Efeu - Die Kulturrundschau

Das Rosa mit dem Schwarz

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2014. Die Berliner Zeitung erliegt dem Emo-Shooting-Theater von Jette Steckel und Sartre. Die SZ fordert Künstler auf: Zeigt doch mal politische Courage. Die Welt bewundert eine kleine Choreografie der Ausdrucksfreude in den Fotos von Wols. Außerdem schwenkt sie die Fahnen für den 1. FC Union. Die HuffPo behauptet: Mozart ist Belgier.

Film



Das Fußballfilmfestival 11mm wird heute in Berlin mit Frank Marten Pfeiffers und Rouven Rechs Doku "Union fürs Leben" über den 1. FC Union eröffnet, annonciert Michael Pilz in der Welt. Und der hat eine bewegte Geschichte: "Kein Verein versucht sich so entschieden am Spagat zwischen den eigenen Wurzeln und den Wirtschaftszwängen, die der Profifußball setzt. Im Zeitraffer handelt der Film die Klubgeschichte ab. In Stasi-Aufnahmen von langhaarigen Randalierern vor verstörten Polizisten, von enthemmten Horden auf dem Weg zum Stadion der Weltjugend, zum Erzfeind BFC Dynamo. Dann die Ankunft in der deutschen Fußball-Einheit mit dem sportlichen und finanziellen Absturz: Fans retten den Klub mit Blutspenden."

Weitere Artikel: In der Zeit vergleicht Hauke Friederichs aktuelle Produktionen zum Thema Afghanistankrieg. Für den Freitag schaut Christine Käppeler die in den USA der 80er zu Zeiten des Kalten Kriegs angesiedelte Serie "The Americas". Auf der Medienseite der FAZ erklärt der Filmproduzent Jan Frouman im Interview, dass er mindestens genauso gern für Netflix oder Amazon arbeitet wie für "klassische" Fernsehsender: "Als Produzent freuen wir uns, neue und so viele verschiedene Plattformen im Markt zu haben. Die Chancen, hochwertige Geschichten zu produzieren, sind heute besser denn je."

Besprochen werden Darren Aronofskys Bibelfilm "Noah" (Tagesspiegel), Sarah Polleys "Stories We Tell" (Tagesspiegel, Standard) und Bong Joon-ho Film "Snowpiercer" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Die Musik findet zurück zur Verknappung: Während der Wu-Tang Clan sein neues Album als Einzelexemplar höchstbietend versteigert, spielt die Indiepop-Band The XX in New York derzeit eine ganze Serie quasi-privater Konzerte vor Publikum im mittig zweistelligen Bereich. Für zeit.de hat sich Rabea Weihser eine Karte für ein Konzert gesichert und berichtet: "Ginge es allein um die Behauptung, ein kleiner Kreis garantiere ein intimes Erlebnis, müsste man diesen Abend wohl gescheitert nennen. Vielmehr aber fordert er den Zuschauer auf, seine Erwartungen an Nähe, Geborgenheit und Intimität zu hinterfragen, wie es die Musik auch tut. Wichtigster Impulsgeber ist der Raum, der sich in den 45 Minuten des Konzerts ständig verändert."

In der Welt setzt Michael Pilz unterdessen, beflügelt von Pharrell Williams internationalem Smash-Hit "Happy", der seinen Erfolg unter anderem einer avancierten Online-Musikvideo-Strategie verdankt, zum Loblied auf die Möglichkeiten des Internets an, die ein neues goldenes Zeitalter der Popmusik bedingen könnten. Der Song markiert für ihn nichts anderes als eine Zeitenwende: "Nach den Klagen der vergangenen Jahre über die ökonomische und künstlerische Krise, über formatierte Popsongs und das Ende der Musikgeschichte scheint wieder die Sonne aufzugehen. Das Video ist nicht tot, es geht ihm blendend, und dem Pop bleibt gar nichts anderes übrig, als sich als neugeboren zu betrachten."

Mozart ist Belgier, klarer Fall, meint Olivier Bellamy in der Huffpo.fr mit Blick auf Stromae und greift in die ganz hohe Schublade: "Die Referenz Brel liegt auf der Hand. Stromae ist ein flämischer Sänger mit deutlichem Akzent. Aber man denkt auch an Gainsbourg wegen seiner Wortspiele und seiner einfallsreichen musikalischen Anspielungen ('Carmen'). Oder auch an Trenet, in der Art wie er das Rosa mit dem Schwarz mischt und die Tragödie im Refrain versteckt."




Für die taz porträtiert Jenni Zylka den Berliner Popmusiker Chris Imler, der gerade sein Debütalbum "Nervös" veröffentlicht hat. Ein aktuelles Video finden wir auf Youtube:



Besprochen werden ein Konzert von Anne-Sophie Mutter und Hélène Grimaud in der Alten Oper Frankfurt (FR), das Debütalbum der Post-Hardcore-Band Fjort (Zeit), eine CD mit Mendelssohn Bartholdys "Lobgesang"-Sinfonie in der Einspielung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (Tagesspiegel), eine Aufführung von Claudio Monteverdis "Vespro della Beata Vergine" (Tagesspiegel), das neue Album von Roger Cicero (Tagesspiegel).

Außerdem bringt Thomas Meinecke im Logbuch Suhrkamp wieder einen ganzen Blumenstrauß Musikvideos. Und heute vor 30 Jahren wurde Marvin Gaye von seinem Vater erschossen: Die Welt bringt eine Bilderstrecke, wir ein Video: Marvin Gaye im "Soul Train" mit "Rockin' After Midnight" (für die Ungeduldigen etwa ab Minute 2).


Archiv: Musik

Literatur

Sibylle Lewitscharoff beschäftigt jetzt auch den Guardian: Philip Oltermann sieht in ihrem Plädoyer für einen neuen Puritanismus "die dekadente Klage einer gepuderten Intelligenzija". Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer über das Leben des Literaturwissenschaftlers Paul de Man und dessen antisemitische Verstrickungen.

Außerdem: Walter Kempowskis jetzt erscheinendes "Plankton"-Buch ist keine Literatur, gibt Edo Reents in der FAZ zu, "es ist aber die nun von jedermann mit überschaubarem Aufwand nachzuvollziehende Voraussetzung dafür". Der Figaro stellt drei Veröffentlichungen von Schriftstellern vor, die sich an bildenden Künstlern abarbeiten: "Le Vertige danois de Paul Gauguin" von Bertrand Leclair, der darin eine unglücklich verlaufene, kurze Dänemarkreise Gaugins schildert, "Courbet ou la peinture à l'œil" des Descartes-Experten Jean-Luc Marion, der damit dem von der Kritik ein wenig verschmähten und vernachlässigten Künstler Courbet "Gerechtigkeit widerfahren lassen" möchte, und die Wiederauflage von "Van Gogh ou l'enterrement dans les blés" der im vergangenen Jahr gestorbenen Schiftstellerin und Essayistin Viviane Forrester.

Besprochen werden weiter Walter Kempowskis "Plankton" (Welt), Gerard Mortiers postum erschienene Memoiren (FR), Joachim Ehlers Biografie von Otto von Freising (Welt), Martin Mosebachs Roman "Das Blutbuchenfest" (Tagesspiegel), Peter Wensierskis Buch "Die verbotene Reise" (Welt), Toni Morrisons Roman "Heimkehr" (NZZ) und Bernhard Buebs Band "Die Macht der Ehrlichen" (NZZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jette Steckels Inszenierung von Jean-Paul Sartres ursprünglich als Filmdrehbuch verfasstes Stück "Das Spiel ist aus". Für die Berliner Zeitung hat sich Dirk Pilz von dieser Aufführung mit Wonne mitreißen lassen: "Es ist ja auch wirklich hemmungsfreies Emo-Shooting-Theater. Aber es ist auch ein Spiel mit den Effekten, das die Bühne wie eine große, bestaunenswerte Wundertüte behandelt, immer in der hehren Hoffnung, etwas zu fassen zu bekommen, mit dem sich das Spiel zur Wirklichkeit erlösen lasse. Immer unter dem seelenernsten Vorzeichen, dass die Sinn-Frage längst nicht beantwortet ist, auch wenn alle Welt so tut." Das 67 Jahre alte Stück wird - "Perspektivwechsel hin, Modernisierungsversuche her" - kaum aufgefrischt, meint unterdessen Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Für den Freitag schreibt Helmut Schödel einen Quasi-Nachruf auf Matthias Hartmann, den Ex-Intendanten des Wiener BurgtJheaters. Für die taz schlendert Judith Engel durch das Foyer des Stuttgarter Schauspielhauses, wo Schorsch Kamerun für einen Abend eine Fluxus-Installation samt Konzert, Biedermeier-Gruppe und Wischmopp-Geburten eingerichtet hat. Marc Zitzmann bilanziert in der NZZ die achtjährige Intendanz von Muriel Mayette-Holtz an der Pariser Comédie-Francaise. In der Welt bringt Thomas Hahn Hintergründe zu der Messerstecherei am vergangenen Wochenende in dem früher von Aktivistinnen der Femen-Gruppe oft besuchten Theater Lavoir Moderne Parisien, wo ein mutmaßlich geistesgestörter Rechtsradikaler wahllos zwei Besucher niederstach. In der Berliner Zeitung spricht Peter Uehling mit dem Komponisten Christian Jost über dessen Oper "Lover", die morgen in Berlin uraufgeführt wurd. Stean Keim porträtiert für die Welt die Nachwuchs-Dramatikerin Laura Naumann, deren aktuelles Stück "Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken" derzeit in Bochum zu sehen ist.

Besprochen werden Philip Tiedemanns Neuinszenierung von George Taboris "Die Kannibalen" (Berliner Zeitung, taz - siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau), Claudia Meyers Inszenierung von Frischs "Biedermann und die Brandstifter" in Bern (NZZ), Philipp Preuss' Inszenierung von August Strindbergs "Traumspiel" am Schauspiel Frankfurt (FR), Aufführungen der Opern "Der Traum ein Leben" von Walter Braunfels in Bonn und "Jakob Lenz" von Wolfgang Rihm in Köln (FAZ), ein Tanzstück des samoanischen Choreografen Lemi Ponifasio im Festspielhaus in St.Pölten (SZ, ein Interview mit ihm im Standard) sowie die Uraufführung von "Rechtsmaterial", ein "NSU-Projekt" des Dramaturgen Konstantin Küspert und des Regisseurs Jan-Christoph Gockel in Karlsruhe. (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

In der SZ berichtet Catrin Lorch von der Biennale in Sydney, wo die Künstler sich auf die Hinterbeine gestellt und ihren Hauptsponsor vor die Tür gesetzt haben, der Mitinhaber privat betriebener Lager für abgeschobene Flüchtlinge ist (mehr dazu hier). Daran könnte sich die europäische Biennale Manifesta, die ihre zehnte Ausgabe in Sankt Petersburg feiern will, ein Beispiel nehmen, findet Lorch: "Künstler können - nach Sydney - in die Pflicht genommen werden, nicht nur dafür, wo sie ausstellen, sondern auch dafür, an wen sie ihre Kunst verkaufen, wer Galerien oder Institutionen finanziert. Während Musiker seit Jahrzehnten daran gemessen werden, ob sie auch in Apartheid-Regimen auftreten ('...ain't gonna play Sun City'), haben Maler und Bildhauer zu lange darauf bestanden, dass sie vor allem der Aufklärung dienen, egal, wo sie sich einrichten. Der politische Triumph in Sydney, er bedeutet, dass sie in einer Verantwortung stehen, die sie bislang ignorierten."



Sehr beeindruckt ist NZZ-Rezensent Samuel Herzog von dem Werk, dass die amerikanische Fotografin Francesca Woodman in ihrem kurzen Leben schuf (sie nahm sich 1980 mit 23 Jahren das Leben). Die Wiener Sammlung Verbund zeigt gerade einige ihrer Fotografien, die fast alle in Innenräumen aufgenommen wurden: "In diesen übersichtlichen Realitäten konnte sie sich wohl leichter auf die Dinge einlassen und versuchen, ein Verhältnis zu ihnen, ein Verhältnis zur Welt zu finden. Für eines der frühesten Bilder der Ausstellung etwa hat sich die Künstlerin so in einen Schrank gelegt, dass nur ihre bloßen Beine zu sehen sind. Das Licht fällt von links durch ein Fenster in den Raum und ist so sanft insistierend, dass wir spontan an Vermeers Briefleserin denken müssen." (Bild: Francesca Woodman, Untitled, 1975-1978/1997. Courtesy George and Betty Woodman, New York / Sammlung Verbund, Wien)

In der Welt schreibt Tilman Krause eine kleine Hymne auf den Fotografen Wols, dessen Fotografien aus einer Zeit, als er glücklich und ganz jung nach Paris gekommen war, derzeit im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sind: "die Porträtierten halten eine Weile die Augen noch geschlossen, bis sie immer heftiger agieren, sich preisgeben, ihre Stimmungen zeigen. Eine kleine Choreographie der Ausdrucksfreude wird da in Folgen von mal fünf, mal zehn, mal fünfzehn Bildern aufgefächert, in einer Balance von Intimität und distanziertem Spiel, die auch heute noch Frische und Lebenszugewandtheit ausstrahlen." (Bild: Wols, Nicole Bouban, Herbst 1932 - Oktober 1933 / Januar 1935 - 1937)

Weiteres: In der SZ erzählt Christiane Schlötzer, wie der niederländische Stadtplaner Martin Knuijt das Zentrum von Athen retten will (mehr dazu hier). Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der mexikanischen Künstlerin Ana Mendieta im Museum der Moderne in Salzburg (Presse)
Archiv: Kunst