Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2025. Die Ukraine droht gerade, den Krieg zu verlieren und zu Gebietsabtretungen gezwungen zu werden. Anders als im Gazakrieg bleiben Medien und Zivilgesellschaft dazu weitgehend stumm - nur Donald Trump redet. Es gibt ja auch so viel anderes zu bedenken: In der SZ beklagt der Erziehungswissenschaftler Klaus Ziererzu viele Abiturienten und zu wenig Respekt für Ausbildungsberufe. In der FAZ plädiert der Soziologe Robert Dorschel für die Einführung einer Vermögensteuer. In der Welt ärgert sich Matthias Heine über den Vorwurf, Kulturstaatsminister Weimer habe ein Genderverbot ausgesprochen. Und hpd fragt: Warum sind die Konfessionslosen in den Öffentlich-Rechtlichen so unterrepräsentiert?
Die Ukraine droht gerade große Gebiete an Russland, wenn nicht den ganzen Krieg zu verlieren. Von Europa hört man dazu nicht viel. Donald Trump will sich dafür am Freitag in Alaska mit Putin treffen, um über Gebietsabtretungen der Ukraine zu sprechen. Am Montag gab er dazu eine Pressekonferenz, seine Antworten auf die anschließenden Fragen hat Andreas Ross auszugsweise für die FAZ übersetzt. Man möchte sich auf der Stelle übergeben: "Was mich ein wenig gestört hat, war Selenskyjs Aussage, er müsse eine verfassungsmäßige Zustimmung zu etwaigen Gebietsabtretungen einholen. Er hat das Recht, in den Krieg zu ziehen und alle zu töten, aber er braucht Zustimmung, um einen Landtausch durchzuführen? Denn es wird einen Landtausch geben. Das weiß ich von Russland und durch Gespräche mit allen Beteiligten - zum Wohle der Ukraine ... Russland hat einen großen Teil der Ukraine besetzt. Sie haben einige sehr wertvolle Gebiete besetzt. Wir werden versuchen, einen Teil dieser Gebiete für die Ukraine zurückzugewinnen . . . Die Russen haben vor allem Küstengebiete eingenommen - in der Immobilienbranche nennen wir das 'Oceanfront Property' . . . Wenn Besitz an einem See, einem Fluss oder einem Meer liegt, ist das immer die beste Lage. Viele Menschen wissen nicht, dass die Ukraine im Wesentlichen aus tausend Meilen am Schwarzen Meer bestand. Das ist nun weg, bis auf ein kleines Gebiet, Odessa . . . Es ist nur noch ein kleines Stück am Wasser übrig . . ." Wer den Magen dafür hat, kann sich die gesamte Pressekonferenz auf Youtube anhören.
In einem kurzen Kommentar in der FAZ fasst sich Nikolas Busse an den Kopf: Trump "will Selenskyj in Alaska nicht dabeihaben und kritisiert den ukrainischen Präsidenten wieder öffentlich mit haarsträubenden Argumenten." Es "spricht nicht viel dafür, dass Trump ein Ergebnis vor Augen hat, das 'zum Wohle der Ukraine' ausfallen würde, wie er sagt". Ansonsten bleiben Medien und Zivilgesellschaft - anders als im Gazakrieg - bemerkenswert stumm.
Donald Trump ist mit seiner radikalen Kürzung des Wissenschaftsetats zwar nicht durchgekommen, dafür hat er jetzt per Dekret die Verteilung der Fördergelder an politische Beamte mit strikten ideologischen Vorgaben übergeben, berichtet in der FAZ Thomas Thiel: "Punkt für Punkt wird ausgeführt, was alles nicht gefördert werden darf: Wissenschaft, die den Glauben verbreitet, es gebe mehr als zwei Geschlechter, die ethnische Diskriminierung untersucht oder die illegale Immigration fördert. ... Nun stimmt es, dass Forschung zu Diversity, Equity and Inclusion nicht immer frei von ideologischen Färbungen war, die MAGA-Ideologie, die man der Wissenschaft als Gegenprogramm verordnen will, ist dazu aber nur die verzerrte Alternative. Im neuen Dekret wird nicht der geringste Versuch gemacht, sinnvolle Maßnahmen zum Minderheitenschutz von identitärer Propaganda abzugrenzen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auf der Geisteswissenschaftenseite der FAZ liest Friedrich Wilhelm Graf die seinerzeit ungedruckt gebliebene, jetzt bei Duncker und Humblot erschienene philosophische Dissertation des Historikers Thomas Nipperdey.
Im Interview mit der SZ findet es der ErziehungswissenschaftlerKlaus Zierer fatal, dass es heute so viele Einser-Abiture gibt und dass überhaupt so viele Kinder Abitur machen - was in seinen Augen zwangsläufig eine Senkung des Standards bedeutet, der ganz überflüssig wäre, würde man Ausbildungsberufen mehr Respekt entgegenbringen: "Wir haben viele Berufe akademisiert, denen das nicht guttut. Bestes Beispiel ist für mich die Hebammen-Ausbildung. Das duale Modell von früher hat hervorragend funktioniert. Im Zuge der Bologna-Reform ist die Ausbildung an die Fachhochschulen gewandert und hat ihren dualen Charakter verloren. Wer heute Hebamme werden möchte, braucht eine Hochschulzugangsberechtigung. Dabei muss eine gute Hebamme doch keine Akademikerin sein. Durch die Überakademisierung entwerten wir außerdem im Umkehrschluss jene Berufe, für die es kein Abitur braucht und die für die Gesellschaft oft einen höheren Wert haben. Und das zulasten des Bildungsniveaus am Gymnasium. Denn in den Pisa-Studien sehen wir, dass die Kompetenzen permanent sinken - obwohl die Einser-Quote beim Abitur nach oben geht."
In der FAZ plädiert der SoziologeRobert Dorschel für die Einführung einer Vermögensteuer statt die Erhöhung der Einkommenssteuer oder der Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung. Letztere würden die heutige Klassengesellschaft vertiefen, in der, wer über Aktienvermögen oder Wohneigentum verfügt, immer besser steht als der, der sich sein Einkommen erarbeiten muss. Und für eine Vermögensteuer, die selbst eine Mehrheit von CDU-Wählern befürworten würde, gibt es inzwischen auch vernünftige Vorschläge, so Dorschel: "Der britische WirtschaftswissenschaftlerArun Advani hat eine einmalige Vermögensteuer ins Spiel gebracht, die dann über viele Jahre hinweg abgezahlt werden kann. Das würde Hausbesitzer nicht zum Verkauf zwingen und wäre rechtlich leichter realisierbar als eine dauerhafte Abgabe. In Deutschland wäre eine solche einmalige Vermögensteuer zudem kein Novum. 1952 beschloss die CDU-geführte Bundesregierung eine einmalige Vermögensabgabe, um die materiellen Folgen von Krieg und Vertreibung auszugleichen. Die Abgabe konnte über dreißig Jahre hinweg abgezahlt werden."
Kulturstaatsminister Weimer hat kein Genderverbot ausgesprochen, sondern beharrt schlicht auf korrektem Deutsch im amtlichen Sprachgebrauch, schreibt Matthias Heine, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, sichtlich verärgert in der Welt. Denn erstens wendet er sich nur "gegen Sonderzeichen wie Sternchen, Doppelpunkt und Binnen-I" und zweitens betrifft die Anweisung nur "den öffentlichen und offiziellen Sprachgebrauch des Ministeriums. Und hier ist sie nur folgerichtig. Denn Paragraph 23, Absatz 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes regelt eindeutig: 'Die Amtssprache ist Deutsch'. ... Niemand spricht von einem 'Falschschreibverbot', weil amtliche Texte orthographisch und grammatisch korrekt abgefasst sein müssen. Beim Gendern handelt es sich um die Sondersprache einer Gruppe, die sich damit nach innen und außen zu erkennen gibt. Es ist darin vergleichbar der Jugendsprache, dem Kiezdeutsch, dem Esperanto, der Keddelkloppersprook, Klingonisch oder einem Dialekt."
In der SZ fragt sich Peter Laudenbach, was genau die etwa 400 Künstler wollen, die einen offenen Brief an Friedrich Merz zum Gazakrieg unterzeichnet haben (unser Resümee): "Sollte der Kanzler, beeindruckt von der geopolitischen und völkerrechtlichen Expertise zum Beispiel des Schlagersängers Giovanni Zarrella, des Rappers Ski Aggu und der TV-Entertainer Joko und Klaas erleichtert aufatmen, weil ihm endlich jemand sagt, was zu tun ist? Merken die Entertainer nicht, dass sie sich etwas verheben, wenn sie bei begrenzter Kompetenz die Nahostpolitik definieren wollen? Niemand wird ihre redliche Intention bezweifeln. ... Was den Brief der Kreativen neben der Vorstellung, es gäbe für komplizierte Fragen einfache Antworten, so unangemessen macht, ist, dass sie ihn nicht als Bürger mit anderen Bürgern, sondern als Statement vom roten Teppich veröffentlicht haben. Offenbar verwechseln sie Prominenz mit überlegener politischer Glaubwürdigkeit."
Wie ausgewogen kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein, wenn 47 Prozent der Zuhörer keiner Konfession angehören, nicht-religiöse Weltanschauungen im ÖRR aber kaum vorkommen, fragt Reiner Keller in hpd. "Selbst wenn mit dem Suchtext 'Atheismus' explizit nach Gegenentwürfen zu den Religionen gesucht wird, werden fast ausschließlich religiöse Inhalte transportiert. Statt Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit Hofberichterstattung, die zwar oft auch kritisch ist, aber nur gegen das irdische 'Personal' der Religionsgemeinschaften, der Glaube an Übernatürliches wird nur selten in Frage gestellt, selbst wenn der Titel der Sendung etwas anderes verspricht. Für humanistische Menschen ist das ein Ärgernis, insbesondere da dem ÖRR nicht einfach gekündigt werden kann, so wie das bei Zeitungen und Streamingdiensten selbstverständlich ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Wie konnte das geschehen?" ist eine Kinderfrage und zugleich die ambitionierteste Frage, die man im Blick auf die Nazizeit stellen kann. Wir veröffentlichen seit einigen Tagen einige kurze Abschnitte aus Götz Alys Buch gleichen Titels vorab:
Teil 3: Priester einschüchtern "Wir haben weder Ruh noch Rast, bis der Bischof hängt an einem Ast." Die Katholiken waren wesentlich weniger begeistert von den Nazis als die Protestanten. Die Widerspenstigkeit der Katholischen Kirche fürchtete Hitler darum mehr als die manch anderer Gruppen. Aber die Kirche bot eine fantastische Angriffsfläche: Sexuellen Missbrauch. Zur Leseprobe.
Der bekannte Antisemitismus-Historiker Jeffrey Herf postet auf Facebook einen Artikel der Baltimore Sun, in dem es um die größte Lehrergewerkschaft der USA, die NEA, geht. Gestolpert ist die Zeitung über die sehr eigenwillige Holocaust-Definition in einem Handbuch über ihre Aktivitäten, das die Gewerkschaft in jedem Jahr publiziert. "In der 434-seitigen Fassung von 2025 heißt es in einem Abschnitt mit dem Titel 'Neue Aufgaben', dass die Gewerkschaft 'die Feier des Internationalen Holocaust-Gedenktags fördern wird, indem sie mehr als zwölf Millionen Opfer des Holocaust aus verschiedenen Glaubensrichtungen, Ethnien, Rassen, politischen Überzeugungen, Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten, Fähigkeiten/Behinderungen und anderen Merkmalen anerkennt'. In der einen Absatz langen Erklärung wird nicht erwähnt, dass die Nazis ausdrücklich versucht haben, das jüdische Volk in Europa zu vernichten, oder dass sie sechs Millionen Juden ermordet haben, mehr als die Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe, eine Zahl, die von Historikern weltweit anerkannt ist." Abgesehen davon, dass sich der Begriff "Holocaust" auf den Judenmord bezieht und nicht auf die Gesamtheit aller Naziverbrechen.
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