25 Jahre Perlentaucher
Sehr verschiedene Glutkerne
Von Dirk Knipphals
02.02.2025. "Die Herkunft legt keineswegs endgültig darauf fest, welche Geschichten man erzählen soll." Dirk Knipphals antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Meine fünf Bücher:
Rainald Goetz: "Johann Holtrop"
Katja Petrowskaja: "Vielleicht Esther"
Saša Stanišić: "Vor dem Fest"
Deniz Ohde: "Streulicht"
Wolfgang Herrndorf: "Arbeit und Struktur"
In den Nullerjahren haben sich literarisch die Aufmerksamkeiten stark verschoben; das ist mir jetzt wieder klargeworden, als ich die Liste durchgegangen bin.
Ich wurde im Oktober 1999, also kurz vor der Gründung des Perlentaucher, Literaturredakteur der taz, und ich habe die Arbeit noch mit dem Bewusstsein angetreten, dass zum einen der Große Amerikanische Roman als Modell eine gewisse Hegemonie besitzt - gegen die sich diverse Sub- und Gegenkulturen abgrenzen können - und dass man sich zum anderen noch an den alten Granden der deutschsprachigen Literatur abarbeiten sollte oder auch muss: Grass, Walser, Enzensberger, Wolf (Handke ist ein Spezialfall). Doch tatsächlich gab es seit den Nullerjahren, wie sich der Liste entnehmen lässt, viel Aufmerksamkeit für neue Namen und Positionen - und zugleich hat sich eine feste (oder sollte ich "starre" sagen?) Überzeugung davon, was die deutschsprachige Literatur überhaupt ausmacht, aufgelöst. Vielmehr haben sich die interessanten Schreibpositionen vermehrt und die literarischen Ausgangspunkte ausdifferenziert.
Auf jeden Fall kriege ich, wenn ich nach fünf prägenden Romanen der letzten 25 Jahre gefragt werde, diese fünf Bücher auf gar keinen Fall unter einen Hut. Vielmehr repräsentieren sie ganz unterschiedliche literarische Ansätze, die von sehr verschiedenen Glutkernen innerlich angetrieben werden.
"Johann Holtrop" von Rainald Goetz steht für mich zum einen für den Schluss- und Höhepunkt der sogenannten Popliteratur, die ich lange als Gegenwartsbeobachtung und Gegenbewegung zum literarischen Mainstream - heute würde man Midcult sagen - interessant fand. Zum anderen hat der Roman aber nicht nur eine singuläre Sprachkraft, sondern ist auch gesellschaftsanalytisch hellsichtig: Dass der Neoliberalismus einen im Grunde asozialen Managertypus hervorbringt, nagelt einem Rainald Goetz literarisch ins Hirn.
Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther" wiederum ist eigentlich gleich beim Erscheinen ein Klassiker einer neuen Art von Gedenk- und Erinnerungsliteratur geworden. Nachdem die meisten Zeitzeugen von Zweitem Weltkrieg und Holocaust gestorben sind - sowohl auf der Täter- als auch auf der Opferseite -, müssen die Nachgeborenen forschender an die Familienerinnerungen anknüpfen und Leerstellen teilweise mit Fiktivem füllen. Was Katja Petrowskaja überzeugend tut.
Saša Stanišić' "Vor dem Fest" ist ein unglaublich gut geschriebener Roman über die deutsche, genauer: die ostdeutsche Provinz, geschrieben von einem Autor, der als Jugendlicher mit seiner Familie aus Bosnien fliehen musste - und der mit dem Roman souverän demonstriert, dass einen die Herkunft keineswegs endgültig darauf festlegt, welche Geschichten man erzählen soll. Es müssen eben nicht nur die sogenannten eigenen Geschichten sein. Wobei Stanišić die in seinen anderen Büchern selbstverständlich auch erzählt hat.
Deniz Ohdes "Streulicht" ist in gewisser Hinsicht ein Komplementärstück zu "Vor dem Fest". Dieser Debütroman zeigt nämlich wiederum, wie sehr einen auch in der gegenwärtigen Gesellschaft dann eben doch noch die Herkunft - hier ein migrantisches Arbeitermilieu - festlegt. Gläserne Decken, die Macht feiner Unterschiede - und die Literatur als Möglichkeit einer ehrlichen Selbstbefragung.
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf muss schließlich unbedingt auf jede Liste der wichtigsten Autoren der vergangenen 25 Jahre. Aber mit welchem Buch? "Tschick" berührt einen immer wieder, mit "Sand" hat Herrndorf sich in die Kältezonen des literarischen Kunsterzählens eingeschrieben. Doch ich entscheide mich für das Tagebuch "Arbeit und Struktur", vielleicht schlicht aus dem Grund, weil sich damit ein Schlaglicht auf den Trend zum autofiktionalen Schreiben setzen lässt. Ein individuelles Schicksal mit all seinen Wünschen und Ängsten, in all seiner Tragik und seinem Schillern.
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Meine fünf Bücher:
Rainald Goetz: "Johann Holtrop"
Katja Petrowskaja: "Vielleicht Esther"
Saša Stanišić: "Vor dem Fest"
Deniz Ohde: "Streulicht"
Wolfgang Herrndorf: "Arbeit und Struktur"
In den Nullerjahren haben sich literarisch die Aufmerksamkeiten stark verschoben; das ist mir jetzt wieder klargeworden, als ich die Liste durchgegangen bin.
Ich wurde im Oktober 1999, also kurz vor der Gründung des Perlentaucher, Literaturredakteur der taz, und ich habe die Arbeit noch mit dem Bewusstsein angetreten, dass zum einen der Große Amerikanische Roman als Modell eine gewisse Hegemonie besitzt - gegen die sich diverse Sub- und Gegenkulturen abgrenzen können - und dass man sich zum anderen noch an den alten Granden der deutschsprachigen Literatur abarbeiten sollte oder auch muss: Grass, Walser, Enzensberger, Wolf (Handke ist ein Spezialfall). Doch tatsächlich gab es seit den Nullerjahren, wie sich der Liste entnehmen lässt, viel Aufmerksamkeit für neue Namen und Positionen - und zugleich hat sich eine feste (oder sollte ich "starre" sagen?) Überzeugung davon, was die deutschsprachige Literatur überhaupt ausmacht, aufgelöst. Vielmehr haben sich die interessanten Schreibpositionen vermehrt und die literarischen Ausgangspunkte ausdifferenziert.
Auf jeden Fall kriege ich, wenn ich nach fünf prägenden Romanen der letzten 25 Jahre gefragt werde, diese fünf Bücher auf gar keinen Fall unter einen Hut. Vielmehr repräsentieren sie ganz unterschiedliche literarische Ansätze, die von sehr verschiedenen Glutkernen innerlich angetrieben werden.
"Johann Holtrop" von Rainald Goetz steht für mich zum einen für den Schluss- und Höhepunkt der sogenannten Popliteratur, die ich lange als Gegenwartsbeobachtung und Gegenbewegung zum literarischen Mainstream - heute würde man Midcult sagen - interessant fand. Zum anderen hat der Roman aber nicht nur eine singuläre Sprachkraft, sondern ist auch gesellschaftsanalytisch hellsichtig: Dass der Neoliberalismus einen im Grunde asozialen Managertypus hervorbringt, nagelt einem Rainald Goetz literarisch ins Hirn.
Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther" wiederum ist eigentlich gleich beim Erscheinen ein Klassiker einer neuen Art von Gedenk- und Erinnerungsliteratur geworden. Nachdem die meisten Zeitzeugen von Zweitem Weltkrieg und Holocaust gestorben sind - sowohl auf der Täter- als auch auf der Opferseite -, müssen die Nachgeborenen forschender an die Familienerinnerungen anknüpfen und Leerstellen teilweise mit Fiktivem füllen. Was Katja Petrowskaja überzeugend tut.
Saša Stanišić' "Vor dem Fest" ist ein unglaublich gut geschriebener Roman über die deutsche, genauer: die ostdeutsche Provinz, geschrieben von einem Autor, der als Jugendlicher mit seiner Familie aus Bosnien fliehen musste - und der mit dem Roman souverän demonstriert, dass einen die Herkunft keineswegs endgültig darauf festlegt, welche Geschichten man erzählen soll. Es müssen eben nicht nur die sogenannten eigenen Geschichten sein. Wobei Stanišić die in seinen anderen Büchern selbstverständlich auch erzählt hat.
Deniz Ohdes "Streulicht" ist in gewisser Hinsicht ein Komplementärstück zu "Vor dem Fest". Dieser Debütroman zeigt nämlich wiederum, wie sehr einen auch in der gegenwärtigen Gesellschaft dann eben doch noch die Herkunft - hier ein migrantisches Arbeitermilieu - festlegt. Gläserne Decken, die Macht feiner Unterschiede - und die Literatur als Möglichkeit einer ehrlichen Selbstbefragung.
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf muss schließlich unbedingt auf jede Liste der wichtigsten Autoren der vergangenen 25 Jahre. Aber mit welchem Buch? "Tschick" berührt einen immer wieder, mit "Sand" hat Herrndorf sich in die Kältezonen des literarischen Kunsterzählens eingeschrieben. Doch ich entscheide mich für das Tagebuch "Arbeit und Struktur", vielleicht schlicht aus dem Grund, weil sich damit ein Schlaglicht auf den Trend zum autofiktionalen Schreiben setzen lässt. Ein individuelles Schicksal mit all seinen Wünschen und Ängsten, in all seiner Tragik und seinem Schillern.
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