Efeu - Die Kulturrundschau

Voodoo-Funk

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24.04.2014. Die taz lässt sich von Comic-Künstler Joe Saccho an der Somme aus dem Feldlager, in die Schützengräben, auf das Schlachtfeld und wieder zurück führen. In der NZZ sieht Yasmina Khadra keinen Bedarf für europäische Hilfe in Algerien. DJ Samy Ben Redjeb erzählt in der SZ, wie er afrikanische Popmusik vor dem Flammentod rettet. Cicero lernt von der Kunst, wie man die Techniken der Forensik nutzt. Die Feuilletons trauern um den österreichischen Regisseur Michael Glawogger, der in Afrika an Malaria starb.

Musik

Jonathan Fischer spricht in der SZ mit dem DJ Samy Ben Redjeb, der sich mit seinem Plattenlabel Analog Africa auf die Bergung und Archivierung afrikanischer Populärmusik der 60er und 70er Jahre spezialisiert hat. Dabei rettet er bei seinen Reisen nach Afrika die alten Aufnahmen teilweise buchstäblich vor dem Flammentod: "Es war schlimm, als ich Al Barika, den größten Plattenladen in Cotonou, Benin besuchte und sie mir sagten, sie hätten ein paar Monate zuvor ihr ganzes Plattenlager verbrannt. 20 000 Vinyl-Schallplatten! ... Am Ende wurde alles auf einen Scheiterhaufen geworfen. Auf dem Weg dorthin sah ich Kinder durch die Straßen laufen, die haben Originaltonbänder als Luftschlangen hinter sich hergezogen. Es waren die Aufnahmen des Orchestre Polyrytmo de Cotonou, der Voodoo-Funk-Band, die heute von Indierockbands aus dem Westen kultisch verehrt wird."

Zahlreiche Hörproben gibt es auf der Soundcoud-Seite des Labels. Hier singen sie "Houzou Houzou":



Weitere Artikel: Volker Hagedorn schreibt in der Zeit zum 150. Todestag des Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer. Außerdem besucht er den Dirigenten Peter Gülke, der im Mai mit dem Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wird. Und Damon Albarn spricht im Interview mit der Zeit über sein erstes Soloalbum "Everyday Robots" und sein langweiliges Leben: "Ich gehe früh ins Bett und mache gern Gymnastik." Und Electronic Beats kürt die besten Musikvideos des Monats.

Besprochen werden Damon Albarns Album "Everyday Roots" (Tagesspiegel) das erste Album der Pixies seit 23 Jahren (Zeit, Standard), bei NPR kann man das ganze Album als Stream hören.
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Film

Der österreichische Regisseur Michael Glawogger ist bei seiner auf ein Jahr angelegten Reise für sein Dokumentarfilmprojekt "Film ohne Namen" in Afrika gestorben, berichteten gestern diverse Medien. Beim Standard und in der Süddeutschen führte er abwechselnd Reisetagebuch. In der taz schreibt Dominik Kamalzadeh den Nachruf und würdigt darin den Verstorbenen nicht nur als einen der "umtriebigsten, sondern auch einer der neugierigsten Filmemacher" Österreichs. Als "einen Abenteurer in vielerlei Hinsicht" charakterisiert Bert Rebhandl Glawogger in der FAZ: "Es zog ihn zu großen, globalen Synthesen, wie er sie vor allem in seinem Dokumentarfilm 'Megacities' gezogen hat, einer gewagten Verknüpfung von Beobachtungen und Stimmungen, in der er sogar in das Innere von stillen Lesenden in der Moskauer U-Bahn schlüpfte und sie mit ihren Lektüren gleichsam belauschte." Beim Perlentaucher besprachen wir seinen Spielfilm "Das Vaterspiel", sowie hier aktuell den Film "Kathedralen der Kultur", an dem er mitwirkte. Anlässlich von Glawoggers Tod zeigt der ORF in den kommenden Tagen eine Auswahl seiner Filme: Informationen hier.

Amin Farzanefar berichtet in der NZZ vom 33. Internationale Filmfestival Istanbul. Viel kritisches Kino sah er, während künstlerische Impulse eher fehlten: "Beinahe mag es scheinen, als sei die mutige Auseinandersetzung mit den Tabus und nicht aufgearbeiteten Aspekten türkischer Geschichte und Gegenwart - Völkermord, Militärputsch, Verfolgung von Kurden und Aleviten, Journalisten und LGTB - zu einer Mode geworden. Momentan erscheint als das eigentliche große Tabu, als die wirklich grosse Herausforderung für das aufblühende türkische Kino die Auseinandersetzung mit dem Islam - in all seinen historischen, gesellschaftlichen, politischen Schattierungen. Diese Leerstelle füllen momentan noch affirmative Mainstream-Produktionen, die in den Kinos ordentlich Kasse machen."

Weitere Artikel: Polen befasst sich nur zögerlich mit der Geschichte des eigenen Antisemitismus, wie Karolina Przewrocka im Freitag anhand der zögerlichen Auseinandersetzung mit der Thematik im polnischen Kino darlegt. Im Tagesspiegel schreibt Frank Noack zum 80. Geburtstag von Shirley MacLaine.

Besprochen werden Ralph Fiennes' "The Invisible Woman", Ann Huis "Tao Jie - A Simple Life" (Perlentaucher, taz, Zeit), Khalo Matabanes Dokumentarfilm "Madiba - Das Vermächtnis des Nelson Mandela" (FR, NZZ), Mario Hänsels "Zärtlichkeit" (taz), Anno Sauls Film "Irre sind männlich" mit Matthias Schweighöfer (Welt), Sigrid Hoerners Filmkomödie "Miss Sixty" (Dirk Peitz zeigt sich in der Welt denkbar not amused) und Wally Pfisters Science-Fiction-Film "Transcendence" mit Johnny Depp in der Hauptrolle (Berliner Zeitung, taz, Welt, SZ, FAZ).
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Kunst



Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Zeugenschaft, das aktuelle Jahrhundert wird das Jahrhundert der Forensik sein, schreibt Philipp Rhensius in Cicero.de über die Ausstellung "Forensis" im Haus der Kulturen der Welt, die unter anderem zeigt, wie sich auch Kunst oder NGOs die Techniken der Forensik aneigenen: "So zeigt die Arbeit 'Left-to-die Boat' [Bild], dass die Katastrophe des Flüchtlingsboots aus dem libyschen Tripolis, das im Frühjahr 2011 ohne Treibstoff und Lebensmittel im Mittelmeer umhertrieb und 63 Menschenleben kostete, vermutlich hätte verhindert werden können. Anhand einer digitalen Karte, die eine raum-zeitliche Rekonstruktion der Ereignisse visualisiert, wird deutlich, dass nicht nur die angrenzenden Länder, sondern auch die NATO womöglich von der akuten Notfallsituation hätte wissen müssen."

Weiteres: In der FAZ schreibt Andreas Rossmann über das ehemalige Gebäude des Museums am Ostwall in Dortmund, dem mangels Qualifikation für den Denkmalschutz der Abriss droht.

Besprochen werden eine kleine Gerhard-Richter-Ausstellung in der Berliner Galerie Schultz (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Esprit Montmartre" in der Frankfurter Schirn (NZZ), eine Ausstellung der Berliner Videokünstlerin Hito Steyerl im Van Abbemuseum in Eindhoven (Zeit) und die Ausstellung "Gego. Line as Object" im Kunstmuseum Stuttgart (SZ).
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Literatur

Comic-Künstler Joe Saccho gedenkt der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg mit einem außergewöhnlichen Werk: einem überdimensionalen, in Form eines Leporello-Comics veröffentlichten Wimmelbilds. In der taz ist Michael Brake sehr begeistert vom Ergebnis: Dieses "Kriegspanorama ist mehr als nur eine Momentaufnahme. In ihm vergeht die Zeit, es ist ein Comic, nur ohne Begrenzungslinien und ohne Text. Von links nach rechts führt es den Betrachter vom Feldlager über die Schützengräben, das Schlachtfeld und wieder zurück. Parallel vergehen die Stunden, und wie Sacco diese räumlich-zeitliche Verschränkung hinbekommt, wie er mit seinem feinen, sachlichen Strich aus den vielen Einzelereignissen ein organisches Ganzes formt, ist einfach atemberaubend."

Francois Holland gratulierte Bouteflika zur vierten Amtsperiode und wünschte ihm "einen vollen Erfolg", ein deutsches Architekturbüro baut in Algier die höchste Moschee der Welt - gibt es auch etwas Sinnvolles, dass Europa in Algerien beisteuern könnte? Der Autor Yasmina Khadra rümpft im Interview mit der NZZ leicht die Nase: Bouteflika "muss die Lücken in seinem Regierungskonzept selbst erkennen und beheben. Algeriens Probleme springen ja ins Auge. Ich wüsste nicht, was Europa außer Devisen noch beisteuern könnte. Europa sollte sich lieber um sich selber kümmern, so zersplittert, wankelmütig und anfällig, wie es ist. Seine Möglichkeiten sind im Vergleich zu denen Algeriens minimal. Ich erkühne mich zu glauben, dass die Algerier reif für einen Wiederaufbau ohne fremde Hilfe sind."

Außerdem: In der Zeit schreibt Daniel Kehlmann den Nachruf auf Gabriel García Márquez ("ein Genie ..., wie die Welt zurzeit kein zweites besitzt"). Und Holger Schulze und Dominique Silvestri lesen im Blog des Merkur weiter das Journal der Brüder Goncourt, diesmal die Passagen über Malingre Rosalie, Dienstmädchen und Amme der Brüder.

Besprochen werden Joachim Lottmanns "Endlich Kokain" (Freitag), Leo Tuors Erzählung "Cavrein" (NZZ), Lukas Bärfuss' "Koala" (SZ) und Michael Ryklins "Buch über Anna" (FAZ).
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Bühne



In der SZ bespricht Eva-Elisabeth Fischer neue Tanzaufführungen am Stuttgarter Ballett. Insbesondere Demis Volpis "Aftermath" gefällt ihr gut: "Kunst ist Krieg voller Blut, Schweiß und Tränen. Und weil Volpi die Spitzenschuhe liebt, steigert sich deren klackendes Getrappel, akustisch verstärkt, zu MG-Salven." (Foto: Ulrich Beuttenmüller)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Hans-Dieter Gelfert, in der Frankfurter Rundschau Christian Thomas, hier, zum 450. Geburtstag Shakespeares. Der Dramaturg Bernd Stegemann erklärt in der Zeit, warum auch das postmoderne Theater letztlich nur dem Kapitalismus dient: Er setzt dagegen den "epischen Realismus" der spanischen Autorin, Performerin Angélica Liddell (mehr über sie bei der nachtkritik).

Besprochen wird die im Berliner HAU aufgeführte Tanz-Werkschau "Soon You Are Theirs" von Angela Schubot und Jared Gradinger (Berliner Zeitung).
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Design

Gerade weil sie so gelungen ist, macht die Ausstellung "The Glamour of Italian Fashion 1945 - 2014" im Londoner Victoria & Albert Museum so traurig, meint Brigitte Werneburg in der taz: Ihr kommt sie "wie eine Beerdigung erster Klasse" vor, "denn ohne Weiteres erfahren die BesucherInnen im Verlauf des reich bestückten, mit handverlesenen Kleidern, Accessoires und ausgesucht informativen Dokumenten dennoch übersichtlich gestalteten Parcours, wie sich die italienische Mode aus bescheidenen, noch vorindustriellen und handwerklich geprägten Umständen zur international gültigen Luxusmarke Made in Italy entwickelt hat. Und ohne Weiteres erkennen sie am Ende einen deutlichen Stillstand, wenn nicht Niedergang."



Sehr ausgiebig führt Till Briegleb in der SZ durch die Ausstellung "Aufbruch. Umbruch. Stilbruch?" des August-Kestner-Museums in Hannover, die sich mit der Designentwicklung in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg befasst. Für rundum gelungen hält er sie am Ende aber doch nicht. Dafür fehlten ihm die starken Thesen und der Mut, die Exponate nicht nur ästhetisch zu beschreiben: "Ob ein Objekt (...) nun eher aerodynamisch, organisch oder von der Op-Art inspiriert ist, sagt letztlich ebenso wenig über die Ideengeschichte aus wie die historischen Wandtafeln, auf denen man erfährt, dass 'Warten auf Godot' im selben Jahr erschienen ist wie die erste Bild-Zeitung. Damit steht diese Ausstellung - trotz gegenteiliger Beteuerung - ein wenig in der Tradition, die Design am liebsten als ein Geschmacks- und Oberflächenphänomen behandeln möchte und nicht als Verkörperung von Lebenshaltungen mit durchaus politischen und sozialen Motiven." (Bild: Radio/Rundfunkgerät Blaupunkt "Pop 70", Entw.: Hans Vagt und Peter Bannert, wohl 1969)
Archiv: Design