Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2025. Zwar ist Trumps "Friedensplan" für die Ukraine nicht das Münchner Abkommen von 1938, stellt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ klar, Putins Propaganda ähnelt aber sehr der von Hitler. Die FAS trifft den Schriftsteller Ezzio Gavazzeni, dessen Enthüllungen über Menschenjagd-Tourismus während des Jugoslawienkrieges für Entsetzen sorgen. In der SZ fragt die Schriftstellerin Nava Ebrahimi, warum Frauen in Japan und Deutschland keine Kinder mehr bekommen wollen. In der FAZ erinnert die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel daran, wie Hannah Arendt aus der Flüchtlings-Perspektive Einsichten für die europäische Geschichte gewann.
Gestern beschrieb der Historiker Martin Schulze Wessel in der FR die Russland-Nostalgie der Deutschen (unser Resümee). Heute untersucht er in der FAZ den häufig angestellten Vergleich zwischen dem Münchner Abkommen von 1938, infolgedessen die Tschechoslowakei ihre deutsch-besiedelten Gebiete an Hitler-Deutschland abgeben musste und Trumps 28-Punkte Plan für "Frieden" in der Ukraine. Der Vergleich taugt weniger, um die konkrete politische Situation zu beschreiben, so Schulze Wessel, ist aber hinsichtlich der "Strategie der Aggressorstaaten treffend". "Hitlers Strategie zur Zerschlagung der Tschechoslowakei bediente sich nicht nur traditioneller mächtepolitischer Instrumente, sondern zielte auch auf die internationale Öffentlichkeit. Lange vor dem Münchner Abkommen arbeitete die nationalsozialistische Propaganda an dem Bild einer 'künstlichen', historisch illegitimen, dazu angeblich 'bolschewistisch verseuchten' Tschechoslowakei. Hitlers Hass auf Prag gipfelte in wütenden Reden, in denen er den Staatspräsidenten Edvard Beneš dämonisierte. Parallelen zwischen der nationalsozialistischen Propaganda und Putins Diffamierung der Ukraine drängen sich auf: Wie Hitler die Tschechoslowakei zur instabilen, 'unmöglichen' Konstruktion erklärte, so bezeichnet auch Putin die Ukraine als künstliche, historisch illegitime Entität."
Karen Krüger trifft sich für die FAS mit dem italienischen Schriftsteller Ezzio Gavazzeni, dessen Recherchen zu Menschenjagdtourismus im Jugoslawienkrieg der 1990er derzeit von sich reden machen. "Vor zwei Wochen gab es in der italienischen Presse die ersten Berichte über die Ungeheuerlichkeiten, die er bei Recherchen für sein jüngstes Buch zusammentrug, das im Februar unter dem Titel 'I cecchini del weekend' ('Die Wochenendscharfschützen') in den Handel kommen soll." Es geht um reiche Ausländer, die viel Geld dafür gezahlt haben sollen, in Jugoslawien ungestraft Morden zu können. Krüger zitiert ein von Gavazzeni mitverfasstes Dossier: "Kinder kosteten am meisten, dann Männer (vorzugsweise in Uniform und bewaffnet), dann Frauen und schließlich alte Menschen, die man kostenlos umbringen konnte." Auch in Bosnien-Hercegovina waren seine Recherchen "Anlass für die Staatsanwaltschaft, jetzt Ermittlungen aufzunehmen. Über Nacht hat sich Ezio Gavazzenis Name über die Grenzen Italiens hinaus verbreitet. Netflix und Amazon haben sich bei ihm gemeldet, sie wollen den Stoff seines Buches, das bei Paper First, dem Buchverlag der Zeitung 'Il Fatto Quotidiano' erscheinen wird, verfilmen."
Sowohl in Moldau als auch in Rumänien ist es der Diaspora zu verdanken, dass bei den Wahlen in ihren Ländern keine Pro-Putinisten an die Macht kamen. Das liegt daran, dass den Menschen die Vergangenheit ihres Landes unter sowjetischer Herrschaft noch sehr präsent ist, weiß Natalia Sergheev in der taz: "Fast ein Viertel aller Moldauer lebt außerhalb des Landes. Moldau gilt als eines der ärmsten Länder Europas und ist stark vom Geld abhängig, das Auswanderer nach Hause schicken. Das zwischen Rumänien und der Ukraine gelegene Land mit 2,4 Millionen Einwohnern lebt im Schatten seiner sowjetischen Vergangenheit. Bei der Wahl im September gab es den Vorwurf einer Einmischung Russlands. Der Krieg des Kremls in der Ukraine schürt die Befürchtung, Moldau könne das nächste Ziel sein. Deshalb engagiert sich die Diaspora so aktiv im politischen Leben ihres Heimatlandes, sagt Christian Ursu (der in Berlin lebt, Anm.d.Perlentaucher). 'Wir wissen, wie es ist, unter russischer Herrschaft zu leben.' Deshalb wollen sie alles Mögliche tun, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern."
Christoph Ehrhardt berichtet für die FAZ aus den christlichen Dörfern Alma al-Shaab und Bcharré im Libanon. Alma al-Shaab geriet beim Krieg zwischen der Hizbollah und Israel zwischen die Fronten, es herrscht ständige Angst vor erneuten Kämpfen. Aber auch die schiitische Bevölkerungsmehrheit macht den Einwohnern sorgen. Aber "der Frust in Alma al-Shaab richtet sich nicht nur gegen die Rücksichtslosigkeit der Kriegsparteien oder die Tatenarmut des bankrotten, dysfunktionalen libanesischen Staates. Die Dorfbewohner fühlen sich auch von der Kirche vernachlässigt. An seinem christlichen Glauben lässt Bürgermeister Sayah keine Zweifel aufkommen: Auf seinem rechten Unterarm hat er sich das Konterfei von St. Charbel tätowieren lassen, eines in den Christenregionen Libanons allgegenwärtigen Schutzheiligen. Aber ebenso wenig hält er mit seiner Wut über die maronitische Kirche, der die Mehrheit der libanesischen Christen angehört, hinter dem Berg (...) Die Kirche habe den durch den Krieg vertriebenen Glaubensbrüdern nicht dabei geholfen, anderswo Unterkünfte zu finden."
Im FAS-Interview zeigt sich der israelische Soziologe Yagil Levy besorgt über die fehlende Empathie der Israeli für Palästinenser. In Folge des 7. Oktober und durch den Gazakrieg habe sich eine "passive" Dehumanisierung zu einer "aktiven" gewandelt: "Wenn man über die Pflicht sprach, die Immunität von Zivilisten zu respektieren, wurde das fast als Verbrechen angesehen. Leute sagten, wer so etwas fordere, beschütze Leute, die eigentlich unmenschlich sind." Eine Rolle im israelischen Diskurs habe auch das Bild der Amalekiter gespielt - in der Bibel ein mit den Israeliten verfeindetes Nomadenvolk: "In Anlehnung an diese Geschichte forderten religiöse, aber auch säkulare Führer die Soldaten auf, keine Gnade zu zeigen. Die Behauptung, dass es 'keine Unschuldigen in Gaza' gebe, ermutigte die Soldaten, und das Symbol der Amalekiter verwandelte die Vorstellung, die Menschen dort auszulöschen, von etwas Zulässigem in eine vermeintliche Pflicht. In der Praxis war diese Gleichsetzung eine Legitimation dafür, die Einsatzregeln sehr weit zu fassen (...) So kam es dazu, dass Israel ein hohes Ausmaß an Kollateralschäden in Kauf nahm. 20 Zivilisten für einen Hamas-Aktivisten."
Die Feuilletons bereiten sich auf Hannah Arendts anstehenden 50. Todestag vor: Auf den Bilder und Zeiten - Seiten der FAZ setzt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel speziell mit Hannah Arendts 1943 publiziertem Text "Wir Flüchtlinge" auseinander, den sie als Schlüssel für die später konkreter ausgearbeitete politische Theorie der Autorin liest: "Wenn die Lage der Flüchtlinge und Staatenlosen einen fundamentalen Bruch im Begriff des 'Menschen' bewirkt hat, ist es in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur konsequent, genau deren Status zum Ausgangpunkt zu nehmen, um die Bedingungen des 'Menschen' von Grund auf zu denken. In der Schlusspassage von 'Wir Flüchtlinge' formuliert Arendt implizit ein Programm ihrer künftigen Arbeit, nämlich aus der Perspektive der aus allen Rechten Ausgeschlossenen Einsichten für die europäische Geschichte im Allgemeinen zu erarbeiten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der FRwürdigt der Philosoph Christoph Kann ihr Lebenswerk und umreißt Arendts Begriff von Freiheit: "Um Wege zur Freiheit ringt Arendt auf unterschiedlichsten Ebenen und anhand eines differenzierten Freiheitsbegriffs. Demnach besteht Freiheit nicht nur als Abwesenheit von Zwängen, also als 'Freiheit von', etwa von Not, Furcht und Unterdrückung, sondern als Möglichkeit gemeinsamen politischen Handelns mit dem Ziel kollektiver Weltgestaltung als einer 'Freiheit zu'. Das Moment des Kollektiven, des gemeinschaftlichen Beratens und Handelns, macht Freiheit zu 'Gleichfreiheit'. Der Neologismus steht programmatisch für die gegenseitige Bedingtheit von Gleichheit und Freiheit in ihrer dynamischen Spannung, die das Individuum als Gleiches unter Gleichen agieren und Öffentlichkeit in gegenseitigem Respekt zur Entfaltung kommen lässt."
Eine Reise nach Japan lässt die Schriftstellerin Nava Ebrahimi in der SZ über das Problem der Überalterung in einer Gesellschaft nachdenken. In Japan sinkt die Geburtenrate massiv, sie kann deshalb eine Veränderung in der sozialen Dynamik des Landes beobachten: Während Kinder "wie kleine Gottheiten" behandelt würden, bringe man älteren Menschen weniger Respekt entgegen, ihre gesellschaftliche Stellung werde prekär: "Alternde Gesellschaften befinden sich in einem seltsamen Zwiespalt. Sie wollen mehr Kinder, und die Regierungen setzen mancherorts großzügige monetäre Anreize mit dem Ziel, Frauen zu Nachwuchs zu motivieren. Sie zeigen oftmals jedoch kaum Wirkung, zumindest in Japan nicht, und auch in Deutschland nicht, wo die Geburtenrate im vergangenen Jahr auf 1,35 erneut gesunken ist. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig. Aber womöglich liegt ein Grund darin, dass junge Menschen heute wissen: Sobald die Kinder dann da sind, werden sie strukturell vernachlässigt, weil sie einer Übermacht an Alten gegenüberstehen, sie keine echte Lobby haben, niemand ihre Interessen berücksichtigt, langfristige Investitionen, in Bildung zum Beispiel, unpopulär sind."
Ebenfalls in der SZ mahnt Nils Minkmar deutsche Familienunternehmen, sich ihrer Geschichte bewusst zu sein und das Flirten mit der AfD zu unterlassen: "Besonders alarmierend war die Aussage der Präsidentin des Familienunternehmer-Verbandes, Marie-Christine Ostermann. Unter anderem verlangte sie, man solle über die AfD nicht ausschließlich in den Kategorien 'gut und böse' reden - und paraphrasierte damit Friedrich Nietzsche, dessen Philosophie bekanntlich jenseits von Gut und Böse angesiedelt ist." Die "Brandmauer, die der Verband der Familienunternehmer aufgeben möchte, ist kein hübsches Dekoelement. Sie ist eine tragende Wand dieser Republik."
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