Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Im Bewusstsein dieser Widersprüche

16.03.2024. Die Welt bestaunt Benins neues Wahrzeichen seiner kulturellen Identität: eine 30 Meter hohe, ihre Feinde köpfende und Sklaven jagende Amazone. Die taz denkt über das Bearbeiten von Kinderbuch-Klassikern nach. In der FR diagnostiziert Leon Kahane einen "antisemitischen Klimawandel" in Deutschland, der sich bestens mit sozialistischen Utopien verträgt. Kein Schnoferl mehr bei Techno-Musik, die ist jetzt Kulturerbe, warnt der Standard.

Angst, Sehnsucht, Irrsinn, Erotik

15.03.2024. Die Musikkritiker trauern um Aribert Reimann, der alles einfing, was Menschen fühlen können, in einer Musik frei von Takt und Metrum. Die SZ blickt gnadenlos auf die Berliner Volksbühne, die zum Selbstbedienungsladen einiger Künstler verkommen sei. Die taz vermisst die Sprengkraft in Kim Gordons neuem Album. Feminismus im Kino war schon mal klüger als "Barbie", denkt sich der Guardian. Die Welt schwärmt vom Lamborghini Miura, dessen Schöpfer Marcello Gandini gerade gestorben ist.

Das Auge ist der Hammer

14.03.2024. Die Zeit lernt in Düsseldorf, was Hilma af Klint und Wassily Kandinsky verband: Rudolf Steiner und Atome. Ebenfalls in der Zeit sinnieren Jens Balzer und Diedrich Diederichsen über die Utopie in der Popmusik. Die Filmkritiker zählen rote Bälle in der Sahara mit Anton Corbijns Doku über Hipnosis. Der Standard folgt den Wiener Aktionisten in einem neuen Museum vom Tafelbild zum Machismus. "Wenn die Ukraine fällt, ist die Frage nur, wer als nächster dran ist", warnt Nino Haratischwili in der FR.

Ein verwirrtes Etwas

13.03.2024. Nicht Israels Politik, sondern Jonathan Glazers Dankesrede bei den Oscars instrumentalisiert den Holocaust, meint die Welt. Der Tagesspiegel betrachtet den braunen Wusch, den Roy Lichtenstein über ein Antlitz fahren lässt. Hans Eichel echauffiert sich in der FR über den Skandal, der um ein paar antisemitischen Kunstwerke auf der documenta 15 gemacht wurde. Die FAZ fühlt sich von einer Performance des New York City Ballett in den Sitz gedrückt. Kein Musikmarkt wächst schneller als der im subsaharischen Afrika, weiß die FAZ.

Das sprengt bei weitem unsere Vorstellungskraft

12.03.2024. Oscar-Nachlese zweiter Teil: FR und Filmdienst schöpfen Hoffnung auf mehr Originalität und Wagemut im Filmgeschäft. Im Perlentaucher klärt Thierry Chervel die Stars über den blutigen Hintergrund des Pins auf, den sie sich da so leichtfertig ans Revers hefteten. Die Theaterkritiker staunen, wie Tobias Kratzer mit Mieczyslaw Weinbergs Oper "Die Passagierin" Auschwitz in München ganz ohne die Darstellung von KZ, SS und Häftlingen auf die Bühne bringt. Monopol lernt in Wien ukrainischen Modernismus jenseits der russischen Avantgarde kennen. Und die NZZ träumt von Hochhäusern aus Holz.

Ein röchelndes und falsettierendes Wrack

11.03.2024. Die Oscars sind vergeben: Gleich sieben gingen an Christopher Nolans "Oppenheimer". Eine Rückkehr zu alten Oscar-Traditionen meinen SZ und Standard. Zeit online vergibt Noten für die schönsten und hässlichsten Roben des Abends. Die FAZ ist komplett hingerissen von Wolfgang Rihms "Hamletmaschine" in Kassel - vor allem dank des Dirigenten Francesco Angelico, der die phantastischen Sänger auf Händen trägt. Die SZ bewundert die immense Farbskala des Popproduzenten Jack Antonoff.

Im Rhythmus der Stufen

09.03.2024. Der Standard bewundert in der Albertina die Selbstironie Roy Lichtensteins. Die Berliner Zeitung spürt in Lada Nakonechnas Werken den Brandgeruch des Krieges. Die SZ schreibt zur Eröffnung des Nationalen Holocaust-Museums in Amsterdam. Außerdem feiert sie schon mal die morgige Oscar-Nacht als eine der letzten Bastionen des kulturellen Universalismus. In der FAZ blickt der ukrainische Schriftsteller Andrij Ljubka auf zwei Jahre Krieg in seiner Heimat. Die nachtkritik denkt über zeitgenössische Klassiker-Überschreibungen nach.

Das Geschlecht gibt keine Antwort

08.03.2024. Zum Weltfrauentag entdecken FAZ und FR die vergessene und verdrängte Kunst von Frauen wie Sofonisba Anguissola und Alice Bailly. Die Welt kniet nieder vor Florian David Fitz' Netflix-Vierteiler "Das Signal", während Zeit Online ihn überhaupt nicht versteht. Auch die großartige Isabelle Huppert kann die Pariser Inszenierung der Racine-Oper "Bérénice" nicht retten, seufzt die FAZ. Stefanie Sargnagel und Christiane Rösinger sprechen mit der FAZ über Iowa, Feminismus und das humoristische Potential von Tabus.

Menschliche Abgründe

07.03.2024. Die FAZ hört beim Auftakt der Lit.Cologne einen zornigen Michel Friedman, der fragt, weshalb die Deutschen nicht gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Der Tagesspiegel blickt fassungslos auf die Berliner Club-Szene, die Aufrufe unterschreibt, die das Hamas-Massaker als "natürliche Reaktion" bezeichnen. Monopol schießt mit Wim Delvoye in Genf auf Warhol, Cranach und Picasso. Für bedingungslose Kunstfreiheit setzen sich Sasha Marianna Salzmann im Tagesspiegel und Hans Eichel in der Zeit ein. Und der Perlentaucher setzt sich zu Michael Mann in einen geschmeidigen "Ferrari".

Unhineingezogen

06.03.2024. Die Feuilletons beglückwünschen Riken Yamamoto, den diesjährigen Pritzker-Preisträger. Der Architekt entwirft den Raum der Freiheit, so die SZ. Oliver Stone lässt sich für seine Diktatorenpropagandafilme üppig bezahlen, recherchiert unter anderem der Standard. Auch 20 Jahre nach seinem Tod hat die Literatur von Gabriel García Márquez noch die Macht von Wirbelstürmen, freut sich die FAZPhilipp Oswalt schimpft auf Zeit Online über den deutschen Rekonstruktionswahn. Einzige positive Ausnahme: die Frauenkirche. Die SZ bejubelt im Opernhaus Zürich die Streicherdunkelheiten und Bläservisionen einer Kafka-Adaption.