9punkt - Die Debattenrundschau

Von allen Seiten erschossen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2026. Die Zahlen werden immer grauenhafter: Dass die iranischen Geistlichen in den letzten Wochen mehr als 12.000 Menschen umgebracht haben, klingt inzwischen plausibel. taz und FAZ suchen nach Informationen. Der Schah muss differenzierter betrachtet werden, fordert der iranischstämmige Historiker Kijan Espahangizi in der NZZ. Die taz zieht die traurige Bilanz des ersten Jahres von Trump 2.0. Trump ist ein "Postfaschist", sagt der Zeithistoriker Sven Reichardt in der SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2026 finden Sie hier

Politik

Dass die Geistlichen im Iran in den letzten Wochen mehr als 12.000 Menschen ermordeten, klingt inzwischen nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen plausibel. Dennoch bleibt die quälende Ungewissheit wegen der vom Iran verhängten Internet- und Nachrichtensperre, die Daniela Sepehri in der taz benennt: "Aus Iran selbst erreichen uns nur Bruchstücke. Ein Mann aus Karaj, der für wenige Minuten telefonieren konnte, sagte: 'Diese Zahlen, die ihr da hört - 10.000, 12.000 - das ist ein Witz. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was hier passiert.' Solche Stimmen werden hier oft als subjektiv, emotional und nicht belastbar abgetan. Dabei sind sie das Einzige, was wir haben, wenn ein Staat systematisch jede Form von Dokumentation zerstört. Und: Die Menschen in Iran bestätigen alle unabhängig voneinander das gleiche, nämlich dass wir außerhalb Irans nur Bruchstücke dessen sehen, was im Land tatsächlich los ist. Dass die Gewalt noch viel höher ist, als wir uns auch nur vorstellen können." Sepehri verweist auf einen Bericht der Sunday Times, der wiederum Schätzungen iranischer Ärzte zitiert: Demnach sind mindestens 16.500 Menschen ums Leben gekommen, mehr bei Mena-Watch.

Gilda Sahebi spricht für die FAZ mit Augenzeugen, unter anderem dem jungen Deutsch-Iraner Ali Montazeri, der die Weihnachtstage in Teheran verbrachte und an den Protesten teilnahm. "Er habe Jugendliche beobachtet, die sich 'völlig angstfrei' an die Spitze der Proteste gestellt hätten. 'Vierzehn-, Fünfzehnjährige waren das', sagt er. 'Mein Gedanke war: Sie wollen nicht mehr leben.' Und dann sei geschossen worden. 'Das war nicht wie bei einem Protest', sagt Ali Montazeri. 'Das war wie in einem Krieg.' Die bewaffneten Kräfte hätten die Leute nicht zurückdrängen wollen. Sondern töten. 'Man konnte von allen Seiten erschossen werden.'"

Die Regierungszeit des letzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi muss differenzierter betrachtet werden, fordert der iranischstämmige Historiker Kijan Espahangizi in der NZZ. "Als Kind seiner Zeit startete der Schah ein massives technokratisches Modernisierungsprogramm. Er sah den Staat als Motor gesellschaftlichen Wandels, mit widersprüchlichen Folgen: Einerseits rasantes Wirtschaftswachstum, Bildungsexpansion, Frauenemanzipation, wachsende Unabhängigkeit vom Westen. Andererseits ungleiche Entwicklung und soziale Spannungen, während die Erwartungen an Mitbestimmung, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit stiegen. Die sogenannte 'Weiße Revolution', später 'Schah-Volk-Revolution', hatte paradoxerweise erst die sozialen Möglichkeitsbedingungen zur Revolution von 1979 geschaffen."

Nach einem Jahr Trump zieht die taz fast hilflos Zwischenbilanz. Annika Brockschmidt schildert die brutalen Razzien der Abschiebepolizei ICE und den Widerstand dagegen: "In den USA leben nach Schätzungen 14 Millionen undokumentierte Einwanderer. Die Regierung hat gezeigt, dass für sie auch die US-Staatsbürgerschaft nicht ausreicht, um als 'echter' Amerikaner zu gelten. Vizepräsident Vance kündigte an, dass ICE Razzien von Tür zu Tür durchführen werde - autoritäre Methoden, die nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun haben. Das brutale Vorgehen der Regierung ist essenzieller Bestandteil ihrer Abschiebepolitik, die letztlich auf ethnische Säuberung abzielt."

Hansjürgen Mai und Sebastian Moll schöpfen ebenfalls in der taz Hoffnung daraus, dass der Star der Latin Music Bad Bunny am 8. Februar in der Halbzeitpause des Super Bowl singen wird. "Der Reggaeton-Musiker mit puertoricanischen Wurzeln zählt zu den erklärtesten Kritikern von Donald Trump im Pop-Geschäft. Bei seiner Welt-Tournee im Jahr 2025 sparte Bad Bunny dann die USA aus Sorge um seine lateinamerikanischen Fans aus...  Die NFL, die mit dem Superbowl vielleicht mehr als jedes andere kulturelle Ereignis alle Bevölkerungsschichten der USA zusammenbringt, weiß derweil sehr wohl, wer Bunny ist: Ein junger Superstar, der das weiße Mainstream-Amerika und die unter Trump unter Druck geratene lateinamerikanische Bevölkerung zusammenbringt. Und das ist die Botschaft, welche die sonst nicht eben sehr progressive Sport-Liga verbreiten möchte."

Donald Trump möchte der Zeithistoriker Sven Reichardt im SZ-Interview mit Johan Schloemann und Tobias Zick nur als "Postfaschisten" bezeichnet wissen, da seiner Bewegung noch wichtige faschistische Elemente, beispielsweise ein ausgebauter Polizeistaat, fehlten. Es gehe aber vor allem darum, Trump nicht nur als Witzfigur zu begreifen. "So wild uns auch alles erscheinen mag, was er tut und wie er die Wahrheit plump durch Macht ersetzen will - es wäre ganz falsch, das abzutun und nur zu sagen: Was für ein Idiot, was für ein Prolet! Seine Feindbilder sind Elemente aus dem faschistischen Arsenal. Hass auf Linke, auf die queere Community, auf Migranten - da verbindet sich die Maga-Bewegung mit der entsprechenden Parteifamilie in Europa, auch mit der AfD in Deutschland."
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Geschichte

Oft wird auf die UNO-Resolution 181 verwiesen, wenn es um die Staatsgründung Israels ging und dass die Juden dadurch ihren Staat quasi auf dem Silbertablett serviert bekommen hätten, konstatiert Jan Kapusnak in der NZZ in einem Artikel, der die Phase der israelischen Staatsgründung und den Krieg der arabischen Länder gegen das gerade erst gegründete Land beleuchtet. Das stimmt allerdings nicht, die Juden mussten ihren jungen Staat gegen die umliegenden arabischen Staaten, die einen jüdischen Staat ablehnten, verteidigen. Die UNO-Resolution bot lediglich internationale Legitimität. "Alles andere leisteten Menschen, nicht die Vereinten Nationen - zionistische Führungspersönlichkeiten, die jahrelang die Welt bearbeiteten und zugleich die Verteidigung organisierten (...). Der jüdische Staat existiert nicht, weil er den Juden als Gunstbeweis gewährt wurde, sondern weil seine Menschen den Preis dafür bezahlt haben, eine Resolution auf Papier in ein lebendiges Land zu verwandeln - und damit den Zionismus wohl zur erfolgreichsten Dekolonisierungsbewegung der modernen Geschichte überhaupt gemacht haben."

Außerdem: Patrick Bahners schreibt in der FAZ zum Tod des Mittelalterhistorikers Johannes Fried.
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Medien

Der Holocaust-Gedenktag naht, die Sender müssen ihren Programmauftrag erfüllen. Der in Mediatheken und bei "Funk" gepflegte Jugendpopulismus der öffentlich-rechtlichen Anstalten erweist sich jetzt auch am Thema Holocaust, konstatiert Heike Hupertz, die für die FAZ die von dem "Presenter" Thilo Mischke erstellte Dokuserie zum Thema "Hey, hast du schon mal was vom Holocaust gehört" (offizieller Titel: "German Guilt") guckt. Trotz auch einiger positiver Anmerkungen zur Serie ist sie befremdet über die schnittige Darbietung, in der der Autor so tut, als sei er der erste, der entdeckt, was seine Vorfahren angerichtet haben. "Seine Markenzeichen: überpersönlicher Zugang, übermäßige, manchmal gewollt naive Zuspitzung, gute Recherche, der Mann als rasender Reporter und Doku-Presenter in fast jedem Bild anwesend und so gut wie jede Szene dominierend und alles Dargestellte mit großer Betroffenheit kommentierend." Zugleich meldet Michael Hanfeld, dass die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf gegen die Ausstrahlung der Dokumentation "Führer und Verführer" (Trailer) in der ARD erst zu Mitternacht am 25. Januar protestiert.
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