Efeu - Die Kulturrundschau

Überlebenspoesie

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08.02.2014. Auf der Berlinale war mit Edward Bergers "Jack" der erste deutsche Wettbewerbsfilm zu sehen, bei den Kritikern stößt er auf ein geteiltes Echo. Im Freitag verbeugt sich Georg Seeßlen vor Ken Loach, dem die Hommage gewidmet ist. In der New York Times erzählt Michael Wilson von den letzten traurigen Tagen des Philip Seymour Hoffman. Die FAZ feiert Rem Koolhaas für seinen Rotterdamer Wolkenkratzer der Zukunft. Die NZZ besucht eine aus der Wirklichkeit gefallene Schau zu Isabella Blow in London. Und die taz lernt Arno Schmidt als Astronauten kennen.

Film

Michael Wilson erzählt in einer sehr traurig zu lesenden Reportage für die New York Times die letzten Tage des Philip Seymour Hoffman. Noch Tage vor seinem Tod schien alles wie immer: "Für jemand, der mit 46 Jahren allein starb, war sein Tag alles andere als isoliert. Er war eine bekannte Figur in Greenwich Village, ein üblicher Anblick für die Nachbarn, wenn er einen Kinderwagen schob, auf einem Treppenabsatz rauchte oder einem Touristen den Weg wies. Kurz, ein normaler New Yorker - mit einem Oscar in seinem Regal. Seine letzten Tage waren nicht anders. Er lebe nicht abgeschlossen. Überall wurde er gesehen." Zum Beispiel ein paar Tage zuvor auf dem Sundance Festival. "In Sundance fragte ihn ein Zeitschriftenredakteur, der ihn nicht sorfort erkannte, was er mache. "Ich bin heroinsüchtig", antwortete Hoffman."

Ansonsten sind die Filmkritiker aller Blätter in Berlin am Potsdamer Platz eingetroffen und die Berlinale ist im vollen Gang.

Aus dem Wettbewerb: Edward Bergers deutscher Wettbewerbsbeitrag "Jack" ist auch "ein sehenswerter Berlinfilm", urteilt Andreas Kilb in der FAZ, in der SZ erkennt David Steinitz auf Prekariats-Pornografie, im Tagesspiegel findet Christiane Peitz "Jack" immerhin schauspielerisch beachtlich. Auch nicht sonderlich begeistert ist Thekla Dannenberg im Perlentaucher von Rachid Boucharebs "La Voie De L"Ennemi": "ein pathetisches Sozialdrama mit Überlänge und ohne jeden Höhepunkt". Im Deutschlandradio Kultur gibt Regisseur Dietrich Brüggemann Auskunft über seinen Film "Kreuzweg", der die religiöse Indoktrination von Kindern anprangert.

Aus dem Forum: Elena Meilicke staunt im Perlentaucher über Bong Jong-Hoos apokalyptischen Science-Fiction-Film "Snowpiercer", den das Forum in einer Sondervorführung zeigt: "Richtig großes Action-Kino, ein Überwältigungsapparat mit rasanten Schnitten und dröhnenden Bässen". Für den Tagesspiegel hat David Assmann aufgeschrieben, wie es der Regisseurin Anja Marquardt gelungen ist, ihren Film "She"s Lost Control" trotz Finanzkrise unter anderem via Crowdfunding zu produzieren. Für die taz unterhält sich Bert Rebhandl mit dem Regisseur René Frölke, der einen Porträtfilm über den Schriftsteller Norman Manea gedreht hat. Andreas Busche sieht düstere und romantische Filme von Josephine Decker mit Naturzauber-Anleihen bei Terrence Malick. Thomas Groh erfährt außerdem, wie Skandalautor Michel Houellebecq entführt wurde und sich dabei hemmungslos selbst demontiert.

Aus dem Panorama: "Herzklopfen, Grenzüberschreitung, Sinnlosigkeit" beobachtet Andreas Fanizadeh im neuen mexikanischen Film "Güeros". In der taz schaut Enrico Ippolito gerne dabei zu, wie Alfred Molina und John Lithgow in "Love is Strange" ein schwules Paar in New York spielen. Lukas Foerster ärgert sich allerdings darüber, dass das Festival den Film nicht im Wettbewerb zeigt. Um Homosexualität und Fußball geht es in dem Film "Viharsok", berichtet Christina Bylow in der Berliner Zeitung. Gerhard Midding bedauert in der Welt, dass Jalil Lespert in seinem "YSL" die Biografie Yves Saint Laurents ohne Lust an der Erotik, sondern als "klassisches Defilee" verfilmt hat: "Man schaut den Film, wie man ein Fotoalbum durchblättert."

Im Freitag würdigt Georg Seeßlen den Regisseur Ken Loach, dem die Berlinale eine Hommage widmet, und den Seeßlen gleichermaßen dem britischen Dokumentarismus und dem italienischen Neorealismus verbunden sieht: "Technisch gesehen ist die Methode Loach ziemlich einfach: Er dreht immer mit Schauspielern und mit Laien, die mehr oder weniger ihre eigenen Lebenssituationen reflektieren. In den magischen Augenblicken seiner Filme verschmelzen Rolle und Darstellung vollkommen. Sprache und Sprechweise entsprechen dem Drehort, oft die heruntergekommenen postindustriellen Städte des Nordens. Daraus entsteht eine Überlebenspoesie."

Außerdem: In der Zeit porträtiert Katja Nicodemus Schauspielerin und Jury-Mitglied Greta Gerwig. Claus Löser hat sich für die Berliner Zeitung Filme über DDR-Biografien angesehen. Detlef Kuhlbrodt fühlt sich in seiner taz-Kolumne mit Festivalbeginn aus dem Wintertief befreit und gar "wie ein festangestellter und frisch geduschter Mitarbeiter der Wirklichkeit". Beim Filmmarkt der Berlinale erfährt Thomas Groh, wie wichtig die Presse den Filmhändlern ist. Und Jens Balzer greint in seiner Partykolumne für die Berliner Zeitung über den Trend zu mieser Swing-Musik.

Die Berlinale-Schwerpunkte beim Tagesspiegel, bei der taz, der Berliner Zeitung, der FAZ, bei critic.de und natürlich auch beim Perlentaucher. Beim Ticketkauf behilflich ist der Kritikerspiegel bei critic.de, an dem sich auch einige der Perlentaucher-Kritiker beteiligen.
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Kunst

Als geradezu "cineastisches Erlebnis" feiert Niklas Maak in der FAZ Rem Koolhaas" neues Hochhaus "De Rotterdam". Es zeige, dass auch "scharf kalkulierte Investorenbauten" spektakuläre öffentliche Orte und bezahlbare Wohnungen schaffen können: "Wolkenkratzer waren in der Architektur des 20. Jahrhunderts fast immer auch ein Bild kommerzieller Macht. Sie standen statuarisch wie Reiterstandbilder im Raum, ein gebautes Ausrufezeichen in der Stadt. Das von Rem Koolhaas entworfene "De Rotterdam" ist ein Gegenbild dazu: Es sieht von jeder Seite anders aus und scheint seine Identitäten und Aggregatzustände ähnlich wie das Wasser der Maas zu wechseln."

Außerdem: Für den Tagesspiegel porträtiert Jens Mühling den Künstler Michael Lenz, der die Bilder für George Clooneys bei der Berlinale gezeigten "Monuments Men" erstellt hat. Michaela Bienert meldet im Tagesspiegel, dass sich die Berlinische Galerie über die Schenkung der Sammlung Jörg Thiede freuen kann. In der SZ berichtet Alexander Menden, dass ein bronzenes Pferdeskelett von Hans Haacke den blauen Hahn von Katharina Fritsch auf dem Londoner Trafalgar Square ersetzen wird.

Besprochen werden außerdem eine Frankfurter Ausstellung über den Montmartre um 1900 (FR), Hanna Schygullas in Berlin eingerichtete Videoinstallation "Traumprotokolle" (taz) und die Ausstellung "Sport in der russischen Avantgarde" im Olympia-Museum in Lausanne (SZ).
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Design

Für die NZZ hat Marion Löhndorf die große und offenbar hervorragend geglückte Isabella-Blow-Schau im Somerset House in London besucht. Dass die Biografie der großen Stylistin und Mode-Mäzenin nun anhand von Kleidern nacherzählt wird, hält Löhndorf für "passend, da Blow Mode zu ihrem Lebensinhalt erklärte und das oft in Interviews bestätigte. Die Gestaltung einer Lebenserinnerung als ein Defilee von Kleidern, die nun niemand mehr trägt, ist evokativ und theatralisch. Doch erscheint sie vollkommen einleuchtend, da Isabella Blow ihr Leben selbst als großes Melodram inszenierte." Und: "Überhaupt [fällt] die ganze Schau völlig aus der Wirklichkeit."
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Stichwörter: Isabella Blow, Melodram

Bühne

In der FAZ zeigt sich Gerhard Stadelmaier nach Werner Düggelins Zürcher Inszenierung von Molières "Der Bürger als Edelmann" äußerst vergnügt: "Der ganze Abend scheint ja in seiner Gutgelauntheit, seinem Überschuss an Bewegung und Bewegtheit, seiner spielerischen Naivität, seiner mimischen Ungeniertheit wie von Herrn Jourdain inszeniert, dem Düggelin hier alle Fertigkeiten leiht, die ein überlegener Regisseur haben muss. ... Am Ende liegt ein großer Haufen Jugend erschöpft übereinander. Und Jourdain schaut amüsiert auf ihn herab." Auch in der NZZ liest man bei Barbara Villiger Heilig von einem "kurzen, beschwingten Abend", bei dem die Kritikerin Hauptdarsteller Rainer Bock mit Haut und Haar verfällt: "Den Abgesang auf sein tollkühnes Traumleben - die Namen der Entschwunden - flüstert [er] mit Ungläubigkeit, Bedauern, Verzweiflung. Herzzerreissend. Hinreissend."

John Waters
" Theatertour hält die Feuilletons auch weiterhin auf Trab (siehe auch unseren Efeu vom 04.02.). Ein schönes Gespräch hat nun Peter Richter für die SZ geführt. Darin erklärt ihm der Trashpapst unter anderem auch, dass er einen schrecklich standardisierten Tagesablauf hat - und gerade in den frühen Morgenstunden gleicht er frappant dem eines gewöhnlichen Perlentauchers: "Ich stehe um sechs Uhr auf, lese fünf Zeitungen. Nicht die Leitartikel, ich habe meine eigenen Meinungen. Dann gehe ich in mein Schreibzimmer. Die Leute, die für mich arbeiten, kommen so gegen zehn. Mittags haben wir ein Meeting, und am Nachmittag kümmere ich mich um das Geschäftliche. Vormittags denke ich mir abgefucktes Zeug aus, am Nachmittag verkaufe ich es."

Außerdem stellt die FAZ der Theaterdirektorin Nele Hertling und ihrer Enkelin Pauline dieselben Fragen. Besprochen wird Gabriel Baryllis "Showtime" im Alten Schauspielhaus in Stuttgart (SZ).
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Literatur

In der Debatte um den bildungsbürgerlichen Konformismus der deutschen Gegenwartsliteratur bekräftigt Enno Stahl in der Jungle World die von Florian Kessler in der Zeit vorgebrachte Einschätzung: "Der amerikanische Literaturagent Ira Silverberg sagt in einem Dokumentarfilm über William S. Burroughs ("A Man Within", USA 2010) völlig zu Recht, dass die radikalsten Werke meist von Angehörigen der Oberschicht geschrieben würden, weil diese damit zu schockieren und ihrer Herkunft zu entkommen trachteten. Ein gutes Beispiel dafür war zuletzt David Foster Wallace. In Deutschland dagegen bleiben Autoren stets ihrer Herkunft verhaftet - oder es kommt so etwas heraus wie die hyperironischen Romane von Christian Kracht."

Die Autorin Olga Grjasnowa fühlt sich in der Welt durchaus angesprochen von Florian Kesslers Attacke auf die Bildungsbürgerlichkeit der deutschen Literatur, meint aber: "Florian Kessler hat teilweise recht - es geht noch immer um Herkunft, aber auch um politische Teilhabe und kulturelle Hegemonie. Doch Kessler verwechselt eine politische mit einer literarischen Diskussion. Problematisch ist nicht die bildungsbürgerliche Herkunft der Autoren, problematisch ist, dass in unserer Gesellschaft nur bestimmte Personen Zugang zur Bildung und zum symbolischen Kapital bekommen. Es sind politische Fragen, keine ästhetischen."

Weitere Artikel: Andreas Rosenfelder begrüßt in der Welt, dass sich Alain de Botton in seinem neuen Buch mit der Bedeutung der Nachricht in der Moderne beschäftigt: "Ohne Nachrichten gäbe es keine Welt da draußen, wir wären Gefangene in einem dumpfen Hier und Jetzt." Ebenfalls in der Welt spricht der Schriftsteller John Banville mit Thomas David über das Schreiben, die Seele und den Tod.

In der taz gesteht der Underground-Regisseur Wenzel Storch gegenüber Robert Matthies, dass er in seinem psychedelischen Bilderbuch über die Liebe zwischen Alice und Arno Schmidt hie und da ein wenig geflunkert hat: "Dass er sich bei der Nasa beworben hat und den längsten Schweif der Südheide hatte, ist nicht verbürgt. In dem Fall hatte ich einfach Lust, Arno Schmidt als Astronaut zu zeichnen."

Besprochen werden unter anderem Martin Mosebachs Roman "Blutbuchenfest" (taz), Ralph Martins "Ein Amerikaner in Berlin" (SZ), Aharon Appelfelds Roman "Lichtung" (NZZ) und Martin Kordićs Romandebüt "Wie ich mir das Glück vorstelle" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie bringt die FAZ Marcel Reich-Ranickis Betrachtungen zu Theodor Fontanes Gedicht "An meinem Fünfundsiebzigsten":

"Hundert Briefe sind angekommen
ich war vor Freude wie benommen,
nur etwas verwundert über die Namen
und über die Plätze woher sie kamen.
..."
Archiv: Literatur