9punkt - Die Debattenrundschau

Ein paar Tränen des Schmerzes

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2018. Die FAS erklärt, warum Gerhard Schröder bei der Einführungszeremonie für Wladimir Putin eine so prominente Rolle spielte. Kanye West hat reaktionäre Dummheiten gesagt. Aber deshalb zu sagen, er wolle nicht schwarz sein, ist genauso reaktionär, meint Kenan Malik im Observer. In der Berliner Zeitung erklärt Etgar Keret, warum er die Ultraorthodoxen in Israel weniger fürchtet als die Nationalreligiösen. taz und Guardian widmen sich dem politischen Einfluss religiöser Fundamentalisten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.05.2018 finden Sie hier

Religion

Urs Wälterlin besucht für die taz die Provinz Aceh in Indonesien, die eine Sonderstellung in Indonesien hat und ein drakonisches Scharia-Recht eingeführt hat: "Weit über 500 Menschen sind mit der Rute bestraft worden, seit die Provinzregierung im Oktober 2015 den Islamic Criminal Code endgültig eingeführt hat. Das Szenario ist fast immer dasselbe: Der oder die zu Bestrafende kniet am Boden, Körper und Kopf meist mit einem weißen Gewand verhüllt. Daneben steht der schwarz gekleidete vermummte Vollstrecker. Mit einem Bambusstock schlägt er dem Opfer auf den Rücken. Jeder Schlag wird von einem Offiziellen mitgezählt, alles muss korrekt ablaufen. Nur selten hört man die Bestraften klagen. Einige wimmern, andere weinen stumm ein paar Tränen des Schmerzes." Dass sich der Islamismus nicht auf Aceh beschränkt zeigen die Terrorattentate der letzten Tage in Surabaya auf der Insel Java - der jüngste Anschlag wurde heute früh gemeldet.

Der Guardian analysiert in einem Editorial die Beziehungen zwischen evangelikalen und katholischen Organisationen in den USA und hofft, dass beide keine allzu gute Prognose haben: "Der skandalgeschüttelte katholische Klerus ist in liberale und konservative Fraktionen aufgespalten, die beide glauben, sie seien katholischer als der Papst. Nur ein Zustrom von Latino-Immigranten hält die Kirche am Boden. Aber dies bedroht die Allianz mit der evangelikalen Bewegung, die in den letzten dreißig Jahren immer rassistischer wurde. Sie stellte sich gegen die Immigration, aber auch gegen Homosexualität und das Klima-Thema. Dem Präsidenten verzeiht sie all seine Lügen und Liebeshändel, weil er so klar für 'white supremacy" einsteht. Aber wenn er Macht verliert, wird es den Fundamentalisten genauso ergehen. Durch ihre patriarchale Haltung zu den Frauen, haben sie die junge Generation bereits verloren."

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Kulturpolitik

Neil MacGregor hat einige Gegenstände gesammelt, die für ihn das Humboldt-Forum und den Ort, auf dem es steht, repräsentieren, erzählt er im Tagesspiegel: "Mit einem weißen Gänsefederkiel unterzeichnete Kaiser Wilhelm II. im Sternsaal des Berliner Schlosses die Anordnung zur Mobilmachung. Die Unterschrift besiegelte den Beginn des Ersten Weltkrieges. Weiß und fragil wie die Feder einer Friedenstaube steht sie tatsächlich für den Militarismus des Wilhelminismus, in dem die Armee als beste Schule der Nation galt. Er ist letztlich die Ursache für die Zerstörung des Schlosses. Der Federkiel macht deutlich, wie wichtig es ist, Macht verantwortlich auszuüben, Macht zu hinterfragen. Zugleich verbindet sich der Federkiel mit dem Lautarchiv der Humboldt-Universität, das gemeinsam mit dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums ins Humboldt Forum einziehen wird: die Ansprache Kaiser Wilhelms II., die er am 6. August 1914 vom Balkon des Schlosses gehalten hat, um das deutsche Volk auf den Krieg einzuschwören, wird als historisches Tondokument in Auszügen zu hören sein."

Ideen

Kanye West hat sich zu Trump bekannt und dumme Sachen über Sklaverei gesagt. Aber ist es die richtige Reaktion zu antworten, er wolle nicht schwarz sein, wie es zum Beispiel Ta-Nehisi Coates in einer langen Suada gegen West tat? Kenan Malik ist da in seiner Observer-Kolumne recht skeptisch: "Viele Linke sehen rechte Schwarze oder Schwule oder Frauen als Verräter an der Sache. Es liegt etwas Verstörendes in der Behauptung, es gebe einen richtigen Weg des Denkens für unterdrückte Leute und dass jene, die damit nicht einverstanden sind, Verräter seien. Dieses Denken über Hautfarbe, Community und Häresien hat zutiefst reaktionäre Wurzeln. Als 'Verräter' beschreiben Islamisten liberale Muslime und die Apartheids-Regierung weiße Aktivisten gegen die Apartheid... Es mag etwas Tröstliches haben sich einzubilden, dass reaktionäre schwarze Leute nicht wirklich schwarz seien oder dass sie ihrem Schwarzseien entfliehen wollten, in dem sie 'weiße' Ideen von Freiheit übernehmen. Aber ist es weniger reaktionär anzunehmen, dass Ideen an Hautfarbe gebunden sind als zu glauben, dass Sklaverei eine freie Entscheidung war?"
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Europa

Nikolai Klimeniouk wirft in der Sonntags-FAZ einen sarkastischen Blick zurück auf die Amtseinführungszeremonie für Wladimir Putin (den vierten): "Anders als in den Vereinigten Staaten gibt es für die russische Amtseinführungszeremonie keinen gewohnten Ablauf, sie wird jedes Mal neu inszeniert und soll jedes Mal etwas anderes symbolisieren. Die Bürger dürfen dann raten, was es genau war. Zum Beispiel, dass der Patriarch der Zeremonie einen Hauch von Krönung verlieh, Medwedjew ergebenste Treue der Gefolgschaft verkörperte und der Bundeskanzler a.D. den Westen, wie ihn der Kremlherr gerne hat: kooperativ, käuflich, hedonistisch und ganz ohne Moral."
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Politik

Amos Oz hält im Interview mit der NZZ Rückschau auf den Staat Israel, bei dessen Gründung er neun Jahre alt war, und blickt optimistisch in die Zukunft: "Ich weiß nicht, wie bald Israeli und Araber Frieden schließen werden. Ich bin sehr gut darin, das Wetter von gestern zu bestimmen, nicht das von morgen. Aber ich bin sicher, wir werden es schneller schaffen als die Europäer. Wir brauchen dafür nicht 2000 Jahre, sondern sehr viel weniger - das wünsche ich mir. Lassen Sie mich daran erinnern, dass Europa Tausende Jahre Blutbäder und Massaker, ethnische Säuberungen und Untersuchungen brauchte, um die relative Stabilität dieser Tage zu erreichen. Ich sage 'relativ'. Während wir jetzt sprechen, töten sich noch Menschen in der Ukraine und in anderen Teilen Europas."

Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht der israelische Schriftsteller Etgar Keret über seine stark vom Holocaust und Militärdienst geprägte Familie und über die Rolle der Religiösen in Israel: "Für mich sind die Ultraorthodoxen im Land nicht das Hauptproblem, die Nationalreligiösen sind es. Die Orthodoxen wollen leben, wie sie es für richtig halten. Sie wollen mich nicht bekehren. Während die Rechten, die Nationalreligiösen, verlangen, dass alle das Gleiche sagen und man keine Kritik übt. Sie begründen das mit der Einheit Israels, aber diese Gleichmacherei hat etwas Faschistisches. ... An israelischen Universitäten soll jetzt eine Art ethischer Code eingeführt werden. Was nichts anderes heißt, als dass man nicht seine politische Meinung sagen darf. Und die Orthodoxen machen das alles nicht mit. Meine Schwester geht nicht wählen, und ich bin mir sicher, dass sie nicht das Gefühl hat, der israelische Premierminister repräsentiere sie."
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Stichwörter: Keret, Etgar, Israel, Oz, Amos

Gesellschaft

Auf Zeit online spricht sich die Psychotherapeutin Deniz Baspinar gegen das Kopftuch für Kinder in Schulen aus: "Das Tragen eines Kopftuchs ist eine weitreichende Entscheidung, gerade in einer so polarisierten Gesellschaft wie der unseren. Frauen, die sich für ein Kopftuch entscheiden, sind Diskriminierungen und Aggressionen ausgesetzt. Ein Kopftuch anzulegen ist nicht leicht. Doch es wieder abzulegen ist fast unmöglich. Es gibt viele Frauen, die mit ihrer Entscheidung für das Tuch nicht glücklich geworden sind und sich dennoch nicht trauen, es wieder abzulegen. Je jünger sie waren, als sie das Kopftuch anlegten, desto schwieriger ist es für sie, selbst wenn sie das Tuch nicht mögen. Das Ablegen kommt einer körperlichen Entblößung gleich, die Frauen schämen sich."

Außerdem: Mariam Lau berichtet auf Zeit online über eine Debatte in Bonn, die über "islamkonformes Schwimmen" in einem neuen Bad kreist.
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