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21.01.2026. Die Truppen der Al-Sharaa Regierung haben inzwischen die größten Ölfelder Syriens zurückerobert, während die kurdischen Streitkräfte SDF mit dem Rücken zur Wand stehen, berichtet die FR. Die Waffen wollen sie dennoch nicht abgeben - aus Angst, es könnte ihnen wie den Alawiten oder Drusen ergehen, erklärt die taz. Viele Kurden, Drusen, Alawiten, Jesiden und Vertreter jüdischer Organisationen fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen, berichtet die FAZ. Und der SPD-Politiker Sercan Celik ruft bei den Ruhrbaronen: "Es ist politischer Verrat!", der Abschiebungsdeals vorbereiten soll. Der Historiker Daniel Immerwahr (Zeit) hört in den Drohungen Donald Trumps gegen Grönland das Todesröcheln der US-Hegemonie.
Letzte Woche haben Truppen der Al-Sharaa Regierung die kurdisch kontrollierten Gebiete im Nordosten Syriens erobert: In einer FR-Reportage resümiert Philippe Pernot die Ereignisse: "Breite Teile Nordostsyriens, die unter Einfluss der überwiegend kurdischen SDF standen, fielen seitdem in die Hände der syrischen Regierung Ahmad al-Scharaas. Die Offensive breitete er in Richtung des Euphrats sowie der arabischen Städten Raqqa und Deir ez-Zur aus. Arabische Truppen und alliierte Klans der SDF liefen zu den syrischen Streitkräften über - so mussten die kurdischen Befehlshaber den Rückzug antreten und am Sonntag in ein Abkommen mit al-Scharaa einwilligen. Die größten Ölfelder Syriens kamen somit wieder unter die Herrschaft der syrischen Regierung, dazu Teile der Region um Hasaka, Deir ez-Zur und Raqqa. Diese militärischen und wirtschaftlichen Verluste der SDF haben den Druck auf die kurdische Autonomiebehörde erhöht: Umzingelt und von ihren europäischen und amerikanischen Verbündeten im Stich gelassen, kämpft sie nun um ihr Überleben."
Im Interview mit der taz hält es der kurdisch-syrische Journalist Siruan Hossein für unwahrscheinlich, dass die kurdische SDF freiwillig ihre Waffen an die Regierung Al-Sharaas abgibt: "Viele fühlen sich inzwischen so bedroht, dass sie zu den Waffen greifen - aus dem Gefühl heraus, keine andere Wahl zu haben. Es ist eine Reaktion aus Angst - auf das, was sie an der Küste bei den Alawiten gesehen haben, im Süden bei den Drusen. Viele Familien haben die Stadt Hasakah verlassen und sind Richtung Qamishlo und Amude geflohen. Die Menschen sind kriegsmüde und wünschen sich Stabilität, aber nicht um den Preis neuer Gewalt. ... Die kurdisch kontrollierte Region im Nordosten Syriens stand symbolisch für etwas, das es im Land kaum noch gibt: Freiheit von Frauen, ethnische und religiöse Vielfalt, ein gewisses Maß an Selbstorganisation. Die Sorge ist, dass nicht nur Territorium verloren geht, sondern ein gesellschaftliches Modell, das mühsam aufgebaut wurde."
Kann man die die Drogenkartelle in Lateinamerika überhaupt erfolgreich bekämpfen? Im Interview mit der taz erklärt der ecuadorianische Politikwissenschaftler Luis Córdova-Alarcón, was ihm dabei sinnvoll erscheint und was nicht. Der widersprüchliche "Kampf gegen die Drogen", wie die USA ihn derzeit führen, gehört für ihn nicht dazu: "Im Februar 2024 hat Präsident Trump die Task Force KleptoCapture, eine Einheit zur Bekämpfung der Geldwäsche, abgeschafft, was es heute erleichtert, dass Schwarzgeld auch aus dem Drogenhandel in der US-Wirtschaft gewaschen werden kann. Ein zweites Signal war die Begnadigung des ehemaligen Präsidenten von Honduras, der wegen Drogen- und Waffenhandels verurteilt worden war. Die Botschaft lautet also nicht, dass Trump Drogenhändler verfolgt, sondern dass er diejenigen verfolgt, die nicht auf seiner Seite stehen. Und schließlich ändert die Entführung Maduros nichts am Fentanylhandel, der von Mexiko in die USA fließt."
In der FAZ berichtet Ninve Ermagan von der Demonstration, die den syrischen Staatschef al-Scharaa in Berlin empfangen hätte - hätte er nicht kurzfristig seinen Besuch verschoben. "Unter den Teilnehmenden sind viele Kurden, Drusen, Alawiten, Jesiden und Vertreter jüdischer Organisationen - jene Minderheiten also, die sich von der Bundesregierung verraten fühlen", die einerseits die schnelle Abschiebungen von Straftätern fordere, andererseits "ausgerechnet den 'größten Straftäter'" hofiere. Spürbar war für Ermagan auch, "die Enttäuschung darüber, wie wenige Menschen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft anwesend sind. 'Es sind fast nur Betroffene hier', sagt Mehmet Tanriverdi von der Kurdischen Gemeinde Deutschland. ... 'Für die Kurden ist dies das mit Abstand dunkelste Kapitel seit dem Völkermord des 'IS' an den Jesiden im Jahr 2014', sagt die Politikwissenschaftlerin Dastan Jasim der FAZ. Gemeint ist nicht nur die aktuelle Gewalt, sondern das Gefühl eines endgültigen Scheiterns. Scharaa wisse, so Jasim, 'dass das Vorgehen gegen Minderheiten international nicht sanktioniert wird'. Seine Strategie sei, 'bestehenden arabischen Nationalismus mit Islamismus zu verschmelzen - ähnlich wie Saddam Hussein in den Neunzigerjahren'. Für viele Kurden sei es erschütternd zu sehen, dass ihr massiver Einsatz gegen den 'IS' nicht zählt."
"Was wir erleben, ist kein tragisches Versehen. Es ist politischer Verrat", ruft der SPD-Politiker Sercan Celik bei den Ruhrbaronen. "Europa hat die Kurden benutzt - und entsorgt sie jetzt. Jahrelang galten sie als 'Partner im Kampf gegen den Terror', heute sind sie ein Störfaktor in neuen diplomatischen Rechnungen. Plötzlich gelten islamistische Akteure als 'Gesprächspartner', während jene, die den IS bekämpft haben, politisch marginalisiert werden. Das ist nicht Realpolitik. Das ist Zynismus. Besonders deutlich wird das an der neuen diplomatischen Annäherung an Akteure wie Ahmed al-Scharaa. Man muss nicht behaupten, er sei 'der Teufel', um festzustellen: Diese Politik dient nicht den Menschenrechten, nicht der Stabilität und nicht der Sicherheit. Sie dient Interessen. Und sehr wahrscheinlich auch einem Ziel, über das man in Berlin und Brüssel lieber nicht laut spricht: der Vorbereitung von Abschiebungsdeals, der politischen 'Normalisierung' Syriens, um unbequeme Verantwortung loszuwerden. Nicht, weil sich die Lage vor Ort verbessert hätte - sondern weil Europa die Lage hier innenpolitisch nicht mehr aushält."
Was Trump mit Grönland tut, entspricht eigentlich der US-Politik des ganzen 19. Jahrhunderts, erklärt der Historiker Daniel Immerwahr im Zeit-Online-Interview: "Wir sind nur so schockiert darüber, weil wir bislang in einer Ausnahme der US-Geschichte gelebt haben: der Pax Americana nach 1945. Die USA schafften es, die internationale Ordnung relativ stabil zu halten. Sie konnten ihre Macht ausüben, ohne riesige Überseegebiete zu annektieren." Für Immerwahr sind die Drohungen Trumps allerdings vor allem ein Zeichen der Schwäche: "Es gibt deutliche Anzeichen für einen Niedergang. 1945 hatten die USA einen hohen Anteil an der Weltwirtschaft, heute ist er geringer. Trumps Drohungen können als Todesröcheln der US-Hegemonie gesehen werden. Der Rückgang der globalen Macht der USA könnte zu einer anarchischeren Welt, einer Hegemonie Chinas oder Russlands oder einer demokratischeren Welt führen. Anstatt mit einem Wimmern könnte die Pax Americana mit einem Knall enden."
"Europa ist eingeklemmt zwischen einem Feind im Osten und einem Gegner im Westen", hält Kurt Kister in der SZ fest. Trump hat sich gedanklich nämlich schon von der Nato verabschiedet, wie seine Grönland-Drohungen zeigen. Das einzige, was Europa tun kann, ist zusammenhalten: "Kein einzelner Staat der EU könnte sich allein hinreichend gegen eine russische Aggression verteidigen. Vor allem nicht jene Staaten, die in Putins Großrussland-Träumen als 'eigentlich russisch' eine Rolle spielen: Estland, Litauen, Lettland, Teile Polens, Moldau (wenn die Ukraine 'fiele') Auch ohne die Amerikaner muss in Europa das Musketier-Prinzip gelten: Einer für alle, alle für einen."
Inna Hartwich präsentiert in der NZZ den Fall des russischen Archäologen Alexander Butjagin, der sich zwischen die Fronten des Ukrainekrieges manövrierte. Butjagin forschte "in der antiken griechischen Siedlung Myrmekion aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus in der Nähe der heutigen Stadt Kertsch" auf der Krim. Und hörte damit nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges nicht auf. Da er ohne Genehmigung forschte, ist er nun in der Ukraine angeklagt und sitzt derzeit in U-Haft in Polen. Auch Archäologie kann also politisch sein, stellt Hartwich fest: "Bereits 2014 versicherte der Archäologe Russland in einem selbstverfassten Gedicht seine Treue zum Staat. 'Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss', schrieb er - und grub weiter auf der Krim aus. Die Gedichtzeilen legen die politische Dimension von Butjagins Handeln offen. Damit zeigt er sich als jemand, der Loyalität zum Staat, in dem er lebt und für den er arbeitet, höher gewichtet als rechtliche Grauzonen. Genau das werfen ihm seine Kritiker vor. Auch Archäologie sei nie neutral. Wer auf besetztem Gebiet grabe, entscheide mit darüber, wessen Geschichte sichtbar werde - und unter wessen Hoheit."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Gedenkstätte Topographie des Terrors hat im November kurzfristig eine Buchpräsentation des an der FU lehrenden HistorikersGrzegorz Rossoliński-Liebe abgesagt, nachdem die polnische Botschaft gegen das Buch protestiert hatte: Rossoliński-Liebe beschreibt darin - offenbar sehr kritisch - das Verhalten polnischer Bürgermeister während des Holocaust. Auf die Frage des Holocaustforschers Jan Grabowski in der Jüdischen Allgemeinen: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?", antworten heute in der FAZ die Historiker Stephan Lehnstaedt (mehr hier) und Andrea Löw (mehr hier): Erstens sei die Präsentation nur verschoben worden, zweitens halten sie nichts von Protestaufrufen und drittens werde Rossoliński-Liebe zumindest in Deutschland nicht zensiert, sondern könne frei reden und unterrichten. Vor allem ärgern sich die beiden über den Vorwurf, die deutsche Holocaust-Forschung stelle "die deutschen Täter zu sehr in den Mittelpunkt": "Wenn deutsche Historiker sich mit deutschen Tätern beschäftigen, machen sie dies nicht, weil sie, wie Rossoliński-Liebe unlängst einer Zeitung sagte, so 'stolz' auf deren Alleinverantwortung für den Holocaust sind. Doch leider ist es angesichts von Geschichtsvergessenheit und offenem Revisionismus keineswegs obsolet, immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es ohne den Nationalsozialismus, ohne den vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen begonnene Vernichtungspolitik diesen Völkermord nicht gegeben hätte. Der Holocaust wurde von Deutschland aus in Gang gesetzt. Wenn das geklärt ist, können wir über die große Mitschuld vieler anderer ... reden und forschen."
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