25 Jahre Perlentaucher
Die Lust am partisanenhaften Stöbern
Von Tilman Spreckelsen
31.01.2025. "Fünf Töne, fünf Stimmlagen, jeweils wie geschaffen für das, was sie erzählen."Tilman Spreckelsen antwortet auf die Perlentaucher Kritikerumfrage.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Dass ästhetische Urteile notwendig subjektiv ausfallen, ist eine Plattitüde, und ebenso, dass die Zeit vorbei ist, in der ein literarischer Kanon irgendeine Art von Verbindlichkeit für sich beanspruchen konnte. Eigentlich gibt es das heute nur noch im Deutsch-Abitur, wo man Klassiker mit halbwegs aktuellen Texten zusammenspannt und als Lektüre für alle Leistungskursteilnehmer eines Bundeslandes vorschreibt, mit dem obligaten Protest gegen diesen und jenen zu alten, zu neuen, zu schlichten oder zu voraussetzungsreichen Text.
Dabei ist es gerade die Lust am ganz unkanonischen, partisanenhaften Stöbern, die die meisten von uns zu regelmäßigen Lesern gemacht hat, im Privaten und, wo es sich ergeben hat, auch im Professionellen. Und der Blick auf die Bücher der jeweils aktuellen Saison, die überall besprochenen, überall diskutierten, relativiert sich aus zeitlichem Abstand, wenn man sich fragt, was einem über fünf oder zehn oder noch mehr Jahre eigentlich in Erinnerung geblieben ist. Das mag sich ändern, je nachdem, wann man sich befragt, und natürlich wird es vollends willkürlich, wenn diese Auswahl auf fünf Titel beschränkt ist.
Für mich sind es in alphabetischer Reihe Felicitas Hoppes "Die Nibelungen", Daniel Kehlmanns "Tyll", Martin Mosebachs "Der Nebelfürst", Terézia Moras "Alle Tage" und Andreas Steinhöfels "Rico, Oskar und die Tieferschatten".





Wenn ich mich ehrlich befrage, warum diese und nicht ganz andere, dann komme ich zu je unterschiedlichen Antworten und darüber hinaus zu einer Qualität, die alle fünf gemeinsam haben.
Individuell liebe ich an Hoppes "Nibelungen" die vielen Perspektiven, die die Autorin nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Stoff und vor allem seiner Rezeption aus dem Ärmel schüttelt und anwendet, das irritierende, genießerische Spiel mit der Tradition, mit Film, Wissenschaft und Bühnendichtung. Kehlmanns "Tyll" ist für mich, der ich seinen überall gefeierten Roman "Die Vermessung der Welt" ziemlich hölzern fand, der Triumph eines Erzählers, der nichts mehr zur Schau stellen will, sondern den traurigen Abgründen einer schillernden Gauklergestalt nachgeht, indem er sie in das Chaos des Dreißigjährigen Krieges stellt und so zugleich über alle Kriege schreibt, von der Antike bis heute. Martin Mosebachs "Der Nebelfürst" entwickelt anhand einer historischen Gestalt ein Panorama des Deutschen Kaiserreichs in all seinen größenwahnsinnigen Ambitionen, seinen wirtschaftlichen Träumen und Schwindeleien, die bis heute nachwirken und so unversehens einen unerwarteten Ernst offenbaren. Auch Moras "Alle Tage" ist ein souverän trauriges Buch, es spürt der wachsenden Panik in einer zerstörten und daher zerstörerischen Welt nach und stellt sie an Abel Nema dar, der durch das schlimmste Unglück gegangen ist und nun - wie Kehlmanns Tyll - nichts mehr zu spüren vermag, eingehüllt in Drachenblut und dadurch schrecklich allein. Dagegen hat Andreas Steinhöfel, einer von zahlreichen großartigen deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren unserer Zeit, mit dem "tieferbegabten" Jungen Rico eine ebenso liebenswerte wie beharrlich aufmüpfige Figur geschaffen, die dem Chaos der Welt stärker ausgesetzt ist als andere und eben daraus ihre Energie bezieht.
So unterschiedlich sie sind, jeder dieser Romane ermöglicht uns die Erfahrung einer überwältigend souveränen Sprache, fünf Töne, fünf Stimmlagen, jeweils wie geschaffen für das, was sie erzählen. Jedes von ihnen übersetzt im Kopf des Lesers die Schrift mühelos in Klang, man hört diese Romane und trägt sie mit sich herum, lange, jahrelang. Und deshalb fallen sie mir ein, wenn es darum geht, fünf Bücher aus tausenden auszuwählen.
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Dass ästhetische Urteile notwendig subjektiv ausfallen, ist eine Plattitüde, und ebenso, dass die Zeit vorbei ist, in der ein literarischer Kanon irgendeine Art von Verbindlichkeit für sich beanspruchen konnte. Eigentlich gibt es das heute nur noch im Deutsch-Abitur, wo man Klassiker mit halbwegs aktuellen Texten zusammenspannt und als Lektüre für alle Leistungskursteilnehmer eines Bundeslandes vorschreibt, mit dem obligaten Protest gegen diesen und jenen zu alten, zu neuen, zu schlichten oder zu voraussetzungsreichen Text.
Dabei ist es gerade die Lust am ganz unkanonischen, partisanenhaften Stöbern, die die meisten von uns zu regelmäßigen Lesern gemacht hat, im Privaten und, wo es sich ergeben hat, auch im Professionellen. Und der Blick auf die Bücher der jeweils aktuellen Saison, die überall besprochenen, überall diskutierten, relativiert sich aus zeitlichem Abstand, wenn man sich fragt, was einem über fünf oder zehn oder noch mehr Jahre eigentlich in Erinnerung geblieben ist. Das mag sich ändern, je nachdem, wann man sich befragt, und natürlich wird es vollends willkürlich, wenn diese Auswahl auf fünf Titel beschränkt ist.
Für mich sind es in alphabetischer Reihe Felicitas Hoppes "Die Nibelungen", Daniel Kehlmanns "Tyll", Martin Mosebachs "Der Nebelfürst", Terézia Moras "Alle Tage" und Andreas Steinhöfels "Rico, Oskar und die Tieferschatten".





Wenn ich mich ehrlich befrage, warum diese und nicht ganz andere, dann komme ich zu je unterschiedlichen Antworten und darüber hinaus zu einer Qualität, die alle fünf gemeinsam haben.
Individuell liebe ich an Hoppes "Nibelungen" die vielen Perspektiven, die die Autorin nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Stoff und vor allem seiner Rezeption aus dem Ärmel schüttelt und anwendet, das irritierende, genießerische Spiel mit der Tradition, mit Film, Wissenschaft und Bühnendichtung. Kehlmanns "Tyll" ist für mich, der ich seinen überall gefeierten Roman "Die Vermessung der Welt" ziemlich hölzern fand, der Triumph eines Erzählers, der nichts mehr zur Schau stellen will, sondern den traurigen Abgründen einer schillernden Gauklergestalt nachgeht, indem er sie in das Chaos des Dreißigjährigen Krieges stellt und so zugleich über alle Kriege schreibt, von der Antike bis heute. Martin Mosebachs "Der Nebelfürst" entwickelt anhand einer historischen Gestalt ein Panorama des Deutschen Kaiserreichs in all seinen größenwahnsinnigen Ambitionen, seinen wirtschaftlichen Träumen und Schwindeleien, die bis heute nachwirken und so unversehens einen unerwarteten Ernst offenbaren. Auch Moras "Alle Tage" ist ein souverän trauriges Buch, es spürt der wachsenden Panik in einer zerstörten und daher zerstörerischen Welt nach und stellt sie an Abel Nema dar, der durch das schlimmste Unglück gegangen ist und nun - wie Kehlmanns Tyll - nichts mehr zu spüren vermag, eingehüllt in Drachenblut und dadurch schrecklich allein. Dagegen hat Andreas Steinhöfel, einer von zahlreichen großartigen deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren unserer Zeit, mit dem "tieferbegabten" Jungen Rico eine ebenso liebenswerte wie beharrlich aufmüpfige Figur geschaffen, die dem Chaos der Welt stärker ausgesetzt ist als andere und eben daraus ihre Energie bezieht.
So unterschiedlich sie sind, jeder dieser Romane ermöglicht uns die Erfahrung einer überwältigend souveränen Sprache, fünf Töne, fünf Stimmlagen, jeweils wie geschaffen für das, was sie erzählen. Jedes von ihnen übersetzt im Kopf des Lesers die Schrift mühelos in Klang, man hört diese Romane und trägt sie mit sich herum, lange, jahrelang. Und deshalb fallen sie mir ein, wenn es darum geht, fünf Bücher aus tausenden auszuwählen.
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