Efeu - Die Kulturrundschau
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22.03.2025. Ukrainer und Belarussen wissen es seit den Neunzigern: Ein Imperium will immer weitere Länder erobern, sagt Alhierd Bacharevič, der in Leipzig den Preis für Europäische Verständigung erhalten wird, im FAZ-Gespräch. Die Literaturkritiker versuchen das Erfolgsgeheimnis norwegischer Literatur zu lüften: Sind es die vielen Fjorde oder ist es doch eher die üppige Förderung, fragen sie. taz und Berliner Zeitung verlieren sich im Gropius Bau, wo Vaginal Davis mit Eyelinern, Lippenstiften und Penissen die Wahrheit ans Licht bringt. Die Welt fragt: Kommt die Architektur an ihr Ende?
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.03.2025
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Literatur

"Vielleicht sollte 'Europas Hunde' Pflichtlektüre werden für Westeuropäer, von denen immer noch manche Putins Ukraine-Lügen glauben oder sich Illusionen über Russland machen", schreibt Jens Uthoff in seinem taz-Porträt des Schriftstellers.
Das Gastland der Leipziger Buchmesse ist in diesem Jahr Norwegen (hier unsere Rezensionsnotizen zur norwegischen Literatur). Gerade einmal 5,5 Millionen Menschen leben in diesem Land, aber gefühlt ist jeder zweite davon ein namhafter Autor, staunen die Literaturkritiker. Woran liegt's? Alex Rühle referiert in der SZ die Eckdaten der norwegischen Literaturförderung, die wir auch schon an dieser Stelle resümiert haben: Sagenhafte Ankaufgarantien durch staatliche Bibliotheken, sowie ein aufwändiges Programm zur Übersetzung norwegischer Literatur in andere Sprachen. Hinzu "kommt ein Stipendiensystem, so üppig, wie es das vielleicht sonst nur in der Schweiz gibt, das ganze Land schwimmt ja förmlich im Ölgeld."
Es hat aber vielleicht auch mit dem Land an sich zu tun, schlägt Jette Wiese in der taz vor: So wenig Menschen in so viel leerer Natur und nichts als Fjorde, angesichts derer man schwermütig übers Leben brüten kann. Aber dafür ballt sich die Kultur auch in engster Nachbarschaft, "auf einer Handvoll Kulturorte vor allem in der Hauptstadt Oslo und in Bergen an der Westküste. In Bergen bildet die Skrivekunstakademiet seit 1985 junge Autor:innen aus. Knausgård war Ende der Achtzigerjahre selbst einer ihrer Schüler und lernte unter anderem bei Jon Fosse, dessen mystisches, melancholisches Werk 2023 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde." Dort in Bergen, im zentral gelegenen und "berühmten Café Opera, "kann es sehr gut passieren, dass früher oder später namhafte Autor:innen wie Tomas Espedal vorbeischauen. In Bergen, wie in der norwegischen Literaturszene überhaupt, liegt vieles sehr nah beieinander."
Rühle und Wiese unterstreichen im übrigen beide mit Nachdruck, dass die norwegische Literatur bei weitem nicht nur aus grübelnden, sich marternden Männern besteht. Darum geht es auch Carsten Hueck in seinem Literaturfeature für Dlf Kultur: Darin stellt er norwegische Schriftstellerinnen vor.

In seinem taz-Vorabtext zur Leipziger Buchmesse kommt Dirk Knipphals nochmal auf unsere große Kritikerumfrage anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums zu sprechen (hier alle Beiträge samt unseren Schlussbetrachtungen). Dass die meistgenannten Autorinnen und Autoren schwer auf einen Nenner zu bringen sind, diesen Befund teilt er. Aber eine Gemeinsamkeit sieht Knipphals doch: Alle von ihnen sind hochdekoriert und verkaufen gut. "In diesen Fällen sind sich Literaturkritik und Literaturkäufer*innen also durchaus einig, was man ruhig einmal festhalten kann. ... Es lohnt sich unbedingt, die von den 28 Kritiker*innen eingeschickten Begründungen ihrer jeweiligen Auswahl im Ganzen zu lesen. Warum wird das nicht häufiger gemacht? Über die Literatur der sechziger, siebziger, achtziger und auch noch neunziger Jahre gibt es Sammelbände, in den nuller Jahren hörte das auf. Warum eigentlich? Aus einem, so ist zu vermuten, banalen Grund: weil niemand die nötigen Texte dafür bezahlt. Die Produktion von Text wird in unserer Gesellschaft sowieso leider schlecht honoriert, und wenn noch dazu der Text kein aktuelles Produkt thematisiert, kann man ihn gleich unter Liebhaberei abbuchen."
Außerdem bringen SZ, WamS, FAZ und FAS heute ihre Beilagen zur Buchmesse. Deren Auswertungen finden Sie in den kommenden Tagen an dieser Stelle.

Besprochen werden unter anderem Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" (FAZ), Monika Rincks Lyrikband "Höllenfahrt & Entenstaat" (Intellectures), Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (Freitag), Horst Bieneks Tagebücher von 1951 bis 1990 (FAZ), Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (FAZ) und Helene Hegemanns "Striker" (SZ).
Kunst

Wie lässt sich das überbordende Werk der in L.A. geborenen Künstlerin Vaginal Davis bändigen, fragt sich Diedrich Diedrichsen, der die in Berlin lebende queere "Universalgelehrte", der der Berliner Gropius Bau die Schau "Fabelhaftes Produkt" widmet, für die taz porträtiert. Fanzines und Bands hat Davis seit den Achtzigern ebenso gegründet wie sie Sets designte unzählige Performances auf die Beine stellte. Seit einer Weile ist sie auch "Installationskünstlerin, sie baut (nicht nur) für den Gropius Bau Kinos, luxuriös exotisch verträumte Abspielstätten, Kabinette und Schlafzimmer, sie malt auch. Während ich sie besuche, sind das Wandzeichnungen, frei nach Motiven aus einer als Kind geliebten Buchversion des 'Wizard of Oz' von L. Frank Baum. Dem 'Harry Potter meiner Kindheit', wie sie, die in South Central Los Angeles aufgewachsen und sich als Stipendiatin eines Programms für hochbegabte Schülerinnen in die Welt der Oper stürzte, die Bedeutung der Oz-Mythologie einstuft. Mit einer riesigen Palette aus Eyelinern, Lippenstiften und anderen Make-up-Utensilien werden die schwarzweißen Wandzeichnungen farbig geschminkt. Das ist die Medienspezifik von Vaginal D: Schminke bringt die Wahrheit hervor und ist überhaupt ihr bevorzugtes Material."
Für die Berliner Zeitung streift Timo Feldhaus durch die Ausstellung, "die vor allem von den unzähligen Details lebt und in der viele großartige Penisse und einmal auch ein Hakenkreuz zu sehen sind (es geht dabei um den Fetisch des Nazis im schwulen Begehren)". Hier "lässt sich ein Schaffen erkennen, das tief verwurzelt ist in der Appropriation Art. In der es seit den 80ern darum geht, vorgefundenes Material und ikonische Bilder, für die man brennt, die einen irritieren, zusammenzulegen und daraus etwas Neues zu machen."

Als "Appell für offene Grenzen" erlebt Nicola Kuhn (Tagesspiegel) die Ausstellung "Musafiri: Von Reisenden und Gästen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die dem Zusammenhang von Reisen und Freiheit nachspürt, dabei aber vor allem auf die traurigen Migrationsschicksale fokussiert: "Mal geschieht dies poetisch wie bei Ryan Villamael, der aus historischen Landkarten Blattwerk schneidet, das er büschelweise von der Decke hängen lässt. Der Sohn eines 'overseas filipino worker' nennt seine seit acht Jahren an vielen Orten weiter wuchernde Installation 'Locus Amoenus', als wäre es ein idyllischer Ort, der in Wirklichkeit jedoch die Zerrissenheit der Lebenszusammenhänge von Wanderarbeitern beschreibt. Mal fallen die Darstellungen drastisch aus wie bei Jimmy Ong, der in mehrfacher Ausfertigung einen Torso aus Stoff an dicken Stricken baumeln lässt. Die Erscheinung fällt ebenso ambivalent aus wie die dargestellte Figur, die einer historischen Statue nachempfunden ist. Dahinter verbirgt sich der britische Kolonialist Thomas Stamford Raffles, der in Singapur als Gründervater verehrt wird, in Indonesien dagegen Unrecht und Gewalt verkörpert."
Besprochen werden die Ausstellung "Ein Dorf. 1950-2022" in der Berliner Akademie der Künste (FR) und die Ausstellung "KünstlerinSEIN" in der Kunsthalle Rostock, die Werke der neusachlichen Malerin Kate Diehn-Bitt Skulpturen der zeitgenössischen Bildhauerin Susanne Rast gegenüberstellt (Berliner Zeitung).
Design
Jona Rausch macht sich in der taz Gedanken dazu, warum in der linken Szene ausgerechnet Klamotten von Adidas (deren Gründer immerhin NSDAP-Mitglied war) so beliebt sind. Andreas Platthaus stöbert für "Bilder und Zeiten" der FAZ sehr angeregt im eben erschienenen Werkverzeichnis des Plakatgestalters Helmut Brade.
Film
Thomas Klein führt für den Filmdienst ein ausführliches Werkstattgespräch mit dem Tonmeister Matthias Lempert, der gerade an Tom Tykwers aktuellem Film "Das Licht" (unsere Kritik) mitgearbeitet hat. Über die Zukunft seines Berufs insbesondere auch als Geräuschemacher macht er sich wenig Sorgen - schon der Computer hat ihn nicht arbeitslos gemacht: "Der Schwerpunkt der Geräuschemacher ist die Vertonung der Bewegungen und Aktionen der Schauspieler. Der Klang ihrer Schritte, ihrer Kleidung, der Dinge, die sie in die Hand nehmen. Das ist dermaßen individuell und es sind so viele Details darin, wie etwa auch das Material und in welchem Zustand es ist. Ein guter Geräuschemacher trifft diese Geräusche instinktiv richtig. Wenn man versuchen würde, diese aus Archivtönen zusammenzubauen, wäre das total unwirtschaftlich und würde noch nicht mal gut werden. Das ist ein Bereich, der wird immer Handarbeit bleiben."
Außerdem: Manfred Rebhandl fragt die Regisseurin Ivette Löcker, was sie gerade liest. Besprochen werden Gia Coppolas "The Last Showgirl" (Standard, mehr zum Film hier), die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von Katja Oskamp (Welt) sowie die beiden Paramount-Serien "NCIS: Origins" (FAZ) und "Happy Face" (FAZ).
Außerdem: Manfred Rebhandl fragt die Regisseurin Ivette Löcker, was sie gerade liest. Besprochen werden Gia Coppolas "The Last Showgirl" (Standard, mehr zum Film hier), die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von Katja Oskamp (Welt) sowie die beiden Paramount-Serien "NCIS: Origins" (FAZ) und "Happy Face" (FAZ).
Bühne

Zehn Jahre nachdem Mina Salehpour Jonathan Safran Foers Holocaust-Roman "Alles ist erleuchtet" in Hannover auf die Bühne brachte, hat sie ihr Stück nun für das Wiener Burgtheater inszeniert, aber Nachtkritikerin Gabi Hift kann sie nicht gänzlich überzeugen: Sie vermisst "die Vielschichtigkeit und Fabulierlust des Romans, der immer dann, wenn die zu erzählende Wirklichkeit über das erträgliche Maß hinausgeht, zu den Sternen ausweicht, oder in wilde Sexgeschichten, zu Magie und philosophischen Weisheiten."
Besprochen werden Melanie Schmidts Inszenierung "Schräge Vögel" nach Aristophanes und Caren Jeß am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Christian Weises Inszenierung von Selina Fillingers Stück "Die Schattenpräsidentinnen" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik) und "Dirty Laundry. The TrashOpera" von Nicoleta Esinencu und teatru-spălătorie am Berliner HAU (nachtkritik).
Architektur
"Kommt die Architektur an ihr Ende?", fragt sich Marcus Woeller in der Welt, nicht nur, weil selbst die jüngere Generation der Stararchitekten bereits auf die 80 zugeht. Woeller zitiert unter anderem Patrik Schumacher, Architekt, Prinzipal von Zaha Hadids Büro ZHA - und den radikalen Libertären nahestehender Philosoph: "'Die Selbstzerstörung der Architektur als akademische Disziplin, als eigenständiger Diskurs und als theoriegeleiteter Beruf ist bereits eine vollendete Tatsache', schreibt er in einem aktuellen Aufsatz, der seine Zunft aufrütteln soll. Architektur habe aufgehört zu existieren, es entstünden nur 'bloße Gebäude', deren Gestaltung 'nicht mehr von einem lebendigen, kritischen Diskurs geprägt und gesteuert wird'. Architektur verleugne die Autorschaft, 'verkomme' wieder zum Handwerk. Statt 'Innovation an der Grenze unserer sich schnell entwickelnden technologischen Zivilisation' zu fördern, beschäftige man sich an der Universität wie in Ausstellungen und der Fachpresse lieber mit 'Klimawandel, Rassismus, Eurozentrismus, Dekolonisierung, De-growth'."
Über die Empörung über den kahlen Gendarmenmarkt (unser Resümee) kann sich Peter Richter in der SZ nur wundern, denn den Planern kam vermutlich nicht in den Sinn, "Bäume und Büsche hinzustellen, wo im Normalbetrieb des Platzes Besucher ins oder aus dem Konzert strömen und im Winter einer von Berlins beliebtesten Weihnachtsmärkten aufgebaut wird. Der Gendarmenmarkt heißt schließlich Gendarmenmarkt und nicht Gendarmenpark." Aber Richter hätte ein andere Idee: Bäume auf Dächern. "Das wären eigentlich die idealen Flächen für öffentliche Parklandschaften. Sie waren das früher auch schon mal. Gerade in den Altbauquartieren Ostberlins, in Prenzlauer Berg vor allem, galten die flachen Dächer der Mietshäuser gewissermaßen als Naherholungsgebiete. (…) Das alles galt Bausachverständigen und Immobilienmenschen selbstverständlich als Unding, und so verschwand bei den Sanierungen im Verlauf der Neunziger- und Nullerjahre leider gleich beides, die Bäume auf den Dächern und die Dächer generell als frei zugängliche Allmende der Bewohner eines Straßenblocks."
Über die Empörung über den kahlen Gendarmenmarkt (unser Resümee) kann sich Peter Richter in der SZ nur wundern, denn den Planern kam vermutlich nicht in den Sinn, "Bäume und Büsche hinzustellen, wo im Normalbetrieb des Platzes Besucher ins oder aus dem Konzert strömen und im Winter einer von Berlins beliebtesten Weihnachtsmärkten aufgebaut wird. Der Gendarmenmarkt heißt schließlich Gendarmenmarkt und nicht Gendarmenpark." Aber Richter hätte ein andere Idee: Bäume auf Dächern. "Das wären eigentlich die idealen Flächen für öffentliche Parklandschaften. Sie waren das früher auch schon mal. Gerade in den Altbauquartieren Ostberlins, in Prenzlauer Berg vor allem, galten die flachen Dächer der Mietshäuser gewissermaßen als Naherholungsgebiete. (…) Das alles galt Bausachverständigen und Immobilienmenschen selbstverständlich als Unding, und so verschwand bei den Sanierungen im Verlauf der Neunziger- und Nullerjahre leider gleich beides, die Bäume auf den Dächern und die Dächer generell als frei zugängliche Allmende der Bewohner eines Straßenblocks."
Musik
Boris Herrmann spricht für die SZ mit der Sängerin Sophie Auster, der Tochter von Siri Hustvedt und Paul Auster. Zerknirscht blickt Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne auf den aktuellen Boom der "Greatest Hits"-Compilations, die vor allem von Boomer-Künstlern auf den Markt geworfen werden: "Wenn man merkt, dass es zu Ende geht, treibt man schnell noch mal ein paar Blüten aus." Im WDR Kulturfeature erinnert Thomas von Steinaecker an Pierre Boulez.
Besprochen werden Ahmir "Questlove" Thompsons auf Disney+ gezeigter Musik-Dokumentarfilm "Sly Lives" über Sly Stone, der Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller über weite Strecken sehr begeistert, das neue Album "Schwarze Magie" von Stella Sommers Projekt Die Heiterkeit (FR), ein Konzert von Brad Mehldau in Wien (Standard), ein neues Album von My Morning Jacket (Standard) und ein Auftritt des Joanna Duda Trios in Frankfurt (FR).
Besprochen werden Ahmir "Questlove" Thompsons auf Disney+ gezeigter Musik-Dokumentarfilm "Sly Lives" über Sly Stone, der Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller über weite Strecken sehr begeistert, das neue Album "Schwarze Magie" von Stella Sommers Projekt Die Heiterkeit (FR), ein Konzert von Brad Mehldau in Wien (Standard), ein neues Album von My Morning Jacket (Standard) und ein Auftritt des Joanna Duda Trios in Frankfurt (FR).
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