Efeu - Die Kulturrundschau

Die Wahrheit des Fakti­schen

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25.04.2014. In der Presse sucht Schauspieler Lucas Gregorowicz das Killer-Gen in Parzival. Die FAZ sucht den Humor in deutschen Filmkomödien. Die Feuilletons feiern die innovativen Bauten des verstorbenen Architekten Hans Hollein. Der Standard spottet über das privilegierte Leiden junger weißer Popmusiker. Und der Guardian behauptet: Grau ist das neue Schwarz.

Kunst



"Wir müssen die Architektur vom Bauen befreien" war Holleins Credo in den 1960er- und 1970er-Jahren, schreibt Wojciech Czaja im Standard in seinem Nachruf auf den österreichischen Architekten Hans Hollein. "'Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken!' Zu seinen bekanntesten visionären Entwürfen, die über den Tellerrand des klassischen Bauens reichten, zählen Flugzeugträger in der Landschaft (1964), Schattenberg Castle (1963), ein zur monströsen Burg entwachsener Rolls-Royce-Kühlergrill, sowie das Mobile Büro (Bild, 1969), eine pneumatische Bürozelle aus Kunststoff, in der es sich der junge Baukünstler mit Reißbrett und Telefon bequem machte. Das aufblasbare Gehäuse war Prototyp einer provisorischen, transportablen Behausung und kam auch unserer heutigen Lebens- und Arbeitskultur um einige Jahrzehnte zuvor."

Weitere Nachrufe von Niklas Maak (FAZ), Gottfried Knapp (SZ), Falk Jaeger (Tagesspiegel), Paul Andreas (NZZ), Dankwart Guratzsch (Welt) und Almuth Spiegler (Presse).

Außerdem: Sehr ausführlich schildert Patrick Bahners in der FAZ die Hintergründe zum amerikanischen Kunstfälschungsskandal um den gerade geschnappten Jose Carlos Bergantiños Diaz und dessen Netzwerk an Komplizen und saumseligen Experten: "Die Ausmaße des Falls scheinen weitaus größer als der Schaden, den der deutsche Fälscher Wolfgang Beltracchi anrichtete." Mehr dazu in der New York Times.

Besprochen werden eine Ausstellung von Amélie Losiers Fotografien in der Galerie im Tempelhof Museum (in der taz wähnt sich Inga Barthels auf einem "Spaziergang durch New York") und eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Comic in der St.-Nikolai-Kirche in Hannover (FAZ).
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Bühne

Im Interview mit der Presse spricht der Schauspieler Lucas Gregorowicz über sein Faible für Popmusik, die Burg-Krise und seine Titelrolle in Tankred Dorsts "Parzival": "Parzival will ein Mann werden. Er sucht ein Vorbild, eine Vaterfigur. Seinen eigenen Vater, einen Ritter, hat er nicht gekannt. Man fragt sich, wie viel Killer-Gen steckt in Parzival? Er hat keinen Begriff von Moral, von Gut und Böse, davon, was man tut oder was man nicht tut. Er ist wie ein Kind in einem ausgewachsenen Körper."

Besprochen werden Dieter Dorns Inszenierung der "Götterdämmerung" in Genf mit Ingo Metzmacher am Pult (NZZ, Welt), eine Ausstellung über Hamlet und das deutsche Theater im Deutschen Theatermuseum München (SZ) und eine Performance des kubanischen Tanzensembles "Ballet Revolucion" in der Alten Oper Frankfurt (FR).
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Film

Mit gleich zwei romantischen Komödien, "Miss Sixty" und "Irre sind männlich", versucht sich das deutsche Kino dieser Tage von seiner witzigen Seite zu zeigen - dies aber wohl recht bieder, wenn man Bert Rebhandl in der FAZ glauben darf, der die Filme im Hinblick auf die zwischen Affirmation und Kritik pendelnde Grundformel des Genres der US-amerikanischen Vorbilder abgleicht. Diese wird "in beiden Fällen auf höchst professionelle Weise umgesetzt. Doch scheinen sowohl Sigrid Hoerner wie auch Anno Saul der Berechenbarkeit des erzählerischen Prozesses, den sie auf den Weg gebracht haben, selbst zu misstrauen. Es ist, als wäre ihnen klar, dass zwar alles stimmt, aber trotzdem das Komische fehlt. Das fügen sie dann als Karikatur in besonders starker, letztlich ungenießbarer Dosis hinzu."

In der SZ bringt Fritz Göttler Auszüge aus einem letzten Interview mit dem vor wenigen Tagen in Afrika überraschend verstorbenen Filmemacher Michael Glawogger (siehe auch unsere gestrige Spätaffäre). Dazu passend: Für Artechock hat Rüdiger Suchsland einen lesenswerten Nachruf auf Michael Glawogger verfasst: "Glawog­gers Thema war die Globa­li­sie­rung. Auch darin, wie in seiner Haltung, das Hässliche und Alltäg­liche der Wirk­lich­keit in stil­si­cheren, wenn man so will, schönen Bildern zu zeigen, war er ein unzeit­ge­mäßer Doku­men­tar­filmer. Einer, der gegen den gegen­wär­tigen Trend des Igno­rie­rens der Wirk­lich­keit in der Doku­fic­tion und Dokusoap auf der Wahrheit des Fakti­schen beharrte, einer, der zeigte, was ist, aber auch was sein soll."

Weitere Artikel: Kira Taszman unterhält sich für die taz mit dem Regisseur Tomasz Wasilewski über die Herausforderungen dabei, in Polen einen Film über schwule Männer zu drehen. Für die SZ besucht Josef Grübl die Dreharbeiten des neuen Brenner-Krimis, für den Josef Hader und sein Team aus Filmfördergründen von Graz nach München gezogen sind.

Besprochen werden Ralph Fiennes' Historiendrama "The Invisible Woman" (Berliner Zeitung), Wally Pfisters Science-Fiction-Film "Transcendence" (FR) und die amerikanische Krimiserie "Fargo" nach dem Film der Coen-Brüder (Welt).
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Archiv: Film

Literatur

Besprochen werden Chimamanda Ngozi Adichies Roman "Americanah" (Freitag, FR, Berliner Zeitung - hier unsere Leseprobe), Mukoma wa Ngugis Krimi "Nairobi Heat" (Welt), Volker Brauns gesammelte Notizen "werktage 2" (Tagesspiegel) sowie Dietmar Daths und Oliver Scheiblers Comic "Mensch wie Gras wie" (SZ).
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Musik

Der in Wien lebende britische Musiker Christopher Taylor alias Sohn ist das neue Wunderkind des Pop. In Wien hat er jetzt seine Debüt-CD "Tremors" in einem Konzert vorgestellt. Christian Schachinger vom Standard blieb unbeeindruckt: Natürlich war nichts mit "Himmel, Freiheit und Erlösung. Sohn soulte sich mit zwei zurückhaltenden, ebenfalls als Männer in Schwarz für uns leidenden Musikern lieber in Zeitlupe auf der Therapeutencouch. Der geht dort nicht mehr weg. Sohn ist nämlich der ärmste Mensch der Welt. Das privilegierte Leiden junger weißer Männer aus der Mittelschicht. Geboren, um zu verlieren. Never change a winning team."

Weitere Artikel: Für das ZeitMagazin trifft sich Anna Kemper mit Marius Müller-Westernhagen. Benedikt von Bernstorff porträtiert im Tagesspiegel den Nachwuchs-Dirigenten Stijn Berkouwer. In der Jungle World plaudert Oliver Koch mit dem Berliner Musiker Chris Imler. Die Machtdose bringt ihren monatlichen Podcast mit Entdeckungen aus der Welt der freien Netzmusik.


Besprochen werden Max Riegers Album "Kein Punkt wird mehr fixiert" (taz), das Album "Nikki Nack" der Tune-Yards (taz), eine CD mit "Sunshine-Pop" von David Scotts Pearlfishers (Welt), das Album "Bécs" des Elektronikmusiker Christian Fennesz (Standard) und die Leipziger Schau "Blut und Geist" über den Umgang mit Bach und Mendelssohn im "Dritten Reich" (NZZ).
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Design



Grau
ist das neue Schwarz, behauptet Hannah Marriott im Guardian. Man muss sich ja nur mal umsehen. "But grey is many things to many people. For Julia Sarr-Jamois, fashion editor of Wonderland magazine, it is often dark and neutral, a counterpoint to brights and neons. For Carine Roitfeld, grey is smart and tailored; French Vogue editor Emmanuelle Alt favours light, pebbly shades. For Rihanna, light grey marl - with its connotations of late-70s sportswear - is the sartorial holy grail. If the style set sound like they take grey seriously, try visiting a Farrow & Ball showroom, where well-heeled couples discuss colours called Cornforth White, Mouse's Back and Pigeon in whispered, reverential tones. These are seriously aspirational paints, named after shades favoured by the Bloomsbury group (Charleston Gray) or described as 'reminiscent of an elegant colour used in Sweden in the late 18th century under Gustav III' (Lamp Room Gray)."
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Stichwörter: Charleston, Rihanna, Vogue, Lampen