9punkt - Die Debattenrundschau
Mit deinen Sachen zum Ausgang
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2025. Tayyip Erdogan ist es nie gelungen, die türkische Kulturszene auch nur im mindesten auf seine Seite zu ziehen. Dafür bestraft er sie nun mit immer neuen Festnahmen, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Politischen Gefangenen in Russland ergeht es noch schlimmer, erfahren wir in der SZ. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, und das ist richtig so, meint Lejournal.info. In den 683 Tagen seit dem 7. Oktober 2023 gab es in Berlin 865 Demonstrationen gegen Israel. Aber das reicht laut taz nicht aus - morgen folgt die größte aller Zeiten.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
26.09.2025
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Europa

Frankreich ist ein Paradies, das sich für die Hölle hält, hat Pascal Bruckner mal gesagt. Diese These bestätigt Didier Eribon im Gespräch mit Verena Mayer von der SZ und beschwört, wie man es in Frankreich seit Jahren tut - eine "Wut, das Gefühl, dass sich etwas ändern muss". Auf die Frage, ob Frankreich angesichts seiner Verschuldung vor dem Kollaps steht, antwortet er: "Macron hat in den vergangenen Jahren alles getan, um den öffentlichen Sektor zurückzustutzen, Bildung, Gesundheitssystem, die öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn Sie heute in einem kleinen Dorf wohnen, dann ist die Grundschule geschlossen, die Post, der Bahnhof. Zum Arzt müssen Sie 50 Kilometer fahren, in die Geburtsklinik 150. Dazu kommt, dass von Macrons Wirtschafts- und Sozialpolitik vor allem die Vermögenden profitieren."
Tayyip Erdogan ist es nie gelungen, die türkische Kulturszene auch nur im mindesten auf seine Seite zu ziehen. Dafür bestraft er sie nun mit immer neuen Festnahmen, schreibt Bülent Mumay gewohnt sarkastisch in seiner FAZ-Kolumne: Schwule Singer-Songwriter werden wegen angeblich obszöner Liedtexte, Mädchenbands wegen lockerer Kleidung ins Gefängnis gesteckt. Aber nicht jeder wird so schlecht behandelt: "Ich will Ihnen noch von einem anderen Urteil dieser so sehr auf Moral bedachten Justiz unter Regierungskontrolle berichten, das letzte Woche erging. Ein wegen sexualisierter Gewalt und Belästigung eines 12-jährigen Mädchens angeklagter Mufti einer anatolischen Stadt wurde für das gegen ihn laufende Verfahren auf freien Fuß gesetzt, obwohl ihm 19 Jahre Haft drohen. Während Journalisten, Menschenrechtler und Kunstschaffende die in ein Open-Air-Gefängnis verwandelte Türkei nicht verlassen dürfen, wurde für den Mufti das Ausreiseverbot aufgehoben."
Immer kafkaesker ergeht es zugleich politischen Gefangenen in Russland, erzählt Natalja Kljutscharjowa in der SZ. "Meist läuft es folgendermaßen ab: Jemand wurde beispielsweise zu acht Jahren Haft wegen irgendeiner Erklärung gegen den Krieg verurteilt und sitzt seine Haft in einem Lager ab. Plötzlich tauchen in seiner Zelle Beamte auf und befehlen: 'Mit deinen Sachen zum Ausgang.' Man bringt ihn fort, ohne Erklärung, wohin und weshalb. Dann beginnt eine lange und anstrengende Reise ohne klares Ziel, bis sich schließlich herausstellt, dass er sich in Untersuchungshaft befindet - und dass gegen ihn ein neues Verfahren eingeleitet wurde."
Sollte die russische Seele in ihrer unendlichen Duldsamkeit nun doch ein wenig aufgestöbert werden? Sergei Gerasimow macht in seiner NZZ-Kolumne folgende Beobachtung: "Die Russen beginnen offenbar zu verstehen, dass der Krieg auch für sie eine wachsende Misere bereithält. Mit dem Resultat, dass immer weniger bereit sind, den Krieg zu unterstützen oder gar an die Front zu ziehen. Während im 4. Quartal 2023 mehr als 200.000 Personen Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnet haben und im 4. Quartal 2024 mehr als 150.000, waren es im 2. Quartal 2025 nur noch 37.900. Was heißt, dass die russische Armee schrumpft - und höchstwahrscheinlich weiter schrumpfen wird. Es gibt immer weniger 'Fleisch', um die Schützengräben zu füllen."
Gesellschaft
Seit dem 7. Oktober hat die "propalästinensische" Szene bekanntlich recht kräftig demonstriert, resümiert Timm Kühn in der taz: "Allein in Berlin zählt die Berliner Polizei 865 Demonstrationen in den 683 Tagen zwischen dem 7. Oktober und dem 19. August 2025, das ist mehr als ein Protest pro Tag." Und dennoch muss Kühn bedauernd feststellen, dass "die Bewegung gesellschaftlich isoliert geblieben" sei. Das soll sich nun morgen in Berlin ändern: "Es könnte die größte palästinasolidarische Demonstration bisher bundesweit werden... Für Samstag rufen NGOs wie Medico und Amnesty mit der Palästinensischen Gemeinde und der Gruppe eye4palestine zu einer Großkundgebung am Großen Stern auf. Auch die Linkspartei organisiert, nach einigem Zögern und parteiinternen Diskussionen, eine Zubringerdemo. Für die Kundgebung am Großen Stern erwarten die Veranstalter:innen 50.000 Teilnehmer:innen."
Dass Israel in Gaza einen Genozid begeht, scheint für die taz festzustehen. Sie druckt ein Chatgespräch ihrer Autorin Marina Klimchuk mit einer unbenannten Freundin ab. Klimchuk lebte lange in Israel.
"Marina: Es fällt mir schwer zu verstehen, warum du und andere Freundinnen in Israel bleiben. Dieses Land fühlt sich so toxisch und vom Krieg gebeutelt an. Wie kann man dort noch leben?
E: Du hast recht, es ist seltsam. Seltsamer als früher.
M: Inwiefern?
E: Das Land begeht einen Völkermord, und niemand in meinem Umfeld erwähnt ihn auch nur...
M: Die Bevölkerung leugnet immer noch, dass es ein Genozid ist?
E: Niemand spricht darüber. Man schweigt es tot.
M: Weil es ihnen egal ist.
E: Es geht immer nur um die Geiseln."
Dass Israel in Gaza einen Genozid begeht, scheint für die taz festzustehen. Sie druckt ein Chatgespräch ihrer Autorin Marina Klimchuk mit einer unbenannten Freundin ab. Klimchuk lebte lange in Israel.
"Marina: Es fällt mir schwer zu verstehen, warum du und andere Freundinnen in Israel bleiben. Dieses Land fühlt sich so toxisch und vom Krieg gebeutelt an. Wie kann man dort noch leben?
E: Du hast recht, es ist seltsam. Seltsamer als früher.
M: Inwiefern?
E: Das Land begeht einen Völkermord, und niemand in meinem Umfeld erwähnt ihn auch nur...
M: Die Bevölkerung leugnet immer noch, dass es ein Genozid ist?
E: Niemand spricht darüber. Man schweigt es tot.
M: Weil es ihnen egal ist.
E: Es geht immer nur um die Geiseln."
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