Efeu - Die Kulturrundschau

Ich auf den Thron?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.04.2014. Die nachtkritik erlebt beim Twittern im Theater einen Gleichzeitigkeitsoverkill und rettet sich zu Brecht. Die SZ berichtet vom Filmfestival in Istanbul. In der NZZ erklärt Aleksandar Hemon, warum Kunst die Welt nicht verändert. Der Standard erinnert uns: Es ist Kusszeit!

Bühne

Twittern im Theater? Der Horror! Jedenfalls für die meisten Theaterliebhaber. Aber warum eigentlich, fragt Anne Peter in einem langen Text in der nachtkritik. Schließlich hat schon Brecht sich in seiner Radiotheorie (mehr) Taktiken überlegt, dem Zuschauer das Versinken auszutreiben und "die Fußnote und das vergleichende Blättern" einzuführen. Die reale Erfahrung war für Peter dann eher zwiespältig: "Dennoch würde ich die Livetwitterflinte nicht ganz so rasch ins Theaterkorn werfen und mich den kulturpessimistischen Unkenrufen und Digitalisierungsskeptikern anschließen wollen. Schließlich handelt es sich beim Switching zwischen Bühne und Display nicht um völlig disparate Tätigkeiten: Ich betwittere, was ich auf der Bühne sehe und höre, was ich dazu denke und fühle. Teilnehmer von Tweetups sprechen immer wieder nicht nur von einer gemeinschaftsstiftenden Wirkung des gleichzeitigen Twitterns, sondern auch von der Intensivierung des Erlebten und der Auseinandersetzung, ja von gesteigerter Aufmerksamkeit."

Weiteres: Im Tagesspiegel mokiert sich Rüdiger Schaper über Claus Peymanns Verlautbarung, dem Wiener Burgtheater nicht als Matthias Hartmanns Nachfolger zur Verfügung zu stehen: "Ausgezeichet, die alte Nummer: Der künftige König Richard III. ziert sich und lässt sich bitten. Ich auf den Thron? Nicht doch! Ich bleibe bei meinem geistlichen Amt!" In der Berliner Zeitung spricht Ulrich Seidler mit dem Schauspieler Sebastian Blomberg über dessen Erfahrungen mit dem im vergangenen Jahr gestorbenen Theaterregisseur Dimiter Gotscheff, dem das Berliner Theatertreffen einen Schwerpunkt widmet.



Besprochen werden Angela Richters Stück "Brain and Beauty" am Kölner Schauspielhaus (Bild: David Baltzer, Welt), Wagners "Tannhäuser" in der Inszenierung von Sasha Waltz (Standard), ein Theaterstück der argentinischen Künstlerin Liliana Porter im Teatro Sarmiento in Buenos Aires (NZZ), eine "Ariadne auf Naxos" in Bern (NZZ)
Archiv: Bühne

Film

Für die SZ berichtet Peter Katzenberger vom Filmfestival in Istanbul: "Die politische Konfrontation, die der Konflikt um die drohende Überbauung des Gezi-Parks mit einem Einkaufszentrum im vergangenen Jahr ausgelöst hat, war nur am Rande zu spüren: Das türkische Kultusministerium gab den regierungskritischen Wettbewerbsfilm 'Nicht ohne Kritik' erst ab 18 Jahren frei, was von Beobachtern als politische Intervention bewertet wurde."

Weiteres: Giovanni Di Lorenzo spricht in der Zeit ausführlich mit Armin Mueller-Stahl über dessen bewegtes Leben. Im Filmforum Bremen bietet Marco Koch einen Überblick über Aktualitäten aus der deutschen Film-Blogosphäre.

Besprochen werden ein Buch über die Filme des Underground-Regisseurs Wenzel Storch (Zeit) und der Science-Fiction-Film "Transcendence" mit Johnny Depp in der Hauptrolle (Zeit).

Archiv: Film

Literatur

Kann Kunst die Welt verändern? Der in Sarajewo geborene, heute in den USA lebende Autor Aleksandar Hemon glaubt das nicht. Im Interview mit der NZZ sagt er: "Alles, was Literatur und Kunst leisten können, ist es, einen Raum zu schaffen, in dem sich Individuen zu einem Austausch treffen können, der im besten Fall das Bewusstsein erweitert. Dieser Raum steht aber auch Menschen offen, die keine progressiven Absichten verfolgen und alle demokratischen Werte verachten. Es hängt also immer von der Moral desjenigen ab, der sich mit der Kunst auseinandersetzt, nicht von der Moral des Kunstwerks selbst, und sogar Nazi-Kunst kann einen etwas über Kunst oder über Geschichte lehren. Der Mensch ist die Instanz, nicht die Kunst, und es ist der Mensch, nicht die Kunst, der die Welt verändern kann."

Der Comiczeichner und Filmregisseur Joann Sfar erklärt im Interview mit der Welt, wie sich sein Zeichenstil verändert hat und warum er jetzt auch Romane schreibt: "Ich tue mich schwer damit, einen Comic abzuschließen, denn um eine Geschichte zu beenden, braucht es meines Erachtens mindestens 500 Seiten. Deshalb schreibe ich jetzt auch Romane, da habe ich diesen Platz."

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Catarina von Wedemeyer die Schriftstellerin Elena Poniatowska, die heute in Madrid mit dem Premio Cervantes geehrt wird. Durs Grünbein gratuliert dem Literaturwissenschaftler George Steiner in der FAZ zum 85. Geburtstag.

Besprochen werden Donna Tartts Roman "Der Distelfink" (NZZ), Volker Weidermanns "Ostende" (Freitag), Carmen Flums Studie über "Armeleutemalerei" (Tagesspiegel), Isaac Asimovs "Shakespeares Welt" (SZ) und Hermann Hesses Briefe vom Beginn des Ersten Weltkriegs (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Musik

Besprochen werden die Musikdoku "20 Feet from Stardom" über Backgroundsängerinnen und Backgroundsänger im Schatten großer Stars (Standard), das Osterkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Tugan Sokhiev (Tagesspiegel), ein Konzert von Lana del Rey, aus der dabei laut SZ-Autorin Anne Philippi "Elvis geworden" ist und das Kölner Eröffnungskonzert der Tournee Justin Timberlakes ("Ein bisschen weniger Selbstbespiegelung hätte dem Abend gut getan", meint Christian Werthschulte in der taz).
Archiv: Musik
Stichwörter: Lana del Rey, Lana del Rey

Kunst

Es ist Frühling. Kusszeit. Auch im Belvedere in Wien, wo man derzeit Klimts "Kuss" und Andy Warhols "Kiss" nebeneinander sehen kann: Zwölf Küsse a drei Minuten. "Später wurde aus den zwölf einzelnen Schmusereien ein rund 55 Minuten langer Film kompiliert. Ein tonloses, allein durch Weißblenden strukturiertes Dokument einer sexuell-revolutionierten Zeit, dessen Sinnlichkeit und Erotik besticht, falls man sich in voller Länge darauf einlässt", lockt Anne Katrin Fessler im Standard. Bitte sehr:



Weiteres: Anna Pataczek stellt im Tagesspiegel Iris Berndt, die neue Chefin des Berliner Käthe-Kollwitz-Museums, vor.

Besprochen werden die William-Copley-Ausstellung im Bikini Berlin (taz), eine Ausstellung von August Sanders Fotografien in der Stiftung Kultur Köln (Tagesspiegel), die Ausstellung "B+A+C+H = 14" über die Zahlenmystik Bachs im Bachhaus Eisenach (Welt, SZ), die Ausstellung "Kaiser Maximilian I. Der letzte Ritter und das höfische Turnier" im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim (Welt) und die Marianne-Werefkin-Ausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen (FAZ).

Außerdem bringt die Zeit eine tolle Strecke mit Fotografien von Shomei Tomatsu.
Archiv: Kunst

Design

Der belgische Kritiker und Kurator Jan Boelen erklärt im Interview mit dem Blog Dezeen, wie er die Design Biennale in Ljubljana zu ihrem 50. Geburtstag in diesem Jahr renovieren will - mit elf Themen (Affordable Living, Knowing Food, Public Water Public Space, Walking the City, Hidden Crafts, The Fashion System, Hacking Households, Nanotourism, Engine Blocks, Observing Space und Designing Life), auf die er Teams angesetzt hat: "It made no sense to continue within the pedagogical effort of an awards competition, which was the framework within which BIO - as most design events created in the 20th century - originated. Back then, the world was a place of mass production and distribution; today, we are seeing a transition towards small-scale, local and specific scenarios of production, where the designer is no longer an all-powerful creator, but an element in a network of collaboration and influence. Any design even that seeks to truly reflect the contemporary must embrace these changes, and for BIO, that meant a shift towards collaboration and complexity. This generates what you called a 'choral' event, where many multidisciplinary agents come together, with their strengths and weaknesses, to create something new."

Besprochen wird die Konstantin-Grcic-Ausstellung im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein (NZZ)
Archiv: Design