Efeu - Die Kulturrundschau
Erdig und himmlisch
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2025. Der französische Theaterimpressario Joël Pommerat verzaubert die FAZ in Paris mit einer Symphonie des Grauens. critic.de begeistert sich für die Freiräume in Hafsia Herzis Banlieu-Film "Die jüngste Tochter". Warum ist der Kunst nur die Erzählung abhanden gekommen, wundert sich die Welt. Die SZ spaziert in Weil am Rhein beeindruckt durch das von Stararchitekt Balkrishna Doshi entworfene Doshi Retreat. Die Ukraine hat ihre Kulturszene viel zu wenig gefördert, meint die ukrainische Künstlerin Kateryna Lysovenko in der Presse. Wir wünschen allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest!
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.12.2025
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Bühne

Hin und weg ist FAZ-Rezensent Marc Zitzmann von "Les Petites Filles modernes (titre provisoire)" dem neuen Stück des französischen Theaterstars Joël Pommerat, das derzeit am
Außerdem: Heide Rampetzreiter berichtet in der Presse darüber, wie an der Wiener Volksoper Schulklassen in einem mehrjährigen Prozess ein Musical erarbeiten. Sarah Alberti besucht für monopol eine Ausstellung über Christoph Schlingensief im Leipziger Kunstverein 47m Contemporary.
Besprochen werden "East Side Story - A German Jewsical" von Juri Sternburg im Berliner Gorki-Theater und Sandra Strunz' "Play Auerbach!" an den Münchner Kammerspielen als Doppelrezension (Zeit), Alexandra Liedtkes Inszenierung "Der zweite Kirschgarten" frei nach Tschechow in der Neuköllner Oper Berlin (Tagesspiegel), Simon Stones "Ferienhaus" am Wiener Burgtheater (Welt) und Martina Gredlers Version von "Der brave Soldat Švejk" im Wiener Schubert-Theater (Standard).
Film

Hafsia Herzi erzählt in "Die jüngste Tochter" nach dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas vom lesbischen Begehren einer jungen Frau, die in den Banlieues aufwächst. Der Film ist gelungen, schreibt Ekkehard Knörer auf critic.de: Die Regisseurin neigt zwar "zum Unterspielen der dramatischen Verwicklungen. In einzelnen Szenen kann schon mal was eskalieren, aber einer knotenschürzenden Aktlogik unterwirft sich das am Ende grundsätzlich nicht. ... Im Kern ist es ein Kino der engen Kadrage, die Körper, Mienen, Stimmungen und Atmosphären verdichtet. Und in dieser Verdichtungen Freiräume sucht und, mehr noch, lässt: Das ist eindrucksvoll, wenn sie, wie in ihrem Debüt, sich als ständig präsente Darstellerin selbst auf die Suche nach der Wahrheit jeder einzelnen Szene begibt. Noch beeindruckender aber ist es, wie sie ihre nicht-virtuosen Laiendarstellerinnen dabei führt - und nicht führt, ihnen vielmehr die Sicherheit gibt, sich selbst in die Suche nach dem Variieren des eigenen Selbst in der dargestellten und angeeigneten Figur hineinzuvertrauen." Für die taz bespricht Arabella Wintermayr den Film.
Nachgereicht aus der taz von gestern und da von uns etwas voreilig unter Kunst subsumiert: Tazler Tilman Baumgärtel hat im Museum Nikolaikirche in Berlin eine sehr reizvolle Film-Ausstellung ausfindig gemacht. In einer "spektakulären Gerüstkonstruktion" im Kirchenschiff laufen hier Dokumentarfilme über Berlin aus den Jahren 1982 bis 2024, darunter "tolle Archivschätze". Im Grunde handelt es sich um "eine Dauer-Retrospektive, bei der das Material nicht in der Zeit montiert ist, sondern im Raum. Und wenn man sich mit Funkkopfhörern auf dem Kopf von einem Bildschirm zum nächsten bewegt, entstehen so verblüffende Zusammenhänge und Assoziationen." Zu erleben ist "eine historische 'Symphonie der Großstadt' von zum Teil lange vergessenen Ereignissen, die hier zwischen den LED-Bildschirmen Gestalt annimmt." Schade, dass sowas im Fernsehen nicht mehr gezeigt wird, findet Baumgärtel.
Tobias Sedlmaier geht in der NZZ dem Phänomen des an kein Genre gebundenen Weihnachtsfilms auf den Grund. Kitsch gibt es darin zwar am laufenden Meter, "aber noch mehr: Weihnachtsfilme rücken unsere Weltsicht wieder gerade, justieren die moralische Kompassnadel. Sie sind eine Zuflucht vor den Zumutungen der Welt, eine Gewissheit, dass es universell verständliche Werte gibt und Halt, selbst für die Verlorenen und Verkorksten. ... Klassiker wie Frank Capras 'It's a Wonderful Life' oder 'Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' entwerfen moralische Utopien, in denen Güte und Bescheidenheit letztlich triumphieren." Capras Film war im übrigen erst ein Flop, bevor er zum ewigen Weihnachtsklassiker avancierte, wie Matthias Heine in der Welt ergänzt.
Weiteres: Die FAZ kürt die besten Filme des Jahres. Besprochen werden Lucille Hadžihalilovićs Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis", der FR-Kritiker Daniel Kothenschulte in goldenen Erinnerungen an tschechische Märchenfilme schwelgen lässt, Eva Victors "Sorry, Baby" (critic.de, unsere Kritik), Edgar Reitz' nun auch in Österreich startender "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (Standard), Philipp Stölzls "Der Medicus 2" (Standard) und die Netflix-Miniserie "Man vs Baby" mit Rowan Atkinson (NZZ).
Architektur

Zunächst durchaus skeptisch nähert sich SZ-ler Gerhard Matzig zunächst dem Doshi Retreat, einem neuen Gebäude am Vitra Campus in Weil am Rhein, das Arbeiten diverser Architekturstars versammelt. Das Doshi Retreat wurde von Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi entworfen und wird vor Ort mit einem ganzen Schwall esoterischer Rhetorik beworben. Und doch lohnt sich die Reise nach Südbaden, wenn man Matzig glauben darf: "Am Ende der Pfade, die Töne eines metallischen Gongs und einer keramischen Flöte im Ohr, erreicht man einen zentralen, organisch formulierten Raum. Ein bisschen ist es, als würde man das kunsthistorische Skandalon vom 'Ursprung der Welt' betreten. Hier gibt es ein Regenwasserbecken rund um eine Plattform und zwei geduckte Steinbänke. In der Mitte ein Gong. Die Decke darüber schließt weniger den Raum, als dass sie den Blick nach draußen weitet. Einfach und klein ist das. Zugleich raffiniert und groß. Erdig und himmlisch. Mehr Land Art als Architektur."
Wolfgang Jean Stock berichtet in der FAZ von einem "Architekturwunder in der Oberpfalz". Die einst strukturschwache Region ist - auch außerhalb von Regensburg - baulich zu neuem Leben erwacht. Zu den wichtigsten jungen Architekten der Region zählt Karlheinz Beer, der vor allem dank seiner Arbeit mit Bestandsbauten von sich reden macht: "In seiner Heimatstadt Weiden hat er Genossenschaftswohnungen saniert, modernisiert und energetisch ertüchtigt. Die städtebaulich bedeutsame Wohnanlage namens Schweigerblock in Zentrumsnähe, bis 1928 vom damaligen Stadtbaumeister errichtet, war auch deshalb mit Feingefühl zu erneuern, weil sie - zunächst zum Abriss vorgesehen - unter Denkmalschutz steht. Eine Besichtigung führt die hohen Qualitäten des aufgefrischten Altbaus vor Augen: großzügige Grundrisse, gut belichtete Küchen und Wohnzimmer, stattliche Raumhöhen. Vermietet werden die Wohnungen zu Preisen, von denen man insbesondere in München nur träumen kann."
Außerdem: Andreas Rossmann bespricht in der FAZ ein Buch über Kölner Sakralbauten. Nikolaus Bernau hat im Tagesspiegel einen Weihnachtsgeschenktipp für Kurzentschlossene: Architekturbücher.
Musik
Konstantin Nowotny schreibt in der taz zum Tod von Chris Rea (weitere Nachrufe bereits hier). In der FAZ gratuliert Stephan Mösch dem Pianisten Helmut Deutsch zum 80. Geburtstag. Besprochen werden eine Ausstellung über die multimediale Berliner Punkband Die Tödliche Doris in der Weserburg in Bremen (taz) und ein Buch mit den Erinnerungen von Schostakowitschs dritter Ehefrau Irina (FAZ).
Kunst
Hans-Joachim Müller zeichnet in der Welt nach, wie die Kunst sich insbesondere seit dem 20. Jahrhundert von der Erzählung ab- und der Abstraktion zugewandt hat. Erklärbar ist diese Entwicklung im Zuge der aufeinander folgenden Avantgarden zwar schon, meint Müller. Aber: "Aus unserem Bedarf an Erzählungen, was ist daraus geworden? Betroffen vom Pathos letztmöglicher Abstraktionen, überwältigt von der unendlichen Multiplikation ästhetischer Ereignisse, hat man längst vergessen, dass man vom Bild mal das variantenreiche Spiel mit den Welt- und Lebensgegenständen erwartet hat. Nur eine Ahnung ist geblieben, dass da möglicherweise auch etwas verloren gegangen sein könnte. Anders wäre der ungebremste Massenerfolg gar nicht erklärbar, der noch jede Ausstellung zur Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur prognostizierbaren Sensation macht."
Almuth Spiegler unterhält sich in der Presse mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko, die seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in Wien lebt und deren Bilder heute die Printausgabe der Zeitung schmücken. Es geht im Gespräch natürlich um den Krieg und ums Leben im Exil, aber auch um die Kulturpolitik der Ukraine: "Ich habe früher immer gedacht, oh, wie traurig, niemand beachtet uns in der Ukraine. Aber es war nicht nur die Schuld der westlichen Kuratoren, es war auch die Schuld der Ukraine selbst. Die Ukraine hat keine Kulturpolitik gemacht. Ich lerne jetzt, wie das Polen und Österreich machen, nämlich toll. Die Ukraine aber hat einfach kein Geld in zeitgenössische Kunst gesteckt. So passierte, was eben passiert ist: Ukrainische Künstler bekamen nur Sichtbarkeit, wenn irgendwelche Katastrophen bzw. politischen Verschiebungen passierten."
Außerdem: Stefan Trinks macht sich in der FAZ kunsthistorische Gedanken über die Weihnachtskrippe. Daniel Völzke fragt sich auf monopol, warum so viele Großkünstler wie Weihnachtsmänner aussehen.
Besprochen wird die Schau "Kindheit am Nil. Aufwachsen im Alten Ägypten" im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München (FAZ) und die Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems (FAZ).
Almuth Spiegler unterhält sich in der Presse mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko, die seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in Wien lebt und deren Bilder heute die Printausgabe der Zeitung schmücken. Es geht im Gespräch natürlich um den Krieg und ums Leben im Exil, aber auch um die Kulturpolitik der Ukraine: "Ich habe früher immer gedacht, oh, wie traurig, niemand beachtet uns in der Ukraine. Aber es war nicht nur die Schuld der westlichen Kuratoren, es war auch die Schuld der Ukraine selbst. Die Ukraine hat keine Kulturpolitik gemacht. Ich lerne jetzt, wie das Polen und Österreich machen, nämlich toll. Die Ukraine aber hat einfach kein Geld in zeitgenössische Kunst gesteckt. So passierte, was eben passiert ist: Ukrainische Künstler bekamen nur Sichtbarkeit, wenn irgendwelche Katastrophen bzw. politischen Verschiebungen passierten."
Außerdem: Stefan Trinks macht sich in der FAZ kunsthistorische Gedanken über die Weihnachtskrippe. Daniel Völzke fragt sich auf monopol, warum so viele Großkünstler wie Weihnachtsmänner aussehen.
Besprochen wird die Schau "Kindheit am Nil. Aufwachsen im Alten Ägypten" im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München (FAZ) und die Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems (FAZ).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Sigrid Nunez' "Mitz, das Pinseläffchen" (FR) und Jon Fosses "Vaim" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Design

Auf nach Wien, ruft uns Uwe Mattheiß in der taz zu. Dort gibt es mit "Séance de Travail 1986-2005" gerade eine dem Modedesigner Helmut Lang gewidmete Retrospektive im Wiener Museum für angewandte Kunst. Insbesondere Langs Arbeiten in den Neunzigern deuteten nach den überzeichnet-exzessiven Achtzigern "Schönheit als fragilen Zustand inmitten postindustrieller Tristesse. ... In reduzierten Formen und geschickten Proportionen umspielen Langs Stücke die Körper knapp, aber ohne Zwang. Die Wiener Schau zeigt bis in die Details von Accessoires und Unterwäsche, wie er um die Körper herum mit der Kleidung skulptural arbeitet, jede Linie neu denkt." Seine "Mode inszeniert sich nicht genderfluide in einem heutigen Sinn, zeigt sich aber deutlich verflüssigt. Hinter der vermeintlichen Uniformität der Entwürfe entsteht vielmehr Raum für neue Ambivalenzen und erotische Spielmöglichkeiten. Lang wird zum Designer einer Epoche, die Identität als individuellen schöpferischen Prozess denkt, der Befreiung verspricht und zugleich dem ökonomischen Kalkül unterwirft: Sei ganz du selbst, aber mach was draus!"
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