Im Kino

Sie zögert, aber er drängt nicht

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
29.01.2025. Vielleicht ist Halina Reijns "Babygirl" etwas zu sehr auf seine Memeifizierung im Internet zugeschnitten. Aber dafür gelingt es diesem BDSM-Beziehungsfilm jedoch in eindrücklicher Manier, kinky Bilder mainstreamfähig zu machen. 

Es sind zwei Hotelzimmer und zwei in ihnen erklingende Songs, die von Halina Reijns "Babygirl" bleiben werden: Etwas sleazy und schäbig ist diese Absteige schon, in die Romy (Nicole Kidman) von Samuel (Harris Dickinson) mit einem Zettel, den er auf ihrem Schreibtisch platziert hat, gelockt wird. Das Licht der Lampen ist funzlig, das Mobiliar abgenutzt und die schweren Vorhänge lassen kaum einen Blick nach außen zu. Samuel möchte, dass Romy sich hinkniet und die Hände auf den schmuddeligen Teppich legt, sich auf allen vieren zu ihm, der auf dem Bett sitzt, bewegt. Sie zögert, aber er drängt nicht, legt in seine Handfläche, lockend, ein Stück Schokolade. Erst als die Szene kurz vor dem Abblenden ist, setzt "Never Tear Us Apart" von INXS ein, bleibt über kurzen Einstellungen hängen, in denen die beiden Blicke in ihrem Büro austauschen, aneinander vorbeigehen und sich berühren. Dann wird der Song zu einem Echo, erklingt als eingekapselte Erinnerung daran, was zwischen beiden war und ist, aus dem Radio im Haus von Romys Familie: "I told you, that we could fly/ 'Cause we all have wings, but some of us don't know why."

Das nächste Mal, als die beiden ein Zimmer in einem Hotel mieten, wissen sie genau, was sie voneinander wollen. Sie treffen sich in einer luxuriöseren, lichtdurchschienenen Suite irgendwo in Midtown Manhattan. Samuel legt George Michaels "Father Figure" auf, beginnt sich für Romy zu bewegen. Nur in einem solchen Tanz wirken Menschen wohl wirklich frei: Die Muskeln sind angespannt, das Becken bewegt Samuel langsam vorwärts, der Rhythmus des Songs überträgt sich auf die Regungen der Schultern, die sich im Wechsel heben und senken. "That's all you wanted/ Something special, someone sacred in your life."

Vielleicht sollte man Filmen misstrauen, die so sehr auf Momente zusteuern, die schließlich wenig überraschend die von ihnen angestrebte Verwertbarkeit in Memes und als TikTok-Viralitätscraze nach sich ziehen (Wer hat nicht bereits Dickinsons Tanzerei nachzuahmen versucht, ohne den zugehörigen Film gesehen zu haben?). In ihrer Rezension für die British Vogue schrieb Daisy Jones, "Babygirl" sei ein typischer Internetfilm, "all vibes, no meaning". Aber vielleicht ist Kino in ebensolchen Augenblicken auch der Popkultur am nächsten. Also dann, wenn es nicht nur deren Formen der Vermarktbarkeit nachzuahmen versucht, sondern auch jenen komprimierten, ständig wiederholbaren Intensitätsflash, der in einem Song stecken kann, aktiviert: Filmszenen, die als herausgelöste, kurze Erfahrungen weiterwirken können und in der Erinnerung beliebig abrufbar werden. 


Mit beiden Sequenzen lässt sich gleichwohl auch die ganze Story des Films umreißen, in ihnen verdichtet sich gewieft, wofür die Regisseurin nicht mehr weitläufig Erzählzeit aufwenden muss. Samuel beginnt als Praktikant in einer von Romy geleiteten Tech-Firma. Am ersten Tag beobachtet sie ihn, wie er mit einem Keks einen wild tobenden Hund zähmt, an einem weiteren, bei einer Feier im Unternehmen, wie er sich tanzend das Hemd aufknöpft und die gelöste Krawatte auf den Boden fallen und liegen lässt. Da Führungskräfte in modernen Arbeitsstrukturen für ihre Angestellten zugänglich bleiben sollen, sieht sich Romy gezwungen, an einem Mentorenprogramm teilzunehmen, Samuel wird ihr Protegé. Was beide schnell ineinander erkennen und voneinander verlangen, ist im Grunde einvernehmlich: eine Inversion von Kontrollbedürfnissen, einen gemeinsam geteilten Raum für Kontrollverlust, Sex als spielerische Umkehr von Machtzwängen. Aber der Einsatz dafür ist auf beiden Seiten nicht der gleiche: Das vereinbarte Safe Word lautet, da menetekelt der Film bisweilen etwas übergriffig, Jacob - der Name von Romys Ehemann.

So ganz ernst nehmen lässt sich diese Geschichte einer BDSM-Beziehung freilich sowieso nicht. Zu beliebig scheint das Verhältnis zwischen Dom Samuel und Sub Romy, es verläuft entlang von Regeln, die nur allzu gerne wieder fallengelassen werden, wenn sie sich den dramaturgischen Erfordernissen der Story anschmiegen sollen. Dafür leistet der Film etwas, was anderen Filmen zuletzt nicht mehr gelungen ist und möglicherweise wertvoller sein dürfte: Er macht kinky Bilder mainstreamfähiger und allgegenwärtiger. Selbst wenn er letztlich nur in TikTok-Videos überdauern sollte, re-erotisiert "Babygirl" hoffentlich nachhaltig die Vorstellungen und Fantasien seiner Zuschauer*innen. "It's not scary, it's exciting."

Kamil Moll

Babygirl - USA 2024 - Regie: Halina Reijn - Darsteller: Nicole Kidman, Antonio Banderas, Harris Dickinson, Sophie Wilde, Esther McGregor, Vaughan Reilly - Laufzeit: 114 Minuten.