Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2025. Im Interview mit der Zeit überlegt der irische Pastor Gary Mason, wie das Karfreitagsabkommen ein Ende des Nahost-Konflikts inspirieren könnte. Der Historiker Simon Sebag Montefiore erinnert in der FR daran, wie eng die Europäer buchstäblich miteinander verwandt sind. Die SZ blickt vorsichtig optimistisch auf die Frauen im Iran, die sich immer öfter unverhüllt zeigen. Allerdings ist das nach wie vor lebensgefährlich, wie der Fall der zum Tode verurteilten Zahra Shahbaz Tabari zeigt, die für "Frau, Widerstand, Freiheit" eintrat, berichtet der Spiegel. Jesus war Jude, erinnert der Politikwissenschaftler Ján Kapusňak in der FAZ angesichts von Bildern, die das Jesus-Kind in ein Palästinensertuch gewickelt zeigen.
Der Pastor und Psychologe Gary Mason war an der Umsetzung des Karfreitagsabkommens beteiligt, das den Nordirland-Konflikt beendete. Im Zeit-Online-Interview mit Anastasia Tikhomirova und Julian Sadeghi zieht er vorsichtige Parallelen zum Nahost-Konflikt. Geduld ist für ihn der Schlüssel zu jedem Frieden: "Manche sagen in Bezug auf den Gaza-Konflikt, man sollte die Hamas sofort entwaffnen. Blicken wir auf unsere eigene Erfahrung: Das Karfreitagsabkommen sah eine Entwaffnung bis 2000 vor, doch die IRA begann damit erst 2001, die loyalistischen Gruppen waren erst 2009 vollständig entwaffnet. Wer den Prozess leitet, darf sich nicht nur auf Zeitvorgaben verlassen. Es braucht die Weisheit, flexible Fristen zu akzeptieren, solange es in die richtige Richtung geht. Zugleich gilt: Wer am Verhandlungstisch sitzt, darf keine Waffen darunter verstecken. Man muss sicherstellen, dass niemand nur vorgibt, Fortschritte zu machen, während er in Wirklichkeit seine Macht wieder ausbaut. Und natürlich kann es sein, dass auf beiden Seiten Radikale bleiben, die genau das tun, wie auch bei uns. Es ist die Ideologie, die Menschen zum Töten antreibt. Die eigentliche Arbeit besteht darin, ihre Denkweisen zu verändern, die Köpfe zu entwaffnen."
In der SZ wagt Raphael Geiger vorsichtige Hoffnung für die Lage der Frauen im Iran. Immer mehr zeigen sich unverhüllt, vor allem in großen Städten wie Teheran. Optimistisch stimmen zudem die Fotos von einem Marathon auf der Insel Kisch: Nicht "alle Läuferinnen trugen auf Kisch ihr Haar offen, aber so viele von ihnen, dass man die Verhüllten in den Videos suchen muss", so Geiger: "In Videos auf Instagram und Youtube ist nun zu sehen, wie sich die Teilnehmerinnen des Marathons frühmorgens zu dem Lauf versammeln, während ein Typ mit Trommel und Rastalocken sie mit dem Queen-Song 'We will rock you' zum Tanzen bringt. Erst die Party, dann der Marathon, später noch mehr Party. Das Exilmedium Iran International zitiert Fromme, die das Geschehen auf der Insel offenbar zutiefst verstört hat. In den sozialen Medien schrieben sie von einem 'Disco-Marathon', einer fragte: 'Ist das die Islamische Republik oder die Las-Vegas-Republik?'" Allerdings wurden zwei Veranstalter des Marathons von der Staatsanwaltschaft der Insel festgenommen.
Der Kampf für die Freiheit im Iran ist allerdings immer noch mit akuter Lebensgefahr verbunden, wie die Verurteilung der Frauenrechtlerin Zahra Shahbaz Tabari im Oktober zeigt. Nach kurzem Prozess verurteilte man sie zum Tode, meldet Spiegel Online mit dpa. Gegen ihre Verurteilung gibt es nun einen Offenen Brief, den 400 prominente Frauen aus aller Welt unterschrieben haben.
Der belarussische Nobelpreisträger Ales Bjaljazki wurde zusammen mit über 100 anderen politischen Gefangenen kurz vor Weihnachten aus der Haft entlassen. Im Interview mit der taz erinnert er daran, dass noch 1.100 Menschen in Belarus in Haft sitzen, weshalb er hofft, dass die Sanktionen gegen Belarus nicht aufgehoben werden: "Das war das Einzige, was sie letztendlich dazu gebracht hat, politische Gefangene freizulassen. Lange Zeit hat Lukaschenko dem nicht zugestimmt, zumal Minsk wirtschaftliche Hilfe von Russland erhielt. Damals gab es die sogenannten Importsubstitutionen, als belarussische Waren in den letzten Jahren aktiv nach Russland verkauft wurden. 70 Prozent der belarussischen Exporte gingen nach Russland. Aber dann begann die russische Wirtschaft zu schwächeln und Moskau kaufte weniger belarussische Waren. Deshalb begann dieser Handel: Aufhebung der Sanktionen und im Gegenzug dafür die Freilassung von Gefangenen. Dieser Handel hat eine wichtige Rolle auch für unsere Befreiung gespielt."
Haben wir am Montag glatt übersehen: Im Interview mit der FAZ warnt Anne Applebaum die Europäer: Die USA unter Trump kennen keine Feinde mehr - Nordkorea, der Iran, Russland, China spielen für die jüngste amerikanische Sicherheitsstrategie keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme: die liberalen Demokratien Europas, von denen die größte Gefahr für die Welt ausgehen soll. Hier werde man durchaus aktiv: "Ich würde jedenfalls davon ausgehen, dass es jetzt Leute innerhalb der Trump-Regierung gibt, die darüber nachdenken, wie sie der AFD zum Sieg verhelfen können, wie sie der Vox-Partei in Spanien zum Sieg verhelfen können, wie man rechtsextremen Parteien in Großbritannien helfen, wie man rechtsextreme Parteien in Polen unterstützen, wie man Viktor Orbán an der Macht halten kann. Ob sie damit Erfolg haben, weiß ich nicht, aber Europa muss damit rechnen. Ein weiterer Aspekt ist ebenfalls sehr wichtig. Nicht nur aus diesem Dokument, sondern auch aus anderen Äußerungen der Regierung geht klar hervor, dass eines ihrer Ziele darin besteht, die Europäische Union zu zerstören. ... Und so wird die EU jetzt - ich hoffe, die Europäer verstehen das - von entscheidender Bedeutung sein für Europa, um seine Souveränität zu bewahren, für jedes einzelne Land."
Man findet an Weihnachten immer wieder palästinensische oder christliche Plakate - oder richtige Krippen - auf denen das Jesuskind in ein Palästinensertuch gehüllt ist und Maria und Joseph - wie auf einem Bild von Banksy - am israelischen Grenzzaun aufgehalten werden. Doch dieser "Trümmer-Christus" ist "ein selektives Symbol", kritisiert in der FAZ der Politikwissenschaftler Ján Kapusňak. "Über Jahrhunderte pflegte das christliche Europa den Mythos 'der Juden, die Christus getötet haben'. Die heutige Krippen-Propaganda aktualisiert die Besetzung, behält aber die Handlung bei. Juden werden nicht mehr beschuldigt, Jesus buchstäblich gekreuzigt zu haben; stattdessen wird der jüdische Staat dargestellt als derjenige, der seine Geburt am Checkpoint verhindert, seine Heimatstadt abriegeln lässt oder ihn 'unter den Trümmern' begräbt. Sobald dieser Herodes-Rahmen gesetzt ist, vollzieht sich der Schritt von tragischen zivilen Todesopfern zum Vorwurf eines gezielten Kindermordes fast automatisch - und er knüpft an ältere europäische Deutungsmuster an, die 'die Juden' als Feinde Christi darstellten, statt sie als Teil seiner Geschichte zu begreifen. Dabei wird die jüdische Identität Jesu und seiner Familie leise ausgelöscht."
Die größten Gefahr für die Demokratie in Deutschland geht derzeit laut Verfassungsschutz von Rechtsextremismus und Dschihadismus aus. Aber man sollte deshalb den Linksextremismus nicht verharmlosen, warnt in der FAZ der PolitikwissenschaftlerHendrik Hansen: "Es gibt eine Tendenz, linksextremistische Bestrebungen als legitim anzusehen, wenn sie mit vorgeblich oder tatsächlich guten Zielen verbunden werden wie dem Kampf gegen den Klimawandel. Oft heißt es, wenn es zu linker Gewalt komme, bleibe es ja in den allermeisten Fällen bei Gewalt gegen Sachen. Erstaunlich ist auch, wie naiv und unreflektiert mit dem Begriff Antifaschismus hantiert wird", der vor allem in der Gegenwart eine Relativierung darstelle, "wenn Antifaschisten unterschiedslos vom Nationalsozialismus über die AfD, Konservative und manchmal bis hin zur SPD alles in einen Topf werfen".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore hat ein Buch über große Familien-Dynastien und der Bedeutung für die Geschichte geschrieben. ImInterview mit der FRerklärt er, warum wir uns alle sehr viel ähnlicher sind als wir glauben: "Man muss sich bewusst machen, dass dynastische Genealogien im Grunde immer gigantische Netze sind. Wenn man im 9. Jahrhundert ansetzt, ist praktisch jeder Mensch in Europa, dessen Abstammung sich lückenlos verfolgen lässt, mit denselben Ursprungspersonen verbunden. Ein Beispiel: Fast jede Engländerin und jeder Engländer mit tiefen Wurzeln im Land stammt von König Edward III. ab. Er hatte zehn Kinder, die alle wiederum heirateten und Nachkommen hatten. Das summiert sich exponentiell. Oder nehmen Sie Dschingis Khan: In Zentralasien trägt ein großer Teil der männlichen Bevölkerung genetische Spuren, die auf ihn zurückgehen. Das ist ein schwindelerregender Gedanke und zugleich ein Beleg dafür, wie eng verflochten Menschheitsgeschichte ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ziemlich begeistert ist FAZ-Kritiker Andreas Isenschmid von der Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems. Über die "jüdische Neugier für den Islam" lernt Isenschmid hier Interessantes: "Wer kannte schon die Fotos, mit denen der Ethnologe Erich Brauer, Scholems von ihm viel gescholtener Freund, die Alltagskultur jüdischer Gemeinschaften in Jerusalem erforschte? Wer seine ethnographischen Forschungen über die jüdischen Gemeinschaften des Jemens und Kurdistans? Wer Vambéry, der Theodor Herzl den Weg zum Sultan bahnte? Wer die verfemte Berliner Ägyptologin Hedwig Fechheimer, lange mit Carl Einstein liiert, deren bei 1914 Cassirer verlegte Schrift 'Die Plastik der Ägypter' nicht nur Alberto Giacometti inspirierte? Sie nahm sich 1942 das Leben, um der Deportation zu entgehen."
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