Efeu - Die Kulturrundschau

Kleine Schuftereien

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2014. Peter Steins Inszenierung der Schubert-Oper "Fierrabras" in Salzburg war ein Schock! Der Tagesspiegel schwebte - geblendet von der edlen Schönheit bepinselter Gaze - im siebten Opernhimmel. Die taz sah noch nie solch konsequente Verweigerung jeder Regieanstrengung. Die FAZ stochert in der Asche der Arroganz Peter Steins. Berlin feiert den Künstlerkörper Peter Steins. In der NZZ lernt Peter von Matt von Karl Kraus, wie Propaganda in die einzelnen Gehirne sickert. Die taz feiert den rumpeligen Punk von Trümmer.

Bühne


Trente-cinq têtes d"expression - Honore Daumier (Bild: via biblioklept)

Frederik Hanssen vom Tagesspiegel schwebte in Salzburg mit Peter Steins Inszenierung der Schubert-Oper "Fierrabras" im siebten Opernhimmel: "Staunend sitzt man da, geblendet von der edlen Schönheit der Ausstattung, von romanischer Kemenate, Säulenhalle, arabischen Festsälen, dem Burghof, in dem auch die Bäume aus bepinselter Gaze bestehen. ... Dieser Abend [ist] ein Ausnahmefall, einer jener raren Glücksmomente, in denen sich rückwärtsgewandte Regie und ein auf höchste Lebendigkeit zielender Dirigierstil gegenseitig magnetisieren."

Leider war er da die goldene Ausnahme. Der Rest der Kritik schnappte entgeistert nach Luft, allen voran Regine Müller, die Stein in der taz "der konsequenten Verweigerung jeder Regieanstrengung" zeiht. "Die politischen Dimensionen des Konflikts zwischen Mauren und Christen interessieren Stein nicht, auch Bezüge zu Schuberts trauriger Lebenswirklichkeit im Wien der Metternich-Zeit sind ihm erklärtermaßen "zu kompliziert". Selbst die Liebesgeschichte(n), von denen "Fierrabras" auch erzählt, verfolgt Stein nicht mit echtem Interesse."

Eleonore Büning von der FAZ sah einen "Lindwurm heilloser Langeweile", eine "Riesenschlange aus albernsten Fettnäpfchen. Manchmal gibt es was zu lachen. Bald merkt man: Es ist ernst. Ungefragt, unerwartet werden wir zu Zeugen einer traurigen Selbstdemontage. Peter Stein war mal ein echter Drache. ... Geblieben ist von Stein die Asche der Arroganz."

Für die Berliner Zeitung porträtiert Michaela Schlagenwerth Virve Sutinen, die neue Leiterin des Festivals "Tanz im August".
Archiv: Bühne

Film


Foto: Peter Kern

Berlin liebt Peter Kern, dem das Kino Arsenal ab heute unter dem Titel "Schauplatz Körper" eine kleine Hommage widmet. Andreas Busche findet das in der taz soweit okay: "Kern selbst ging und geht immer offensiv mit seinem Gewicht um. In der Dokumentation "Kern" von Veronika Franz und Severin Fiala sprach er vor zwei Jahren auf seine so unnachahmliche Weise über eine politische Dimension der Adipositas. Fettleibigkeit als Anarchie. "Sich so anzufressen ist ja auch ein Statement für diese Gesellschaft, diese Leck-mich-am-Arsch-Gesellschaft, die von mir will, dass ich schlank und angepasst bin." Der Körper ist für Kern ein künstlerischer und damit per se ein politischer Ausdruck. Der Künstlerkörper und der künstlerische Korpus, das Gesamtwerk, sind bei Peter Kern nicht mehr voneinander zu trennen."

Auch Michael Kienzl von critic.de erliegt dem Charme von Peter Kerns rohem Kino: "An dem häufig zu hörenden Vorwurf, Kern sei ein Selbstdarsteller und seine Filme dilettantisch, ist durchaus etwas dran, nur sollte man das nicht als Nachteil sehen. Was Kerns Regiearbeiten an ausgefeilter Dramaturgie und Figurenzeichnung fehlt, gleichen sie mit ihrer Unberechenbarkeit und Leidenschaft aus, mit der sie ebenso naiv wie sozial engagiert von den Ausgebeuteten unserer Gesellschaft erzählen." Gunda Bartels schließt sich dem im Tagesspiegel an: "Peter Kerns Weltekel ist immer noch so unbändig wie seine Menschenliebe". Bei Cargo empfiehlt Bert Rebhandl ganz ausdrücklich Kerns jüngere Arbeit "Sarah & Sarah". Im Perlentaucher schreiben Lukas Foerster und Friederike Horstmann über Kerns "Domenica" und "Crazy Boys".

Weitere Artikel: Fréderic Jaeger übermittelt auf critic.de weiterhin Sichtungsnotizen vom Filmfestival in Locarno. Patrick Heidmann unterhält sich für die Berliner Zeitung ausführlich mit Armin Müller-Stahl. Immer mehr Filmemacher in Deutschland wählen in Deutschland Wege abseits der Filmförderung zur Finanzierung ihrer Filme, berichtet Jörg Seewald im Tagesspiegel. Die Filmgazette bringt die ungekürzte Fassung von Ulrich Kriests Nachruf auf Harun Farocki aus der Jungle World. In der Welt unterhält sich Anke Sterneborg mit dem britischen Schauspieler Simon Pegg ("Hectors Reise") über das Glück. Karsten Kastelan hat Meir Dorons und Joseph Gelmans Buch "Confidential: The Life of Secret Agent Turned Hollywood Tycoon Arnon Milchan"gelesen und fasst die Geschichte des israelischen Waffenhändlers und Filmproduzenten ("Pretty Woman") Arnon Milchan zusammen.

Außerdem: Trash-Papst John Waters im Filmgespräch mit Isabelle Huppert - ein Must-See:



Besprochen werden Isabell Šubas Satire auf den Sexismus im Festivalbetrieb "Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste" (Tagesspiegel), Luc Bessons neuer Film "Lucy" (FR, Zeit), Edgar Reitz" "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" (NZZ), Jonathan Glazers "Under the Skin" und Luc Bessons "Lucy" (NZZ), die Serie "Manhattan", die sich mit der Entwicklung der Atombombe auseinandersetzt (FAZ), Amma Asantes Kostümfilmdrama "Dido Elizabeth Belle" (Tagesspiegel) und Ken Loachs "Jimmy"s Hall" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Im Tagesspiegel bringt Jan Oberländer Hintergründe zur "White American Flags"-Aktion des Künstlerduos Wermke/Leinkauf, das die New Yorker vor kurzem mit einem weißen Flagge auf der Brooklyn Bridge überraschte. Katharina Pfannkuch schreibt in der Zeit über die Pläne für ein palästinensisches Museum im Westjordanland. Der Prager Messepalast ist ein drängender Sanierungsfall, berichtet Daniel Kortschak in der FR.

Besprochen werden die Frida-Kahlo-Retrospektive in den Scuderie del Quirinale in Rom (NZZ) und eine Ausstellung über die Heiligen Drei Könige im Kölner Dom (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Wer die kollektive Psychologie der Österreicher verstehen will, die sie geradewegs in den Ersten Weltkrieg führte, dem empfiehlt Peter von Matt das Drama "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, neu aufgelegt beim Verlag Jung und Jung: "Dass Krieg und Propaganda zusammengehören wie Kopf und Zahl einer Münze, ist bekannt. Es zeigt sich jeweils am deutlichsten beim Beginn der militärischen Operationen. Und dass die Propaganda zusammenfällt mit der Manipulation aller populären Medien, weiß man auch seit je. Aber wie diese Propaganda einsickert in die einzelnen Gehirne und von da wieder auf die Zungen kommt, wie sie sich vernetzt mit dem Egoismus des Einzelnen und ihm zur Kaschierung seiner kleinen Schuftereien dienen kann, das steht nicht in den politischen Analysen. Hierzu braucht es den literarischen Blick, der das Detail vor dem Ganzen sieht, dafür aber auch dieses Ganze im Detail aufleuchten lässt wie die Sonne in einer Glasscherbe. Kraus besaß die Fähigkeit, die feinsten Symptome des Unheils zu sehen und zu hören."

Im Freitag porträtiert Jan Pfaff "Circle"-Autor Dave Eggers als "eine Art kalifornischer Heinrich Böll".

Besprochen wird Michael Kleebergs "Vaterjahre" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Zwar für durchaus noch entwicklungsfähig hält Jens Uthoff von der taz die ersten Lebenszeichen der Hamburger Diskurs-Punkband Trümmer, aber die unterhalb von Bands wie Tocotronic und Mutter klaffende Lücke im hiesigen Indie-Pop füllt die Band doch ziemlich spielend: "Wie zuletzt auch Messer oder Die Nerven, legen sie ein Debütalbum vor, das überhaupt erst mal wieder Lust auf deutschsprachige Popmusik macht. Mit den Chartsradio- und Talentshow-Universen haben Trümmer nichts zu schaffen. Mit ihrem Debüt ist ihnen einfach ein gut rumpeliges Punk-Album gelungen." Im Video kann man sich mit ihnen auf die Suche nach der Euphorie begeben:



In der taz gratuliert Jens Uthoff dem Berliner Berghain zum zehnjährigen Bestehen. René Walter von Nerdcore bringt einen ganzen Stapel frischer Musikvideos. Gerhard R. Koch schreibt in der FAZ, Stefan Schickaus in der FR und Peter Hagmann in der NZZ in den Nachruf auf den Flötisten und Dirigenten Frans Brüggen.

Hier eine sehr frühe Aufnahme mit ihm als Blockflötist. Am Cembalo Gustav Leonhardt:



Besprochen wird das Debütalbum von The/Das (Tagesspiegel, Spex).
Archiv: Musik