Alhierd Bacharevič

Europas Hunde

Roman
Cover: Europas Hunde
Voland und Quist Verlag, Dresden und Leipzig 2024
ISBN 9783863913151
Gebunden, 744 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Aus dem Belarussischen und Russischen von Thomas Weiler. Verschrobene Gestalten bevölkern diesen "totalen Roman": einsame Sucher, fiebrige Träumer, verkrachte Existenzen, geborene Eskapisten. Da ist Maŭčun, der Junge, der davon träumt mit seiner geliebten Gans gen Westen zu fliegen, bis ihm eine junge Spionin vom Himmel vor die Füße fällt. Der Tote im Berliner Rosengarten, dessen rätselhafte Spuren den Ermittler Teresius Skima durch ein Netzwerk von Buchhandlungen in ganz Europa zu einem abgeschotteten Superstaat führen. Oder Oleg Olegowitsch, ein Misanthrop aus Minsk, der den Sprachen abgeschworen hat und eine neue erfindet: Balbuta. Seine geheime Liebste, die er hegt und pflegt. Sie alle graben, schürfen tief und träumen sich zugleich federleicht, entdecken Geschwister im Geiste, fallen aus der Zeit, überwinden Grenzen. Aber immer lauter bellen die Kettenhunde - in Berlin, Prag, Paris, Vilnius, Minsk …

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.01.2025

Verzaubert und vergnügt folgt die Rezensentin Sigrid Löffler der literarischen List von Alhierd Bacharevič, der den Leser nur allzu gerne "auf falsche Fährten" lockt. Entsprechend dankbar reagiert Löffler auf diese Übersetzung, die dank der mutigen Jury des Leipziger Buchpreises einen wortmächtigen, spielerischen und wilden Roman entdeckt und damit literarisches Neuland betritt. Aus der Ferne schreibt Bacharevič über seine halbautonome Heimat Belarus, die dem "aggressiven Nachbarn" ausgesetzt ist. Mit der eigens erfundenen Sprache "Balbuta" versuche Bacharevič die Geister einer Welt der Repression heraufzubeschwören und spiele damit auch mit der eigenen Identität, so Löffler beeindruckt. Für Löffler ist klar, dass es sich um einen "totalen Roman" handelt, der Auskunft geben will über die Träume belarussischer Intellektueller von und über ihre Heimat. Löffler jedenfalls amüsiert sich über Bacharevičs satirische Misanthropie und den nicht zu übersehenden Zynismus und fühlt sich an Thomas Bernhards "hassgeliebtes Österreich" und an T.S. Eliot erinnert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.06.2024

Ziemlich begeistert schreibt Rezensentin Ilma Rakusa über Alhierd Bacharevičs Roman, der aus sechs geschickt untereinander verknüpften Teilen besteht und sich unter anderem um eine Kunstsprache namens Balbuta dreht, deren Wörterbuch der Veröffentlichung angehängt ist. Die Handlung setzt zunächst in Minsk ein, wo sich Gangster und Verrückte aller Coleur tummeln, später geht es in diesem laut Rakusa immer wieder auch metafiktional konstruierten Buch, unter anderem auf eine Ostseeinsel und nach Berlin, während Russland als ein finsteres, alles in sich einverleibendes Imperium beschrieben werde. Die Geschichte und Mythen Belarus' sind wichtig für Bacharevičs Buch, erklärt Rakusa, Pate stehe aber auch europäische Literatur von Joyce bis "Nils Holgersson". Ein gleichermaßen düsteres und poetisches Werk hat Bacharevič geschaffen, so die beeindruckte Rezensentin, die außerdem die meisterliche Übersetzung Thomas Weilers hervorhebt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2024

Einen großen, wagemutigen politischen Roman legt Alhierd Bacharevič hier laut Rezensentin Sieglinde Geisel vor. Sechs Teile hat das Buch des belarussischen Autors, erfahren wir, es gibt ein paar Verbindungslinien zwischen ihnen. Geisel zeichnet einige Handlungsstränge kurz nach, unter anderem einen, in dem eine Figur namens Oleg Olegowitsch aus Frust über die real existierenden Sprachen eine Geheimsprache namens "Balbuta" erfindet, deren Grammatik und Wortschatz dem Roman angehängt sind. Andere Teile des Romans spielen im Berlin des Jahres 2050 und handeln von Ermittlungen nach einem Leichenfund, lesen wir, insgesamt entfaltet sich eine ziemlich dystopische Zukunftsvision, in der Russland sich in ein Imperium des totalen, vom Rest der Welt isolierten Schreckens verwandelt hat. Erstaunlich hellsichtig ist das im Original bereits 2017 erschienene Buch, das auch den Westen nicht ungeschoren davonkommen lässt, findet Geisel, der auch die literarische Vielstimmigkeit des Textes gefällt. Weiterhin lobt sied Thomas Weilers Übersetzung, die die Sprachwucht in vollem Umfang ins Deutsche zu übertragen versteht. Ein Melancholie und Humor vereinendes Großwerk der politischen Subversion, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.06.2024

Alhierd Bacharevic feiert in diesem epischen Meisterwerk den Sieg der Phantasie über die Realität, urteilt Rezensentin Olga Hochweis. Die sechs Teile des in Belarus verbotenen Erzählbandes sind, so die Rezensentin, Form, Inhalt und Gattung nach zunächst sehr heterogen, erweisen sich dann aber als über Anspielungen und Doppelgänger-Motive subtil verbunden. Dabei setzt schon der erste Teil das Thema: In "Wir sind leicht wie Papier" erfindet ein eigenbrötlerischer Minsker die Sprache "Balbuta", die das manipulative "Wir" der Gegenwart durch viele, eine Existenz jenseits nationalistischer Vereinnahmungen verheißende Ichs ersetzt. Nach dieser Großstadtgeschichte, so Hochweis, folgen "Dorf-Prosa" und verschiedene Science-Fiction-Szenarien, die sich immer wieder um Fragen von Autonomie und Identität drehen. Thomas Weiler hat Bacharevics Roman, findet die Rezensentin, kongenial übersetzt. Ein phantasievolles Epos von großer erzählerischer Kraft, für das die Rezensentin nur lobende Worte hat.