Judith Hermann

Aller Liebe Anfang

Roman
Cover: Aller Liebe Anfang
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014
ISBN 9783100331830
Gebunden, 224 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Stella und Jason sind verheiratet, sie haben eine Tochter, Ava, sie leben in einem Haus am Rand der Stadt. Ein schönes, einfaches Haus, ein kleiner Garten, ein alltägliches ruhiges Leben, meist ohne Jason, der viel arbeitet. Aber eines Tages steht ein Mann vor der Tür dieses Hauses, ein Fremder, jemand, den Stella nie zuvor gesehen hat. Er sagt, er wolle sich einfach einmal mit ihr unterhalten, mehr sagt er nicht. Stella lehnt das ab. Der Fremde geht und kommt am nächsten Tag wieder, er kommt auch am Tag darauf wieder, er wird sie nicht mehr in Ruhe lassen. Was hier beginnt, ist ein Albtraum, der langsam, aber unbeirrbar eskaliert. Judith Hermann erzählt vom Rätsel des Anfangs und Fortgangs der Liebe, vom Einsturz eines sicher geglaubten Lebens.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2014

Ein "Ereignis" ist Judith Hermanns neues Buch "Aller Liebe Anfang" allemal, schreibt Rezensent Edo Reents, denn es ist ihr erster Roman. Das ist aber auch das letzte positive Wort, das Reents verliert, bevor er genüßlich beginnt, den Roman in seine blutigen Einzelteile zu zerlegen. Schreiben könne sie nicht, zu sagen habe sie schon gar nichts und den Sog, dem seine Kollegen seit jeher erliegen, kann der Kritiker, dem auch die aktuellen Verrisse noch zu "lau" erscheinen, schon gar nicht verstehen. Irgendwo zwischen Kitschroman und Stephen King siedelt Reents Hermanns Buch an, ihr als "kunstvoll" gehypter, reduktionistischer Stil erscheint dem Rezensenten vielmehr als Ausdruck "gedanklicher Schlichtheit" und die Figurenzeichnung nennt er schlicht eine "Frechheit". Schließlich macht sich der Kritiker daran, den Roman in bester Schulmeistermanier auf Fehler zu überprüfen: Alkohol etwa könne kaum "süß und kräftig" sein, Hermann müsse wohl Likör meinen. Und ein Handwerker würde wohl kaum ein ganzes Haus bauen, er sei schließlich kein Architekt, belehrt Reents, um Judith Hermann abschließend vorzuwerfen, sie bausche "Nichtigkeiten" auf.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2014

Roman Bucheli ist begeistert von Judith Hermanns Romandebüt. Auch wenn das Buch ihm eher als Versuch über die Liebe erscheint denn als regelrechter Roman, als Märchen oder Novelle, die aus dem Innenleben der Gesellschaft berichtet, wie der Rezensent formuliert. Die Geschichte von Stella und ihrem Stalker, die laut Bucheli die Brüchigkeit und Mehrdeutigkeit einer Beziehung und von zwischenmenschlichen Verhältnissen generell vorführt, scheint ihm dabei mit kühner Hand nüchtern und doch bildkräftig protokolliert, die Liebe in all ihren Facetten gut ausgeleuchtet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.08.2014

Judith Hermanns erstem Roman begegnet Helmut Böttiger mit viel Wohlwollen. Das Auslassen und karge Möblieren des Textes weist für ihn auf ein Mehr hin, eine kaum fassbare Energie scheint ihm spürbar, ein Sichzuziehen einer Schlinge, wie in einem Thriller, meint Böttiger. Das Zeitlose, Unbestimmte des Settings und das Kammerspielartige des Textes ist in seinen Augen genau kalkuliert im Sinne der Irritation, die der Hauptfigur widerfährt. Dass es der Autorin nicht wirklich gelingt, sich formal von ihren Erzählungen loszuschreiben, räumt Böttiger ein. Und auch dass Hermann ihre angloamerikanischen Vorbilder knapp verfehlt, weil sie die Form für ihre sehnsuchtsvolle lakonische Zeitdiagnostik möglicherweise noch nicht gefunden hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.08.2014

Eines ist Rezensent Florian Kessler klar: Judith Hermanns erster Roman "Aller Liebe Anfang" wird ein Bestseller. Daran hat der Kritiker eigentlich erstmal nichts auszusetzen, denn "kunstvoll" findet er die Geschichte um eine mittels Stalker-Fantasie dem eigenen "saftlosen Sehnsuchtsleben" entfliehende arbeitende Mutter allemal. Angenehm überrascht stellt Kessler auch fest, es hier einmal nicht mit einem das eigene nichtige "Privatheitsporzellan" aufbauschenden Vertreter der "Bauchnabelgeneration" zu tun habe, sondern mit einer Sterbebegleiterin, die dann allerdings doch eher nymphenhaft-melancholisch daherkommt. Goutierend vermerkt der Kritiker auch, dass Hermann hier ein nachhallender, geradezu boshafter Psychothriller gelungen ist; mit der Egozentrik des Romans kann er hingegen nicht viel anfangen. Auch der Erzählperspektive hätte er mehr Stringenz gewünscht, und dass Sterbegleitung, Klimakatastrophen und Kriege zwar angesprochen, aber nicht reflektiert werden, stört den Rezensenten erst recht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.08.2014

Judith Hermann schnürt in ihrem ersten Roman "Aller Liebe Anfang" das Formkorsett so eng, dass ihre Figuren kaum noch atmen können, bedauert Ijoma Mangold. Mit einer strikten "Poetologie des Alles-Zeigens" beschreibt Hermann eine gepflegte, deutsche Vorstadthölle, das heißt, erklärt der Rezensent, sie zählt vor allem auf, was es darin zu sehen gibt. Stella und Jason leben mit ihrer Tochter in dieser Hölle ein beschauliches Leben, bis ihr Nachbar, der "Mister Pfister", anfängt Stella nachzustellen, immer wieder steht er vor der Tür und fängt an, ihr täglich Briefe zu schreiben, fasst Mangold zusammen. Weil die "Apotheose der Reduktion" nicht nur der Erzählerin, sondern auch den Figuren verbietet, über ihre Welt zu reflektieren, sind die Gespräche in diesem Buch meist einsilbig und schaben über die Oberfläche, so der Rezensent, worunter sie in den wenigen Augenblicken zu leiden scheinen, in denen sie in tiefere Schichten durchbrechen. Mangold hätte sich für diese "Welt des lethargischen Realismus" ein wenig mehr Atemluft gewünscht, Herrmann und ihren Figuren zuliebe.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 09.08.2014

Für Marc Reichwein ist Judith Hermanns Romandebüt bloß eine lange Erzählung. Kein Gesellschaftspanorama nirgends, dafür laut Reichwein szenisch Knappes, ein überschaubares Personal, wie in der short story. Nur die Figuren sind im Vergleich zu Hermanns Erzählungen gealtert, haben jetzt ein Leben mit Kindern, stellt der Rezensent fest. Allerdings hat Reichwein auch die Vermutung, dass das so ausgestellte Private noch eine andere Komponente hat, eine parabolische nämlich: Reichwein will in dem in Hermanns Stalkergeschichte verhandelten Verhältnis von Nähe und Distanz ein Gleichnis auf den Literaturbetrieb erkennen.