Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2024. Die Extremismusforscherin Amy Cooter gibt in der FAZ Entwarnung: Sollte Kamala Harris die amerikanischen Wahlen gewinnen, kommt es nicht zum Bürgerkrieg. Trump ist ein Performer, kein Schauspieler, sagt Richard Sennett im Tagesspiegel. Die taz erinnert an die Teilung Zyperns vor fünfzig Jahren. Die SZ stürzt den ehemaligen "lieben Gott" von Ingolstadt. Die Öffentlich-Rechtlichen sollen nicht mehr so viel texten, berichtet die SZ.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nicht so gut weg kommt Alexej Nawalnys gefeierte Autobiografie "Patriot - Meine Geschichte" in der FAS-Kritik von Nikolai Klimeniouk. Der Text sei "ein Dokument maßloser Selbstüberschätzung, ein Zeugnis der Unfähigkeit, die eigene Gesellschaft kritisch zu betrachten und das Regime zu verstehen, gegen das der Autor so heldenhaft gekämpft hat. 'Das russische Volk ist gut, unsere Führer sind entsetzlich' - diese Banalität wird in dem Buch wörtlich und in verschiedenen Variationen unzählige Male wiederholt."
Nun wächst zusammen, was zusammengehört, konstatiertRuhrbaron Stefan Laurin, nachdem das BSW im sächsischen Landtag einen Antrag der AfD zur "Corona-Aufarbeitung" unterstützte. Zuvor hatte das BSW einen eigenen Antrag gestellt, der aber scheiterte. "Nun spricht nichts dagegen, die Corona-Politik aufzuarbeiten, denn es wurden Fehler gemacht, die man bei der nächsten Pandemie vermeiden sollte. Doch liest man sich den Antrag der AfD durch, geht es nicht um seriöse Aufarbeitung. Dort ist von 'unterdrückten Bürgerprotesten' und 'schwerwiegenden Grundrechtsverletzungen' die Rede. Der Rechtsstaat sei mit Füßen getreten worden und die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden." Hier manifestiert sich für Laurin sozusagen zum ersten Mal offiziell, was auf der Hand liegt: "AfD und BSW verbindet mehr, als sie trennt." Michael Maier von der Berliner Zeitungbeklagt allerdings, dass Wagenknecht in Thüringen auch bei der Corona-Aufarbeitung bereits von ihren Prinzipien abgewichen sei.
Die ExtremismusforscherinAmy Cooter hat sich jahrelang mit den "Milizen" in Amerika beschäftigt. Nicht alle sind rechtsextrem, beruhigt sie im Gespräch mit Frauke Steffens von der FAZ. Radikale Gruppen wie die "Oath Keepers" sieht sie als eher geschwächt an. Dass es bei den Wahlen zu Gewalt kommt, will sie aber nicht ausschließen: "Ich selbst mache mir weniger Sorgen über einen weiteren großen Aufstand wie am 6. Januar, sondern eher über verstreute Gewalt auf einer kleineren Skala. Einzelpersonen oder kleine Gruppen könnten Menschen in der Nähe der Wahllokale einschüchtern oder möglicherweise Wahlhelfer oder Gebäude angreifen, die mit der Wahl verbunden sind. Es ist nicht unmöglich, dass einige dieser extremeren Individuen Gewalt ausüben werden, möglicherweise sogar vor der Wahl, wenn sie glauben, dass die Wahl nicht ordnungsgemäß durchgeführt wird."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Richard Sennetts neuestes Buch "Der darstellende Mensch" handelt vom Zusammenhang zwischen Schauspiel und Politik. Im Gespräch mit Moritz Honert und Adrian Schulz vom Tagesspiegel erklärt Sennett, warum er Donald Trump nicht als "Schauspieler" betrachtet: "Trumps Geschäft sind Phantasmen. Er ist nicht Machiavellis Fürst, der aus rationalen Gründen eine Persona übernimmt, um ein Ziel zu erreichen. Ein Schauspieler spielt eine Rolle, ein Performer muss das nicht, er zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er in der Lage ist, Menschen durch verbale und nonverbale Kommunikation mitzureißen - egal was er auf der Bühne macht."
Der Politiker und Autor Shashi Tharoorzeichnet in der NZZ ein faszinierendes Bild der indischen "Kastengesellschaft". Wie "Hindu" oder "Curry" sei das Wort "Kaste" allerdings "ein Wort, das von Außenstehenden erfunden wurde, um zu beschreiben, was Inder intuitiv verstehen". Tharoors Befund ist äußerst widersprüchlich. Einerseits konstatiert er, dass es kaum mehr möglich sei, "die Kastenzugehörigkeit eines Passanten zu erkennen, der sich auf der Straße an einem vorbeidrängelt, oder auch die des Kochs, der das Essen in einem Restaurant zubereitet. Mehr als die Kaste sind Bildung und Einkommen für die heutigen Ungleichheiten verantwortlich. Das Stigma der Kaste verschwindet in den öffentlichen Räumen der indischen Städte schneller als das der Ethnie in den Vereinigten Staaten. Der indische Soziologe André Beteille sagte einem amerikanischen Interviewer einmal: 'Ihre Schwarzen sind sichtbar. Unsere nicht.'" Aber andererseits "werden über 90 Prozent der Ehen immer noch von den Eltern arrangiert, fast immer innerhalb derselben Kaste. Ebenso wenig ist die auf dem Kastenwesen beruhende Diskriminierung verschwunden."
Lange haben die Ministerpräsenten der Länder mit der Reform der öffentlich-Rechtlichen Sender gezögert - schließlich profitieren sie alle von den Sendern ihrer Länder, die ihnen ihre Relevanz zurückspiegeln. Nun wurde gestern ein Plan vorgestellt: Die Kultursender Arte und 3sat sollen fusioniert werden oder auch nicht, und manches andere. Die Entscheidung über die Gebührenerhöhung wurde dagegen vertagt, weil man die Finanzierungsmodi verändern wolle. Aurelie von Blazekovic und Claudia Tieschky berichten für die SZ. Die Lobbyisten der Zeitungen haben sich aber in einem Punkt durchgesetzt: "Beschlossen sind nun Neuerungen in einem anderen alten Streit, der zuletzt in den Sendern für besonders viel Aufruhr sorgte, gefühlt mehr als die Tatsache, dass manche Sender in Gänze verschwinden. Nämlich: schärfere Regeln zur Presseähnlichkeit." Da die Zeitungen selbst immer weniger Texte online bringen, möchten sie auch nicht, dass jemand anders in die Lücke grätscht. Ein Riesengewinn für die Demokratie!
Da passt die jüngste Kolumne von Ronya Othmann in der FAS: Sie beschreibt die immer polarisierteren sozialen Medien und ihr kompliziertes Wechselspiel mit den traditionellen Medien, die mitspielen und zuweilen gegenhalten: Aber "die Öffentlichkeit hat sich mehr und mehr aufgesplittert, ist in Nischen abgewandert. Dabei ist sie das Fundament der Demokratie." Und der Internetkritiker Adrian Lobe stellt ebenfalls in der FAS fest: "Ohne eine Hierarchisierung von Informationen wird die digitale Öffentlichkeit auf Dauer nicht funktionieren können."
Eliana Berger erinnert in einem schönen persönlichen Text für die wochentaz an die Teilung Zyperns vor genau fünfzig Jahren. Nach Konflikten mit der griechischen Militärjunta besetzte die Türkei den Norden: "5.000 Menschen wurden getötet. 162.000 griechische Zyprioten flohen in den Süden, 48.000 türkische Zyprioten in den nun türkisch kontrollierten Norden." In dem Dorf von Eliana Bergers Großmutter stellt sich die Lage heute so dar: "Lange Zeit war Kalavasos ein gemischtes Dorf, 1960 lebten hier 881 griechische und 243 türkische Zyprioten. 1976, zwei Jahre nach dem Krieg, waren es laut Dorfchronik 870 griechische und null türkische Zyprioten. Dafür waren Geflüchtete aus dem besetzten Norden gekommen. Sie lebten in verlassenen türkischen Häusern und Ferienwohnungen. Heute ist Kalavasos vor allem ein Urlaubsort."
Der Historiker Thomas Schuler erzählt in der SZ die Geschichte des Wilhelm Reissmüller, des ehemaligen, in Bayern hochgeehrten Verlegers des Donaukurier. In Ingolstadt war diese Zeitung maßgeblich. Reissmüller hatte von sich das Märchen verbreitet, er sei in wesentlicher Rolle in der Widerstandsgruppe des 20. Juli beteiligt gewesen - erstunken und erlogen, so Schuler. Reissmüller war in seiner Jugend ein fanatischer und höchst aktiver Nazi, was nach dem Krieg zwar irgendwie bekannt war, aber niemand nahm es ihm übel - er war als Verleger einfach zu einflussreich (so viel zur gerade wieder beschworenen Rolle der Zeitungen für die Demokratie). "Die Menschen in Ingolstadt nannten ihn den 'lieben Gott', so allmächtig erschien er. Eine Studie der Universität München über sein Zeitungsmonopol beschrieb ihn in den Siebzigern als 'graue Eminenz' und betonte, er lenke die Geschicke der Stadt in Politik, Kultur und Gesellschaft. Oberbürgermeister und Stadträte kuschten vor ihm."
Außerdem: Der Wiener Autor Franz Schuhbestreitet in der NZZ, dass Österreich in der Nazizeit nur allzu willig mitgemacht hat, es habe auch Widerstand gegeben - offen bleibt allerdings, wie ironisch er das meint: "Dass Österreich das erste Opfer Hitlers war, ist eine Halbwahrheit, die man gerne als eine ganze Lüge entlarvt."
Der Jugendforscher Simon Schnetzer hat in Umfragen als einer der ersten benannt, dass Jugendliche immer häufiger zur AfD neigen. In der wochentazinterpretiert er die Ergebnisse: "Die allgemeine Lebenszufriedenheit dieser jungen Generation ist - entgegen dem Bild, das oft von der glücklichen, digital vernetzten Jugend gezeichnet wird - aktuell auf einem Tiefstand. Der Trend wurde nach den Pandemiejahren nicht positiver, sondern deutlich negativer. Ein entscheidender Faktor ist die wirtschaftliche Situation, die sich für viele junge Menschen tagtäglich bemerkbar macht: Wenn sie verzichten müssen und trotz guter Chancen auf dem Arbeitsmarkt voll Ungewissheit in die Zukunft blicken. Hier setzt die AfD an: Sie spricht gezielt Menschen an, die das Gefühl haben, vom politischen System vergessen worden zu sein."
Elisa Schwarz begibt sich für die Seite 3 der Süddeutschen in die Moore, die nun bekanntlich wieder hergestellt werden sollen: "Wenn es um das Moor geht, denken viele gleich an den Sumpf. An eklige Würmer und unheimliche Tümpel. ... An den Klimaschutz denken die wenigsten. Daran, dass die Moore weltweit doppelt so viel Kohlenstoff speichern wie alle Wälder zusammen. Dass sie Wasser aufsaugen wie ein Schwamm und so vor Hochwasser schützen. Daran, dass sich das Moor vielleicht nicht so gut umarmen lässt wie ein Baum, aber trotzdem ein Klimaheld ist. Einen, den man schützen muss." Und an die Mücken denkt offenbar auch keiner - Schwarz erwähnt sie jedenfalls nicht. An der von ihnen ausgelösten Malaria starben in Europa Zehntausende, auch ihretwegen wurden die Sümpfe hier trockengelegt.
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