9punkt - Die Debattenrundschau

Ein bisschen Wärme für dieses System

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2018. In der Zeit verteidigt Udo Di Fabio das Kreuz in bayerischen Ämtern - auch Muslime wollten schließlich keine "gottlose" Gesellschaft. Bei der re:publica erklären öffentlich-rechtliche Repräsentanten, warum sie noch mehr im Netz präsent sein wollen. Die SZ fordert eine Weltinnenpolitik, um ökologische Katastrophen zu verhindern. Zeit und FR feiern die Ausstellung "Gewalt und Geschlecht" im Militärhistorischen Museum Dresden. Und der Economist erklärt, warum er die amerikanische Hauptstadtpresse meidet.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2018 finden Sie hier

Religion

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio sieht das Kreuz in bayerischen Amtsstuben wohlwollend. Besonders gläubige Muslime dürften sich davon nicht verletzt fühlen, meint er in der Zeit: "Wer genau hinschaut, wird sehen, dass viele Menschen islamischen Glaubens und auch manche Atheisten ihre Kinder gerne in konfessionelle Kindertagesstätten oder Schulen schicken. Manche muslimische Familie will ganz gewiss keinen Beitrag im antiwestlichen Kulturkampf fundamentalistischer Strömungen leisten, aber sie fürchtet dennoch eine 'gottlose' Gesellschaft mehr als jede konkurrierende Religion."
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Stichwörter: Di Fabio, Udo

Medien

Die Öffentlich-Rechtlichen sind bei der re:publica (angeblich eine Internetkonferenz) sehr präsent. Und die Besetzung mancher Podien gibt den Sendern die Heldenrolle (etwa das Podium "Journalismus im Netz: Zwischen Fakten, Fake, Haltung und Hate", das fast ausschließlich mit öffentlich-rechtlichen Repräsentanten besetzt war). Marvin Schade berichtet für Meedia, dass es auf anderen Podien um die Zukunft der Sender ging und dass die RBB-Intendantin Patricia Schlesinger außer den 8 Milliarden Euro Gebühren "ein bisschen Liebe, ein bisschen Wärme für dieses System" einklagte. "Darüber hinaus fordert die Intendantin die Überarbeitung des Telemediengesetzes, das bereits vor seiner Entstehung vor zehn Jahren inaktuell gewesen sei. 'Wir müssen definieren, wie wir uns im Netz aufstellen.' Wenn das Telemediengesetz Aktivitäten, die von den Öffentlich-rechtlichen gefordert werden, verhindere, sei das 'der Tod auf Raten', so Schlesinger."

Die amerikanische Presse hat sich immer noch nicht über die ungewöhnlich scharfe Rede der Komikerin Michelle Wolf beim "White House Correspondents' Dinner" in der letzten Woche beruhigt. Michelle Wolf solle sich entschuldigen, hatten einige Mitglieder der Hauptstadtpresse gefordert - unter anderem hatte sie auch die Presse selbst angegriffen, die mit Trump prächtig Geld verdient ("Ihr habt dieses Monster mit geschaffen und profitiert nun von ihm"). Der unter dem Kürzel J.F. schreibende Autor des Economist kann ihr nur zustimmen: "Die amerikanische Presse hat sowieso eine Neigung zur Reverenz und Exklusivität. Dass Journalisten mit mächtigen Leuten, über die sie eigentlich unparteiisch berichten sollen, Feten feiern, gehört sich nicht. Zum Teil auch aus diesem Grund hat der Economist seit einigen Jahren niemand mehr dahin geschickt."

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Geschichte

Masha Shpolberg stellt in einem sehr instruktiven kleinen Essay im Tabletmag einige Filme vor, die im Zusammenhang mit den antisemitischen Vertreibungen in Polen 1968 entstanden sind. "Freidenkende Universitätsprofessoren wie Zygmunt Bauman und der nicht jüdische Philosph Leszek Kolakowski verloren ihre Posten. Man behauptete, dass Zionisten die Regierung infiltriert hätten, und Juden wurden aus der Partei entfernt. Wer seinen Job nicht verlor wurde von Kollegen und Parteigenossen gemobbt und zum Verlassen des Landes getrieben 1972 hatten etwa die Hälfte oder zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung und einige ihrer nicht jüdischen Intellektuellen das Land verlassen." Tablet bindet Marian Marzyńskis Film 'Skibet' ein, der eine Gruppe junger jüdischer Intellektueller zeigt, die auf einem Schiff nach Dänemark geflohen sind und dort ein neues Leben beginnen."


Besprochen wird außerdem eine Schau zum "Mythos Bayern" im Kloster Ettal (SZ, FAZ).
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Ideen

So viel besser als der Islam, der so häufig kritisiert wird, ist die Aufklärung auch wieder nicht, meint die Autorin Susanne Kaiser in Spiegel online: "Die Aufklärung hat auch noch ein paar andere Dinge hervorgebracht, auf die wir uns lieber nicht öffentlich besinnen. Den Kolonialismus, den Faschismus und die Shoah zum Beispiel. Weshalb sich Juden über die zynische Wendung 'christlich-jüdische Tradition des Abendlandes' nur wundern können. Theodor Adornos 'Dialektik der Aufklärung' zeigt den Zusammenhang zwischen Aufklärertum und Holocaust schon 1944. Nächstenliebe kommt da nicht vor."

Angesichts der ökologischen Katastrophen bedarf es einer Weltinnenpolitk, die über das Völkerrecht hinausgeht, schreibt Andreas Zielcke in Teil 2 der SZ-Serie zum Anthropozän. Die in den Verfassungen der Staaten festgesetzten Regelungen zum Umweltschutz reichen nicht mehr: "Um mehr als den Schutz der 'natürlichen Lebensgrundlagen' geht es auf der Erde nicht. Aber weder Deutschland noch sonst ein Staat will sich wirklich die planetarische Verantwortung aufladen. Also ist die Formel nicht beim Wort zu nehmen. Welche geografische Begrenzung ist dann hineinzulesen? Nur die Umwelt auf nationalem Terrain? Nein, sagen Verfassungsjuristen, schon wegen des Klimawandels sind auch grenzüberschreitende Prozesse zu erfassen. Bis wohin aber, bleibt im Dunklen."

Außerdem: Rudolf Walther schreibt in der taz zum Tod des marxistischen Philosophen Elmar Altvater. Im Standard würdigt Blätter-Mitherausgeber Ulrich Brandt Altvaters Lebenswerk. Weitere Nachrufe und Texte des Philosophen sind bei Twitter unter #Altvater zu finden. In der NZZ befasst sich die Ökonomin Karen Horn mit verschwörungstheoretischen Termini im Werk von Karl Marx. Ebenfalls in der NZZ untersucht der Philosoph Martin Rhonheimer bis heute wirkende marxistische Denkweisen. 

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Gesellschaft


Sylvie Fleury, First Spaceship on Venus, 1995. © Sylvie Fleury

Adam Soboczynski war für die Zeit bei der Eröffnung einer Ausstellung des Militärhistorischen Museums in Dresden, die unter dem Titel "Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg - Weiblicher Frieden?" Geschlechterfragen thematisiert. Nach den Streitigkeiten um die Konzeption lief alles ganz harmlos ab, alle waren zufrieden: "Das Bild von der naturgegebenen Friedfertigkeit der Frau wird durch die Vorstellung sogenannter Cross-Dresserinnen, die in Männerkleidung über Jahrhunderte hinweg mit größter Begeisterung am Krieg teilnahmen, genauso infrage gestellt wie eine naturgegebene Brutalität von Männern. So werden auch bestialische Ermordungen von notgelandeten Fliegern der Alliierten rekonstruiert, die in den letzten Kriegsmonaten von deutschen Frauen auf Feldern gesteinigt oder anderweitig gelyncht wurden."

Und auch Arno Widmann empfiehlt die Ausstellung in der FR: "'Gewalt und Geschlecht' ist sicher eine der sehenswertesten Ausstellungen, die es zurzeit im deutschsprachigen Raum zu sehen gibt. Sie zeigt keine große Kunst. Sie regt an, hilft einem beim Denken. Sie tut das, indem sie unsere Empfindungen anspricht. Das ist der Weg der Aufklärung: über die Sinne in den Verstand, und wenn ausnahmsweise einmal alles gut geht, dann geht es wieder vom Verstand in die Sinne. Aber dafür sind dann wir Besucher zuständig."

Im Interview mit der Zeit ärgert sich Svenja Flaßpöhler, die gerade ein Buch zum Thema geschrieben hat, über den "hashtag-Feminismus" der #metoo-Bewegung. Der, findet sie, reproduziere doch nur patriarchale Denkmuster: "Kulturgeschichtlich hat man das weibliche Begehren passiv und negativ gedacht. Freud fand, der Ausdruck 'weibliche Libido' lasse 'jede Rechtfertigung' vermissen. Und schon Rousseau hat in Emile ausgeführt, dass sich die Sexualität der bürgerlichen Frau durch das Nein-Sagen ausbilde. Diese Logik der Negativität findet man im heutigen Hashtag-Feminismus wieder. Bei #MeToo ist nur der Mann begehrend, das Begehren der Frau bleibt auffällig leer. ... Eine potente Frau wertet die Sexualität des Mannes nicht ab, sondern die eigene auf."

Peter Schneider nimmt in der Welt (leider bisher nicht online) moralische Überlegenheitsattitüden in der Flüchtlingsdebatte aufs Korn: "Ich behaupte, dass der Riss, der seit Angela Merkels großherziger Entscheidung, die in Budapest und Wien gestrandeten Flüchtlinge aufzunehmen, durch das Land geht, wenig oder nichts mit dem Für und Wider zu dieser Entscheidung zu tun hat. Was das Land gespalten hat, war und ist die Art, wie die Folgen dieser Entscheidung von der politischen Elite und einer selbst ernannten Phalanx 'der Anständigen' vorgetragen und verharmlost wurden. Kein Zweifel, die enorme Hilfsbereitschaft, die die deutsche Bevölkerung den Flüchtlingen entgegenbrachte, hat zunächst alle Fragen in den Hintergrund gedrängt. Aber als die Fragen aufkamen, wurden sie eher durch moralische Appelle als durch sachgerechte Auskünfte beantwortet." Zum selben Thema schreibt der Völkerrechtler Daniel Thym im Verfassungsblog sehr gelehrt - und widerlegt die unter anderem in der "Gemeinsamen Erklärung 2018" (unsere Resümees) vorgebrachte Behauptung, die deutsche Regierung habe bei der Grenzöffnung 2015 Recht gebrochen.

Politische Korrektheit ist sowohl von links als von rechts zur "politischen Waffe" geworden und hat den Diskurs verdrängt, meinen die Soziologen Werner Bruns und Markus Müller, beide ehemalige Mitglieder von FDP-Grundsatzkommissionen, in der NZZ. Sie wünschen sich mehr Pragmatismus: "Kritiker wie Verteidiger politischer Korrektheit bedrohen gleichermaßen die Demokratie. Die Verteidiger trauen dem öffentlichen Diskurs in Wahrheit nicht und versuchen über eine Steuerung von Sprache den Korridor politischer Haltungen mitzubestimmen. Das ist aus liberaler Sicht töricht (...) Kritiker der politischen Korrektheit sind aus liberaler Sicht ebenfalls bedrohlich, weil sie denjenigen einen Schutzschirm der Toleranz leihen, denen es genau darum nicht geht, denen es in Wahrheit um eine konservative Revolution zu tun ist, die am Ende zur Ausgrenzung von Menschen führt."

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