzerte von Ed Sheeran (Tagesspiegel), Reinhard Mey (Tagesspiegel), des Rundfunk-Sinfonieorchesters unter Marek Janowski (Tagesspiegel) und Jack White (FAZ), sowie Graham Johnsons Buch "Franz Schubert - The Complete Songs" (SZ).
Archiv: Musik

Literatur

Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin genießt es, in Berlin zu leben, wie er Michael Thumann im Gespräch für die Zeit gesteht. Überhaupt wird ihm beim Blick in seine russische Heimat nicht wohl: "Ich habe den Eindruck, dass wir in die letzte Phase dieses Staates eintreten. Es erinnert alles an die Agonie eines Todkranken. Ein großer Organismus stirbt und verfällt plötzlich in Aggression, greift nach der Krim, der Ukraine."

Maike Albath besucht für die NZZ Krimiautoren in Neapel, Rom, Padua und Mailand. Der Krimi, da sind sich alle einig, ist im Moment das beste Genre, die korrupte Wirklichkeit Italiens darzustellen. In Padua erzählt ihr Massimo Carlotto, er besitze "inzwischen ein Ferienhaus in Südtirol, weil dort die Handwerker ordnungsgemäß Rechnungen ausstellen. "Wir haben es einfach satt. Neulich stand bei einer Lesung hier in der Nähe ein Herr auf und sagte: "Was für ein Problem hast du denn mit der Geldwäsche? Sie kaufen sich hier ein, durch unsere Firmen wird es sauber - ist doch in Ordnung." Einer meiner Leser! Ein Mann mit Bildung! Das ist ein Zeichen der Zeit.""

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel unterhält sich Andrea Dernbach mit der italienischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Dacia Maraini. Sabine Haupt schreibt in der NZZ über den Schweizer Autor Ludwig Hohl (1904-1980), der gerade eine Renaissance erfährt, wie zwei neue Biografien belegen. Judith von Sternburg spricht in der FR mit dem rumänischen Schriftsteller Mircea Cartarescu über seine famosen Schreibtechniken (ohne Plan vorab, dafür bei Abgabe "komplett bis zum letzten Komma") und die jüngere Geschichte seines Heimatlandes seit dem Sturz Ceausescus ("wir hatten drei Tage des Glücks und 25 Jahre Unglück"). Für die FAZ trifft sich Felicitas von Lovenberg mit dem finnischen Autor Timo Parvela. Ulrich Greiner (Zeit) wachsen bei der Lektüre der sprachlich offenbar haarsträubenden Übersetzung von Neil Gaimans neuem Roman "Der Ozean am Ende der Straße" geradezu Pickel.

Besprochen werden Eric Zemmours "Der französische Selbstmord" (Jungle World), der abschließende Band von Reiner Stachs Kafka-Biografie (FAZ), die Ausstellung "Erfolg. Lion Feuchtwangers Bayern" im Münchner Literaturhaus (NZZ),  Lara Schützsacks "Und auch so bitterkalt" (FAZ) und Marlene Streeruwitz" unter dem Pseudonym Nelia Fehn verfasster Roman "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" (SZ).
Archiv: Literatur