Efeu - Die Kulturrundschau

Schrilles Plappermäulchen

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13.08.2014. In Electronic Beats erinnert sich Alec Empire, wie er den Digital Hardcore ausbrütete. Der Standard bewundert die Ästhetik von Richard Princes White Trash. Die nachtkritik hat nicht genug dicke Schenkel für Alexander Scotts Salzburger "Orpheus"-Inszenierung. Die New York Times trauert um Lauren Bacall.

Musik

Für Electronic Beats erinnert sich Alec Empire daran, wie er im Berliner Underground der Neunziger den Digital Hardcore ausbrütete: "At first we were still mixing the breakbeats pretty far behind the 909 kick drums, close to how UR did it when using a breakbeat. It might have sounded a bit trashy with UR, but nowhere near as distorted as became our habit. As a former punk rock guitarist I knew we could turn up the energy this way. By distorting digital sounds with analogue effects they gain more overtones and become fatter and more extreme. It seemed like trashy garage recordings, similar to how punk bands traditionally mixed their music."

Bei The Quietus bespricht Stewart Smith Dabid Stubbs" neues Buch über Genese und Geschichte des Krautrock: "For Stubbs, a defining characteristic of Krautrock is the transcendence, refusal even, of Anglo-American influences. Hard-rockers like The Scorpions are clearly not Krautrock, but neither are progressive rock bands like Eloi or Grobschnitt, whose debt to 19th century classical forms stands in contrast to the bracing modernism of Can, Kluster et al. ... What distinguishes Krautrock from Anglo-American rock and pop, argues Stubbs, is its horizontality. It"s not about songs, "those small, vertical structures", but what one might liken to a mapping of sound across space." Bei Google Books kann man in dem Buch ausgiebig blättern. Und die BBC hatte vor wenigen Jahren eine materialreiche Dokumentation über Krautrock produziert:



In der taz berichtet Alva Gehrmann vom Festival "Laulupidu" in Tallinn, das für die estnische Bevölkerung ganz besonders wichtig ist: "Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass jeder zweite Este im Laufe seines Lebens mindestens einmal auf dieser muschelförmigen Sängerbühne steht oder als Tänzer teilnimmt." Besprochen werden das neue Album von Tom Petty (FR) und das Album "Foundations of Burden" der Metalband Pallbearer, das Brandon Stosuy von Pitchfork in den "Best New Music"-Pantheon hievt.
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Bühne


© Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Sehr unter Niveau unterhalten fühlt sich Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum von Alexander Scotts Salzburger "Orpheus"-Inszenierung: "Als Musikfreund kommt man auf seine Kosten, gesprochen wird ganz wenig, das meiste von Eugenie Pastor als Diseuse "Yvette Papin": ein nerviges, schrilles Plappermäulchen. ... Mit einer gewissen Hemmungslosigkeit wird optisch illustriert und der Slapstick wuchert. Was man als Publikum mitbringen muss für diese Art von Theater? Am besten dicke Schenkel, die was hermachen, wenn man drauf klatscht." Auch SZ-Kritiker Egbert Tholl murrt: "Die Unterhaltung raubt ihrem Gegenstand die Würde".

Weitere Artikel: In der Presse annonciert Wilhelm Sinkovicz für heute Abend Schuberts Oper "Fierrabras", inszeniert von Peter Stein, dirigiert von Ingo Metzmacher in Salzburg. Im Tagesspiegel führt Sandra Luzina durch das Programm des Berliner Festivals "Tanz im August". In der FAZ stellt Wiebke Hüster die von "hormonell gesteuerten Energien" aufgeladene und von Punk- und Clubkultur inspirierte Tanzkunst von Michael Clark vor, dessen Choreografie "Animal/Vegetable/Mineral" bald in Hamburg auf Kampnagel zu sehen ist.
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Literatur

In der FAZ schreibt die Schriftstellerin Olga Martynova über russische Literaten zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich - anders als ihre Kollegen in anderen Ländern - erstaunlich wenig kriegsbegeistert zeigten.

Besprochen werden Arthur Larrues Roman über die Petersburger Künstlergruppe "Wojna" (NZZ), Mike Nicols Krimi "Black Heart" (Welt), Dave Eggers" Roman "Der Circle" (FR, mehr), Silke Scheuermanns Gedichtband "Skizzen vom Gras" (taz), Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" (Tagesspiegel), Charles Jacksons "Das verlorene Wochenende" (SZ), Richard de Fournivals "Liebesbestiarium" (FAZ).
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Kunst


Ausstellungsansicht im Kunsthaus Bregenz (Foto: Markus Tretter, © Richard Prince und Kunsthaus Bregenz)

Für den Standard begutachtet Christa Benzer eine Ausstellung des amerikanischen Konzeptkünstlers Richard Prince im Kunsthaus Bregenz: "Prince spielt sehr unterhaltsam mit den Versatzstücken einer machistischen Welt, wobei er sich bevorzugt der Ästhetik des "White Trash" bedient: Neben mehreren ausgeweideten Autos oder einem als Blumentopf dienenden Lkw-Reifen sieht man allerdings auch feine geometrische Abstraktionen, Auseinandersetzungen mit Darstellungen der Musikrichtung Doo Wop oder ein türkisfarbenes Gemälde in Buchform, dessen Titel - Ulysses - sein populärkulturelles Umfeld beinah hintertreibt."

Ingeborg Ruthe hat für die Berliner Zeitung die Jubiläumsausstellung im Berghain besucht, mit der sich die Berliner Club-Institution zum zehnjährigen Bestehen selbst beschenkt: "Allen Bildern ist ein Mysterium zu eigen: das der Verwandlungen, der unerzählten Geschichten, der Sehnsüchte, Obsessionen, Melancholie", während das ausgestellte Bild von Norbert Bisky "vorführt, was keiner will, aber jederzeit passieren kann: alltäglicher Horror, Terror, Katastrophe, Unheil, unfassbaren Verlust."

Besprochen werden eine Ausstellung des Keramikers Max Laeuger in der Villa Langmatt in Baden (NZZ), Lynn Hershman Leesons Ausstellung "How to disappear" in der Berliner Galerie Aanant & Zoo (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Gasometer sprengt man nicht" im Kulturzentrum Wabe in Berlin (Tagesspiegel) und eine dem Cartoonisten Kurt Halbritter gewidmete Ausstellung im Caricatura Museum für Komische Kunst in Frankfurt (FAZ).
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Film

Lauren Bacall, Hollywoods schönste, katzenhafteste Diva, ist tot. Sie wurde 89 Jahre alt. Trotz ihres fulminanten Debüts in "To Have and Have Not" mit Humphry Bogart, war ihre Karriere keineswegs selbstverständlich, schreibt Enid Nemy im Nachruf in der New York Times: "Returning to work, she soon suffered a setback, when the critics savaged her performance in "Confidential Agent," a 1945 thriller with Charles Boyer set during the Spanish Civil War. The director was Herman Shumlin, who, unlike Hawks and Bogart on her first two movies, offered her no guidance. "I didn"t know what the hell I was doing," she recalled. "I was a novice. After "Confidential Agent," it took me years to prove that I was capable of doing anything at all worthwhile," she wrote. "I would never reach the "To Have and Have Not" heights again - on film, anyway - and it would take much clawing and scratching to pull myself even halfway back up that damn ladder."

Mashable hat eine Reihe von Videos mit Bacall zusammengestellt. Hier eine Szene aus "To Have and Have Not":



Im Freitag schreibt Matthias Dell über die gerade auf DVD zugänglich gemachten Dokumentarfilme von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, die von der DDR aus Blicke in den Westen warfen: "Dabei, auch so eine Ironie, standen die bedeutendsten filmischen Propagandisten der DDR dem Arbeiter-und-Bauern-Staat habituell wohl ferner als bürgerlichen Kollegen im Westen."

Weitere Artikel: Für die taz unterhält sich Cristina Nord mit Kelly Reichardt über die Dreharbeiten ihres neuen (in der FAZ besprochenen) Films "Night Moves". Anke Westphal unterhält sich mit Ken Loach über dessen neuen und womöglich letzten (sowie im Tagesspiegel besprochenen) Film "Jimmy Hall". In der NZZ berichtet Bettina Spoerri aus Locarno. In der SZ feiert Philipp Stadelmaier den modernen Blockbuster, dessen Originalität heute "in der Feinsinnigkeit und Scharfheit" liege, mit der er "das Wiederholte und Bekannte seziert".

Alle trauern um Robin Williams: Cristina Nord in der taz, Daniel Kothenschulte in der Berliner Zeitung, Andreas Platthaus online in der FAZ (im Print: Dietmar Dath), David Hugendick in der Zeit, Holger Kreitling in der Welt, Jan Schulz-Ojala und Jan Oberländer im Tagesspiegel und Susan Vahabzadeh ausführlich auf Seite Drei der SZ. David Hudson sammelt bei Fandor internationale Stimmen zu Williams" Tod.

Besprochen wird Luc Bessons neuer Science-Fiction-Thriller "Lucy" (Berliner Zeitung, mehr).
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