Efeu - Die Kulturrundschau

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03.02.2025. SZ und nachtkritik tauchen ein in Evgeny Titovs schön finstere Shakespeare-Inszenierung in Düsseldorf, in der Burghart Klaußner den "König Lear" gibt. Im FR-Gespräch wundert sich die Schriftstellerin Julia Schoch, wie heutzutage über die DDR gesprochen wird: "Als ob dieser verschwundene Staat in einer Parallelwelt konserviert wäre, aus der wir uns bedienen könnten." Die SZ rollt den Skandal um die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón auf. Der Freitag stellt die auf Unendlichkeit angelegte Konzeptmusik von Valentin Hansen vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "König Lear" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Thomas Rausch.

Einen "schön finsteren" Abend verbringt SZ-Kritiker Alexander Menden mit Evgeny Titovs Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Beeindruckend ist schon allein das Bühnenbild, findet Menden: "Der Schweizer Etienne Pluss hat einen enormen, schwarz-goldenen Thronsaal, halb Chorgestühl, halb neugotische Fantasmagorie, auf die Drehbühne gebaut. Deren Außenmauern, rissig und schmutzig, dienen nicht nur als sinnfällige Illustration der Ödnis, in die Lear vertrieben wurde, sondern auch als Symbol der ethischen und charakterlichen Verheerungen im Innern des Palastes."

Nachtkritiker Martin Krumbholz ist hin und weg von Burghart Klaußner als dem dem Wahnsinn verfallenden König Lear: "Das ist zuerst ein störrischer Alter, der den einzigen Titel, den er von Geburt an hat, behält, nämlich den des Narren (so der Narr); später dann eine menschliche Ruine, aber noch in dieser Ruinenhaftigkeit imposant, 'jeder Zoll ein König'. Seine Misogynie ist hinreichend diskutiert worden, eben dafür wird er ja bestraft." Das Titov das Stück allerdings so radikal zusammengestrichen, und die Parallelhandlung um den Grafen Gloster weggelassen hat, kann Krumbholz ihm nicht ganz verzeihen.

Weitere Artikel: In der taz stellt Uwe Mattheis den argentinischen Autor Guido Wertheimer und sein Theaterstück "Die realen Geister" über die Nachwirkungen der Shoah vor, das am Wiener Schauspielhaus uraufgeführt wurde.

Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Caro Thums Inszenierung von William Shakespeares Stück "Der Sturm" am Theater Koblenz (nachtkritik), Alexander Nerlichs Inszenierung von Friedrich Schillers Stück "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" am Theater Chemnitz (nachtkritik), Daniela Löffners Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Die Ratten" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung der Vampirkomödie "Oh Schreck" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Kyle Abrahams Choreographie "An Untitled Love" am Sadler's Wells Theatre in London (FAZ), Calixto Bieitos Inszenierung der Wagner-Oper "Rheingold" an der Pariser Oper (FAZ), Sebastian Nüblings Inszenierung von Eugene O'Neills Tragödie "Eine lange Reise in die Nacht" am Deutschen Theater Berlin (taz).
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Film

In Hollywood dürfte es "gerade diverse Krisensitzungen geben", glaubt David Steinitz in der SZ. Der Grund: Von der spanischen Schauspielerin Karla Sofía Gascón, gerade gefeiert für Jacques Audiards Trans-Musical "Emilia Pérez" (unsere Kritik) und dafür auch als erste Trans-Frau in der Oscar-Geschichte in der Kategorie "beste Hauptdarstellerin" nominiert, sind diverse Tweets ausgegraben worden, in der sie unter anderem gegen Muslime wettert, aber auch George Floyd runterputzt. "Es ist eine Geschichte voll beißender Ironie", meint dazu Andreas Scheiner in der NZZ: "Gascón wäre das perfekte Aushängeschild für eine Industrie, die sich für die Marginalisierten zuständig fühlt. Doch auch dagegen wetterte Gascón in früheren Wutanfällen auf Social Media. 2021 zog die Schauspielerin über die damalige Oscar-Verleihung her, in der die chinesisch-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao mit dem Drama 'Nomadland' ausgezeichnet wurde. 'Eine Zeremonie für Independent- und Protestfilme' sei das, schrieb Gascón verächtlich. Es komme ihr vor, als würde sie am Fernsehen eine 'Black Lives Matter'-Veranstaltung schauen. Oder 'ein afro-koreanisches Festival'. Das Auftauchen der alten Social-Media-Posts dürfte Karla Sofía Gascóns Chancen auf einen Oscar als beste Hauptdarstellerin erheblich schmälern."

Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst die 60. Solothurner Filmtage. Mariam Schaghaghi spricht für die Presse mit der Schauspielerin Delfina Chave über ihre Rolle in der ZDF-Serie "Máxima". Besprochen werden Halina Reijns Erotikthriller "Babygirl" mit Nicole Kidman (NZZ, unsere Kritik), Marielle Hellers "Nightbitch" (Jungle World) und Louise Courvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (SZ).
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Literatur

Auch Dirk Knipphals von der taz antwortet auf unsere anlässlich von 25 Jahren Perlentaucher gestellte Kritikerumfrage, welches die fünf prägendsten Bücher deutscher Sprache der letzten 25 Jahre gewesen sind. Er nennt Romane von Rainald Goetz, Katja Petrowskaja, Saša Stanišić, Deniz Ohde und Wolfgang Herrndorf. "In den Nullerjahren haben sich literarisch die Aufmerksamkeiten stark verschoben", schreibt er: Der Kanon rückte in den Hintergrund, stattdessen gab es "viel Aufmerksamkeit für neue Namen und Positionen - und zugleich hat sich eine feste (oder sollte ich 'starre' sagen?) Überzeugung davon, was die deutschsprachige Literatur überhaupt ausmacht, aufgelöst. Vielmehr haben sich die interessanten Schreibpositionen vermehrt und die literarischen Ausgangspunkte ausdifferenziert." Auf unsere Kritikerumfrage antworteten bislang Ijoma Mangold, Judith von Sternburg und Tilman Spreckelsen.

Die französische Online-zeitung L'Opinion hat den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune interviewt, der sich auch zu Boualem Sansal äußert, wenn auch eher kryptisch. Er werde in angemessener Zeit einem Prozess zugeführt, und Tebboune lässt einen ominösen Satz folgen: Der Fall Sansal sei "ein Problem für all jene, die es geschaffen haben. Bis jetzt hat er noch nicht all seine Geheimnisse preisgegeben."

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Im FR-Gespräch mit Cornelia Geissler spricht Julia Schoch anlässlich ihres neuen Romans "Wild nach einem wilden Traum" auch über die DDR als literarisches Thema. "Je mehr wir darüber sprechen, in Büchern, in Filmen, verändert sie sich, erst recht für nachfolgenden Generationen. Das Verlangen, zu einer vermeintlich richtigen Vergangenheitsversion zu kommen, ist allerdings vergeblich. Wir können diese verschiedenen Versionen aufeinanderpacken, wir können sie uns erzählen, aber es wird nie eine endgültige geben. ... Die Vielzahl der Diskurse kündet doch längst von einer Art Abschied, vielleicht sogar Bewältigung. ... Ich finde es im Übrigen merkwürdig, wie heutzutage darüber geredet wird: Als ob dieser verschwundene Staat in einer Parallelwelt konserviert wäre, aus der wir uns bedienen könnten. Wir stehen heute vor völlig anderen Fragen. Aber es ist offenbar eine deutsche Spezialität, dass man sich in die Vergangenheit rettet, wenn man nach Lösungen für die Zukunft sucht."

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Im Presse-Gespräch mit Anne-Catherine Simon (und auch in ihrem aktuellen Buch) räumt die Philosophin Bettia Stangneth gründlich auf mit Mythen des Lesens und plädiert gegen überhöhte Vorstellungen vom richtigen Lesen und für eine spielerisch-souveräne Lust am Lesen: "Wir erzählen über das Buch als Buch viele Märchen. Als sei das Buch ein Wundermittel, ein Simsalabim zur Rettung aller Probleme der Welt. In unserer Kultur ist damit ein unangenehmer moralischer Überton verbunden. Und ein großes Versprechen: Wenn du richtig liest, passiert Gutes in deinem Leben. ... Menschen werden danach klassifiziert, ob sie lesen und was sie lesen. Darum ist es offenbar auch geboten, abschätzig über die BookTok-Menschen herzuziehen, gern über junge Frauen. ... Umberto Eco hat schon im letzten Jahrhundert gesagt, dass das Buch streng genommen erst zum Buch wird, sobald es jemand liest. Das bedeutet eine hohe Wertschätzung des Lesers, auch sich selbst gegenüber. Ein junger Autor glaubt oft, jeder Leser würde seine Bücher genauso verstehen, wie er sie meint - und vergisst völlig, dass man das nicht einmal selber kann."

Weitere Artikel: Ulrich Seidler spricht für die Berliner Zeitung mit dem Drehbuchautor Thomas Wendrich über den Schriftsteller Thomas Brasch, der am 19. Februar 80 Jahre alt geworden wäre. Der in Los Angeles lebende, deutsche Autor Kevin Vennemann wundert sich in der NZZ im Angesicht der verheerenden Brände in den letzten Wochen über die Angewohnheiten seiner Nachbarn. Der frühere Charlie-Hebdo-Zeichner Luz ist beim Comicfestival Angoulême für sein auf Deutsch für Mai angekündigtes Kunstdrama "Zwei weibliche Halbakte" mit dem Fauve d'Or ausgezeichnet worden, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel. In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" empfiehlt Christoph Möllers Italo Calvinos Erzählung "Der Tag eines Wahlhelfers". Der Standard bringt ein Gedicht von Clemens J. Setz. Und die Welt veröffentlicht die besten Sachbücher des Monats - auf der Spitzenposition: László F. Földényis "Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts".

Besprochen werden unter anderem Édouard Louis' "Monique bricht aus" (FR), Marion Messinas "Die Entblößten" (Standard), eine Neuausgabe von Truman Capotes ursprünglich 1956 erschienenen Tatsachenromans "Die Musen sprechen" (Zeit Online), Kurt Prödels Debütroman "Klapper" (SZ) und neue Krimis, darunter Catherine Ryan Howards "The Trap" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Design

Im taz-Gespräch ärgert sich der Modemacher Kilian Kerner über die seiner Ansicht nach zu kritische Berichterstattung über die Berlin Fashion Week. Es heißt "immer wieder, dass es in Berlin nicht gut laufen würde. Aber wir als Designer würden ja nicht jedes Jahr zweimal teilnehmen und sehr viel Geld dafür ausgeben, wenn es uns nichts bringen würde. ... Berlin hatte laut der Presse schon ausgedient, als es angefangen hat. ...  Ich finde, dass jede Modestadt eine komplett andere ist. Man kann sie nicht miteinander vergleichen und sollte es auch nicht. Stellen Sie sich mal vor, ich würde zu meiner PR-Frau sagen: Ich rede nur mit der Vogue. Auf was für einen Sockel würde ich mich dann stellen. Etwa das passiert mit der Berlin Fashion Week, jede Saison, seit 2008. Es stellen sich Redakteure über uns alle, haben keinen Respekt vor unserer Arbeit und sagen: Berlin ist scheiße und auf dem absteigenden Ast. Ich kann dazu nur sagen: Redet doch mit uns!"
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Kunst

Tarsila do Amaral, Lake, 1928. Collection of Hecilda and Sérgio Fadel. Photo: Jaime Acioli. ©️ Tarsila do Amaral S/AExhibition

Im Guardian ist Laura Cumming unglücklich mit der Ausstellung "Brazil, Brazil!" in der Royal Academy in London. Eigentlich geht es darum, die eher unbekannte, "frühe Avantgarde einer Nation vorzustellen, die von Diktaturen und Putschen erschüttert wurde." Doch die Kunst, die gezeigt wird, kann Cumming nicht überzeugen. Erstens fehlt ihr der rote Faden, zweitens sind hier kaum Werke indigener Künstler zu sehen, klagt sie. Es gibt aber Ausnahmen: "Alfredo Volpi (1896-1988) und Djanira da Motta e Silva (1914-79) gehören zu den Kulturen, aus denen sie malen, in Szenen von Dorffesten, drachenfliegenden Kindern, Stadtfassaden und Favelas. Rubem Valentim (1922-91), eine wunderbare Entdeckung, integriert in seine ultrascharfen geometrischen Gemälde und glänzenden Holzkonstruktionen alle möglichen Symbole - Pfeile, Kreise, Dreiecke und Beile - aus der lokalen Candomblé-Religion. Manchmal kombiniert er Malerei und Skulptur auf originelle Weise, indem er zurückweichende Schatten aufbaut, und seine Farben sind sowohl heiß als auch kühl. Er begann sein Leben als Zahnarzt. Valentim ist so viel besser als all die anderen Autodidakten in dieser Ausstellung, dass es schwer zu verstehen ist, wie die Besetzungsliste überhaupt zustande gekommen ist."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (tagesspiegel) und "Im Dialog - Ein fotografisches Gespräch zwischen Walter Vogel und Franziska Stünkel" in der Leica Galerie Frankfurt (FR).
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Musik

Konstantin Nowotny stellt im Freitag die Konzeptmusik von Valentin Hansen vor: Dessen Album "Max" ist auf Unendlichkeit angelegt - eine KI fügt dem Album pro Tag über 600 Stücke auf Grundlage seiner eigenen Kompositionen hinzu. "Parallel wird der gewaltige Ausstoß an Musik auf analogen Kassetten archiviert. Wie schon 2021 bei Hansens Projekt 'Crisis' - ein 'wertloses' Album voller Songs mit einer Länge unterhalb der Monetarisierungsgrenze von Spotify - lotet der Künstler mit 'max' die Grenzen des modernen Musikmachens aus. ... Während Kreation und Veröffentlichung fast von selbst laufen, wächst das Album Stück für Stück über seinen Interpreten hinaus und entzieht sich Konsum und Kontrolle." Damit zwingt es "zum Nachdenken, über die Masse an Musik, die jeden Tag auf Plattformen bereitgestellt wird - und für wen sie eigentlich gemacht wird. 'Als einzelner Mensch ist man davon ja schon ohne dieses Projekt überfordert. Aber es gibt eine riesige Nachfrage nach Funktionsmusik, die braucht gar keinen Künstler oder eine Künstlerin', sagt Hansen." Dlf hat mit dem Künstler gesprochen.

Weiteres: Michael Pilz fasst in der Welt die Grammy-Verleihung zusammen, bei der Beyoncé nicht nur als erste Schwarze für das beste Country-Album des Jahres ausgezeichnet wurde, sondern auch überhaupt zum ersten Mal die Trophäe für das Album des Jahres erhielt. Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigierter Schumann- und Schostakowitsch-Abend des Tonhalle-Orchesters in Zürich (NZZ), ein von Oksana Lyniv dirgiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard), ein Bach-Konzert von Kit Armstrong in Frankfurt (FR) und das Abschiedsalbum von Moses Pelham (Welt-Kritiker Stephan Sura wird "Pelhams Wortgewandtheit, Poesie und Perfektionismus" vermissen).
Archiv: Musik